Lionel Messi während der WM 2022. Foto: Tasnim News Agency. Lizenz: CC BY 4.0.
Miroslav Klose ist nicht länger der beste WM-Torschütze aller Zeiten. Er ist nicht einmal mehr der zweitbeste. Kylian Mbappé und Lionel Messi liefern sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen um die historische Bestmarke. Vor dem Viertelfinale führt Messi mit 21 Treffern knapp vor Mbappé mit 19. Und im Rückspiegel schleicht sich auch noch Harry Kane an; er steht aktuell bei 14 WM-Toren.
Es ist kein Zufall, dass Fußballer der modernen Ära diese Liste dominieren: Die Zahl der WM-Spiele hat sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt erhöht. Messi hat bereits 31 WM-Partien absolviert. Er hatte deutlich mehr Möglichkeiten, Tore zu erzielen als Ronaldo (das Original, nicht CR7 – 15 Tore in 19 Spielen), Gerd Müller (14 Tore in 13 Spielen) oder Just Fontaine (13 Tore in 6 Spielen). Das macht Vergleiche über verschiedene Epochen müßig.
Die Torjäger-Liste taugt auch aus einem anderen Grund nicht für die alleinige Bewertung der Torschützen: Manche WM-Tore sind mehr wert als andere. Cristiano Ronaldo etwa steht mit elf Treffern auf Rang elf der ewigen Torschützenliste. Zehn seiner elf Tore hat er jedoch in Gruppenspielen erzielt. Viermal traf er vom Punkt; hierunter fällt auch sein einziges Tor in einem WM-K.O.-Spiel, das ihm im Sechzehntelfinale gegen Kroatien gelang. Pelé hat sieben seiner zwölf WM-Treffer in K.O.-Spielen erzielt, darunter drei Tore in WM-Finals. Ronaldo mag auf dem Papier mehr Tore geschossen haben als Pelé. Der Brasilianer hat jedoch die bedeutungsvolleren Tore erzielt.
Ich habe mich daher an einer alternativen Wertung für WM-Tore versucht. Hierbei messe ich Toren in der K.O.-Phase und Treffern, die eine Partie entschieden haben, eine höhere Gewichtung zu. Dadurch ergäben sich interessante Veränderungen: Manch vermeintlicher Rekord-Torschütze fällt in der Liste plötzlich nach unten, wenn unbedeutende Tore aus der Gruppenphase wegfallen. Die Leistungen anderer Spieler mit nur acht, sieben oder gar fünf WM-Toren werden hingegen massiv aufgewertet.
Wie bin ich vorgegangen? Tore in K.O.-Spielen gewichte ich höher als Tore in Gruppenspielen. Entscheidende Tore in Finals erhalten einen zusätzlichen Boost. Außerdem beziehe ich den Game State mit ein, also die Frage: Verändert das Tor, welches Team führt? Die Logik dahinter: Ein Tor zum entscheidenden 1:0 in einem WM-Finale sollte mehr wert sein als der Treffer zum 5:0 in einem Gruppenspiel. Manchmal mag dies unfair erscheinen; wenn ein Spieler nach einem 0:2-Rückstand das 1:2 erzielt, mag dies ein wichtiges Tor sein. Es verändert aber den Game State nicht. Das sind die Grenzfälle, die solch eine Rechnung nicht fassen kann. Insgesamt war es mir aber ein Anliegen, für das Ergebnis entscheidende Tore zusätzlich zu belohnen.
Am Ende habe ich mich für den Faktor 2:1 entschieden: Ein K.O.-Spieltreffer zählt doppelt im Vergleich zu einem Tor in einem Gruppenspiel. Ein Tor, das den Game State verändert, zählt ebenfalls doppelt. Das ist komplett arbiträr – man könnte auch jeden anderen Faktor wählen. Ich kann aber sagen: Auch bei einem Faktor drei oder vier verändern sich die Spitzenpositionen kaum. Einzig Miroslav Klose würde aus der Top 10 heraus- und Leônidas hineinrutschen.
Ich musste zudem einige Entscheidungen treffen, um unterschiedliche Weltmeisterschaften vergleichbar zu machen. 1974 und 1978 gab es zwei Gruppenphasen, aber nur ein einziges K.O.-Spiel – das jeweilige Finale. 1974 entschied sich am jeweils letzten Spieltag der zweiten Gruppenphase, wer ins Finale vorrückt: In Gruppe A waren die Kontrahenten Brasilien und Niederlande punktgleich, in Gruppe B Deutschland und Polen. Ich habe beide Spiele wie Halbfinal-Duelle bewertet, weil sie es praktisch waren. Das wertet Gerd Müllers entscheidenden Treffer zum 1:0 auf. (1978 hätte man so auch bei der Partie Niederlande gegen Italien vorgehen können, kein Torschütze gelangte jedoch in die Topliste.)
Auch bei der WM 1982 gab es zwei Gruppenphasen, aber zusätzlich noch ein Halbfinale. Dennoch habe ich das finale Gruppenspiel zwischen Italien und Brasilien als K.O.-Spiel gewertet: Der Sieger – so viel war vor der Partie klar – kam ins Halbfinale. Davon profitiert der dreifache Torschütze Paolo Rossi. Bei der WM 1950 gab es gar keine K.O.-Spiele, sondern nur zwei Gruppenphasen. Ich habe das letzte WM-Spiel zwischen Brasilien und Uruguay dennoch als Finale gewertet, weil es praktisch eins war. Uruguay krönte sich damals durch den sensationellen Sieg im Maracana zum Weltmeister. Uruguays Torschütze Juan Schiaffino verpasst dennoch die Topliste, wenn auch nur knapp.
Damit komme ich ohne Umschweife zur Liste:
Messi und Mbappé führen auch die gewichtete Liste an. Streicht man Elfmetertore, kann sich noch Gerd Müller zwischen die beiden schieben. Mbappé überholt den deutschen Torjäger aber, sobald er nur noch ein Nicht-Elfmetertor bei der WM 2026 erzielt. Insofern ändert auch die gewichtete Liste wenig an der herausragenden Rolle der beiden WM-Rekordtorschützen.
Interessant wird es auf den folgenden Plätzen. Gerd Müller und Ronaldo haben einen recht großen Vorsprung auf Miroslav Klose; sie haben wesentlich mehr entscheidende Tore in K.O.-Spielen erzielt. Vava, Paolo Rossi und Helmut Rahn haben sich in die Top 10 geschlichen, obwohl sie sich in der regulären Torjägerliste weiter hinten befinden. Sie alle haben mit ihren Toren ihre Nation zu einem Finalsieg geschossen. Auch Geoff Hurst schafft es auf die Liste, obwohl er nur fünf WM-Tore erzielt hat – drei davon im WM-Finale 1966. Die für mich größte Überraschung findet sich auf Rang 15 (bzw. sogar Rang 12 ohne Elfmeter): Ivan Perisic positioniert sich unter den ganz Großen der Fußballgeschichte.
Apropos Elfmeter: Ein paar Spieler fallen deutlich ab, wenn man ihre Elfmetertore abzieht. Harry Kane fällt aus den Top 10 heraus. Gary Lineker (von 13 auf 31), Roberto di Baggio (14 auf 24) und Oldrich Nejedly (15 auf 21) befinden sich nicht mehr unter den Top 20. Noch härter trifft es die großen Stars aus Portugal: Eusebio und Cristiano Ronaldo schaffen es ohne Elfmetertore nicht einmal unter die Top 50.
Am Ende ist diese Liste nicht mehr als eine Spielerei. Ich muss aber gestehen: Als mir die Idee kam, hatte ich insgeheim gehofft, Gerd Müller zum größten WM-Torjäger aller Zeiten hochjazzen zu können. Dass Messi und Mbappé auch ohne Gruppenspiel- und Elfmetertore die Liste dominieren, hätte ich nicht gedacht. Es widerspricht dem Narrativ, dass die beiden Superstars nur gegen einfache Gegner treffen.
Zumal ihre Karriere noch nicht beendet ist. Schon in den kommenden Tagen können sie ihren Vorsprung in der Torjägerliste ausbauen. Egal, wie man es misst: Messi und Mbappé sind die erfolgreichsten Torschützen der WM-Geschichte.
Ich liebe solche Spielereien – vor allem wenn plötzlich Spieler wie Ivan Perisic zu unverhofften (aber verdienten) Ehren kommen.
Köstlich. Und vielen Dank.
So bin ich nicht der einzige Beleuchter von Nebenschauplätzen 😉
In meinem Parallel-Ranking (Tore pro WM-Spiel) aller siebzehn Torjäger mit mindestens 10 Treffern tauchen vier weitere Goalgetter auf:
* Kocsis (HUN) 11 Goals / 5 Spiele = 2,20 (Platz 1)
* Batistuta (ARG) 10 / 12 = 0,83 (Platz 9)
* Cubillas (PER) 10 / 13 = 0,77 (Platz 11)
* T.Müller (GER) 10 / 19 = 0,53 (Platz 15)
Fontaine und G.Müller stehen bei mir auf Platz 2 und 3,
Mbappé (4.), Kane (6,), Messi (12.) und CR7 ( 17.).
Ohne 11m-Tore bleiben die Top 3 vorn, dahinter Rahn und Pelé.
Mbappé (6.), Kane (15.), Messi (12.) und CR7 (17.)
BTW: Thx für den Newsletter mit Deinen wunderbaren Tagebuch-Einträgen.
Und jetzt noch eine Punktewertung pro Spiel und mindestens 5 Spiele, dann steht Gerd Müller wieder ganz oben 😀
Danke für diese Spielerei!
Ich hätte noch zwei Anmerkungen dazu:
„Die Zahl der WM-Spiele hat sich von Jahrzehnt zu Jahrzehnt erhöht.“
Auch wenn sich die Anzahl der Spiele insgesamt sowie die Teilnehmerzahl deutlich erhöht haben, so hat sich die Anzahl der möglichen Spiele pro Mannschaft kaum verändert: trotz nur 16 Teilnehmer gab es für den Weltmeister bereits seit 1958 6 Spiele zu bestreiten und ab 1970 mit neuem Modus 7. So viele waren es auch bis 2022. Erst durch die Aufblähung und der Einführung des Sechzehntelfinales sind es ab nun 8 Spiele.
Die Zahlen sind also auch Testament der Konstanz aktueller Topspieler. Just Fontaine spielte im Vergleich dazu nur eine WM.
Und für die Gewichtung wäre mMn auch der Zeitpunkt der Tore interessant. Je später im Spiel sich der Game State ändert, umso entscheidender ist das Tor. Dazu gab es jetzt schon ein paar erwähnenswerte Beispiele – SAFCAN, BELSEN, PORESP oder ARGEGY.
Danke dir für die Hinweise. Mit ersterem Hinweis hast du natürlich völlig Recht. Es ist nicht die Anzahl der Spiele, die sich verändert hat – sondern das Niveaugefälle zwischen den Teams. Was völlig logisch ist: Wenn nur 16 Teams an einer WM teilnehmen, ist die Wahrscheinlichkeit, schon in der Vorrunde auf einen Topgegner zu treffen, wesentlich höher als bei 48 Teams.
Über eine Gewichtung der Zeitpunkte habe ich ebenfalls nachgedacht, aber dann wieder verworfen. Im Endeffekt mag ein 1:0-Sieg in der 90. Minute dramatisch erscheinen. An der Bedeutung für das Ergebnis ändert es aber nichts, wenn dieser Treffer in der 4. Minute fällt. In beiden Fällen hat dieses Tor die Partie entschieden. Außerdem würden bei solch einer Wertung automatisch Einwechselspieler profitieren; diese können ja nur in den Schlussminuten treffen.