Das alte Spanien (Symbolbild)
Weltmeisterschaften sind die Zeit der großen Thesen. Schon wenige Tage nach dem Start der WM wabern die Hot Takes durch die Medien, sowohl durch die sozialen als auch die traditionellen. „Es wird die WM der Afrikaner!“, schreiben viele, und: „Europas Zeit läuft ab!“ Der Klassiker „Es gibt keine Kleinen mehr!“ wird nach jedem Außenseiter-Sieg aus der Mottenkiste gekramt, bis das deutsche 7:1 gegen Curacao dann doch endgültig bewiesen habe, dass die Aufstockung der WM ein Fehler gewesen sei.
Ich habe mir auch schon die eine oder andere These zurechtgelegt. Aber es ist noch zu früh, um sie aufzuschreiben. Es haben noch nicht einmal alle Teams gespielt. Und selbst wenn alle Teams einmal gespielt haben, sei daran erinnert: 2022 hat Weltmeister Argentinien das Auftaktspiel gegen Saudi-Arabien verloren, während Spanien mit einem 7:0 in die WM startete. Die eine Nation wurde Weltmeister, die andere flog im Achtelfinale raus. Der letzte Weltmeister, der alle drei Gruppenspiele gewann, war Brasilien im Jahr 2002. Insofern darf man auf die erste Woche der WM nicht überreagieren.
Ich halte es daher wie die erfolgreichen WM-Teams der Vergangenheit: Ich hebe mir die Spitzenleistungen für die K.O.-Phase auf. Die großen Thesen werden noch folgen. Heute bleibt es bei ein paar kleinen.
Spanien: Comeback des „U des Todes“
Die Weltmeisterschaft hat ihre erste Sensation! Ja, ich weiß: Dass Australien gegen die Türkei gewinnt, hat kaum jemand vorhergesehen – erst recht nicht ich. Die Elfenbeinküste war ebenfalls nicht favorisiert gegen Ecuador, und auch Katars später Treffer zum 1:1 gegen die Schweiz wäre früher etwas gewesen für „Upps, die Pannenshow“.
Doch keines dieser Ergebnisse kam so unerwartet wie das 0:0 zwischen Spanien und Kap Verde. In der linken Ringecke: der amtierende Europameister, der Weltranglisten-Dritte, die mit Topspielern gespickte Elf von Spanien. In der rechten Ringecke: der WM-Debütant, der Weltranglisten-67., der mit Zweitliga-Spielern und Halbprofis aufgefüllte Kader von Kap Verde.
Es war ein Fußballspiel, wie man es eigentlich nur noch im internationalen Verbandsfußball bewundern darf. Kap Verde verschanzte sich praktisch durchgehend in der eigenen Hälfte. Mit jeder Minute zogen sie sich in ihrer Mischung aus 4-4-2, 4-5-1 und 5-4-1 weiter an den eigenen Strafraum zurück. Die Spanier sammelten Ballbesitz und Pässe, kamen aber einfach nicht vorbei am tiefen Block des Gegners.
Es war die Rückkehr des alten Spaniens. Jenes Spanien, das 2018 und 2022 zwar die beste Passquote aller WM-Teilnehmer vorzuweisen hatte – und trotzdem (oder gerade deshalb) im Achtelfinale herausflog. Spanien passte und passte und passte – und wenn sie nicht gestorben sind, dann passen sie noch heute.
Schon die Aufstellung war kurios: Da Nico Williams und Lamine Yamal noch nicht fit genug sind für neunzig Minuten Spielzeit, begannen Gavi und Ferran Torres auf den Flügeln. Beide besetzten konsequent die Außenbahnen – zwei Spieler wohlgemerkt, deren Stärke weder das Eins-gegen-Eins noch das Schlagen von Flanken darstellt. Sie rückten nur ein, wenn sie Platz machen mussten für die vorrückenden Außenverteidiger. Spaniens Spieler hielten ihre Positionen und ließen den Ball von links nach rechts und wieder zurücklaufen. Und wenn sie nicht gestorben sind…

Mir war immer klar, dass Yamal und Williams die zwei prägenden Figuren des spanischen Spiels sind. Sie sorgen mit ihren Dribblings und unorthodoxen Laufwegen dafür, dass Spaniens Angriffe nicht so starr und ausrechenbar sind wie bei den vergangenen Weltmeisterschaften. Es genügt gegen die spanische Flügelzange nicht, einfach nur die Passwege nach vorne zu schließen und im Zweifel in einen Eins-gegen-Eins-Zweikampf zu gehen. Ohne sie jedoch verfällt das spanische Angriffsspiel in alte Muster. Und dann genügt eine gut organisierte Defensive und ein aufopferungsvoller Kampf, damit ein Außenseiter gegen einen großen Favoriten dieser WM punktet.
An dieser Stelle muss ich mich selbst bändigen und an meine Worte aus der Einleitung erinnern: Es ist noch zu früh, die ganz großen Thesen auszupacken. Der xG-Wert lag bei 2,38 zu 0,24. Laut der App Futi gewinnt Spanien diese Partie in 87% der Fälle. Uruguay und Saudi-Arabien haben im direkten Duell nicht gerade den Eindruck erweckt, dass sie Spanien vor größere Probleme stellen werden. Ich mache mir keine Sorgen um den spanischen Gruppensieg. España will return.
Über die Gruppenphase hinaus gibt es aber schon einige Alarmsignale. Torres und Mikel Oyarzabal vergaben zahlreiche Chancen. Hat Spanien ein Stürmer-Problem? Rodri spielte einige schludrige Pässe. Findet er zu altem Glanz? Williams und Yamal hatten nach ihren Einwechslungen einige gute Szenen. Es zeigte sich aber auch, dass beide aus guten Gründen auf der Bank saßen: Sie wirken nicht hundertprozentig fit. Finden sie im Verlauf des Turniers in Form? Das sind die Fragen, anhand derer sich die spanische WM entscheidet.
Kurze Beobachtungen
- Ich möchte meine Analyse des Spiels Kap Verde gegen Spanien in einem Punkt relativieren: Kap Verde hat nicht nur verteidigt. Zwischendurch hatten sie immer wieder kleinere Ballbesitzphasen. Dann schwärmten sie über das ganze Feld aus und zogen ein richtiges, klassisches Positionsspiel auf. Spanien bekam nicht immer Zugriff auf den breiten Aufbau Kap Verdes. Zwei-, dreimal lief es schief – aber das hielt sie nicht davon ab, es weiter zu versuchen. Das scheint ein allgemeiner Trend dieser WM zu werden: Selbst kleinere Teams suchen nicht sofort den langen Ball, sondern wagen spielerische Ansätze im Aufbau. Jetzt mache ich es aber schon wieder: Ich stelle nach einer Handvoll WM-Spielen eine große These auf! Ich hoffe aber inständig, dass sich diese These bewahrheitet und dass die übrigen Außenseiter nicht plötzlich auf Kick’n’Rush setzen.
- Nicht nur Spanien hat in Gruppe H enttäuscht. Auch Uruguay kam gegen Saudi-Arabien nicht über ein Unentschieden hinaus. Wobei sich meine Enttäuschung in argen Grenzen hielt: Ich war bereits vor dem Turnier von Uruguay kaum angetan, wie auch der Vorschau zu entnehmen ist. Marcelo Bielsa mag die Mannschaft trainieren, doch sie fühlt sich nicht an wie eine Bielsa-Mannschaft. Lahmer Ballbesitz, kaum Pressing, viele lange Bälle und Flanken: Uruguays Leistung im Auftaktspiel wirkte komplett uninspiriert. Hinzu kommen seltsame Personalentscheidungen von Bielsa. Federico Valverde klebte in der gesamten ersten Halbzeit am rechten Flügel und bekam keine Zuspiele. Als er nach der Pause in einer freieren Rolle agieren durfte, verbesserte sich das Spiel sofort. Gut war es aber immer noch nicht. Uruguay und Bielsa – das scheint keine große Liebe mehr zu werden.
- In meinen WM-Vorschauen habe ich in jedem Kader drei Spieler markiert: ein Stern für den Star des Teams, ein Wolf für den Leitwolf sowie ein Augenpaar für den „Player to watch“, wie man auf neudeutsch sagt. Bisher stachen interessanterweise nicht die Spieler der ersten beiden Kategorien hervor – sondern die sogenannten „Hipstars“. Neun Tore haben die von mir mit einem Stern markierten Spieler bereits erzielt; Florian Balogun (USA) und Yasin Ayari (Schweden) trafen doppelt, Emam Ashour (Ägypten), Nestory Irankunda (Australien), Ladislav Krejčí (Tschechien), Maxi Araujo (Uruguay) und Nathaniel Brown (Deutschland) einmal. Was mich mehr ärgert als freut: Ich wollte mir für das Fifa Fantasy Game ein Team aus ebenjenen Spielern basteln, habe mich dann aber doch für ein All-Star-Team entschieden. Das ging – selbstredend – komplett schief. Vielen Dank dafür an die Schweiz und Spanien! Und an Florian Wirtz, der als gefühlt einziger Deutscher kein Tor erzielt hat. Grr.
- Obige Statistik schließt das Spiel Iran gegen Neuseeland nicht ein. Ich habe meinen Tagesrhythmus zwar bereits erfolgreich umgestellt. An die ganz späten Spiele wage ich mich noch nicht heran. Wenn ihr das lest, wisst ihr also mehr als ich, was das Ergebnis dieses Spiels betrifft. Der Newsletter und der Blogpost gehen raus, kurz bevor ich ins Bett gehe.
- Ganz zum Schluss der Werbeblock: Wer die Tagebucheinträge als Newsletter erhalten möchte: Hier geht es lang! Und anbei findet ihr die neueste Folge des Bohndesliga WM-Studios, die wir direkt nach dem Spiel Deutschland gegen Curacao aufgenommen haben.
Das Titelbild zeigt Spaniens Nationalmannschaft aus dem Jahr 1929. Quelle: Wikimedia.
Es ist ja schon ein alter Hut, dass in KO-Systemen Stabilität wichtiger ist als Durchschlagskraft. Aber war das in den vergangenen Endrunden auch schon so deutlich, dass der Game State die Matchpläne derart stark beeinflusst?
Risikoarmes Abtasten bei Unentschieden, Rückzug bei Führung/mehr Aufwand in Rückstand. Von manchen Mannschaften war der Rückzug ja zu erwarten (CZE, BIH, AUS), aber gerade bei NED-JAP und BEL-EGY fand ich das schon sehr auffällig.
Oder hat das auch/viel mit den klimatischen Bedingungen zu tun?
Was denkst du vom belgischen Spiel? Ägypten war ja offensiv stärker als von dir erwartet, oder? Belgien schien mir nach der Pause deutlich griffiger zu sein und ein Stürmer der Art Lukaku tut ihnen gut. Was Doku angeht, denke ich mal, dass er für City als Spieler, der mit seinen Dribblings ein chaotisches Element reinbringt, ein Gewinn ist, wenn er wie bei Belgien die Hauptverantwortung in der Offensive tragen muss, aber nicht funktioniert.
Tatsächlich hat Belgien mich (im Gegensatz zu Ägypten) kaum überrascht. Das Meiste steht ja bereits in der Analyse: Trossard und Doku haben immer wieder die Flügel getauscht, wodurch jedoch einer immer auf der falschen Seite stand. De Bruyne hat das Spiel an sich gerissen, mangels echtem Stürmer gab es aber wenig Tiefe. Es war ja sofort besser mit Lukaku, was auch erklärt, warum er trotz völlig fehlender Spielpraxis mitfahren und auch noch spielen darf.
Danke für die Antwort
„U DES TODES“ LOL. you made day.
Zusätzliche Bemerkung: Marco Bielsa passt nicht zu Uruguay. Uruguay ist das Italien oder Atletico Madrid Südamerikas. Zu allererst Definsive und mit 1-2 Topstürmern vorne. Ballbesitzfußball passt da gar nicht.