Der junge Kylian Mbappé feiert einen Torerfolg bei der WM 2018.
Marokko, die neue Fußballgroßmacht?
Wer wie ich in der Nacht von Montag auf Dienstag nach dem blamablen Deutschland-Aus nicht einschlafen konnte, sah plötzlich, wie Fußball auch aussehen kann. Die Niederlande und Marokko lieferten sich kein hochklassiges Match. Dafür war der Respekt vor dem Gegner zu groß. Doch beide Teams taten etwas, was die deutsche Elf verlernt hat: Sie verteidigten. Leidenschaftlich. Kompakt. Ohne dass man bei jedem zweiten gegnerischen Pass Angst bekam, dass ein Verteidiger patzt.
Ronald Koeman hatte mit seiner Aufstellung überrascht. Erstmals in diesem Turnier verteidigten die Niederländer in einer Fünferkette. Nach einer aktiven Anfangsphase zogen sie sich früh in die eigene Hälfte zurück. Marokkos Ballbesitzwert lag zwischenzeitlich bei über 70%. Es entstand ein chancenarmes, aber wahnsinnig intensives Spiel. Beinahe wären die Niederländer für ihre Spielweise belohnt worden. Cody Gakpo schoss in der 72. Minute den Führungstreffer. Doch in der Nachspielzeit erzielte Marokko doch noch den erlösenden Ausgleichstreffer. Sie waren auch in der Folge das bessere Team, scheiterten aber am überragenden Keeper Bart Verbruggen. Doch sie ließen sich von diesen Fehlschüssen genauso wenig irritieren wie von ihrem zwischenzeitlichen Rückstand im Elfmeterschießen.
Ich starte mit diesem Spiel in meinen heutigen Tagebuch-Eintrag, weil mich der marokkanische Sieg an eine andere Fußballnation erinnert hat: an Deutschland. Nicht an das Deutschland der vergangenen Jahre, sondern an das Deutschland, das ich aus meiner Recherche zu den Weltmeisterschaften der Achtziger kennengelernt habe. Eine Nation, auf die kein Gegner bei der WM treffen wollte. Weil sie wussten: Deutschland mag uns vielleicht nicht taktisch dominieren. Sie werden keinen Zauberfußball zelebrieren. Aber sie werden eklig spielen. Sie werden bis zur letzten Sekunde nicht aufgeben, und selbst wenn man sie bis ins Elfmeterschießen zwingt, werden sie die Nerven behalten.
(Auch wenn das Klischee des technisch schwachen Teutonenfußballs immer etwas gemein schien. Zu jeder Zeit hatte Deutschland Spieler mit Flair im Kader, sei es Franz Beckenbauer, Bernd Schuster oder Pierre Littbarski. Aber ihr versteht, worauf ich hinauswill.)
Diesen Ruf hat sich Marokko spätestens seit der WM 2022 erarbeitet. Damals setzten sie noch auf einen äußerst destruktiven Fußball. Sie haben seitdem offensive Elemente hinzugefügt, ohne aber zu einer reinen Ballbesitzmannschaft zu werden. Der Kern ihres Spiels sind weiterhin Kompaktheit und Tempo. Beim Africa Cup mögen sie mit dieser Spielweise Probleme gehabt haben, schwächere Gegner zu dominieren. Doch sie haben am Ende immer gewonnen. (Und sei es am grünen Tisch.) Gegen die Niederlande haben die Marokkaner das dritte Elfmeterschießen in den vergangenen vier Jahren siegreich bestritten. Auch das war irgendwann einmal eine deutsche Stärke.
Das neudeutsche Wort für diese Art der Ausstrahlung heißt „Aura“. Marokko erarbeitet sich derzeit eine Aura im Weltfußball. Deutschland hat sie schon lange verloren.
Frankreich zaubert
Der Postillon ist auch im Jahr 2026 immer noch für einen Schmunzler gut. „Nagelsmann-Plan geht auf! Deutschland vermeidet Duell mit Frankreich im Achtelfinale“ titelte das Satire-Magazin nach dem deutschen Ausscheiden. Nach Frankreichs 3:0-Sieg gegen Schweden ist man geneigt zu sagen: Es ist witzig, weil es wahr ist.
Frankreich war bei den vergangenen Weltmeisterschaften eine seltsame Mannschaft. 2018 und 2022 hatte man stets das Gefühl, dass sie nicht ihr gesamtes Potenzial abrufen. Trainer Didier Deschamps stellte stets Stabilität vor Spektakel. Wirklich begeistert hat Frankreich nie – aber (fast) immer gewonnen. Vorne schoss Kylian Mbappé die Tore, hinten verteidigte eine Sechs-Mann-Mauer jeden Angriff weg. Das letzte K.O.-Spiel, das Frankreich bei einer WM verlor, war das Viertelfinale 2014 gegen Deutschland. Lang, lang ist’s her.
2026 erleben wir ein gänzlich anderes Frankreich. Die Mannschaft kann gar nicht anders, als Fußball zu zelebrieren. Michael Olise ist als Zehner noch einmal präsenter als im Spiel des FC Bayern. Er setzt aus der Tiefe zu fast schon wahnwitzigen Pässen an, die Gegner weder voraussehen noch verteidigen können. Bisher hat kein anderer Spieler bei dieser WM mehr Tore aufgelegt. Gerade die Partnerschaft mit Mbappé ist Gold wert: Der Stürmer sprintet hinter die Abwehr, während Olise ihm die Bälle auflegt. Bereits drei Tore fielen durch das direkte Zusammenspiel der beiden Superstars.
Doch sie sind nicht die einzigen Waffen der Franzosen. Ousmane Dembélé ist ein Mann auf einer Mission. Er möchte seinen Landsmännern beweisen, dass er auch im französischen Trikot der beste Spieler der Welt sein kann. Bradley Barcola und Désiré Doué duellieren sich um den verbliebenen Posten in Frankreichs Ausnahmesturm. Jeder einzelne dieser Spieler kann eine Partie entscheiden.
Das Besondere ist, dass ihr Zusammenspiel richtig gut funktioniert. Sie legen sich gegenseitig die Bälle auf, attackieren ständig die Tiefe, suchen das Zusammenspiel. Selbst gegen den Ball geben Frankreichs Stars alles. Es gab bei Weltmeisterschaften lange kein Team mehr, das solch einen begeisternden Angriffsfußball zelebriert hat. Vielleicht muss man dafür sogar bis zum Brasilien der frühen Zeiten zurückgehen.
Ironischerweise hat gerade der Gala-Auftritt gegen Schweden meine Zweifel wachsen lassen, dass Frankreich Weltmeister wird. Zum einen spricht hier der Zyniker aus mir: In der Geschichte der Weltmeisterschaft hat selten das Team gewonnen, das den begeisterndsten Fußball gespielt hat. Zum anderen sehe ich aber auch aus analytischer Sicht Schwächen.
Bei den vergangenen Turnieren lautete Frankreichs Strategie in den K.O.-Runden, ihrem Gegner den Ball zu überlassen. 2018 hatten die Franzosen nur im Viertelfinale gegen Uruguay mehr Ballbesitz als der Gegner, 2022 nur im Achtelfinale gegen Polen. In diesem Turnier habe ich das Gefühl, sie fühlen sich bei tieferem Verteidigen eher unwohl. Die Stürmer vorne gehen alle ins Pressing. Doch dahinter klaffen große Lücken.
Schon vor dem Turnier habe ich das zentrale Mittelfeld als französische Schwachstelle bezeichnet. Tatsächlich hat Deschamps in allen drei Gruppenspielen eine unterschiedliche Kombination auf der Doppelsechs ausprobiert. Gegen Schweden kehrte er zu seiner ursprünglichen Variante mit Aurélien Tchouaméni und Adrien Rabiot zurück – inklusive der altbekannten Schwächen im Spiel gegen den Ball. Tatsächlich gelangen den Schweden in der ersten Halbzeit einige Durchbrüche.
Bei allen offensiven Stärken bleibt die Frage, wie gut die Verteidigung der Franzosen gegen große Gegner funktioniert. Im Viertelfinale könnte Frankreich auf die oben erwähnten Marokkaner treffen. Im Halbfinale droht ein Duell mit Spanien, sollten alle Partien wie erwartet enden. Doch zunächst wartet Paraguay. Oder wie der Postillon schreibt: „Den Südamerikanern droht eine bittere Niederlage gegen Mbappé & Co., der die DFB-Elf geschickt entgangen ist.“
Kurze Beobachtungen
- Während der deutschen WM-Auftritte hatte man stets das Gefühl, dass jeder noch so kleine Rückschlag die Spieler aus der Bahn warf – sei es ein Gegentor oder der vom VAR aberkannte Treffer gegen Paraguay. Norwegen hingegen – ein Team, dessen Spieler noch nie ein großes Turnier bestritten haben – legte gegen die Elfenbeinküste eine erstaunliche Widerstandsfähigkeit an den Tag. Lange Zeit verhedderten sich beide Teams am engen Mittelfeld des Gegners. Nach der Führung erhöhte die Elfenbeinküste den Druck, während Norwegen stärker auf Konter lauerte. Die Elfenbeinküste glich aus. Die Norweger brachen nicht ein. Im Gegenteil: Auf den Ausgleichstreffer folgte ihre stärkste Phase, inklusive zahlreicher Pässe vom Flügel in den offenen Halbraum. Norwegen verdiente sich die Achtelfinal-Teilnahme. Und mit der Elfenbeinküste ist auch der Zweite der Gruppe E bereits ausgeschieden.
- Ich habe nie vor den Berg gehalten mit meiner Wertschätzung für den japanischen Fußball. Diese Mannschaft spielt einen so intelligenten Fußball, dass das Zuschauen eine reine Freude darstellt. Gegen Brasilien fing Kaishu Sano einen Pass ab und erzielte im Anschluss das Führungstor. Überhaupt war die erste Halbzeit des Spiels eine Demonstration japanischer Spielintelligenz. Nur leider konnten sie das Niveau nicht halten. In der zweiten Halbzeit verfielen sie zusehends in Passivität. Das wussten die Brasilianer auszunutzen. Brasilianischen Zauberfußball zelebrierte die Elf von Carlo Ancelotti nicht – dafür sind bei diesem Turnier die Franzosen zuständig. Aber am Ende holten sie sich den verdienten Sieg. Nun wartet das Achtelfinale gegen Norwegen. Gelingt es Brasilien endlich wieder, in einem K.O.-Spiel einer WM einen europäischen Gegner zu besiegen? Der letzte Sieg gelang ihnen im WM-Finale 2002 gegen Deutschland. Lang, lang ist’s her, die Zweite.
- Noch einmal zurück zum Niederlande-Spiel. Nachdem Gakpo den zwischenzeitlichen Führungstreffer erzielt hatte, brach er in Tränen aus. Seine Partnerin hatte wenige Tage zuvor eine Fehlgeburt erlitten. Es war einer der emotionalsten Momente des Turniers. Es war auch das letzte Highlight der Niederländer. Insgesamt war ihr Auftritt gegen Marokko zu sehr von Vorsicht geprägt. Ronald Koeman reagierte auf die Kritik aus der Heimat. Nicht einmal 24 Stunden nach dem Aus hat der Niederländer seinen Rücktritt erklärt. Oder wie Julian Nagelsmann sagen würde: Er läuft weg vor der Verantwortung! Ironie Ende.
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Das Titelbild stammt von Wikimedia Commons. Lizenz: CC BY-SA 3.0.
Der japanischen Mannschaft sieht man wirklich gerne zu, keine andere agiert so homogen als Schwarm. Aber meiner Meinung nach waren sie halt auch in drei von vier Partien über weite Strecken zu genügsam. Gegen die Niederlande war man mit dem Unentschieden zufrieden, schaltete nur in Rückstand hoch, gegen Schweden zog man sich in Führung zurück und legte nach dem Ausgleich nicht mehr nach, gegen Brasilien wurde man zu früh passiv. Dabei sah man bei den Brasilianern bereits in der ersten Hälfte ordentlich Frust aufkommen. Das Duell hätte man zumindest länger offen halten können – aber man muss dazu auch Ancelottis Anpassungen lobend erwähnen.
Die perfekte Ancelottisierung Brasiliens finde ich bis hierhin auch bemerkenswert. Ruft man sich in Erinnerung, wie weit dieser Fußball bei Real Madrid getragen hatte, ist das fast schon wieder beängstigend.