Julian Nagelsmann, als er noch jung war (2023)
Der Erfolg hat viele Väter. Der Misserfolg ist ein Waisenkind. Dieses Zitat wird dem römischen Politiker Tacitus zugeschrieben. Auch nach dem deutschen Aus bei der Fußball-Weltmeisterschaft wollte zunächst niemand die Verantwortung übernehmen. Der Deutsche Fußball-Bund erbittet sich nach der überraschenden Niederlage gegen Paraguay Zeit, das Ausscheiden aufzuarbeiten. Über personelle Konsequenzen werde später entschieden, hat DFB-Präsident Bernd Neuendorf angekündigt.
Für viele Fans wie Experten ist der Hauptschuldige an der Niederlage bereits ausgemacht: Bundestrainer Julian Nagelsmann. Im direkten Anschluss an das Spiel hat er einen Rücktritt abgelehnt. Doch sein patziger Auftritt im ZDF hat viele negative Kommentare auf sich gezogen. Der Druck auf den Bundestrainer dürfte in den nächsten Tagen zunehmen. Zumal er derzeit keine Fürsprecher zu haben scheint: Sowohl die Bild-Zeitung als auch der Podcast Rasenfunk – also die wohl gegensätzlichsten Pole der deutschen Sportberichterstattung – sehen keine Zukunft für den Bundestrainer.
Auch wenn der Wunsch, dass jemand Verantwortung für das Ausscheiden übernimmt, nachvollziehbar ist: Aus Sicht des DFB ergibt es Sinn, zunächst einmal die Fehler des Turniers zu analysieren. Manche Schwächen des deutschen Teams sind dem Bundestrainer anzukreiden – allerdings nicht alle. Wo lag der Bundestrainer falsch? Und in welchen Bereichen hat es dem deutschen Team schlicht an Qualität gefehlt? Ich liefere eine Übersicht der strittigen Punkte.
Hat Nagelsmann das richtige System gewählt?
Julian Nagelsmanns größter Triumph als Bundestrainer war das Abschneiden bei der EM 2024. Nicht einmal ein Jahr vor dem Heimturnier hatte er ein Team übernommen, das am Boden lag. Der Bundestrainer überredete Toni Kroos zum Comeback und plante sein taktisches System um den Spielmacher herum. Der Aufbau aus einem 3-1-5-1 brachte Kroos‘ Stärken perfekt zur Geltung und trug das Team durch das Turnier. Gegen Spanien waren die Deutschen näher an einem Sieg als jeder andere Gegner des späteren Europameisters.
Nach der Europameisterschaft und dem Rücktritt Kroos‘ gelang es Nagelsmann jedoch nicht, ein neues System zu etablieren. Er experimentierte viel, ließ in der Nations-League-Endrunde mit einer Fünferkette spielen und setzte in der WM-Qualifikation auf ein 4-2-3-1. Erst in den März-Länderspielen kristallisierte sich endgültig eine Stammformation heraus. Das neue System ähnelte dem der erfolgreichen EM stark – mit dem maßgeblichen Unterschied, dass Joshua Kimmich als Rechtsverteidiger den Dreier-Aufbau aufstockte und nicht mehr Sechser Kroos.
Das Problem: Bei der WM funktionierte das System spätestens ab dem zweiten Spieltag nicht mehr. Deutschland positionierte zwar viele Spieler im Zentrum und zwischen den gegnerischen Linien. Florian Wirtz, Jamal Musiala, Linksverteidiger Nathaniel Brown und der rechte Sechser Felix Nmecha: Sie alle forderten im zentralen Korridor den Ball. Doch sobald sie ihn bekamen, standen ihnen die Gegenspieler auf den Füßen. Das deutsche Team hatte mit der hohen Körperlichkeit der Gegner herbe Probleme.

Man könnte diese mangelnde Durchsetzungsfähigkeit auf die fehlende Qualität der Spieler schieben. Zu einem Teil stimmt dies: Den Deutschen mangelt es seit Jahren an Wucht und Widerstand gegen zweikampfstarke Verteidiger. Allerdings fiel diese Schwäche nicht vom Himmel. Nagelsmann hätte damit durchaus rechnen können.
Der Zentrumsfokus war auch aus anderer Sicht ein Problem: Wirtz und Musiala befanden sich während der WM in schwacher Form. Beide kommen – aus gänzlich unterschiedlichen Gründen – aus schwierigen Saisons. Der Fokus auf Aktionen durch das Zentrum warf ein zu grelles Scheinwerferlicht auf diese Spieler.
Hätte es andere Angriffsrouten gegeben?
Deutschlands System einzig auf das Zentrum zu reduzieren, greift zu kurz. Ja, das deutsche Team überlädt die Halbräume. Nicht immer soll dies dazu dienen, auch durch das Zentrum zu kombinieren. Gegen Paraguay nahmen die gegnerischen Außenstürmer Nmecha und Brown in Manndeckung, sobald sich diese in den Halbraum bewegten. Dadurch verteidigte Paraguay mit einer sehr engen Mittelfeldkette. Auf den Außen bot sich dadurch die Gelegenheit, gegen die gegnerischen Außenverteidiger in Eins-gegen-Eins-Situationen zu kommen.
Das gelang selten. Das lag zum einen an der langsamen Ballzirkulation, wie Nagelsmann nach dem Spiel im ZDF-Interview zurecht monierte. Ehe der Ball von einem Flügel zum anderen gespielt wurde, war die gegnerische Abwehr bereits nachgerückt.
Zum anderen konnten sich Deutschlands Außenstürmer nur selten durchsetzen, sobald es zu einer Eins-gegen-Eins-Situation kam. Hier findet sich der größte personelle Fehler von Nagelsmann: Seine Reaktivierung von Leroy Sané hat dem Team geschadet. Sanés Dribblingwerte waren katastrophal: Im Turnierverlauf setzte er sich nur bei zwei seiner 17 Dribblings durch. Genauso viele erfolgreiche Dribblings gelangen Nico Schlotterbeck (2/3) und Aleksandar Pavlovic (2/4). Von Sanés zehn Flanken fand eine einzige den Kopf eines Mitspielers.
Damit möchte ich gar nicht Sané kritisieren. Er hat sich insbesondere gegen den Ball stark bemüht und häufig in der ungewohnten Rolle eines Rechtsverteidigers einer Fünferkette agiert. Doch es war absolut abzusehen, dass der 30 Jahre alte Rechtsaußen diesem Turnier nicht gewachsen sein wird. Schon seine Saison bei Galatasaray verlief durchwachsen. 80 Millionen Bundestrainer hatten Nagelsmann von Sané abgeraten. Manchmal haben diese 80 Millionen Bundestrainer recht.
Gibt es mildernde Umstände für Nagelsmann?
Es ist immer leicht von außen zu fordern, dass ein Trainer ein anderes System probiert. Gegen Paraguay wäre eine traditionelle Lösung gewesen, den Flügel mit zwei Spielern zu besetzen. So hätte man hier häufiger eine Überzahl kreieren und qualitativ hochwertigere Flanken schlagen können.
Nur: Der deutsche Kader bot kaum Außenverteidiger, die dieses Profil erfüllen. Brown zieht von der linken Seite am liebsten in die Mitte. Als klassischer Linksverteidiger stand nur David Raum zur Verfügung. Nagelsmann wechselte ihn jedoch gegen Paraguay gar nicht erst ein. Auf der Rechtsverteidiger-Position hatte der Bundestrainer gänzlich darauf verzichtet, eine Alternative zu nominieren. Sicher: Nagelsmann hätte Ridle Baku oder Philipp Treu mitnehmen können. Es wäre allerdings Wunschdenken, dass beide Spieler die Dynamik der Partie massiv verändert hätten.
Nagelsmanns System war stets der Versuch, die Schwächen des deutschen Kaders zu kaschieren – und diese finden sich auf den Flügelpositionen. Die Rolle von Kimmich sollte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Er sollte als Rechtsverteidiger absichern und im Spielaufbau auf seiner geliebten halbrechten Seite aushelfen. Am Ende entpuppte sich dies als fauler Kompromiss. Allerdings war es keineswegs so, dass sich hier eine andere personelle Konstellation aufgedrängt hätte.
Die Verletzung gleich mehrerer Schlüsselspieler hemmte das deutsche Team zusätzlich. Lennart Karl hätte auf der rechten Seite viel Schwung gebracht. Nico Schlotterbeck spielte bis zu seiner Verletzung deutlich kreativere Pässe als Antonio Rüdiger. Und Serge Gnabry hätte als Zehner eine ganz andere Tiefe und Körperlichkeit mitgebracht als Wirtz oder Musiala.
Hätte Nagelsmann nicht andere Spieler nominieren können?
Nagelsmann musste viele schwere Entscheidungen treffen. Dass er mit Niclas Füllkrug einen Strafraumstürmer zu Hause gelassen hat, war angesichts dessen Saison verständlich. Bei den anderen Entscheidungen lag der Bundestrainer in der Retrospektive betrachtet falsch. Siehe die Causa Rechtsverteidiger: Weder Baku noch Treu hätten allzu viele Minuten bekommen. Allerdings hätte zumindest theoretisch die Möglichkeit bestanden, das eigene System zu hinterfragen.
Der größte Fehler war die Nichtnominierung eines Spielers, den viele Fans gefordert hatten: Said el Mala wäre zwar kein Startelf-Kandidat gewesen. Wenn man aber die schwachen Dribblingwerte der DFB-Elf betrachtet, kommt man nicht umhin zu denken: Hätte el Mala nicht in der 84. Minute gegen Paraguay eher ein erfolgreiches Dribbling hinbekommen als jeder nominierte DFB-Kicker?

Auch die Ausbootung von Matthias Ginter hat sich als Fehlentscheidung erwiesen. Spätestens ab der zweiten Halbzeit gegen Paraguay hat sich Deutschland auf Flanken und Standards versteift. Ginter entfacht bei Offensivstandards viel Gefahr. Seine Einwechslung hätte gegen Paraguay und auch gegen Ecuador mehr bewegt als jene von Malick Thiaw.
Aber hier gilt: Im Nachhinein weiß man immer alles besser. Keiner dieser Spieler hätte das Niveau der Startelf gehoben. Insofern ist die Kaderpolitik ein eher kleines Versäumnis im Vergleich zum kompletten Verzicht auf ein alternatives Spielsystem.
Lag Nagelsmann überhaupt mit irgendeiner Entscheidung richtig?
Befürworter von Deniz Undav können argumentieren, dass Nagelsmann ihn mit seiner Bankrolle demotiviert hat. Sein Einsatz gegen Ecuador und sein Startelf-Debüt gegen Paraguay unterstrichen jedoch, dass Undav gegen tiefstehende Gegner auf allerhöchstem Niveau überfordert ist. Nachdem der Stuttgarter nach seiner Einwechslung im Testspiel gegen Ghana im März das entscheidende Tor erzielt hatte, sagte Nagelsmann: „Das ist das Entscheidende, wenn der Gegner ein bisschen müde ist, dass er Aktionen nutzen kann.“ Damals wurde der Bundestrainer für diese Aussage viel gescholten. Die WM hat ihm hier recht gegeben.
Die zweite große Entscheidung, die massiv diskutiert wurde, war die Torhüterfrage. Manuel Neuer mag beim zweiten Gegentor gegen Ecuador nicht gänzlich souverän ausgesehen haben. Ansonsten konnte man dem Keeper jedoch keine Vorwürfe machen. Oliver Baumann hätte nicht mehr Bälle gehalten als der Weltmeister. Insofern mag die Entscheidung pro Neuer nicht zwingend notwendig gewesen sein. Mit dem Ausscheiden hatte sie jedoch nichts zu tun.
Hat Nagelsmann eine Zukunft beim DFB?
Ich persönlich halte Nagelsmann für einen ausgewiesenen Fachmann. Er hat bei der TSG Hoffenheim großartige Arbeit geleistet. Auch in Leipzig und vor der EM 2024 hat er in einem schwierigen Umfeld gute Ergebnisse erzielt. Bei den Bayern beging er einige Schnitzer, war aber auch das Opfer einer verfehlten Kaderpolitik.
Bei der aktuellen Weltmeisterschaft ist die Liste seiner Verfehlungen jedoch lang. Der Bundestrainer hat den Kader schlecht zusammengestellt. Sein anvisiertes System hat nie in Gänze funktioniert. Seine Einwechslungen halfen dem Spiel kaum. Dabei war das In-Game-Coaching in der Vergangenheit seine große Stärke. Dass er Kimmich gegen Paraguay nach 79 Minuten ins zentrale Mittelfeld beorderte, war ein Eingeständnis seines Scheiterns. Doch dieser Wechsel kam zu spät, um noch etwas zu bewirken.
Hinzu kommt seine verfehlte Kommunikationspolitik der vergangenen Monate. Schon in der Causa Undav machte Nagelsmann keine gute Figur – und das, obwohl er gerade mit dieser Entscheidung fachlich recht hatte. Doch seine Rhetorik wurde Nagelsmann als unnötig belehrend und besserwisserisch ausgelegt. Sein Unwille, nach der Niederlage gegen Paraguay die Schuld auf sich zu nehmen, entfremdete ihn noch weiter von den Fans. Kein Experte und kein größeres Sportmedium hat sich bislang klar für einen Verbleib von Nagelsmann ausgesprochen.
Am meisten Rückendeckung erhält Nagelsmann bisher von seinen Vorgesetzten. Rudi Völler möchte weiter mit ihm arbeiten, und auch Neuendorf verwies nur auf die Analyse des Turniers. Schon nach den vergangenen Weltmeisterschaften hatte der DFB das Thema Trainer einfach ausgesessen. 2018 tat man das Vorrunden-Aus unter Weltmeister-Trainer Joachim Löw als Unfall ab. 2022 verwies der DFB auf die unglückliche Natur des Ausscheidens und die eigentlich guten Leistungen unter Hansi Flick. Beide Male entpuppte sich das Festhalten am Trainer in der Retrospektive als Fehler: Unter Löw schied die DFB-Auswahl bei der EM 2021 früh aus. Flick verlor den Rückhalt seiner Spieler und wurde nicht einmal ein Jahr nach dem WM-Aus entlassen.
Zu der Lage, in der sich der DFB nach der WM befindet, gibt es ein passendes Sprichwort. Ein Charakter aus dem Film „Lucky Number Slevin“ zitiert es: Nennt dich ein Mensch einen Ochsen, ignoriere ihn. Nennt dich ein zweiter Mensch einen Ochsen, beleidige ihn zurück. Nennt dich ein dritter Mensch einen Ochsen, solltest du überlegen, in einen Stall zu ziehen. Die kommenden Tage werden zeigen, wie stur der DFB bleibt.
Das Titelbild zeigt Julian Nagelsmann. Lizenz: CC BY-SA 4.0.
Im Sturm der Entrüstung leuchtet der Leuchtturm der Objektivität, ich nennen ihn Tobias Escher, wieder hell. Danke für deine Analyse und deine Meinung.
Ich hatte gehofft, trotz aller offensichtlichen und verdeckten Schwächen, dass wir um den Titel mitspielen. Jetzt bin ich enttäuscht und das ist okay.
Freue mich auf die kommenden Monate und Jahre und, ob wir es schaffen werden, die Potenziale der talentierten Spieler zu einer erfolgreichen Mannschaft zu formen.
Schade, dass es keine Preview mehr geben wird. Können wir uns vielleicht eine neue Lieblingsmannschaft für das Turnier aussuchen, dessen Spiele du mit einer Vorschau begleitest? Ich bin für Norwegen, aus Sympathiegründen. Fachlich wäre Frankreich sehr spannend.
Hi Tommi und erst einmal vielen Dank für das viel zu große Lob! Was die Previews angeht: Ab dem Viertelfinale möchte ich für jede Partie einen Artikel in Form der Paraguay-Vorschau veröffentlichen. In dieser Woche steht noch alles unter dem Stern des Deutschland-Aus.
Danke für die Einordnung. Für mich sind gerade die Personalien Sané und Goretzka (mit Abstrichen Neuer) exklatante Fehlentscheidungen – zumal mit den schwachen Begründungen „weiß wie ich ihn kitzeln muss“ (Sané) und Kopfballstärke (Goretzka, statistisch falsch).
Dass Sané dann trotz unterirdischer offensiver Leistungen nicht ersetzt wird – und auch kein passendes Spielerprofil im Kader ist – macht mich immer noch fassungslos. Genauso wie Goretzkas Weigerung, den 6. Elfmeter zu schießen. Wenn du mit der Vita bei diesem Turnier dabei bist, dann musst du den Selbstanspruch haben, Verantwortung zu übernehmen … und genau DAS muss in den vielzitierten Rollengesprächen klar sein.
So haben wir wieder zwei Jahre verloren, in denen wir die nächsten Jahrgänge ranführen können. Es kann mir keiner sagen, dass der Mehrwert von Goretza, Groß oder Sané größer war, als wenn man hier einen Bischof, El Mala oder auch Kevin Schade mitgenommen und zu Einsatzminuten gebracht hätte.
Zum Glück stimmt mich der Blick auf die nachkommenden Jahrgänge optimistisch für die Nationalmannschaft – dafür muss man aber beim DFB jetzt die Weichen stellen und die Verantwortung übernehmen. Dieses „Ich mag Julian“ (Völler) und „Kenne ich von früher“ (Nagelsmann bei den Spielernominierungen) muss eine Ende haben.
Abschließend: Ich hätte nicht gedacht, dass mich das Ausscheiden so trifft, aber ich bin immer noch richtig sauer …
Nagelsmann ist zweifellos ein Fachmann, allerdings kommunikativ ein Desaster. Ich kann mir vorstellen, dass das auch nach innen zum Problem wurde und er nicht die Rückendeckung aller Spieler hat. Von außen betrachtet hat Deutschland auf mich schon vor dem Turnier ein Bisschen toxisch gewirkt. Die Undav-Kommunikationsmisere hast du erwähnt, aber mindestens genauso schwer wog für mich die Ausbootung von Baumann durch Neuer. Wozu das zwingend notwendig war habe ich bis heute nicht verstanden und auch das Turnier hat mir keinen Moment der Erhellung geliefert, in dem ich mir dachte, „okay, gut dass Neuer doch dabei ist.“ Stattdessen hat man sich hier ein weiteres Pulverfass aufgemacht.
Danke für deinen Kommentar. Zur Neuer-Thematik muss man aber fairerweise sagen: Wir können allenfalls mutmaßen, wie die Causa auf das Team gewirkt hat. Vielleicht fand es auch die Mehrheit der Spieler cool; es ist ja nicht so, dass besonders viele Hoffenheimer Spieler im Kader standen. Faktisch gesehen hatte Neuer mit dem Ausscheiden sehr wenig zu tun. Gegen Paraguay hält er, was er halten kann, und ist ja selbst im härtesten Moment des Elfmeterschießens da. Ich glaube, das Neuer-Thema war mehr ein mediales.
In die Liste der Verletzten muss man streng genommen auch Marc-André Ter Stegen aufnehmen, denn mit einem topfitten Ter Stegen wäre das ganze Drama um Baumann und Neuer niemals aufgekommen. Letztendlich war es auch ein verzweifelter Akt, den alternden Neuer, der längst nicht mehr als Weltklasse zu bezeichnen ist, zurückzuholen, nur um internationale Turniererfahrung auf dem Feld zu haben. Wenn man die Verletzten akzeptiert, ist es für mich aber davon abgesehen völlig unverständlich, dass man Leroy Sané vehement den formstarken Führich, El Mala, Schade vorgezogen hat, allein für diese Entscheidung muss man Nagelsmann eigentlich rauswerfen, das war ein Scheitern mit Ansage.
(gez.: ein Bayern-Fan, der verzweifelt 5 Jahre lang auf DEN Leroy Sané gewartet hat und ihn fast nie bekam)
Danke Tobi für deinen sachlichen und fundierten Kommentar. Einige „Experten“ gehen da ja aktuell ganz andere Wege..
Aus meiner Sicht sind wir wegen Nagelsmann Fehlern vielleicht eine Runde früher ausgestiegen, aber spätestens gegen Mannschaften wie Frankreich, Norwegen, Marokko etc. wäre so oder so Schluss gewesen.
Ich finde die Fehleranalyse kann sogar noch viel umfangreicher werden. Seit 10 Jahren bekommen wir mit unserem trägen Ballbesitzspiel mit Kurzpassspiel und dem oft nur zaghaften Gegenpressing bei großen Turnieren kein Bein auf den Boden.
Aber in der Bundesliga und den NLZs wird dieser Spielstil quasi als Nonplusultra gesehen und ein aktiver Spielstil hat ja auch Vorteile. Dennoch fehlt den deutschen Spielern aus meiner Sicht dadurch das kratzbürstige und die defensive Widersrandsfähigkeit. Man könnte auch radikal über einen defensivere, nicht so elegante Spielweise nachdenken, das scheint aber weiterhin keine Lobby zu haben und passt halt letzten Endes nicht zur Bundesliga.
Auch die Alternativen und den Nachwuchs sehe ich als nicht so stark an um jetzt nur durch neues Blut den Turnaround zu schaffen.
Er hätte bloß Kimmich weiter nach vorne rechts zu Sane schieben sollen. Sane hätte angedribbelt, aber abgebrochen mit Pass zurück auf Kimmich. Der mit seinen Halbfeldflanken rein und Tor. Ganz einfach!
+1. Kimmich als „echter“ AV rechts hätte die erste alternative Variante zur ursprünglichen Formation sein müssen. Ok, ist defensiv problematisch gegen top Flügel, aber das ist irrelevant gewesen in diesem Spiel eigentlichen generell in 80 Prozent aller Spiele von Deutschland. Fände ich auch für die Zukunft viel interessanter als Kimmich auf der 6.
Überhaupt, dieser sture und nicht mal gut ausgeführte Dreieraufbau war ein riesiges Problem. Schon gegen Ecuador nie die Kontrolle übers Spiel erhalten deshalb bzw. nie die richtigen Winkel gefunden. Und gegen Paraguay wars auch der falsche Ansatz bzw. eben auch sehr schlecht ausgespielt. Generell, Rüdiger halblinks geht gar, gar nicht. Habe Rüdiger links und Tah rechts nicht verstanden. Angesichts der Wichtigkeit von Schlotterbeck für den Aufbau fehlte da auch der Backup im Kader. Natürlich Pech, dass ausgerechnet er sich verletzt, aber der Backup-halblinke IV muss spielstark sein.
Lieber Tobias Escher, wunderbare Analyse. Danke
Wie sähe denn der Kern einer neuen Mannschaft aus, wenn man Wirtz als Fixpunkt nähme? Philipp Lahm hat jetzt kommentiert, der Liverpooler gehöre ins Zentrum hinter den Mittelstürmer Havertz. Mertesacker/Kramer sind sich einig, dass die Flügelbesetzung mit nur jeweils einem Spieler eines der Hauptprobleme war. Beim Tor war nun Wirtz Flankengeber und er war dabei nicht allein auf links.
ich fand es ja bis zum Paraguay-Spiel garnicht so verkehrt alles. Für die schwache Form seiner Spieler wie Pavlovic, Tah, ab dem 3.Spiel Nmecha, Musiala kann er halt nur bedingt was. Und alternativen sind eben auch kaum welche da. Das Paraguay-Spiel hat er aber von vorne bis hinten verkackt, hat alles was er gebetsmühlenartig manifestieren wollte umgeschmissen. Ausgerechnet da Undav starten zu lassen, gegen alle was er seit 4 monaten erzählt, wo es null sein spiel war und Musialas durchs zentrum durchwühlen sicher etwas hätte bringen können. Dann Kimmich in die Mitte und Anton soll dann Breite geben. Das hätte er entweder so ab spiel 3 umschmeißen müssen, oder halt garnicht. Und wie man dann in dem Spiel, wo man irgendwann nur noch auf Flanken fokussieren (muss), was ja eigentlich auch ganz gut funktioniert hat, da dann die einzigen beiden echten Flügelspieler Raum und Lewling 120min draußen zu lassen, das ist wahninn.
Und zu Neuer, war das evtl eben auch einfach der Versuch mehr Führung und Mentalität in den Kader zu bringen, weil das nun mal einfach sowas von komplett fehlt, was ja auch wieder deutlich sichtbar wurde und auch ein Hauptgrund ist. Nur ist Neuer halt alles, nur nicht das, der ist alt und erfahren, aber sonst auch nix. Im übrigen hätte ich mir von vornherein gewünscht man hätte Atobolu als 3.TW mitgenommen. Zum einen wird ein junger herangeführt, der perspektivisch ohnehin die Nr.1 werden sollte. Und zum anderen hätte man ihn klar zum Elfer-TW ernennen können und dafür einwechseln. Seine Qualitäten und seine Quote dort sind herausragend. Und die Gegner wären darauf wohl auch eher noch unvorbereitet. Und wenn sie drauf vorbereitet sind, dann haben sie die Buchse voll. Und die deutschen Spieler wissen wir haben da jemanden im Tor, der da einfach ein zwei Bälle rausholt. Und das Elferschießen am Ende eine große relevanz haben bei 5 Ko Runden…
Will den guten Punkt zu Atubolu noch einmal aufgreifen:
Ich kann nicht verstehen, warum man eine so gute Option als Elfmeterkiller nicht mitgenommen hat.
Erstens sind die Opportunitätskosten gering, da es eh sehr unwahrscheinlich ist, dass der dritte Torwart spielt.
Zweitens fällt Atubolu gegenüber den Alternativen nicht merklich ab und man hätte einem jungen Torwart noch Turniererfahrung gegeben.
So hatte man sich einer Waffe für den Fall des Elfmeterschießens unnötigerweise beraubt.
Gehe bei den angesprochenen Verfehlungen voll mit und möchte das schlechte Turnier-Management von Nagelsmann als weiteren, gewichtigen Punkt nennen. Ich habe nicht das Gefühl, dass das Team und v.a. auch Nagelsmann selbst gut auf die Herausforderungen dieses Turniers vorbereitet waren. Symptomatisch dafür fand ich das Elfmeterschiessen mit der spontanen Suche nach Schütze Nummer 6 im Mittelkreis (was auch verhinderte, dass Manuel Neuer in Frage kam…Neuer wäre die einzig logische Wahl gewesen. Dafür hätte sich sein Comeback ernsthaft ausbezahlt). Das muss viel besser vorbereitet sein, die Abläufe vollkommen klar, Schützen 1-11 definiert, technische Ausführung perfektioniert, usw. Wenn etwas so leicht Planbares so schlecht vorbereitet ist, will ich nicht wissen, wie das sonst ausgesehen hat…
Zum Bespiel der Weg im Turnier. War immer klar, dass man relativ schwierige Bedingungen haben (abgesehen vom Startspiel im klimatisierten Stadion). Anspielzeiten nachmittags im heissen Osten, bis zu vier Spiele in 14 Tagen (inkl. Achtelfinale). Teils Pech, aber wahrscheinlich auch nicht genügend vorbereitet. Wirklich frisch wirkte das Team jedenfalls nicht.
Dann hätten das Kader-Management und die Matchpläne besser darauf angepasst werden müssen. Gegen Ecuador hätte man meiner Meinung nach sowieso voll rotieren müssen. Diese Idee, dass sich die erste Elf in dieser Partie noch besser einspielt und plötzlich zündet, ist auf mehreren Ebenen so falsch. Erstens hat viel mehr generelle Qualität gefehlt als „noch einmal Einspielen“. So was muss man sich eingestehen während eines Turniers und das Team laufend neu erfinden, zumal bei dieser goldigen Ausgangslage mit garantiertem Gruppensieg nach zwei Spielen und anderseits dem fürs System unersetzbaren Ausfall von Schlotterbeck. Spätestens da hätte man auch Sané opfern müssen. Als Breite-/Tiefegeber rechts vorne im linkslastigen System fand ich ihn die beste Wahl und zurecht im Team, aber in allen anderen Situationen (gegen tiefen Block, etc.) darf er nicht auf dem Platz stehen. Ohne Schlotterbeck (und wegen defensiv gut eingestellter Gegner) war klar, dass das deutsche Spiel immer rechtslastiger würde.
Zweitens wäre mehr Eingespieltheit in diesem 3-1-5-1 spätestens gegen Frankreich sowieso obsolet gewesen, weil man da fast sicher mit einem veränderten Team bzw. Stabilitäts-/Konterfokus angetreten wäre. Also lieber gegen Ecuador rotieren, alle mal zum Zug kommen lassen, zumal die dann vielleicht eher bereit wären, wenn benötigt, und dann mit einem guten Matchplan gegen Paraguay die generelle Überlegenheit ausspielen. Das wiederum bedeutet, sie 120 Minuten clever zu bespielen, bei der Aufstellung Anfangsformation, aber v.a. auch Endformation im Blick haben und notfalls halt gut vorbereitet ins Elfmeterschiessen gehen…
Danke für die sachliche Analyse. Auch den Gedanken von Andreas stimme ich voll zu.
Ich möchte noch hinzufügen, dass das Auftreten von Nagelsmann und Staff am Spielfeldrand indiskutabel war. Dieses alberne, ständige diskutieren mit den Schiris, dem 4. , 5., und 6.ten Offiziellen…. Was soll das? Peinlich. Hat das jemals zu irgendwas geführt. Das habe ich so bei keinem anderen der Top Trainer gesehen.
Schaut euch die anderen Trainer an… Irgendwie stehen die doch nach aussen für was, haben einen Wiedererkennungswert. Yakin, Marsh, Montella, Pochettino, de la Fuente, Dalic, Queiroz, Martinez… von Anchelotti müssen wir erst gar nicht reden… Dagegen bleibt JN doch sehr blass…..
Und noch ein Punkt: Nagelsmann war ganz klar selbst nicht „in Shape“. Paar Kilo zugelegt würde ich sagen, hängende Schultern. Sorry… der Mann ist 38 und die Zeit da ein bißchen was zu tun, wäre ja wohl da gewesen. Denke an Löw, den Bizeps und seinen legendären blauen Pulli..😉
Ich will Nagelsmann etwas in Schutz nehmen. Weil ich Bodyshaming immer etwas anstrengend finde. Aber auch, weil er und ich so ziemlich dieselben Probleme teilen dürften. Der Bundestrainer und ich sind gleich alt. Nagelsmann ist seit zwanzig Jahren praktisch sportinvalide wegen seinem Knie – bei mir liegt es am Sprunggelenk. Bis vor ein, zwei Jahren habe ich mich immer halbwegs fit halten können trotz Schmerzen; nicht Sportler-fit, aber so, dass ich dünn blieb und halbwegs in Form war. Das ist in den letzten 18 Monaten komplett weggebrochen; Jogging kaum mehr möglich, Gewichtszunahme etc. Dabei ist eigentlich nix passiert, außer dass ich älter geworden bin. Ich merke gerade total, warum die Profis in meinem Alter alle ihre Schuhe an den Nagel hängen 😉 Dann noch etwas Stress oben drauf und man sieht plötzlich aus, wie Nagelsmann aussieht. Aber, ja, es kann schon sein, dass das bei den fitten jungen Spielern nicht sonderlich gut ankommt.