Pierluigi Collina pfeift 1988 ein Spiel. Das Foto ist Public Domain.
Ich meide Schiedsrichterthemen wie Cristiano Ronaldo die Defensivarbeit. Es ist nicht so, dass ich Schiedsrichtern keine Bedeutung zumesse. Wie viele Themen im Fußball wird auch dieses häufig unterkomplex beleuchtet. Da werden Clips einzelner Entscheidungen herausgegriffen, um die gesamte Leistung eines Schiedsrichters zu bewerten. Dass keine Entscheidung eines Schiedsrichters im Vakuum entsteht, sondern immer nur einen Ausschnitt einer Gesamtlinie eines Spiels darstellt, wird meist unterschlagen. Aus meiner persönlichen Sicht kann die exakt selbe Szene in einem Spiel einen Elfmeter darstellen, im nächsten aber nicht. Jeder Schiedsrichter setzt mit seinen ersten Entscheidungen des Spiels eine Referenz, an der sich die Spieler und die Fans ausrichten können. Kaum jemand berücksichtigt das jedoch, sondern es wird sich stets an der Einzelentscheidung abgearbeitet.
Nun weiß ich selbst, dass mein Blick auf die Schiedsrichterei hoffnungslos veraltet ist. Schiedsrichter haben eben allenfalls noch in der Theorie die Entscheidungshoheit auf dem Platz. Sie müssen zwar nicht auf den Videoassistenten hören, tun es aber in der Regel doch. Spätestens seit der Erfindung des VAR gibt es eben doch eine Instanz, die unabhängig von der aktuellen Spiellinie eingreift. Dass sie nicht im Stadion sitzen, sondern an einem weit entfernten, neutralen Ort, steht symbolisch für ihre übergreifende Rolle. Wenn eine höhere Instanz eingreift, ist die Erwartung entsprechend hoch, dass diese Instanz nach konsequenten, nachvollziehbaren Mustern eingreift – spielübergreifend.
Die Fifa hat – meiner Meinung nach – den Schiedsrichtern in diesem Turnier noch mehr Macht entzogen. Spätestens seitdem Wilton Pereira Sampaio im Eröffnungsspiel drei rote Karten verteilt hatte, gab Fifa-Chef Pierluigi Collina seinen Schiedsrichtern mit auf den Weg: Lasst viel laufen! Tatsächlich sank die Zahl der gepfiffenen Fouls im Vergleich zu den vergangenen Turnieren: Pro Spiel gab es bisher rund 21 Fouls. 2022 waren es 23, 2018 gar 25. Auch die Zahl der gelben Karten sank drastisch: Von 3,5 pro Spiel in Katar auf 2,5 in Nordamerika.
Ironischerweise betrifft diese Laissez-faire-Haltung keine Platzverweise. Die Zahl der roten Karten ist stark gestiegen: von jeweils vier in Russland und in Katar auf bereits 13 in Nordamerika. Teils lässt sich dies über die Ausweitung der Spiele erklären, teils auch über die neue Regel, dass Spieler nicht mehr die Hand vor den Mund nehmen dürfen. Miguel Almiron (Paraguay) und Piero Hincapie (Ecuador) flogen wegen dieses Vergehens vom Platz. Das allein erklärt den Zuwachs an roten Karten nicht. Insgesamt gab es bereits elf glatt rote Karten nach groben Foulspielen. Ich würde einen Zusammenhang mit der laschen Linie der Schiedsrichter nicht ausschließen: Die Spieler erlauben sich mehr als in der Vergangenheit. Irgendwann kracht es.
Vor allem aber führt solch eine spielübergreifende Linie zu der Erwartung, dass in allen Spielen gleich gepfiffen wird. Argentiniens Weiterkommen gegen Ägypten war das beste Beispiel. Beim Stande von 1:0 wurde den Ägyptern das vermeintliche 2:0 aberkannt. Vor der Balleroberung, die zum erfolgreichen Konter führte, lag ein Foulspiel vor. In der Bundesliga wäre diese Szene auf alle Fälle abgepfiffen worden. Bei der WM jedoch griff der VAR in ähnlichen Szene nicht ein, etwa beim Spiel Brasilien gegen Norwegen – und ausgerechnet auch bei Argentiniens Sieg über Österreich. Hier foulte Alexis Mac Allister vor dem argentinischen 1:0 Xaver Schlager. Das ist die Krux, wenn man den Schiedsrichtern und dem VAR die Linie vorgibt: Jede Entscheidung wird mit anderen Präzedenzfällen verknüpft.
Ironischerweise gefiel mir bisher eine Schiedsrichterleistung am besten, die sich komplett von der Linie dieser WM abgehoben hat: jene von Michael Oliver beim Spiel Kanada gegen Marokko. Der Engländer verteilte acht gelbe Karten, mehr als bei jedem anderen bisherigen WM-Spiel. Gerade das war der Schlüssel zur erfolgreichen Spielleitung: Kanada wurde für die harte Gangart nicht belohnt, Marokko durfte gegnerische Konter nicht einfach per Foul abwürgen. Die Aktionen auf dem Feld hatten Konsequenzen – und genau das sorgte dafür, dass die Partie auch noch in der Schlussphase einen gewissen Fluss bewahrte.
Insofern wäre meine einfache Bitte: Lasst die Schiedsrichter ihre Linie selbst bestimmen! Hört auf, den VAR als Über-Schiedsrichter einzusetzen! Und an die Fifa: Ändert eure Ansetzungen! Wenn zwei Teams von unterschiedlichen Kontinenten aufeinandertreffen, kommt stets ein Schiedsrichter von einem dritten, vermeintlich neutralen Kontinent zum Einsatz. Als könnte Michael Oliver kein Spiel zwischen Marokko und Frankreich leiten. Spätestens ab der K.O.-Phase sollten die besten Schiedsrichter die größten Spiele pfeifen. Das müssen nicht automatisch Europäer oder Südamerikaner sein. In der Regel behalten aber die Schiedsrichter von diesen Kontinenten in schwierigen Momenten eher die Fassung, eben weil sie im Alltag Spiele auf allerhöchstem Niveau pfeifen dürfen.
Kurze Beobachtungen
- Ich muss gestehen: Heute ist meine Aufnahmefähigkeit für Fußball an seine Grenzen gekommen. Kein Wunder: Seit nunmehr 27 Tagen laufen ununterbrochen Spiele, häufig sogar drei oder vier in einer Nacht. Ich muss mich daher bei allen Schweizern entschuldigen: Das Achtelfinale gegen Kolumbien lief wie im Rausch an mir vorbei. Ich habe nur erkennen können, dass die Kolumbianer in den Pausen die Taktiktafel ausgepackt haben. So wollten sie in der Verlängerung die halbrechte Seite überladen und anschließend lange Bälle auf Luis Diaz spielen, was sogar beinahe zum Siegtreffer geführt hätte. Am Ende ging es ins Elfmeterschießen. Die Schweizer durften weiter an ihrer Traumabewältigung arbeiten: Im siebten Versuch gewann die Schweiz zum zweiten Mal ein Elfmeterschießen. Damit dürfen die Eidgenossen nun im Viertelfinale gegen den amtierenden Weltmeister antreten. Vielleicht kehrt dann auch Johan Manzambi zurück. Sein verletzungsbedingter Ausfall hat das Schweizer Offensivspiel deutlich gehemmt. Laut Kicker erspielte sich die Schweiz nur 0,35 Expected Goals gegen Kolumbien; im Achtelfinale hatte nur Paraguay gegen Frankreich weniger herausgespielt.
- Argentinien machte im Achtelfinale dort weiter, wo das Team im Sechzehntelfinale aufgehört hatte: Die Mannschaft spielte nicht gut. Ich fand sogar, dass die Ägypter nicht einmal so gut verteidigten wie Kap Verde. Zunächst sicherten sie das Zentrum gut; eine Grundvoraussetzung gegen Argentiniens Mittelfeld, das nur aus Sechsern und Achtern besteht. Nach einer halben Stunde wurden sie immer unkompakter, häufig verteidigten sie in einem flachen 6-3-1. Doch Argentinien brauchte sehr lange, um sich gegen diese Defensive Chancen zu erarbeiten. Kein Wunder: Sie hatten lange Zeit gar keine Breite in ihrem Spiel. Erst, als Lionel Messi höchstpersönlich auf die Rechtsaußen-Position wechselte, wendete sich das Blatt. Eine Messi-Flanke, ein Messi-Tor und ein paar glückliche Schiedsrichter-Entscheidungen später hatte Argentinien das Spiel gedreht. Das war alles in allem in Ordnung eingedenk der Tatsache, dass Ägypten zwischenzeitlich über eine halbe Stunde keinen Torschuss abgegeben hatte. Allzu furchteinflößend war der argentinische Auftritt jedoch nicht. Der amtierende Weltmeister schrumpft von einem Titelfavoriten zu einem Team, dem man plötzlich sogar ein Viertelfinal-Aus gegen die Schweiz zutraut.
Als Schweizer hatte ich natürlich auf eine ausführliche Analyse des Achtelfinals gehofft 🙂 Aber das Thema Schiedsrichter lässt sich sehr gut mit dem Spiel verbinden. Ivan Barton aus El Salvador hat eine hervorragende Partie gepfiffen. Er hatte eine klare Linie, liess einiges laufen, ging nicht auf Schauspielerei ein und zückte die gelbe Karte, wenn es nötig war. Auch deshalb blieb meiner Meinung nach das Spiel stets fair.
Wäre interessant, ob die Anzahl der Rückpässe mit der Anzahl der Fouls korelliert. Wenn der Verteidigung annimmt, dass der Spieler eh zurück spielt, wird er ihn eher nicht hart attackieren. Also weil vielen Mannschaften mittlerweile Ballbesitz wichtig ist, spielen sie auch öfters zurück und die Verteidiger decken dann nur mehr den Pass nach vorne ab und suchen nicht den Kontakt mit dem Gegner.