Südkoreas mögliche Formation bei der WM 2026
Die Sozialen Medien gelten nicht unbedingt als Ort der Nächstenliebe. Die koreanische Internet-Kultur hat den Ruf, besonders toxisch zu sein. Das zeigt sich auch im Umgang mit der eigenen Nationalmannschaft. „Der Trainer ist eine Vogelscheuche“, schreibt ein User bei YouTube. Ein anderer meint: „Hong Myung-Bo, bitte verschwinde!“ Das sind in der Wortwahl eher milde Kommentare. Kein Wunder: Sie stehen unter Videos des offiziellen YouTube-Kanal des koreanischen Verbands. Auch wenn dort Beleidigungen herausgefiltert werden, wissen die Moderatoren: Sie müssen wenigstens einige kritische Kommentare stehen lassen. Alles andere würde ihnen niemand abkaufen.
Ein YouTube-Kommentator fasst die Stimmungslage in Südkorea gut zusammen: „Wir lieben unsere Mannschaft, aber die Funktionäre und der Trainer müssen weg!“ Südkoreas Verband hat in den vergangenen Jahren Negativschlagzeilen geschrieben. Das begann bei der Wahl der Trainer. Präsident Chung Mong-gyu soll entgegen den Verbandsstatuten in beide Auswahlprozesse eingegriffen haben. So habe er Jürgen Klinsmann durchgedrückt und nach dessen Entlassung versucht, Hong Myung-Bo zu verhindern. Das behauptet eine Untersuchung des Sportministeriums. Chung setzt sich gegen diese Vorwürfe derzeit juristisch zur Wehr – bislang ohne Erfolg. Angesichts des wachsenden Drucks der Öffentlichkeit gab der Präsident bekannt, nach der WM von allen Ämtern zurückzutreten.
Auch Trainer Hong genießt in der koreanischen Öffentlichkeit nicht den besten Ruf. Als Spieler absolvierte er 136 Länderspiele. Als Trainer schied er jedoch mit Südkorea bei der WM 2014 als Gruppenletzter in der Vorrunde aus. Im Frühjahr belastete ein Interview seines portugiesischen Co-Trainers João Aroso den Ruf des Chefcoachs. Er sagte in portugiesischen Medien, Hong sei gar nicht zuständig für die Taktik des Teams. „Koreas Fußballverband hat einen koreanischen Trainer als Symbolfigur gesucht und einen europäischen Trainer für ein systematisches Training und die Matchvorbereitung“, wurde Aroso zitiert. Er bestritt im Nachhinein, diese Aussagen getätigt zu haben. Obwohl dies eine relativ normale Arbeitsteilung innerhalb eines Trainerteams darstellt, wird Hong von seinen Kritikern seitdem als „Marionette“ verspottet.
Die koreanischen Fans hätten Arosos Kommentare vielleicht milder aufgenommen, wären die Ergebnisse in den vergangenen Monaten besser ausgefallen. Die Qualifikation geriet zwar nie in Gefahr. Doch nach dem geglückten Gruppensieg stellte Südkoreas Trainerteam plötzlich die Formation um: Während die „Taegeuk Warriors“ ihre asiatischen Gegner im 4-2-3-1 empfingen, haben sie in den Testspielen während der Saison 2025/26 auf ein 5-2-3 gesetzt. In der neuen Formation kassierten sie empfindliche Niederlagen: Gegen Brasilien gab es eine 0:5-Schmach. Im März verlor die A-Elf gegen Österreich 0:1, während die B-Elf gegen die Elfenbeinküste eine 0:4-Klatsche kassierte. Dennoch scheint Südkoreas Trainerteam fest entschlossen, mit der neuen Formation ins Turnier zu gehen.

Wie funktioniert Südkoreas Fünferkette in der Praxis? Im Spiel gegen den Ball setzen die Südkoreaner auf ein variables Pressing. Bei Abstößen stören sie den Gegner früh. Dazu rückt die gesamte Elf aus der eigenen 5-2-3-Formation weit nach vorne. Hierbei ist vor allem die Rolle der Außenstürmer ungewöhnlich: Sobald Südkorea das Pressing auslöst, begibt sich ein Außenstürmer neben den Mittelstürmer ins Zentrum. Der Außenverteidiger dahinter rückt weit vor. Südkorea stellt so ein 4-4-2 her, um den Gegner früh zu stören. Im Mittelfeld und in der Abwehr agieren sie dabei mannorientiert. Teilweise findet man Abwehrchef Min-jae Kim weit im Mittelfeld.
Sobald das Pressing überspielt wurde, zieht sich Südkorea an den Mittelkreis zurück. Sie verteidigen fortan aus einem 5-2-3-Block heraus, wobei die Außenstürmer relativ weit vorne agieren. Südkorea sichert das Zentrum über ein kompaktes Fünfeck: Die beiden Sechser und die drei Angreifer halten den Raum äußerst kompakt. Der Gegner wird auf die Flügel gelockt. Im Anschluss verteidigt Südkorea in einem tiefen 5-4-1-Block.

Das Angriffs- und Mittelfeldpressing des Teams ist solide. Sie halten den Druck hoch und überzeugen durch ihr laufstarkes Mittelfeld. Je näher der Gegner an den südkoreanischen Strafraum gelangt, umso größer werden die Probleme: Die Abstimmung zwischen den Außen- und den Innenverteidigern ist kaum vorhanden. Brasilien, die Elfenbeinküste und auch Mexiko (2:2) spielten mit herrlicher Leichtigkeit Schnittstellenpässe zwischen Innen- und Außenverteidiger. Zudem wird die Formation am eigenen Strafraum enorm flach, wodurch der Gegner leicht in den Rückraum passen kann.

Manche dieser Schwächen lassen sich über die individuellen Probleme der Mannschaft erklären. Es fehlt schlicht an passenden Außenverteidigern für die Fünferkette. Südkorea steckt daher große Hoffnungen in Jens Castrop. Der Sohn einer südkoreanischen Mutter könnte als Linksverteidiger aushelfen, hat in der Nationalelf aber auch schon als Sechser gespielt. Auf beiden Positionen hebt seine Dynamik das Niveau des Teams.
Auf den Außenverteidiger- und Sechser-Positionen finden sich auch im Spiel mit dem Ball die größten Schwachstellen. Die Außenverteidiger dienen im südkoreanischen System einzig als Breitengeber. Die Außenstürmer können dadurch weit einrücken. Es entsteht auf dem Papier ein 3-2-5. In der Praxis sieht man dieses jedoch selten: Ein Sechser lässt sich mindestens in die Abwehr fallen, sodass sich ein 4-1-5 ergibt.
Die Zahlenreihe lässt es bereits erahnen: Südkorea hat wenig Präsenz im zentralen Mittelfeld. Einzig, wenn die Stürmer sich zurückfallen lassen, lässt sich das Übergangsspiel herstellen. Am stabilsten funktioniert dies, wenn der Mainzer Jae-sung Lee entgegenkommt. Doch selbst Heung-min Son sucht häufig den Anschluss an das Spiel und bewegt sich weit nach hinten. Dadurch mangelt es Südkorea manches Mal an Tiefe.
Es gibt jedoch auch Spielphasen, in denen kein Akteur entgegenkommt. Dann bleibt Südkorea nur der lange Ball. Hier darf man sie nicht unterschätzen: Das Klischee der körperlich schwachen und kleinen Koreaner gilt längst nicht mehr. Gerade zweite Bälle erobern die Koreaner relativ stabil.

Dennoch: In der Qualifikation zeigte Südkorea im 4-2-3-1 spielerisch stärkere Leistungen als im neuen 5-2-3. Kein Wunder: Diese Formation kann Südkorea deutlich offensiver besetzen. Kang-in Lee könnte auf der halbrechten Seite spielen, Hee-chan Hwang auf der halblinken und Jae-sung Lee käme als Zehner zum Einsatz. Aktuell sitzt Hwang meist auf der Bank, genauso wie ein anderer potenzieller Startelf-Kandidat: Hyeon-gyu Oh. Der Mittelstürmer kam in dieser Saison in der türkischen, der belgischen und der Europa League auf immerhin 18 Pflichtspiel-Tore. Mit seiner Geschwindigkeit und Bulligkeit wäre er der ideale Tiefensprinter des Teams. Allerdings ist die Sturmposition durch Son besetzt. Einzige Alternative wäre es, Son als Linksaußen einzusetzen; dann müsste jedoch der eigentlich nicht ersetzbare Jae-sung Lee auf die Bank. Wenn Südkorea tatsächlich auf eine Dreier-/Fünferkette setzt, wird es zwei prominente Bankdrücker geben. Vielleicht animiert dies das koreanische Trainerteam, dem 4-2-3-1 zumindest in den Gruppenspielen eine Chance zu geben.
Eigentlich spricht so manches für eine zumindest solide koreanische WM: Ihre Gruppe ist mit Mexiko, Südafrika und Tschechien nicht prominent besetzt. Viele Spieler befinden sich im besten Fußballalter. Jedoch verhindern die Fragezeichen hinter Trainer und Taktik eine bessere Wertung. Zudem saßen ihre großen Stars wie Kang-in Lee (PSG) und Min-jae Kim (Bayern) über weite Teile der Saison auf der Bank. Die Zuneigung ihrer koreanischen Fans genießen die Spieler trotzdem. Getreu dem Slogan: “Don’t hate the player, hate the game!”
Südkoreas Wahl einer Fünferkette überrascht. Um im Turnier vorzustoßen, muss das Trainerteam die nötige Flexibilität beweisen und die Superstars müssen performen.
GESAMTFAZIT
Moin Tobi, als ich mir Südkorea angeschaut habe ist mir aufgefallen, dass sich Spieler fallen lassen um Überzahlsituationen zu kreieren. Dabei mit vielen kurzen flachen Pässen den Gegner auszuspielen. Teilweise auch eine überladung auf einer Seite was dem relationismus ähnelt. Ich finde die Südkorea spannend, es fehlt aber an allgemeiner Qualität. In der Gruppe ist dennoch was möglich.
Da kommen noch einige Teams, die das stärker forcieren. Und spätestens Argentinien müsstest du unter diesen Gesichtspunkten lieben 😉