Die mögliche Formation der südafrikanischen Mannschaft
Teboho Mokoena hätte Südafrika beinahe die WM-Qualifikation gekostet. Beim 2:0-Sieg über Lesotho zeigte der Sechser zwar eine starke Leistung. Das Problem: Er hätte gar nicht auf dem Feld stehen dürfen. Da er am Spieltag zuvor seine zweite gelbe Karte kassiert hatte, war er eigentlich gesperrt. Offenbar entging dies Mokoena und dem gesamten südafrikanischen Trainerteam. Die Fifa sprach Lesotho am grünen Tisch einen 3:0-Sieg zu.
Angesichts dieses Punktabzugs stand Südafrikas Qualifikation plötzlich auf der Kippe. Die Entscheidung fiel erst am finalen Spieltag. Südafrika profitierte davon, dass Hauptkonkurrent Benin gegen Nigeria unter dem Druck zusammenbrach und 0:4 unterging. So konnte Südafrika allen Widrigkeiten zum Trotz die erste WM-Qualifikation seit der Heim-WM 2010 eintüten.
Es wäre schade gewesen, hätte Südafrika wegen dieses Malheurs die WM verpasst. Die Südafrikaner stellen die vielleicht spielstärkste afrikanische Elf dieser Weltmeisterschaft. Trainer Hugo Broos hat das Team in den vergangenen Jahren kontinuierlich verbessert. Der 74-Jährige hat bereits bekanntgegeben, nach der WM in Rente zu gehen. Vorher möchte er Südafrika zum ersten Mal in der Geschichte in die K.O.-Runde führen.
Die südafrikanische Nationalmannschaft rekrutiert sich praktisch ausschließlich aus Akteuren der beiden größten Klubs des Landes. Südafrikas Angreifer kicken vornehmlich für die Orlando Pirates. Der Mamelodi Sundowns FC stellt die meisten Verteidiger und die Doppelsechs. Die Sundowns sind das derzeit wohl beste Team Afrikas, wie zwei aufeinanderfolgende Siege in der Champions League belegen. Selbst die Mehrzahl der wenigen Legionäre im WM-Kader verfügen über eine Vergangenheit bei einem der beiden Klubs. So starteten Mbekezeli Mbokazi (Chicago Fire) und Lyle Forster (Burnley) ihre Karriere bei den Pirates.

Diese Homogenität sorgt dafür, dass die Südafrikaner eingespielter wirken als die meisten WM-Konkurrenten. Dies zeigt sich vor allem im Spielaufbau. Südafrika setzt auf eine 4-2-3-1-Formation. Hierbei wird das Spiel fast immer flach eröffnet: Die beiden Innenverteidiger suchen das Zusammenspiel mit der Doppelsechs. Der eingangs erwähnte Mokoena ist hierbei Dreh- und Angelpunkt des Spiels. (Vielleicht vergaß der Verband auch deshalb seine Sperre gegen Lesotho.)
Im Spielaufbau möchte Südafrika den Gegner locken. Die Außenverteidiger halten sich zunächst zurück. Sie bilden mit den Innenverteidigern und den Sechsern Dreiecke. Südafrika spielt diese Dreiecke im Aufbauspiel bewusst aus, wobei die Sechser immer wieder in die freien Räume auf den Flügel rücken. In guten Momenten wirkt der Aufbau flüssig wie bei einer Mittelklasse-Vereinsmannschaft aus Europa. Dafür sorgen auch die Offensivspieler. Die Außenstürmer und der Zehner kommen immer wieder dem Ball entgegen, um sich anspielbar zu machen.

So manch ein WM-Teilnehmer setzt mittlerweile auf einen flachen Aufbau. Südafrika unterscheidet sich vom Allerlei dieser WM durch ihre Durchbrüche: Das Passspiel in der eigenen Hälfte verkommt nie zum Selbstzweck, sondern dient einzig dazu, Freiräume im zweiten und letzten Drittel zu kreieren. Die Außenstürmer attackieren immer wieder die Tiefe. Sobald es möglich ist, spielt Mokoena den Diagonalball hinter die Abwehr. Auf diese Weise trägt Südafrika das eigene Ballbesitzspiel in die gegnerische Hälfte.
Das Toreschießen hingegen fällt der Mannschaft eher schwer. Das hat weniger taktische, denn vielmehr individuelle Gründe. Stürmer Forster befindet sich schon die gesamte Saison über in einem Formtief. In Burnley erzielte er in der Hinrunde gerade einmal ein Tor, ehe er in der Rückrunde auf die Bank verbannt wurde. Seine Durchbrüche braucht Südafrika aber, um das Ballbesitzspiel vor das Tor zu tragen. Die Außenstürmer sind zwar flinke Dribbler, aber nicht übermäßig groß gewachsen oder torgefährlich.
Fragezeichen ruft Zehner Relebohile Mofokeng hervor. Er hat bei den Pirates eine herausragende Saison gespielt. In der südafrikanischen Liga kürte er sich sowohl zum Top-Torschützen als auch zum besten Vorlagengeber. Seine Pässe hinter die Abwehr mit anschließenden eigenen Läufen in die Tiefe haben Klubs der Major League Soccer und sogar den FC Barcelona auf den Plan gerufen. Sein Trainer Broos scheint aber eher mit ihm zu fremdeln. Dabei wäre er für die Bafana Bafana ein wichtiges Puzzlestück. Broos kündigte vor der WM an, Mofokeng in seine Elf einzubauen.
Die südafrikanischen Schwachstellen finden sich vor allem in der Defensive. Gegen den Ball setzen sie auf eine Mischung aus 4-3-3 und 4-4-2. Beide Varianten führt Südafrika solide aus, allerdings ohne den allerhöchsten Druck zu erzeugen. Probleme bereitet vor allem die Endverteidigung: Südafrikas Viererkette tut sich schwer, bei gegnerischen Schnellangriffen direkte Duelle zu gewinnen. Im Africa-Cup-Achtelfinale stellte Broos daher auf ein 5-2-3 um. Auch die neue Formation stabilisierte die Elf defensiv kaum.

Hinzu kommt eine weitere Schwachstelle: Standards. Offensiv entfacht das Team kaum Gefahr nach Ecken oder Freistößen. Es scheitert häufig schon an der Genauigkeit der Hereingaben. Defensiv wiederum sind sie anfällig nach hohen Flanken. Interessanterweise kassieren sie die Gegentreffer selten direkt nach einer Freistoß- oder Eckballflanke. Vielmehr erobern sie zu selten den zweiten Ball. So manch ein Gegner hat die Unordnung der südafrikanischen Abwehr ausgenutzt, um nach der zweiten oder dritten Flanke zu treffen.
Die Ergebnisse um den Jahreswechsel unterstreichen, dass Südafrika nach Potenzial nach oben besitzt. Im Africa Cup scheiterte die Elf bereits im Achtelfinale an Kamerun (1:2). Im März konnten die Südafrikaner keines ihrer beiden Testspiele gegen Panama gewinnen (1:1 & 1:2). Selbst gegen Nicaragua holten sie vor der WM nur ein 0:0, wobei hier einige Schlüsselspieler fehlten.
Hoffnung machen die Talente, die sich vor allem in der Abwehr aufdrängen: Mbokazi hat sich bereits während des Africa Cups in der Viererkette festgespielt. Der 20 Jahre junge Innenverteidiger fällt durch seine Ruhe am Ball auf. Ime Okon (Hannover 96) stieß im März zur Nationalelf. Der 22-Jährige könnte mit Mbokazi das jüngste Innenverteidiger-Duo der WM bilden. Auch auf der Linksverteidiger-Position hat sich mit Samukele Kabini (22) ein weiteres Talent zum Stammspieler bei einem europäischen Klub gemausert. Er spielt für Molde FK. Broos hätte also durchaus Optionen für eine jüngere und schnellere Abwehrkette. Ob er sich traut, in der Defensive maßgeblich auf Talente zu setzen, ist eine andere Frage.
Südafrika hat aus der Not eine Tugend gemacht und schickt eine junge Elf ins Rennen. Ihr offensiver Stil gepaart mit defensiven Schwächen könnte zu Problemen führen.
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