Harry Kane während des WM-Spiels gegen Ghana. Bild: YantsImages.
England macht’s wie Deutschland, nur besser
Ein früher Rückstand. Ein Gegner, der kompakt und stabil verteidigt. Eine Offensive, die sich ideenlos präsentiert. Und als sie dann doch eine Lösung findet, funkt der VAR dazwischen. Julian Nagelsmann wird dieser Spielverlauf in seinen Albträumen verfolgen. Thomas Tuchel jedoch nicht – obwohl er ihn zwei Tage nach dem deutschen Aus mit seinem Team fast exakt so erlebt hat.
England tat sich gegen die DR Kongo überraschend schwer. Die Kongolesen haben eine richtig starke Leistung abgerufen. Nachdem Trainer Sébastien Desabre gegen Portugal und Kolumbien ein 5-3-2-System ausgepackt hatte, kehrte er gegen England zum 4-1-4-1 zurück. Diese Variante hatten die Kongolesen in der Qualifikation und während des Africa Cups genutzt. Die Rückkehr dürfte inspiriert gewesen sein vom ghanaischen Auftritt; das westafrikanische Land hatte England mit einem totaldefensiven 4-1-4-1 ein 0:0 abgerungen.
Die Kongolesen agierten jedoch gar nicht so defensiv: Sie schoben mit ihrer Abwehrkette immer wieder vor. Nach Ballgewinnen droschen sie die Kugel nicht lang nach vorn; Sturmtank Cédric Bakambu saß nur auf der Bank. Stattdessen knackten sie England mithilfe von Kombinationsfußball. Sie spielten flach hinten heraus und lockten England in ein Pressing. Gleichzeitig banden vorne vier Angreifer die englische Viererkette. Über eine Verlagerung gingen die Zentralafrikaner in Führung (7.).
Für England sah es lange Zeit nicht gut aus. Tuchel hatte mit dem 4-1-4-1 des Gegners offenbar nicht gerechnet. In der ersten Trinkpause passte er sein Team an: Die Außenverteidiger zogen fortan nicht mehr ins Zentrum, sondern hinterliefen die Außenstürmer. Mit Flügelangriffen und Flanken wollte England zu Chancen kommen. Das funktionierte wesentlich besser als bei Deutschland. Die englische Elf kam dank der doppelten Besetzung der Flügel in bessere Flankenpositionen. Zudem gewannen die englischen Flügel ihre Dribblings – Grüße gehen raus an die deutschen Außenstürmer!
Doch alles, was für England schieflaufen konnte, schien schiefzulaufen. Tuchels Spieler vergaben Großchancen. Keeper Lionel Mpasi erwischte einen Sahnetag. Der VAR pfiff ein Tor weg. Andere Mannschaften sind schon unter einfacheren Umständen zusammengebrochen.
Doch dann kam Harry Kane. Der Bayern-Stürmer unterstrich, warum er als der beste Abschlussspieler der Welt gilt: Seine beiden Tore ließ er so leicht aussehen. Dabei hat er in beiden Szenen den Ball in einer schwierigen Situation erhalten: beim ersten Kopfballtreffer nach einer eher undankbaren Flanke, beim zweiten Schuss seitlich zum Tor mit vier Verteidigern um sich herum. In beiden Szenen fand der Torjäger die Lücke.
Es war nicht nur Kanes Einzelleistung, die das englische vom deutschen Team unterschied. Der deutschen Mannschaft merkte man den Druck von der ersten bis zur letzten Minute an. England zeigte sich kühler, entschlossener, spielstärker. Es war kein Fußballfest. Aber England ist verdient weiter – und das gegen einen Gegner, der sich viel stärker präsentierte als Paraguay.
Belgiens Pakt mit dem Fußballteufel
Es war der Abend der unglücklichen afrikanischen Teams. Nach der DR Kongo verlor auch der Senegal sein Sechzehntelfinale – allerdings auf noch viel unnötigere Art und Weise. Schon in der 25. Minute waren die Westafrikaner in Führung gegangen. Kurz nach der Halbzeitpause erzielten sie das 2:0. Bis zu diesem Zeitpunkt lag der belgische Expected-Goal-Wert knapp über null. Es folgte eine kurze belgische Zwischenoffensive um die 60. Minute, ehe der Senegal die Partie wieder im Griff hatte.
Man könnte die belgische Aufholjagd als taktischen Triumphzug erzählen. Trainer Rudi Garcia bewies Eier und wechselte mit Kevin de Bruyne und Jeremy Doku die beiden größten Stars des Teams bereits nach 56 Minuten aus. Leandro Trossard durfte in der zweiten Halbzeit auf der Zehn agieren, Romelu Lukaku vorne auf lange Bälle lauern. Der eingewechselte Thomas Meunier schlug die Flanke auf Lukaku zum 2:1 (86.), Trossard bereitete von seiner neuen Position aus das 2:2 vor (89.). Belgien rettete sich dank der Einwechselspieler und der taktischen Veränderung in die Verlängerung.
Diese Geschichte ist allerdings zu schön, um wahr zu sein. Eigentlich änderten die Wechsel wenig bis gar nichts an der Spieldynamik. Der Senegal wechselte flexibel zwischen Vierer- und Fünferkette, wogegen Belgien nie eine echte Lösung fand. Flanken köpften die Senegalesen einfach heraus, und auch Lukaku blieb bis zu seinem Treffer praktisch abgemeldet. Viel eher waren es die Löwen der Teranga, die über Konter zu den besseren Gelegenheiten kamen. Sie spielten dabei nicht jeden Umschaltmoment aus: Manchmal verzögerten sie clever das Spiel und ließen den Gegner laufen. Die beiden belgischen Tore fielen entgegen dem Spielverlauf.
Senegal kann man eigentlich nur zwei Vorwürfe machen. Erster Vorwurf: Die Abwehrreihen sahen bei beiden Gegentreffern nicht gut aus. Vor dem ersten Gegentor bekamen sie einen eigentlich vereitelten Angriff nicht geklärt. Beim zweiten Gegentor flog Torhüter Mory Diaw an Trossards Flanke vorbei. Zweiter Vorwurf: Sie agierten etwas zu abgeklärt. Sie verwalteten ein Spiel gegen einen Gegner, der am Boden lag, anstatt auf den finalen Schlag zu gehen. Senegals Ausscheiden erinnerte an den Tod des Oberyn Martells aus der Buchverfilmung Game of Thrones. Sie tänzelten um ihren Gegner herum, anstatt einfach die Lanze in den Bauch zu rammen.
Es kam, wie es kommen musste: Kurz vor Ablauf der Verlängerung erhielt Belgien einen (aus meiner Sicht gerechtfertigten) Elfmeter zugesprochen. Die Belgier reisen ins Achtelfinale, Senegal nach Hause. So bitter kann Fußball sein.
Und es zeigt mal wieder: Nicht immer ergibt es Sinn, ein Spiel als in sich stimmige Geschichte zu erzählen. Belgiens Umstellungen brachten keinen Umschwung, Senegals Verwaltungsmodus war kaum ein Problem. Fußball ist Chaos. Dinge passieren, dann passieren andere Dinge, und am Ende kann sich niemand einen Reim darauf machen.
Kurze Beobachtungen
- England steht eine der härtesten Prüfungen bevor, die das Achtelfinale zu bieten hat. Sie treffen auf Mexiko – und zwar in Mexiko-Stadt. Bislang haben die Mittelamerikaner noch nie ein WM-Spiel im Aztekenstadion verloren. Dabei findet die WM bereits zum dritten Mal auf mexikanischem Boden statt. 1970 und 1986 scheiterte Mexiko jeweils im Viertelfinale in Toluca (an Italien) und in Monterrey (an Deutschland). Mexiko verfügt über einen massiven Heimvorteil: Nicht nur bietet das Aztekenstadion rund 80.000 feiernden Mexikanern Platz. Es befindet sich auf 2.200 Metern Höhe in einer Stadt, die für Abgase und eine dadurch schlechte Luftqualität bekannt ist. Während sich die mexikanische Elf in Teilen seit Anfang Mai (!) auf die Spiele in der Höhenlage vorbereitet, hat England nur wenige Stunden Zeit, sich an die Gegebenheiten vor Ort anzupassen. Sportwissenschaftler empfehlen, mindestens eine Woche vor Wettkämpfen in einer derartigen Höhe anzureisen, besser sogar zwei. Das englische Team reist zwei Tage vorher an. „Es ist physisch nicht möglich, sich so schnell an die Höhe zu gewöhnen“, sagt Tuchel. „Das ist etwas, womit wir umgehen müssen. Aber ich glaube, wir haben mit unserer Einstellung gezeigt, dass wir dazu bereit sind.“
- Nach dem frühen Aus der deutschen Mannschaft kommt selbstredend alles auf den Prüfstand. Besonders aufmerksam höre ich zu, wenn nach dem Turnier die kleinsten Gründe für das Scheitern herausgepickt werden. So etwa das Quartier. Die Spieler sollen sich in Salem gelangweilt haben, liest man. Da muss ich immer an Wayne Rooney denken, der während der WM 2010 mit Jermain Defoe sein Hochzeitsvideo geschaut haben soll. Sie hatten ja sonst nix zu tun! Mir kommt aber auch Manuel Neuer in den Sinn: Er sagte, Dinge wie die Quartierswahl würden so zurechtgebogen, wie es gerade passt. So habe er sich im russischen Hotel 2018 deutlich wohler gefühlt als im brasilianischen Camp 2014, wo es in sein Zimmer getropft hätte. Interessant finde ich aber auch die Einschätzung, Bundestrainer Julian Nagelsmann hätte zu viel Zeit mit seiner Frau verbracht. Das hätte es früher wahrlich nicht gegeben. Weder Sepp Herberger noch Helmut Schön oder Jogi Löw ließen sich von ihren Frauen begleiten. Herberger war es selbst ein Dorn im Auge, wenn die Frauen seiner Spieler zu Besuch kamen. Er hielt diese so weit entfernt wie möglich von der Mannschaft. 1954 wurden sie flugs auf der anderen Seite des Thunersees weggesperrt. Frauen würden bei einem Männerbund nur stören, sagte Herberger mal. Vielleicht ist Deutschland ja deshalb so früh ausgeschieden.
Das Titelbild zeigt Harry Kane. Quelle. Lizenz: CC BY-SA 4.0
Ich habe schon gewitzelt: 2018 sind wir rausgeflogen, weil nicht genügend Leute die Hymne mitgesungen haben. 2022 lag es nur an der Regenbogenbinde. Wenn Nagelsmann jetzt fliegen sollte, dann nur, weil noch keine passende Ausrede gefunden wurde, die mit ihm nichts zu tun hat. Da würde das Quartier ja passen.
Dabei ist doch klar: Wir sind einzig und allein deswegen ausgeschieden, weil Matthias Ginter nicht dabei war!
Ich weiß, es ist müßig, aber können wir über den (aus deiner Sicht gerechtfertigten) Elfmeter sprechen?
Entweder man gesteht beiden zu, dass sie den Ball spielen wollen. Dann ist das ein Kontakt, der dazu führt, dass keiner ihn erreicht. Also weniger ein Foul als ein Zusammenstoß. Oder man unterstellt Absicht. Dann sucht klar Tielemans von hinten kommend den Kontakt mit Camara, und nicht umgekehrt.
Und wozu nach einem Standbild mit Kontakt der Füße gesucht wird, ist mir schleierhaft. Eine klare Fehlentscheidung stellt das in jedem Fall nicht dar. Zumal in der Aktion selbst ja Belgien zu einer klaren Torchance kam.
Make it make sense!
Ich hatte eher das Gefühl, dass der Schiedsrichter den Kontakt gar nicht wahrgenommen hat. Und dann ist es aus meiner Sicht ein „serious missed incident“, für den der VAR den Schiedsrichter an den Bildschirm rufen muss. Der Verteidiger beeinträchtigt die Ausholbewegung eines Spielers, der wenige Meter frei vorm Tor abschließen könnte. Ich denke schon, dass hier ein Elfmeter gerechtfertigt ist.
Dass der VAR sich nur bei klaren Fehlentscheidungen einschaltet, ist vielleicht noch offiziell so kommuniziert bzw auch niedergeschrieben, aber das war nie der Fall und wird nie der Fall sein. Bei dieser so wichtigen Szene in der letzten Minute hat man den Schiri gebeten, es sich nochmal am Bildschirm anzusehen, weil er da vielleicht etwas übersehen hat. Ob eine Entscheidung klar falsch ist, ist ja subjektiv. Soll man dem Schiri einfach nochmal am Bildschirm zeigen und er entscheidet dann halt nochmal mit TV-Bildern.
Ich fand auch, daß es England in HZ 2 gut gelungen ist, den Druck stetig zu erhöhen, ohne dabei jemals hektisch zu werden. Nur einmal war Tuchel ja sichtlich ungehalten, weil sein Team einen Angriff nicht geduldig genug ausgespielt hatte. Die personellen Wechsel auf den Flügeln, die im Prinzip sogar alle vorhersehen konnten, haben auch geholfen (Gordon hat beide Treffer vorbereitet), denn da fehlt Teams wie der DR Kongo am Ende doch die Möglichkeit, entsprechend zu reagieren. Nach dem Ausgleich hat man bei England auch klar den Vorsatz und einen Plan erkannt, das Spiel ohne Verlängerung zu drehen.
Zur Anpassung an die Höhenlage ohne lange Akklimatisierung fallen mir noch die südamerikanischen Teams ein, die zum Auswärtsspiel in Bolivien manchmal gezielt personelle Anpassungen vornehmen, also Spieler einsetzen, die mit der Höhe besser zurechtkommen als andere. Würde nicht überraschen, wenn England die Spieler im Vorfeld auch dahingehend getestet hätte.
Das Spiel Belgien vs. Senegal kann Christoph Biermann jetzt also dankbar seiner Materialsammlung zur Macht des Zufalls im Fußball hinzufügen.
Und daß die Suche nach Ausreden beim DFB ja nicht zuletzt von der Erkenntnis ablenken soll, daß die aktuellen Spieler eben die Klasse nicht besitzen, haben jetzt ja schon einige festgestellt. Ich glaube, Martin Rafelt hat im Rasenfunk das Kadertauschexperiment empfohlen: Welcher DFB-Spieler würde bei Frankreich oder England in der derzeitigen Verfassung ein Upgrade sein können? Antwort: Bei Frankreich keiner, bei England Oliver Baumann. Liste vollständig.
Ach ja: Ein ulkiges Detail zum Vergleich zwischen England und Deutschland war ja noch, daß bei England die zwischenzeitliche Versetzung des zentralen Mittelfeldspielers Declan Rice auf die Rechtsverteidigerposition nicht nur irgendwie funktionierte, sondern sogar einen positiven Effekt brachte.
Tuchel sagte eigentlich sogar explizit im Interview vor dem Spiel (denke mal nach bekanntwerden der Aufstellungen), dass Kongo sich da wohl an Ghana orientiert und da in einem 4-5-1 agieren würde. Also zumindest dann war ihm das schon klar, nicht erst im Spiel
Die Aussage von Schweinsteiger über den wilden afrikanischen Fußball hat sich ja mal wieder bestätigt.
Senegal hatte das Spiel total in Griff und werden dann selbstgefällig bzw. lassen Mental nach.
Noch einige Beispiele aus der Vergangenheit:
Kamerun – England (1990)
Nigeria – Italien (1994)
Elfenbeinküste – Griechenland (2014)
Ich muss eine Korrektur anbringen, ansonsten lyncht mich meine mexikanische Freundin zu Hause 🫣😄
Mexiko liegt in Nordamerika!😉