Ralf Rangnick als TV-Experte für ran 2022. Bild: Steffen Prößdorf.
Österreich: Eine Generation dankt ab
Manchmal ist eine Lösung auf dem Papier gar nicht schlecht. Nur das Problem entpuppt sich in der Praxis als wesentlich komplexer als in der Theorie. Österreichs Trainer Ralf Rangnick stand vor dem Sechzehntelfinale vor seiner schwersten Aufgabe: Er musste taktische Ideen erarbeiten gegen den amtierenden Europameister Spanien. In allen drei Gruppenspielen ließen die Iberer nur 0,68 Expected Goals zu – zusammengerechnet, versteht sich.
Rangnick hatte Lamine Yamal als spanischen Schlüsselspieler ausgemacht; kein Fußballkenner dürfte dem österreichischen Coach widersprechen. Konrad Laimer durfte nach Auftritten als Zehner und als Rechtsaußen nun als Linksverteidiger auflaufen. Er bekam die Aufgabe, Yamal mit seiner körperbetonten Art aus dem Spiel zu nehmen. Auch offensiv fokussierten die Österreicher die eigene linke Seite: Marcel Sabitzer rückte früh weit nach vorne, um sich in der Lücke hinter Yamal anspielbar zu machen. 50% der österreichischen Angriffe liefen laut Whoscored.com über ihre eigene linke Seite.
Nun besteht Spaniens Elf aber nicht nur aus Yamal. Der Jungstar zeigte ein gutes, aber keineswegs überragendes Spiel. Für ihn sprangen andere Spieler in die Bresche: Alle drei Treffer leitete Spanien über die linke Seite ein. Dabei fielen die ersten beiden Tore nach demselben Muster: Auf jeder Seite rückte ein Außenspieler ein, um den gegnerischen Außenverteidiger zu binden. Pedri und Dani Olmo, die beiden Achter im 4-3-3, zogen die gegnerischen Außenstürmer leicht aus der Formation. So öffnete sich der Passweg auf den Flügel, wo ein Außenspieler frei ins Dribbling kam.
Auf der rechten Seite bekam Österreich diese Angriffsmuster halbwegs in den Griff. Laimer war stets auf dem Sprung, um Yamal im Eins-gegen-Eins zu stellen. Pedro Porro hinter- oder vorderlief nicht immer, sodass Österreich Yamal auch mal doppeln oder gar trippeln konnte.
Auf der eigenen linken Seite bekamen die Österreicher die spanischen Angriffe jedoch nicht so konsequent verteidigt. In Teilen lag dies am Gegner: Marc Cucurella und Álex Baena wechselten sich geschickt darin ab, wer in den Halbraum rückt und wer auf den Flügel geht. Auch bekamen sie häufig Unterstützung von Stürmer Mikel Oyarzabal in Form von öffnenden Läufen in die Tiefe. Selbst wenn er nicht den Ball bekam, war die österreichische Defensive kurz abgelenkt.
Das größere Problem war jedoch nicht die individuelle Qualität der Spanier auf dieser Seite, sondern die fehlende Klasse der Österreicher. Wenn Stefan Posch und Romano Schmid den Flügel besetzen, kann dies nicht die Sahneseite einer Nationalmannschaft sein. Das zeigte sich leider zu oft. Ihnen allein die Schuld am ersten Treffer zuzuschieben, wäre allerdings zu leicht. Xaver Schlager und Nicolas Seiwald irrten in dieser Szene etwas umher und erlaubten somit Cucurella, mit einem einfachen Querpass Oyarzabal zu bedienen.

Rangnick nahm die Doppelsechs bereits zur Halbzeitpause aus dem Spiel. Das half aber wenig. Überhaupt stellte der Trainer viel um: Sabitzer begann auf Linksaußen, agierte zwischenzeitlich auf der Zehn und kehrte dann wieder nach Linksaußen zurück. Paul Wanner startete als Zehner und endete auf der Doppelsechs. Carney Chukwuemeka wurde zur Halbzeitpause als Linksaußen eingewechselt, ging dann nach den nächsten Wechseln in der 60. Minute nach Rechtsaußen. Konrad Laimer durfte – als schon alles zu spät war – in der 86. Minute von der Linksverteidiger- auf die Rechtsverteidiger-Position wandern.
Vielleicht waren das ein paar Umstellungen zu viel für ein Team, das in diesem Turnier nie so richtig in einen Spielfluss fand. Mich überkam beizeiten das Gefühl, diese Weltmeisterschaft kam für Österreich zu spät. Ihren Höhepunkt hatte diese Generation im Jahr 2024. Da griff alles ineinander: die Spielphilosophie des Trainers, die Form der Spieler, der Überraschungseffekt. Blöderweise endete die Europameisterschaft bereits im Achtelfinale mit einer unglücklichen Niederlage gegen die Türkei.
2026 war vom österreichischen High-Energy-Fußball der EM kaum mehr etwas zu erkennen. Wie auch? Marko Arnautovic ist 37 Jahre alt, David Alaba 34, viele andere Spieler ebenfalls über 30. Gegen Algerien hatte Ralf Rangnick die drittälteste Startelf der österreichischen WM-Geschichte aufgestellt. Älter waren die Spieler im Schnitt nur bei zwei Partien der WM 1998. Welch lange Durststrecke auf das damalige Aus folgte, ist jedem österreichischen Fan bekannt. Es braucht jetzt einen sanften Umbruch in unserem Nachbarland. Ausgang ungewiss.
Ziemlich viel Action für ein Achtelfinal-Aus
Immer, wenn ein Spiel die Zuschauer zu Tode langweilt, greift der Kommentator zu der Floskel: „Das ist ein Spiel für Taktikliebhaber!“ Ich bin Liebhaber von Taktik, und, ja, zwei taktisch cleveren Teams zuzusehen, macht mir Spaß. Noch viel mehr Freude bereitet es mir, wenn Mannschaften mit herausragenden Fußballern taktisch vollkommen bescheuerte Dinge machen und ein Spiel entsteht wie zwischen Kroatien und Portugal.
Das zweite europäische Sechzehntelfinale der Nacht bot die verrückteste zweite Halbzeit, die diese WM bisher produziert hat. Es gab zwei Abseitstore, Ivan Perišićs viertes Tor in einem WM-K.O.-Spiel, einen verzweifelten Vierfachwechsel, Cristiano Ronaldos ersten Treffer in einem WM-K.O.-Spiel, seine anschließende Auswechslung sowie ein Last-Minute-Siegtor des Spielers, der für den an der Seitenlinie schmollenden CR7 eingewechselt wurde. Ach ja, und dann gab es noch ein Really-Last-Minute-Tor in der zwölften Minute der Nachspielzeit, das jedoch aberkannt wurde, da der Chip im Ball nachweisen konnte, dass ein kroatischer Spieler den Ball verlängert hatte, bevor sein im Abseits stehender Kollege das Tor vorbereitete. „Bloody football!“, wie die Briten sagen würden.
Das Spiel als chaotisch zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Die erste Halbzeit verlief noch einigermaßen normal. Kroatien zog sich in ein überraschend tiefes 5-4-1 zurück, gegen das Portugal erwartungsgemäß wenig Lösungen parat hatte. Die Portugiesen versteiften sich auf Flügelangriffe, wobei sie mit dieser Strategie immerhin neun Ecken herausholten. 1,33 ihrer insgesamt 2,01 Expected Goals kreierten sie aus Standardsituationen, wobei hier Ronaldos Elfmeter zum zwischenzeitlichen 1:1 inkludiert ist.
Verrückt wurde es, wie gesagt, erst nach der Pause. Kroatien schob weiter nach vorne und verteidigte nun häufiger in einer Mischung aus 4-3-3 und 4-1-4-1. Portugal bekam herbe Probleme im Spielaufbau und schenkte häufig den Ball her; Kroatien erspielte sich 1,04 ihrer 1,75 Expected Goals nach Umschaltsituationen. So wogte das Spiel nach der Pause von Strafraum zu Strafraum.
Endgültig ins Chaos stürzte die Partie nach Portugals Vierfachwechsel. Ich habe lange gebraucht, um die neue Formation der Portugiesen zu entschlüsseln. Ich bin mir nicht sicher, ob sie selbst so genau wussten, wie sie fortan spielen sollten. Es ist immer ein Risiko, so viele Spieler auf einmal auszutauschen. Fortan gab es auf beiden Seiten praktisch kein Mittelfeld mehr, wodurch das Spiel nur noch schneller von einer Seite zur anderen lief. Der fehlende Druck durch die Sechser sorgte dafür, dass beide Teams tolle Schnittstellenpässe spielen durften; Tore von Ronaldo und Luka Sučić wurden jeweils wegen einer Kopflänge Abseits einkassiert.
Der Siegtreffer der Portugiesen kam aus meiner Sicht eher überraschend; Kroatien hatte zuvor den gegnerischen Strafraum belagert. Ausgerechnet Goncalo Ramos köpfte eine Flanke ein – jener Spieler, der wegen Superstar Ronaldo seit Beginn der WM auf der Bank schmort.
Der Schiedsrichter trug in der Folge erheblich zum Chaos bei. Zehn Minuten Nachspielzeit sollte es geben, nach zwölf Minuten war das Spiel immer noch nicht beendet. Eine letzte Flanke fand den Strafraum, Kroatien jubelte – doch dann meldete sich der VAR. Mit bloßem Auge war nicht zu erkennen, ob der kroatische Stürmer Igor Matanovic den Ball mit dem Kopf weitergeleitet hatte. Falls ja, stand Mario Pašalić im Abseits. Falls nein, zählte das Tor. Mithilfe des Chips im Ball (!) konnte nachgewiesen werden, dass Matanovic die Kugel berührte. Wobei ich auch beim zehnten Ansehen der Zeitlupe nicht darauf wetten würde, dass der Chip tatsächlich Matanovic‘ Kopf registrierte und nicht den Arm eines Portugiesen. Die kroatischen Fans wittern in den sozialen Medien bereits eine Verschwörung.
Sei’s drum: Ich habe mich unterhalten gefühlt. Wir müssen aber nicht darüber sprechen, dass die Portugiesen gegen Spanien im Achtelfinale klarer Außenseiter sind. Im Duell Chaos gegen Ordnung gewinnt im Fußball meist die Ordnung.
Das Titelbild zeigt Ralf Rangnick. Bild: Steffen Prößdorf. Lizenz: CC BY-SA 4.0
Ein paar Gedanken zum sanften Umbruch:
Der Überraschungseffekt wird im fünften Jahr unter Rangnick nicht mehr zurückkehren. In keinem Spiel zwischen EM 2024 und WM 2026 durfte Österreich weniger vom Ball haben, den Gefallen tat uns keiner mehr. Daher hoffe ich, dass Rangnick die kommende Nations League wirklich für Tests nutzt und nicht das aktuelle Schema F bis 2028 ausquetscht.
Schlager-Seiwald sind als Doppelsechs in Ballbesitz eine Qual, zum Glück wurde mit Wanner schon eine gute Ergänzung gefunden. In den USA entpuppten sich die Außenverteidiger als große Schwachstelle auf hohem Niveau. Laimer sollte gesetzt sein und nicht weiter vorne verschwendet werden, statt Mwene sollte Prass forciert werden; dahinter können hoffentlich Puczka und Veratschnig den nächsten Sprung in ihrer Entwicklung machen. Und bei solchen Spielertypen und der Fülle an guten Innenverteidigern kann man auch über eine Dreierkette wieder einmal nachdenken…
Zur (für uns) abgelaufenen WM kann ich nur zwei Dinge sagen: ich bin dankbar, dass sich diese sympathische und prägende Generation mit der Enrdunde belohnen konnte. Aber die Auslosung war denkbar schlecht. Wenn es zwei Mannschaften gibt, gegen die sich eingerostetes Pressing nicht wieder ölen lässt, dann sind das wohl Argentinien und Spanien. Somit bleiben vier Spiele mit Ergebnissen nach Papierform; aber ohne dem Potential zur Überraschung leider auch ohne die großen Emotionen.
gut zusammengefasst zu Österreich. Kommt einfach 2 Jahre zu spät, die qualität ist eigentlich bei jedem der da auf dem Platz steht stark abgefallen. Dazu kommt, das die Spielidee so ja auch generell nicht mehr funktioniert, zeigt sich ja auch auf Vereinsebene deutlich. Wahrscheinlich ja auch der Grund warum man dort Klopp installiert hat, um das weiterzuentwickeln. Und dann gibts ja auch einen Grund, warum man bei RB nur Spieler bis 25 Jahre verpflichtet. Da wirds dann alt mit dem Kader der Nationalmannschaft schwierig
Wenn ich mich richtig erinnere ist das Spiel durch den 4-fach-Wechsel komplett zu Kroatien gekippt. Auch irgendwie logisch, gab dann ja einfach zwei Stürmer die sich auf den Füßen stehen und wenig pressen, und im ZM dafür Unterzahl. War ja auch die Phase wo Kovacic so aufgedreht hat, zwei super Abschlüsse hatte und diesen Porno-Pass zum Abseitstor schlägt. Hat Martinez dann ja auch gemerkt und Ruben Neves reingebracht für Ronaldo. Glaub nicht dass das vorgesehen war Ronaldo auszuwechseln, hat ja auch ein gutes Spiel gemacht. Aber blieb in dann in dem Fall keine andere Wahl, seinen Fehler zu korrigieren. Nicht das erste mal bei Martinez…