Frankreich gegen Marokko: War da nicht was?
Das erste Viertelfinale der WM 2026 ist eine Wiederaufführung des Halbfinals der WM 2022. Vor vier Jahren galt Marokkos Vorstoßen noch als große Sensation. Nie zuvor hatte eine afrikanische Nation das Halbfinale einer WM erreicht. Die Marokkaner hielten sich tapfer gegen den damals amtierenden Weltmeister. Erst nach 80 Minuten (und mehreren marokkanischen Chancen) erzielte Frankreich das entscheidende 2:0.
Das Duell zwischen den beiden Teams ist nicht nur aus sportlichen Gründen aufgeladen. Weite Teile Marokkos waren bis zum Jahr 1956 eine Kolonie Frankreichs. (Der Rest gehörte zu Spanien.) Nach dem Zweiten Weltkrieg wanderten zahlreiche Marokkaner in die frühere Besatzungsmacht aus. Schätzungsweise 800.000 Menschen mit marokkanischem Migrationshintergrund leben heute in Frankreich. Sechs Spieler des marokkanischen WM-Kaders sind in Frankreich geboren.
Wie verlief das Turnier für beide Teams bisher?
Beide Mannschaften hatten keinen einfachen Pfad ins Viertelfinale. Insgesamt haben sie ihn aber souverän gemeistert. Frankreich setzte sich in der Todesgruppe I gegen Norwegen (4:1), den Senegal (3:1) und den Irak (3:0) als Gruppensieger durch. Im Sechzehntelfinale besiegten sie Schweden klar (3:0), ehe sie sich im Achtelfinale gegen kampfstarke Paraguayer schwertaten (1:0).
Marokko setzte schon im Auftaktspiel gegen Brasilien ein Ausrufezeichen. Auf das 1:1-Unentschieden folgten Siege gegen Schottland (1:0) und Haiti (4:2). Als Zweitplatzierter der Gruppe C traf Marokko im Sechzehntelfinale auf die Niederlande. In einem der intensivsten Spiele dieser WM setzten sich die Nordafrikaner im Elfmeterschießen durch. Im Achtelfinale brauchte das Team gegen Kanada eine Halbzeit Anlauf. Nach der Pause erzielten sie drei Tore.
Welche Spieler dürfen wir auf dem Platz erwarten?
Bei Frankreich sind nur wenige Positionen offen. Auf links hat Trainer Didier Deschamps die Qual der Wahl: Beginnt erneut Bradley Barcola? Oder wird Désiré Doué mit einem Startelf-Einsatz belohnt, nachdem er gegen Paraguay den entscheidenden Elfmeter herausgeholt hat? Leichte Kopfschmerzen bereitet Deschamps die Doppelsechs. Bisher hat der Coach hier nie in zwei aufeinanderfolgenden Spielen dieselben zwei Spieler aufgestellt. Zuletzt bildeten Manu Koné und Adrien Rabiot das Mittelfeld-Duo. Aurélien Tchouaméni dürfte jedoch nach einer leichten Blessur rechtzeitig zum Viertelfinale zurückkehren. Daher ist auch er ein Kandidat für die Startelf.
Marokkos Trainer Mohamed Ouahbi hat vor dem Viertelfinale größere Sorgen. Top-Torjäger Ismael Saibari (drei Tore) musste gegen Kanada bereits in der ersten Halbzeit verletzt ausgewechselt werden. Marokkanische Medien berichten, dass er gegen Frankreich ausfällt. Der erste Ersatzkandidat wäre Soufiane Rahimi. Er war nach seinen fünf Einwechslungen an immerhin drei Toren beteiligt (zwei Treffer, ein Assist). Solange Ouahbi am bisher durchgehend praktizierten 4-2-3-1-System festhält, ist ansonsten nur eine Personalie offen: Darf Redouane Halhal erneut in der Innenverteidigung auflaufen? Oder kehrt Chadi Riad zurück?

Kann Marokko die französischen Offensivkünstler irgendwie stoppen?
Frankreichs größte Waffe sind die Offensivkünstler: Kylian Mbappé, Michael Olise und Ousmane Dembélé sind schon allein kaum zu verteidigen. Gemeinsam waren sie bei dieser WM nicht zu stoppen. Bayern-Star Olise blüht in seiner neuen Rolle als Zehner auf und füttert seine Kollegen mit Steckpässen. Gerade das Zusammenspiel mit Mbappé funktioniert herausragend.
Die restlichen Akteure haben nur eine Funktion als Zuarbeiter. Die Außenverteidiger halten sich eher zurück, um hinter den Offensivkräften abzusichern. Wenn Rabiot spielt, rückt er häufig weit vor, um am gegnerischen Strafraum eine Anspielstation zu schaffen. Ansonsten lautet das Motto: Alle Augen auf die Topstars!
Paraguay hat vorgeführt, dass auch Frankreichs Ballon-d’Or-Kandidaten mit altmodischen Mitteln zu stoppen sind. Die Südamerikaner verschanzten sich im eigenen Strafraum und traten die französischen Dribbelkünstler einfach um. Paraguay hatte jedoch Glück, dass der Schiedsrichter eine viel zu lange Leine ließ.
Marokko dürfte den Matchplan Paraguays nicht kopieren. Unter Ouahbi verteidigen die Marokkaner deutlich aktiver als unter Vorgänger Walid Regragui. Aus einem 4-2-3-1-System setzen sie auf ein aktives wie mannorientiertes Mittelfeldpressing. Sie beherrschen aber auch die Kunst der Strafraumverteidigung: Im Zweifel zieht sich das Mittelfeld eng zusammen und die ganze Mannschaft fällt weit zurück.
Gegen Frankreich hat Ouahbi drei Optionen: Er könnte sein Team etwas tiefer verteidigen lassen als zuletzt. Alternativ könnte er am höheren 4-4-1-1-Pressing festhalten. In diesem Falle wäre der Plan, den Ball gar nicht erst zu Frankreichs Offensivkünstlern gelangen zu lassen. Der dritte Weg wäre eine Systemumstellung. Bislang hielt Ouahbi eisern an den Viererketten in der Abwehr und im Mittelfeld fest. Eventuell überdenkt er diese Herangehensweise gegen den zweifachen Weltmeister. Welche Formation er stattdessen wählen könnte, ist allerdings unklar. Bisher kam in seiner kurzen Amtszeit – er ist erst seit März im Amt – ausschließlich ein 4-2-3-1 zum Einsatz.
Wie kann Marokko Frankreich ärgern?
Deschamps‘ ständige Umstellungen auf der Doppelsechs deuten bereits an: So richtig zufrieden war der französische Nationaltrainer mit seinem zentralen Mittelfeld bisher nicht. Marokko könnte diese Unsicherheit ausnutzen: Nicht nur Saibari, sondern auch sein Ersatzmann Rahimi sind eher mitspielende Stürmer. Sie lassen sich gerne in den gegnerischen Sechserraum fallen. Auch Rechtsaußen Brahim Díaz zieht häufig in die Mitte. So schafft er auf dem Flügel Platz für den vorstürmenden Achraf Hakimi.
Bislang gelang es Marokko nicht durchgehend, die eigenen Spieler im offensiven Mittelfeld einzusetzen. Das liegt auch an den hohen Abständen zwischen defensivem und offensivem Mittelfeld: Neil El Aynaoui und Wunderkind Ayyoub Bouaddi lassen sich häufig weit fallen, um das Spiel aus der Tiefe anzukurbeln.

Gegen Frankreich könnte dies ein Vorteil sein: Das französische Pressing ist zwar wesentlich stärker als in der Vergangenheit, auch weil Superstars wie Dembélé und Olise viel Arbeit gegen den Ball verrichten. Doch erhält Frankreich auch Zugriff auf die starke Ballzirkulation der Marokkaner? Sie könnten gerade Mbappés eher lasches Pressing ausnutzen. Aus dem zentralen Mittelfeld dürfte Marokko das Spiel vor allem in Richtung Hakimi auf dem rechten Flügel verlagern.
Allerdings könnte Frankreich darauf recht simpel reagieren: indem sie sich weit zurückziehen. Deschamps setzt in wichtigen Spielen häufig auf eine sattelfeste Defensive. Im WM-Halbfinale vor vier Jahren lag der französische Ballbesitzwert bei knapp 40%. Eventuell könnte sogar eine Dynamik wie während Marokkos Sechzehntelfinale gegen die Niederlande entstehen. Hier lagen die marokkanischen Spielanteile bei 70%.
Hat Deschamps noch ein Ass im Ärmel?
Deschamps ist eigentlich nicht für komplexe taktische Winkelzüge bekannt. Über seine Startaufstellung setzt er jedoch gerne Akzente, um den Star eines Gegners zu neutralisieren. Das ist bei Marokko zweifellos Hakimi: Mit seinem Tempo überläuft er seine Gegenspieler einfach.
Deschamps könnte offensiv reagieren. In der Vorbereitung hat Frankreich eine Variante getestet, bei der sich Mbappé mit einem anderen Spieler auf Linksaußen abwechselte. Auf diese Art könnte Mbappé versuchen, die hohe Rolle Hakimis auszunutzen. Barcola könnte hier mit ihm das Wechselspiel vollziehen. Interessanterweise mag Hakimi in der abgelaufenen Champions-League-Saison der schnellste Spieler gewesen sein. Bei der WM führt derzeit Mbappé diese Statistik an.
Wenn ich eine spektakuläre Wette auf einen Überraschungsauftritt im Viertelfinale abgeben müsste, fiele meine Wahl auf Marcus Thuram. Er hat die Rolle als Mbappés Schattenstürmer bereits in der Vergangenheit gespielt. Nachdem er zuletzt verletzungsbedingt gefehlt hatte, kehrt er gegen Marokko in den Kader zurück.
Was könnten die X-Faktoren werden?
Bislang war es nicht die WM der Standardsituationen. Dennoch können sie jede Partie entscheiden. Beide Teams haben bisher noch keinen Gegentreffer nach einem ruhenden Ball kassiert. Marokko hat indes zwei Tore nach Standards erzielt, darunter das wichtige 1:0 gegen Kanada über eine sehenswerte Freistoßvariante. Frankreich gelang bisher ein Standard-Tor. Körperlich hat keine Mannschaft einen echten Vorteil.
Mehrere Spieler auf beiden Seiten droht bei einer weiteren gelben Karte eine Sperre im Halbfinale. Bei Marokko sind mit Achraf Hakimi, Issa Diop, Azzedine Ounahi, Bilal El Khannouss und Redouane Halhal gleich fünf Spieler betroffen. Bei Frankreich sind Bradley Barcola, Manu Koné und Michael Olise vorbelastet. Gegen die gelbe Karte gegen Olise hatte Frankreich Beschwerde eingelegt; seiner Verwarnung ging eine Schauspieleinlage eines paraguayischen Spielers voraus. Anders als bei Balogun nahm die Fifa die Strafe nicht zurück. Nach dem Viertelfinale werden die gelben Karten gelöscht, sodass kein Spieler für das Finale gesperrt sein kann – auch bekannt als ‚Lex Ballack‘.
Nach fünf absolvierten Spielen in dreieinhalb Wochen wird auch die Fitness immer stärker ein Thema. Marokkos Spieler sind bei dieser WM rund 50 Kilometer mehr gelaufen als die französischen Akteure, zudem haben sie deutlich mehr Sprints angesetzt (2418 zu 2014). Das liegt nicht zuletzt daran, dass Marokko durch die Verlängerung gegen die Niederlande 30 Minuten mehr absolviert hat. Auch bei den Reisekilometern liegt Marokko klar vorne. Sie mussten bereits in New York, Houston und Guadeloupe antreten. Frankreichs Spiele fanden allesamt an der US-amerikanischen Ostküste statt. Die höhere Belastung Marokkos könnte sich spätestens in einer Verlängerung bemerkbar machen.
Wie geht die Partie aus?
Frankreich geht – wie schon 2022 – als Favorit in die Partie. Der Vorsprung ist in den vergangenen vier Jahren jedoch geschmolzen. Marokko hat sich gerade spielerisch weiterentwickelt. Den Franzosen wird es nicht genügen, sich nach einer frühen Führung 85 Minuten im eigenen Strafraum zu verbuddeln.
Dennoch: Marokko braucht eine tadellose Leistung, um das zweite WM-Halbfinale in Folge zu erreichen. Gegen die Niederlande und gegen Brasilien haben sie intensiv verteidigt, jedoch auch jeweils ein vermeidbares Gegentor kassiert. Das darf gegen die bisher makellosen Franzosen nicht passieren. Ansonsten endet der Traum vom ersten afrikanischen WM-Titel dieses Mal bereits im Viertelfinale.
Die Standards von Frankreich in der Offensive gegen Paraguay fand ich katastrophal. Großen Fokus scheint man da im Training nicht drauf zu legen.
Der Belastungsnachteil von Marokko ist gut herausgearbeitet. Hinzu kommt da auch noch da sie eigentlich jedes Spiel Vollgas geben mussten, und ihnen die Breite im Kader fehlt. Sieht man auch daran wie spät sie oft wechseln. Denke das kann hier den großen Unterschied machen am Ende