Mexikos potentielle Formation bei der WM.
Stellen Sie sich vor, der FC Bayern München startet in die entscheidende Phase der Saison. Sie können nicht nur die Bundesliga gewinnen, sondern sind auch noch in der Champions League vertreten. Doch plötzlich verfügt der Bundestrainer, dass seine Spieler schon sechs Wochen vor Turnierstart bei der Nationalmannschaft antanzen müssen. Wer sich nicht fügt, wird für die Heim-WM nicht nominiert. Der FC Bayern muss die finalen Saisonspiele ohne seine Nationalspieler bestreiten.
Klingt unglaublich? Genau so verfuhr jedoch der mexikanische Nationalcoach Javier Aguirre. Er wollte sich alle Optionen offenhalten und zog Anfang Mai einen erweiterten Kader zusammen, um die heimischen Spieler vor der Ankunft der in Europa spielenden Stars zu testen. Bei Mexikos Vereinen sorgte seine Anordnung, ihre Nationalspieler in der heißen Phase der Saison abzugeben, für ziemlich viel Ärger. Bis zur letzten Sekunde war nicht klar, ob sich alle Klubs an die Abmachung halten. Der mexikanische Verband setzte seinen Spielern eine Frist. Journalisten gaben per Twitter Wasserstandsmeldungen ab, wer bereits im Trainingslager eingetroffen war und wer noch auf sich warten ließ. Am Ende erschienen alle nominierten Spieler pünktlich. Das führte zur kuriosen Situation, dass zwar zwei mexikanische Teams das Finale des Champions Cups bestritten, der nordamerikanischen Champions League – Deportivo Toluca trat aber nicht in Bestbesetzung an, da die Stars Alexis Vega und Jesús Gallardo zur WM reisen. (Trotzdem gewann Toluca nach Elfmeterschießen.)
Diese Episode zeigt, wie bedeutsam das 2026er-Turnier für den mexikanischen Fußball ist. Erstmals seit vierzig Jahren finden WM-Spiele auf mexikanischem Boden statt. Die ganze Nation hofft, endlich den Fluch der ‚Quinto Partido‘ zu besiegen. Dem Aberglauben zufolge scheitern die Mexikaner spätestens im vierten Spiel einer Weltmeisterschaft. 2026 stehen die Sterne gut. Mexiko geht nicht nur mit dem Heimbonus in das Turnier. Seit der WM 2022 haben sie sich zur klaren Nummer eins in Nord- und Mittelamerika aufgeschwungen. 2023 und 2025 gewannen die Mexikaner den Gold Cup, in letzterem Jahr kam noch der Triumph der Concacaf Nations League dazu. Doch sind sie auch stark genug, um der Konkurrenz von den anderen Kontinenten zu trotzen?
Es fällt gar nicht so leicht, die Formation der Mexikaner zu definieren. Auf dem Papier laufen sie in einer 4-3-3-Variante auf. In der Praxis sieht man diese Aufteilung nur selten. Mexiko definiert sich über eine stark asymmetrische Formation. Linksverteidiger Jesús Gallardo rückt auf dem Flügel weit auf, der jeweilige Linksaußen darf dafür einrücken.

Im Aufbau entsteht durch dieses Vorrücken eine Variante, die deutschen Fans nur allzu bekannt sein dürfte: Durch das weite Aufrücken Gallardos verbleibt eine Dreierkette in der Abwehr. Der Sechser bietet sich direkt vor der Abwehr an, sodass der Aufbau aus einer Raute geschieht. Manches Mal geht der Sechser auch auf eine äußere Position und ein Innenverteidiger rückt in den Sechserraum vor.
Entsprechend hat die mexikanische Mannschaft eine weitere Ähnlichkeit mit der deutschen Elf: Auch sie forciert Durchbrüche durch das Zentrum. Hier zeigt sich die ganze Flexibilität und Mobilität der wendigen Offensivspieler: Der eingerückte Linksaußen bietet sich genauso zwischen den Linien an wie die beiden Achter. Auch Stürmer Raúl Jiménez lässt sich häufig fallen. Mexiko hat durchgehend Präsenz in beiden Halbräumen und im Zentrum. Das Team möchte mit flachen Pässen und schnellen Kombinationen durch das Zentrum vorstoßen. Erst im letzten Drittel wird die Breite gesucht.

In guten Phasen ist das Spiel der Mexikaner wenig ausrechenbar. Sie kreieren immer wieder neue Strukturen auf dem Platz, die teilweise improvisiert wirken. Allerdings fehlt durch das häufige Entgegenkommen mehrerer Spieler manches Mal die Tiefe. Gerade gegen stärkere Gegner halten sich die Achter stärker zurück. Wenn dann auch noch Linksaußen und Stürmer entgegenkommen, startet kein einziger Akteur hinter die gegnerische Abwehr. Die Mexikaner verheddern sich gerne einmal mit ihrem Flachpassspiel im offensiven Mittelfeld. Das war vor allem in den vergangenen Monaten zu beobachten, als Sechser Edson Álvarez verletzt fehlte. Seinem Ersatzmann Érik Lira fehlte das Auge für den tödlichen Pass, auch wenn er defensiv ein gutes Auge erweist. Álvarez kehrt rechtzeitig zur WM zurück – allerdings ohne Spielpraxis. Im Testspiel gegen Australien kam er in der Innenverteidigung zum Einsatz, sodass Lira Sechser spielen konnte.
Das Toreschießen ist allgemein eine Schwachstelle der Mexikaner. In den vergangenen zehn Testspielen schossen sie nur acht Tore. Die fehlende Durchschlagskraft resultiert nicht nur aus der mangelnden Tiefe im Spiel, sie ist auch individueller Natur: Mexiko fehlt es an torgefährlichen Spielern. Dass Jimenez mit 35 Jahren noch immer unangefochtener Mittelstürmer Nummer eins ist, liegt auch an der schwachen Saison von Herausforderer Santiago Gimenez. Im vergangenen Sommer war Gimenez für 30 Millionen Euro zum AC Mailand gewechselt. Dort konnte er noch kein einziges Ligator schießen, auch weil er Teile der Saison nach einer Knöcheloperation verpasste.
Mexikos Hoffnungen bei der Heim-WM ruhen daher weniger auf der Offensive. Stattdessen möchte man mit der traditionell starken Defensive punkten. Unter Aguirre verschreiben sich die Mexikaner einer Mischung aus Raumdeckung und mannorientierten Phasen. Im hohen Pressing laufen sie den Gegner meist in einem 4-2-2-2 an. Danach nehmen die Mittelfeldspieler ihre Gegenspieler auf und verfolgen diese eng.

Auch das Defensivspiel kennzeichnet sich durch eine Asymmetrie. Der Rechtsaußen löst das hohe Pressing häufig aus. Im Anschluss lässt er sich aber weit fallen, gerade wenn er einen weit vorstoßenden Außenverteidiger verfolgt. So verteidigt Mexiko im tiefen Abwehrpressing häufig aus einer 5-4-1-Formation. Das 4-3-3 besteht eben nur auf dem Papier; sowohl mit als auch gegen den Ball sieht man häufig Mechanismen einer klassischen Mischung aus Fünfer- und Dreierkette.
In guten Phasen kann Mexiko dem Gegner ein intensives, zweikampfreiches Spiel aufzwingen. Besonders die Mittelfeldspieler verfolgen ihre Gegenspieler resolut. Manches Mal geht dadurch die Kompaktheit verloren. Die Tage, als Mexiko bei der WM 2018 Deutschland durch eine herausragende Organisation zum Verzweifeln brachte, scheinen vorbei. Gerade, wenn der Gegner die Mexikaner an den eigenen Strafraum zurückdrängt, zeigen sich die individuellen Schwächen in der Abwehrkette.
Das spiegelt sich auch in den Ergebnissen vor der Weltmeisterschaft wider. Mexiko testete bewusst gegen starke Nationen aus anderen Kontinentalverbänden. Die Ergebnisse fielen durchwachsen aus: Nur sechs Spiele gewann Mexiko, acht Partien gingen verloren, zehnmal endeten die Spiele Remis. Vor allem die Bilanz gegen südamerikanische Teams liest sich vernichtend: ein Sieg, zwei Unentschieden, sechs Niederlagen.
Die Auslosung hat Mexiko vor einem südamerikanischen Gegner bewahrt. Mit Südafrika, Südkorea und Tschechien treffen die Mexikaner nicht auf die Top-Teams der anderen Kontinentalverbände. Doch sie müssen zunächst einmal beweisen, dass sie mehr sind als die dominierende Nation des Concacaf-Verbands. In der unberechenbaren Gruppe A ist jedes Ergebnis möglich. Zumindest eine Ausrede kann der Verband nicht gelten machen: zu wenig Vorbereitungszeit. Wer weiß, vielleicht mussten die mexikanischen Nationalspieler erst ihre Vereinskarriere opfern, um den Fluch der ‚Quinto Partido‘ zu brechen.
Mexiko schickt wie immer eine quirlige Mannschaft ins Turnier. Der Heimbonus muss die schwächelnde Offensive durch das Turnier tragen.
GESAMTFAZIT
Langzeit Leser, vor allem von deinen Werder Bremen Analysen, erster Kommentar. Als Mexikaner gehe ich leicht optimistisch ins Turnier, vor allem wegen der jungen Mittelfeldtalente Gilberto Mora und Brian Gutiérrez und wegen unserer starken Abwehr. 2022 war der Mangel eines torgefährlichen Spielers der Genickbruch dieser Mannschaft. Damals war Raúl Jiménez immer noch komplett außer Form. Es war ein kleiner Skandal das der noch bei Feyenoord unter Arne Slot gut aufspielende Santiago Giménez nicht mitfahren durfte. Heute kann sich Giménez glücklich schätzen, dass er mitkommt da die Konkurrenz mit Spielern wie Armando González (Torschützenkönig in der heimischen Liga MX) und auch Julián Quiñones (Torschützenkönig in der Saudi Pro League und aktueller Teamkollege von Julian Weigl) gewachsen ist. Das Raúl Jiménez trotz seiner 35 Jahre der unangefochtene Stammstürmer ist liegt meines Erachtens nicht nur an seinen Fähigkeiten im Spielaufbau, sondern auch das er sich alleine Chancen erarbeiten kann und daran das er für den ein oder anderen magischen Moment, wie seine Freistoßtore in Gold Cup und Nations League, immer noch gut ist. Er ist die Säule des mangelnden Angriffs seit Aguirre wieder Trainer ist und ein Anführer auf dem Platz. Dafür konnte Quiñones im Nationalmannschaftstrikot bis jetzt nicht ganz überzeugen, der junge Volksheld González ist noch zu unerfahren. Du beschreibst die Spielweise Mexikos in guten Phasen als unausrechenbar. Das Gleiche würde ich über Javier Aguirre als Trainer auch sagen. Er hat keine Angst vor Rotation und ist für den ein oder anderen Geistesblitz, wie ein 4-4-2 mit Doppelspitze bei der letzten Nations League, zu haben. Bin sehr gespannt auf die 11 die Aguirre in 10 Tagen gegen Südafrika auf Feld schickt.
Es freut mich, dass gleich unter dem ersten Artikel so ein inhaltsreicher Kommentar kommt! Vielen herzlichen Dank. Ich muss gestehen, dass ich von den Talenten aus der mexikanischen Liga nicht viel mehr weiß, als was ich im Zuge der Recherche bei der Nationalmannschaft gesehen habe. Gonzalez ist auf jeden Fall ein interessanter Mann, aber ich kenne ihn kaum. Auf Aguirre kann ich mir auch noch keinen Reim machen. Ich bin aber durchaus gespannt, was Mexiko zustandebringt. Ich mag diese ständigen Überladungen des Zehnerraums (auch wenn ihnen ein Tiefensprinter gut täte).
Oh, ja! Der einzige nominelle Tiefensprinter im Kader ist César Huerta der von einer verletzungsbedingt gebrauchten Saison bei Anderlecht kommt. Gerade deswegen verlässt man sich so auf die Tiefgänge von Gallardo als linker AV (der, wenn ich mich richtig erinnere, am Anfang seiner Karriere auch linker Flügel gespielt hat).
Kurioserweise produziert die mexikanische Liga in letzter Zeit vor allem talentierte 8er und 10er. Mehrere Kandidaten (wie etwa Marcel Ruíz von Toluca, Érick Sánchez von América oder Elías Montiel von Pachuca) mussten wegen der Menge an guten Optionen zu Hause bleiben. Gilberto Mora ist das Paradebeispiel und auf jeden Fall der mexikanische Player to Watch. Bin sehr gespannt auf die möglichen Kombinationen zwischen ihm und Brian Gutiérrez, der spät dazukam aber sich sofort als möglicher Startelfkandidat herauskristallisiert hat.
Und danke dir für deine Artikel! Freue mich auf die restlichen Vorschauen.
Moin Ehli und Tobi, ich halte ebenfalls sehr viel von Gilberto Mofa. Ich habe ihn aufgrund der dankbaren Gruppe als James Rodriguez für die WM 26 gekürt, Tobi meint aber er komme aus Paraguay. Schau dir bitte nochmal Mora an, du wirst ihn lieben!
Da bin ich sehr gespannt! Ich habe noch nicht so viel gesehen von ihm.
Mexiko spielt, vorausgesetzt sie werden Gruppensieger, 4 der ersten 5 Spiele, also bis in ein potentielles Achtelfinale hinein, im Aztekenstadion auf 2.240 Meter Höhe. Das ist jetzt noch nicht die bolivianische Höhe von La Paz (knapp 4 km), von der Bolivien in Heimspielen traditionell extrem profitiert, aber schon auf 2.200 Metern macht sich der geringere Luftdruck bemerkbar, als der menschliche Körper 25% weniger Sauerstoff aufnimmt. Ein wichtiger Faktor, der die lange Vorbereitung der Mexikaner erklärt.
Gruppengegner Tschechien wird im Unterschied zu Südafrika und Südkorea kein Höhentraining absolvieren. Gleiches trifft auf potentielle Gegner in den K.O.-Spielen zu. Man sollte diesen Faktor weder über-, noch unterbewerten, ich persönlich könnte mir aber vorstellen, dass die Höhe im Aggregat mit dem allgemeinen Heimvorteil und den vielleicht leidenschaftlichsten Fußballfans auf diesem Planeten im Rücken reichen wird, um wie bei der Heim-WM 86 ins VF einzuziehen, und ja, das würde bedeuten, dass man im AF wahrscheinlich England aus dem Weg räumen müsste.
Die letzte Heimniederlage Mexikos im Aztekenstadion liegt bereits 13 Jahre zurück.
Mehr zur Höhenthematik im Artikel „Mexico City’s altitude poses a key challenge for teams at the 2026 World Cup“ von der Associated Press (AP)
Danke für die Analyse und schöne Grüße
Danke dir für die kluge Ergänzung! Ich habe bei allen Vorschauen etwas die Umstände mit Reisen und Stadien ausgeblendet. Japan oder Niederlande etwa müssen im Turnierverlauf extrem große Strecken zurücklegen, sollten sie weiterkommen. Da gibt es aber sehr viele „Was wäre wenn“-Faktoren. Umso besser, dass du dies Facette der Analyse hinzugefügt hast!
Ein kleiner Hinweis: England hat zwar kein Höhentrainingslager veranstaltet, aber das Basecamp extra nach Florida verlegt, damit sie unter extremen klimatischen Bedingungen trainieren können. Ihre KO-Phase würde sie als Gruppensieger nach Miami und Mexico City führen. Es gibt also Teams, die das in ihrer Vorbereitung bedenken.
Ja, die Teams haben das durchaus bedacht, auch das tschechische, nur war ein Höhentrainingslager laut Trainer Miroslav Koubek aus logistischen und organisatorischen Gründen nicht möglich. Ich möchte noch auf einen anderen Aspekt, den die Höhe mit sich bringt, hinweisen, und zwar die Ballphysik. „Across typical pass and shot velocities, the ball in Mexico City in 1986 traveled on average about 7.3% farther than it would at sea level under comparable conditions. That 7.3% is your CRAP (Coefficient of Reduction in Aerodynamic Performance) in practical terms: less air resistance, longer flight, slightly flatter trajectory. If a long diagonal ball usually drops at 45 meters at sea level, in Azteca air it might carry 48–49 meters. Not exactly low-key.“ zitiert aus dem sehr lesenswerten Artikel „Mexico City Sea Level Debate: Was the 1986 World Cup Fair?“ von Football DH Gate. Da wäre dann wirklich mal eine Einschätzung der Spieler vor Ort interessant, inwieweit sich das auf Ballgefühl und lange Pässe auswirkt. Übrigens hat Mexiko vor ein paar Tagen ein Testspiel in der Höhe von Toluca (2.660 m) gegen Serbien B absolviert und 5-1 gewonnen. Insbesondere in der Schlussviertelstunde soll Serbien die Puste ausgegangen sein laut einem Bericht von The Chosun Daily. Gruß
Interessanter Beitrag! Im Artikel steht, dass Südkorea auch schon seit dem 18. Mai in der Höhe von Salt Lake City verweilt. Haben die auch die Spieler frühzeitig abstellen lassen?
Und noch eine Frage: im (individuellen) Höhentraining setzt man ja mittlerweile darauf in der Höhe zu schlafen und in der Tiefe zu trainieren. Dadurch sind intensivere Einheiten möglich. Die Logistik und das veränderte Verhalten des Balles sind Argumente dagegen, aber wenn die Vorbereitung lang genug ist (wie zumindest bei MExiko und Südkorea), müsste das ja eine Überlegung wert sein, um noch ein, zwei Prozent heruaszukitzeln. Wisst ihr, ob das so praktiziert wurde?
Die koreanische Liga pausiert seit dem 17. Mai, also scheint es genau damit zu korrelieren. Anders als bei Mexiko gab es da anscheinend keinen Ärger. Die Spieler aus Europa sind auf jeden Fall erst später angereist.
Und was das Höhentraining angeht: Zumindest auf den Videos auf dem offiziellen YouTube-Kanal des koreanischen Verbands (KFATV) trainieren die Spieler an der University of Utah. Die liegt auf knapp 1500 Meter Höhe. Also scheint es da tatsächlich um eine Gewöhnung an die Höhe gegangen zu sein und weniger um die konditionellen Vorteile.