Tschechiens mögliche Aufstellung bei der WM 2026
22 Jahre ist es nun her, seit Rudi Völler zu seiner berüchtigten Wutrede nach Deutschlands 0:0-Unentschieden gegen Island ansetzte. Seine Analyse, es gäbe „keine Kleinen“ mehr im Weltfußball, mauserte sich zur allseits bekannten Fußballweisheit. Im Oktober 2025 musste nun auch Tschechien feststellen, dass ein Funken Wahrheit in Völlers Worten steckt: Während der WM-Qualifikation verloren sie mit 1:2 gegen die Färöer-Inseln. Der tschechische Verband ließ nicht als Ausrede gelten, dass Fußballzwerge laut Völler längst ausgestorben seien. Nationaltrainer Ivan Hasek musste zurücktreten. Zudem nahm der Verband Kapitän Tomáš Souček die Binde weg, nachdem er sich nicht bei den Fans in der Kurve bedankt hatte.
Erst am letzten Spieltag sicherte sich Tschechien das Ticket für die WM-Playoffs. Dort setzten die Tschechen voll auf Erfahrung: Der 74-Jährige Miroslav Koubek übernahm das Traineramt. Er überzeugte den mittlerweile 35 Jahre alten Vladimír Darida, seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft noch einmal zu überdenken. In den Playoffs führten die beiden Fußballgreise Tschechien zu Siegen über Irland und Dänemark. Beide Partien gewannen die Tschechen im Elfmeterschießen. Der Europameister von 1976 darf damit erstmals seit 2006 wieder zu einer Weltmeisterschaft reisen.
Die rumpelige Qualifikation sowie die verzweifelte Darida-Rückkehr deuten bereits an: Tschechien fliegt nicht mit breiter Brust nach Nordamerika. Tatsächlich hat sich die Mannschaft seit dem Vorrunden-Aus bei der EM 2024 eher zurück- als weiterentwickelt. In der schwach besetzten Gruppe A können sie dennoch auf ein Weiterkommen hoffen – auch weil sie eine Stärke besitzen, die ihren Gruppengegnern nicht behagt.

Veteran Koubek weiß bereits, wie es ist, einen Posten bei der Nationalmannschaft zu bekleiden. Zwischen 2016 und 2018 diente er als Co-Trainer unter Karel Jarolim. In seinem ersten Spiel als Cheftrainer im März 2026 ging es bereits um alles. Koubek verabschiedete sich von der Viererkette, die sein Vorgänger spielen ließ. Gegen Irland und Dänemark setzte Tschechien auf eine 5-2-3-Formation.
Die Verteidigung der Tschechen setzt nicht in erster Linie auf Kompaktheit, sondern auf Intensität. Die Tschechen bauen auf eine Mischung aus raumorientiertem Verschieben und Mannorientierungen. Vor allem im zentralen Mittelfeld verfolgen die Tschechen ihre Gegenspieler eng. Aber auch die Verteidiger springen immer wieder aus der Abwehrkette, um den direkten Gegenspieler zu jagen. Das passt vor allem zum Naturell des frisch gekürten Kapitän Ladislav Krejčí.

Häufig fehlt den Tschechen aber die Intensität, um mit diesen Mannorientierungen den Gegner wirklich zu stressen. Immer wieder tun sich Lücken im zentralen Mittelfeld auf, die der Gegner recht simpel bespielen kann. Irland und Dänemark schafften es, die Mittelfeldspieler der Tschechen weit auf die Seite zu locken. Von dort konnten die Gegner das Spielgeschehen über das Zentrum in den Strafraum tragen.
Am eigenen Strafraum wird die Formation der Tschechen ziemlich flach. Die Mittelfeldspieler stehen sehr tief. In beiden Partien gab es Phasen, in denen sich Tschechien über lange Zeit am eigenen Strafraum einigelte. Immerhin: Die tschechischen Abwehrspieler sind derart kopfballstark, dass sie Flanken des Gegners meist herausköpfen.
Offensiv ist das tschechische Spiel auf Flügelangriffe zugeschnitten. In den Playoffs verblieb Darida im Aufbau meist vor der Abwehr, während der andere Sechser nach vorne schob. Er ging entweder zentral neben Patrik Schick oder aber er schuf eine Überzahl auf einem Flügel. Das tschechische Aufbauspiel fokussiert sich auf direkte Durchbrüche: Die Überzahl an der letzten Linie soll mit langen Bällen oder mit kurzen Kombinationen über die Seiten ausgespielt werden. Aus Taktiknerd-Sicht gibt es allenfalls für die Rolle der Innenverteidiger Bonuspunkte. Krejčí stößt gerne ins Mittelfeld vor oder dribbelt mit dem Ball weite Strecken. Das wird aber kaum von seinen Kollegen aufgegriffen.
Fans des gepflegten Kombinationsfußballs kommen nicht auf ihre Kosten. Eigentlich besteht Tschechiens Offensivspiel fast nur aus langen Bällen und Flanken. Gegen Irland lag Tschechien nach 30 Minuten 1:2 zurück. In den folgenden 60 Minuten schlugen sie fast 40 Hereingaben, von denen kaum eine Torgefahr brachte. Erst wenige Minuten vor Abpfiff erzielten sie den Ausgleich. Auch gegen Dänemark schlugen sie fast zwanzig Flanken – ein extrem hoher Wert, wenn man bedenkt, dass ihr Ballbesitzwert bei 23 Prozent (!) lag.

Tore aus dem Spiel heraus sind bei den Tschechen ohnehin eine Seltenheit. Sie verfügen über eine andere Stärke: Standards. Kein anderes europäisches Team hat während der Qualifikation mehr Tore nach Ecken und Freistößen erzielt. Ihre vier Tore in den Playoffs fielen allesamt nach ruhenden Bällen: Gegen Irland traf Tschechien per (zweifelhaftem) Elfmeter und nach einer Freistoß-Flanke nahe der Eckfahne. Gegen Dänemark waren sie nach einem Eckstoß und einem Einwurf erfolgreich. Mit Hoffenheims Vladimír Coufal verfügt Tschechien über einen exzellenten Flankengeber.
Hoffnungen auf eine starke WM schürt ein anderer Bundesliga-Star: Patrik Schick befand sich in der Schlussphase der Saison in herausragender Form. Für Bayer Leverkusen erzielte er an den letzten acht Spieltagen neun Treffer. Als Fixpunkt für lange Bälle und Abnehmer von Flanken dürfte seine Form über Tschechiens Chancen bei der WM entscheiden.
Eine weitere Stärke besteht zumindest auf dem Papier: Schick zählt zu den stärksten Konterstürmern des Turniers. Er weiß genau, wann er sich zurückfallen lassen muss und wann er hinter die gegnerische Abwehr starten sollte. In der Nationalelf spielt Pavel Sulc an seiner Seite. Er verfügt über Tempo im Umschaltspiel und das Auge für den tödlichen Pass. Eventuell könnte diese Kombination fruchten. Das ist aber Zukunftsmusik: Bislang überzeugte Tschechien nicht mit schnellem Konterfußball.
Man muss sich stets bewusst machen: Diese tschechische Elf hat die Qualifikation nur mit Ach und Krach gemeistert. Beide Playoff-Spiele gewannen sie nach Elfmeterschießen. Bei den Expected-Goals-Werten lag der Gegner jeweils vorne. In der gesamten Qualifikationsphase fuhren sie nur gegen Gibraltar, Montenegro und die Färöer-Inseln Siege ein – und selbst gegen Letztere nur einen. Entsprechend kassiert Tschechien von mir die schwächste Sternebewertung aller europäischen Teilnehmer und auch aller Nationen in der Gruppe A.
Das muss nicht bedeuten, dass sie auch am schwächsten abschneiden. Die Sternebewertungen beziehen sich auf das Leistungsvermögen eines Teams, wenn man alle Facetten zusammenfügt. Tschechien hat jedoch sehr spezielle Stärken, die im Turnierfußball wichtiger sind als im Vereinsfußball. Kurz gesagt: Alles, was zwischen den Strafräumen passiert, ist Mist – alles, was darin passiert, ist top – inklusive Standards. Das passt gut zu einer Gruppe, in der sämtliche Gegner mit ruhenden Bällen hadern. Wer weiß: Vielleicht erspielt sich Tschechien in der Gruppenphase das Selbstvertrauen, um im Turnier überraschend weit vorzustoßen. Es wäre ein weiterer Beweis, dass es im Fußball keine Kleinen mehr gibt – nur, dass diesmal die Tschechen die Kleinen sind.
Tschechien ist spielerisch eine Zumutung und steht auch defensiv auf wackeligen Beinen. Doch ihr brachialer Stil könnte in Verbindung mit den Standards für eine Überraschung gut sein.
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