Kurz nach dem norwegischen Treffer zum 1:0 hatte ich den Irak bereits aufgegeben. Die Spieler stellten sich auf, um den Anstoß im Stile von Paris Saint-Germain auszuführen. Doch der Ball flog nicht ins Seitenaus, sondern ins Toraus. Na, das kann ja heiter werden in den kommenden 61 Minuten, dachte ich mir.
Doch erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Der Irak rappelte sich auf. Das Team von Trainer Graham Arnold begann plötzlich, Fußball zu spielen: Mit ihrer 4-2-Formation im Aufbau lockten sie den Gegner, um anschließend über lange Bälle oder Flügelangriffe Raumgewinn zu erzielen. Ihre Formation passte gut zu den Schwächen Norwegens: Spielmacher und Sechser Amir Al-Ammari zieht es naturgemäß nach links. Auf dieser Seite hatte Norwegen mit Alexander Sorloth und Julian Ryerson große Mühe, die irakischen Überladungen einzufangen. Der Irak erzielte nicht nur den zwischenzeitlichen 1:1-Ausgleich, sondern zeigte über weite Phasen das bessere Offensivspiel. Zwischen dem Treffer zum 2:1 (43., nach einem herben irakischen Fehler) und dem Tor zum 3:1 (76., nach einer Ecke) gab Norwegen keinen einzigen Schuss ab. Am Ende gewann der Favorit das Spiel zwar 4:1. Doch der Außenseiter hatte sich teuer verkauft.

Das Spiel passt in ein Muster der ersten Tage dieser WM: Die asiatischen Teams spielen überraschend stark auf. Der Irak war die erste asiatische Nation, die bei dieser WM ein Spiel verloren hat. Australien und Südkorea gewannen ihre Partien, Katar, der Iran und Saudi-Arabien holten Unentschieden. (Das Spiel Jordaniens gegen Österreich werde ich morgen Mittag nachholen. Ganz so lange halte ich nicht durch.) Das ist nicht schlecht für Nationen, die in meiner Vorschau (und vielen anderen Prognosen) als heiße Kandidaten auf ein Vorrunden-Aus getippt wurden.
Zu hoch hängen sollte man diese Ergebnisse nicht: Die Schweiz machte gegen Katar aus über 3 Expected Goals nur einen Treffer. Auch Australien und Saudi-Arabien hatten Glück, dass die Türkei respektive Uruguay den eigenen Expected-Goals-Wert unterbot. Der Irak ist tatsächlich die erste asiatische Nation, die in der Expected-Goals-Lotterie Pech hatte: Ihr Spiel hätte bei fairer Chancenverwertung 1:2 enden müssen. Aber ich werde in den kommenden Tagen einen Blick auf die asiatischen Teams werfen.
KI: Wie ich sie nutze
Und nun zu etwas komplett Anderem. Im Journalismus tobt ein Streit über die Nutzung von Künstlicher Intelligenz. Ein FAZ-Autor wurde erwischt, wie er ganze Beiträge von einer KI schreiben ließ. Die FAZ beendete die Zusammenarbeit mit ihm. Das veranlasste Springer-Chef und Silicon-Valley-Superfan Mathias Döpfner, eine KI einen (ziemlich belanglosen) Text kreieren zu lassen, um zu beweisen: KI ist die Zukunft! Die FAZ antwortete: „Dass es [Döpfner] nicht so wichtig ist, ob Zitate, Tatsachen und Argumente in einem (KI-)Text stimmen, glauben wir dem obersten Hüter der „Bild“-Zeitung sowieso. Die Leute wissen es ja einzuschätzen, wenn sie etwas aus seinem Hause in die Hand nehmen.“ Im Battle-Rap würde diese Line als Knockout durchgehen.
Ich lasse meine Texte nicht von KI schreiben. Ich traue ihr durchaus zu, Taktikanalysen zu verfassen. ChatGPT kann relativ problemlos meinen Stil nachahmen. Das ist keine sonderliche Überraschung: Es gibt nicht allzu viele deutschsprachige Autoren, die sich in öffentlich zugänglichen Quellen mit Fußballtaktik beschäftigen. Entsprechend klingen Taktikanalysen von ChatGPT stark nach Spielverlagerung-Jargon. Das hat im Umkehrschluss zur Folge, dass Plagiat-Programme meine eigenen Texte als KI erkennen. Ich habe mal aus Jux Teile meiner alten Bücher überprüft. Laut diesen „AI-Analyse-Tools“ hatte ich bereits 2016 beim Verfassen meines ersten Buchs „Vom Libero zur Doppelsechs“ Unterstützung durch ChatGPT. So viel zur Nützlichkeit dieser KI-Erkennung.
Abseits des Schreibens nutze ich in meiner täglichen Arbeit recht viel Künstliche Intelligenz. So habe ich bei der Erstellung der WM-Vorschau alle möglichen Quellen gesichtet. YouTube-Videos von uruguayischen Fans gehörten genauso dazu wie Podcasts aus Mexiko. KI kann diese Video- und Audio-Dateien nicht nur transkribieren, sondern sogar übersetzen. Das dürfte in den kommenden Jahren eine große, bisher kaum beachtete Medienrevolutionen zur Folge haben: Man muss nicht mehr zwingend Inhalte in der eigenen Sprache konsumieren, sondern kann sich per AI aus allen Teilen der Welt bedienen. Theoretisch ist es bereits jetzt möglich, eine Folge Bohndesliga automatisch in zig verschiedene Sprachen zu synchronisieren – wobei die AI die Stimmen der Bohndesliga-Crew exakt modelliert, nur eben auf Spanisch oder Italienisch.
Wichtig war KI noch in einem weiteren Bereich: Die Grafiken in meinen Artikeln entstehen mithilfe einer Software zur Bildanalyse. Sie kreiert aus Screenshots von Spielen automatisch Taktiktafeln. Was für euch nach einem ganz netten Tool klingt, ist für mich persönlich ein echter Gamechanger. Ich habe Stunden meines Lebens damit verbracht, händisch Taktiktafeln zu designen. Das ist auch der Grund, warum ich genau weiß, dass KI nicht mehr aus meinem Arbeitsalltag verschwinden wird. Denn eins ist klar: Ich werde nie, nie wieder händisch eine Taktiktafel erstellen. Nie.
Maschinelles Lernen verändert aktuell auch stark, wie Fußball analysiert wird. Die meisten klassischen Statistiken, die ihr aus Fußballübertragungen kennt, werden längst mithilfe von KI erstellt. Expected-Goals-Werte oder ähnliche, komplexere Datenpunkte werden mithilfe von komplexen Formeln und Algorithmen ermittelt. Wer sich für diese Themen interessiert, wird fündig in meinem neuen Buch „Die Zukunft des Fußballs“.
Ich wollte diesen Disclaimer zum Thema Künstliche Intelligenz kurz loswerden, da das Thema in der Medien-Bubble gerade hohe Wellen schlägt. ChatGPT kommt bei mir im Übrigen nur für eine Sache zum Einsatz: Der Chatbot darf meine Artikel auf Rechtschreib- und Grammatikfehler gegenlesen. So hat sich die Anzahl der Escherpatzer in meinen Vorschau-Artikeln massiv minimiert. Auf null habe ich es derweil nicht geschafft. Auch die Maschine übersieht den ein oder anderen Fehler. Niemand ist perfekt.
Kurze Beobachtungen
- Mein Loblied auf den Irak führt automatisch zu einer anderen Frage: Müssen wir uns um Norwegen Sorgen machen? Jein. Sie haben gerade defensiv nicht immer gut ausgesehen. Die rechte Seite um Ryerson bereitet mir Magenschmerzen. Gleichzeitig war aber auch immer klar, dass sie ihre besten Spiele nicht abliefern werden gegen defensive Außenseiter. Aus dem Spiel heraus haben sie sich laut der App Futi gerade einmal 0,5 xG erspielt – der Irak kam auf 0,7. Es folgt das große Aber: In Kontersituationen kam Norwegen auf einen xG von 1,0, bei Standards waren es 0,7. Da sieht man, wo die Stärken der Mannschaft liegen. Diese werden gegen Senegal und Frankreich mehr zur Geltung kommen – vorausgesetzt, ihre Defensive funktioniert besser als im Auftaktspiel.
- Kurz hat es mich in den Fingern gejuckt, einen längeren Text über Frankreich zu schreiben. Doch alles, was ich hätte schreiben können, habe ich bei den vergangenen Turnieren bereits geschrieben. Frankreich setzt nicht auf ein modernes, ausgefeiltes Spielsystem, wie dies etwa Deutschland oder die USA tun. Aber sie brauchen das auch gar nicht mit dieser individuellen Klasse. Als Michael Olise nach der Halbzeitpause als omnipräsenter Zehner auftreten durfte, drehte er das Spiel mit seinen Pässen und Dribblings praktisch im Alleingang. Und nein, Kylian Mbappe arbeitet auch im französischen Dress eher halbherzig gegen den Ball. Aber das ist vollherzig egal, wenn er weiter in jedem Spiel doppelt trifft. Zu diesem Zeitpunkt lautet die Frage nicht mehr, ob Miroslav Klose seinen Titel als WM-Rekordtorschütze bei dieser WM verliert. Viel eher lautet sie: Wann? Vielleicht bereits in der Vorrunde? Wir brauchen natürlich nicht darüber reden, dass eine solche französische Mannschaft ein Titelkandidat ist. Auch weil wir genau wissen: Was für Real Madrid die Champions League darstellt, ist für Frankreich unter Deschamps die Weltmeisterschaft. Sie wissen, dass sie die Topleistung erst bringen müssen, wenn es wirklich darauf ankommt.
- Ein kurzer administrativer Hinweis: Ich habe gestern festgestellt, dass ich die Tagebucheinträge als Newsletter an alle Abonnenten rausschicken kann. Ich gehe aber davon aus, dass nicht jeder Abonnent an diesem täglichen Service interessiert ist. Darum ist das hier der letzte Tagebuch-Eintrag, den ich an alle Abonnenten herausschicke. Ab morgen werde ich den Newsletter nur noch an diejenigen verschicken, die ihn explizit abonniert haben. Das kann man hier tun. Die Abonnenten erhalten einen eigenen Service: Sie erhalten einmal die Woche ein Update, was es Neues für Sie gibt auf der Seite Laptoptrainer.de – auch jenseits der WM.
Das Titelbild zeigt einen jungen Ödegaard. Lizenz: GNU.
Moin Tobi. Auf deine Hinweise hin habe ich mir die App Futi geladen. Ist das Absicht das die Torerfolge dort nicht angezeigt werden? Ansonsten ist die App ausgezeichnet.
Moin Budimir. Ich muss gestehen, dass ich die Frage nicht ganz verstehe. Meinst du die Tore? Die werden nicht einzeln ausgewiesen, kann man aber über den xG-Plot nachverfolgen. Mit einem Wischer auf das Tor sieht man auch, wer es erzielt hat.
Ja die einzelne Ausweisung. Das mit dem Wischer habe ich nicht gesehen. Vielen Dank für den Hinweis. Und natürlich auch für Deine ganze Arbeit.
Moin Tobi kurze Frage, versuche mich auch gerade an Draw Tactics KI Erkennung von Spielszenen tue mich da aktuell aber noch schwer. Die Ergebnisse der Erkennung sind nicht zufriedenstellend und ich bin manuell teilweise deutlich schneller. Kannst du vielleicht einmal kurz schildern was für Bildausschnitte du verwendest und wie viel händische Nachbearbeitung du dann noch leistest? Leider habe ich von Draw Tactics kein nützliches How To Use gefunden.
Hi Frederick! Es ist auf jeden Fall nicht perfekt. Bei mir funktioniert es aber in der Regel gut, solange der Bildausschnitt genügend Keypoints hergibt, die ich anwählen kann. Dann wähle ich die Keypoints und anschließend sind die Spieler zu 95% an der richtigen Stelle. Bei der Spielersortierung muss ich immer bei zwei bis drei Akteuren nachschärfen.
Hi Tobi, musste beim Norwegen-Spiel viel über das nachdenken, was ich (I know, sehr spekulativ) unter deiner Norwegen-Vorschau gepostet hatte bzw. deine Antwort darauf. Ich hatte ja diesen Österreich-EM-2016-Vergleich angestellt und prophezeit, dass das Dark Horse Norwegen, wie unsere Auswahl damals, unter der Last der schier grenzenlosen Euphorie implodieren würde, während du mir berechtigter Weise entgegengehalten hast, dass das norwegische Konzept schon Hand, Fuß und einige Top-Spieler hat.
Mich würde interessieren, ob dieses Match gegen den Irak, deine Meinung dazu ein wenig verändert hat?
Ich glaube nun, auch wenn ein einzelnes Spiel gegen einen tief stehenden Außenseiter (wo die wenigsten Teams gut aussehen) wohl zu wenig für große Rückschlüsse ist, wird die Wahrheit am Ende vermutlich irgendwo in der Mitte liegen. An den großen Zusammenbruch glaube ich nicht mehr. Das norwegische Team ist, trotz geringer Turniererfahrung, mit Sicherheit reifer als Österreich damals und hat halt tatsächlich einen Haaland in der Hinterhand, der spielentscheidende Qualitäten mitbringt (ich denke da ans 2:1 z.B.), die kaum ein anderes Land in seinen Reihen vorweisen kann. Das wird ziemlich sicher fürs Sechzehntel oder Achtelfinale reichen. An einen tiefen Run glaub ich aber immer noch nicht so richtig. Dieses tempolose (und trotzdem unfassbar schlampige) Aufbauspiel, die komplett tote rechte Seite über Sørloth, die Anfälligkeit bei Tiefenpässen, zeigen halt schon, dass WM einfach was anderes ist als Quali oder Vorbereitung. Gerade weil da eben auch mentale Faktoren reinspielen. Dieses „Liefern müssen“ während ein Gegner wie Irak mit, wie du es treffend beschrieben hast, „mit heiligem Ernst“, aber ohne viel verlieren zu können, zu Werke geht, hinterlässt schon Spuren. Ich hatte, bei aller Klasse der Einzelspieler, schon den Eindruck, dass die Norweger gehemmt waren, keine. Alle bis auf Haaland (und Nusa mit Abstrichen) natürlich. Was meinst du dazu? Mentale Einflüsse lässt du logischer Weise (ist ja nicht messbar) bei deinen Analysen etwas außen vor, haben aber einen größeren Einfluss als uns manchmal lieb ist.
Hi Max! Ich musste beim Spiel auch an unsere Diskussion denken. Ich muss dir bei einigen Punkten Recht geben: Eventuell habe ich die Qualifikation zu hoch gewichtet und den Faktor „heiliger Ernst“ unterschätzt. Gerade defensiv hat mir das Spiel Norwegens nicht gefallen. Die Abwehrspieler haben mir ein paar zu viele Zweikämpfe verloren – besonders dafür, dass sie auf den Flügeln in isolierte Eins-gegen-Eins-Duelle gehen sollten. Ich deute es aber ja bereits im Tagebuch-Eintrag an: Bei so einem Turnier kommt es am Ende nicht darauf an, wie du einen Außenseiter wie Irak schlägst. Du musst sie schlagen, ja, aber über das Wie redet niemand mehr in fünf Wochen. Die wichtigen Spiele kommen erst noch. Daher bin ich noch nicht bereit, meine Prognose zu verändern, zumal das Spiel auch positive Seiten hergibt. So scheint Haaland in Topform zu sein und auch die Standards funktionieren extrem gut. Das Spiel gegen Senegal dürfte uns verraten, wo Norwegen wirklich steht.