Tunesiens mögliche Formation bei der Weltmeisterschaft 2026
Der Africa Cup war für jede WM-Vorschau Segen und Fluch zugleich. Einerseits bot das Turnier die Chance, die afrikanischen Nationen in Pflichtspielen zu bestaunen. Hieraus lassen sich mehr Rückschlüsse ziehen als aus Testspielen – etwa auf die Frage, wie die Spieler mit Rückschlägen umgehen. Auf der anderen Seite wirbelte das Turnier so manchen WM-Teilnehmer durcheinander. Nicht bei jedem WM-Fahrer sitzt im Sommer derselbe Trainer an der Seitenlinie wie im Winter. Manche tauschten sogar binnen eines halben Jahres wichtige Spieler aus.
Und damit herzlich willkommen zur Vorschau auf eine Nation, für die sich praktisch nichts voraussagen lässt. Tunesien hat beim Africa Cup enttäuscht: Obwohl sie im Turnierverlauf auf keinen einzigen WM-Teilnehmer trafen, konnten sie nur eine ihrer vier Partien gewinnen. Im Achtelfinale scheiterten die Nordafrikaner im Elfmeterschießen an Mali – und das, obwohl sie 94 Minuten lang in Überzahl agiert hatten. Trainer Sami Trabelsi musste seinen Hut nehmen.
Sein Nachfolger Sabri Lamouchi hatte nicht viele Gelegenheiten, mit seinen Spielern zu arbeiten. Seit seinem Amtsantritt hat Tunesien gerade einmal drei Spiele bestritten. Im März-Länderspielfenster musste der neue Trainer gegen Haiti (1:0) und Kanada (0:0) ohne Offensivstar Hannibal Mejbri auskommen. Zudem fehlten weitere Stammspieler verletzt. Das vorletzte Testspiel vor der WM gegen Österreich (0:1) lieferte zwar etwas mehr Erkenntnisse. Doch noch immer ist nicht klar, wie genau Tunesien bei der WM spielen wird.
Rückblick: Beim Africa Cup zeigten die Adler von Karthago ein wenig überzeugendes Gesicht. Das Team setzte auf eine 4-1-4-1-Formation. Gegen den Ball verteidigten sie im typischen Stil einer nordafrikanischen Mannschaft: Die Spieler postierten sich in einem eher tiefen Block, schossen aber immer wieder dynamisch heraus. So hielt Tunesien besonders um den Mittelkreis herum den Druck hoch. Ellyes Skhiri war als Sechser dafür zuständig, das Vorrücken der Außenverteidiger und Achter auszubalancieren. Diese Defensive war ihr Steckenpferd. So hatten sie in den zehn Qualifikationsspielen zur WM kein einziges Gegentor kassiert.
Im Ballbesitz formte sich das System zu einem 3-2-5 um. Skhiri ließ sich dazu etwas fallen, während die Außenverteidiger nach vorne schoben. Tunesien versuchte, die einrückenden Außenstürmer ins Spiel zu bringen. Sie sollten die Lücke in der gegnerischen Abwehr finden. Es war ein schnörkelloses, aber auch wenig ambitioniertes Spielsystem. Tunesiens Spiel fußte ganz auf der eigenen Laufstärke. In allen Spielphasen stand die defensive Stabilität im Vordergrund. Beim Africa Cup zerschellte diese Spielweise an den physisch überlegenen Gegnern. Nigeria ließ das tunesische Mittelfeldpressing beim 3:2-Erfolg einfach an sich abprallen; zwischenzeitlich führte das Team um Victor Osimhen hochverdient mit 3:0.
Lamouchi hat die tunesische Nationalmannschaft seit dem Africa Cup merklich verjüngt. Talente wie Rayan Elloumi (18) und Khalil Ayari (21) feierten ihr Debüt. Zugleich entschied sich der neue Coach, Ferjani Sassi nicht mit zur WM zu nehmen. Der 34-Jährige bekleidete noch beim Africa Cup das Kapitänsamt. Der für deutsche Fans prominenteste Neuzugang ist ein anderer: Rani Khedira läuft seit März für das Land seiner Vorfahren auf.
Khedira hat sich bereits in seinen wenigen Auftritten als Schlüsselspieler herauskristallisiert. Trainer Lamouchi hat das Spielsystem im Vergleich zu seinem Vorgänger verändert: Tunesien setzt nun auf ein 4-2-3-1, wobei es gegen den Ball zu einem 4-4-2 wird. Die Abwehr steht merklich höher als in der Vergangenheit. Tunesien möchte noch kompakter verteidigen und um den Mittelkreis noch mehr Druck entfachen. Fans von Union Berlin wissen, dass Khedira dafür genau der richtige Mann ist: Er rückt immer wieder aggressiv heraus und wirft sich in jeden Zweikampf. Skhiri agiert dahinter in einer etwas abwartenden Rolle.

Unter dem neuen Trainer fokussiert Tunesien diese Ballgewinne stärker. Im Anschluss soll das Spiel schnell gemacht werden: Der Mittelstürmer und die beiden Außenstürmer sprinten hinter die letzte Linie des Gegners. Tunesien möchte den Ball nicht sichern, sondern sucht direkt die Tiefe. Das hat vor allem gegen Haiti gut funktioniert.
Allerdings legten die Testspiele die Grenzen dieses Ansatzes offen. Tunesien kann das hohe Mittelfeldpressing nicht über neunzig Minuten aufrechterhalten. Schon in den ersten 45 Minuten zogen sie sich Stück für Stück weiter zurück, bis sie irgendwann in einem tiefen 4-4-2-Block angekommen waren. Dabei lassen sich die Außenstürmer häufig so weit fallen, dass sogar ein 6-2-2 entsteht. Dieser tiefe Block ist für den Gegner schwer zu bespielen. Zugleich lassen die Tunesier immer wieder Lücken: Häufig stürzen sich die Spieler etwas zu voreilig in die Zweikämpfe.

Vom Ballbesitzspiel war in diesen Begegnungen wenig zu sehen. Einzig nach der Roten Karte gegen Österreichs Konrad Laimer gab es längere Passagen, in denen Tunesien mehr als 35% Spielanteile sammelte. Hier durften die Zuschauer einen asymmetrischen Spielaufbau bestaunen: Der Linksverteidiger rückte weit vor, während sich der Rechtsverteidiger zurückhielt. Skhiri gab den Fixpunkt vor der Abwehr. In Erinnerung blieb jedoch eher die Rolle von Hannibal. Tunesiens kreativster Offensivspieler ließ sich von der Zehner-Position aus weit fallen und riss das Spiel an sich. Es hatte wohlgemerkt kaum einen Effekt. Gefährlich wurde es eher, wenn Augsburger Ismael Gharbi auf Linksaußen zu seinen verschnörkelten Dribblings ansetzte.
Selbst hartgesottene Bundesliga-Fans dürften an dieser Stelle mit der Stirn runzeln: Ein Spieler namens Gharbi? Bei Augsburg?! Braga hatte das 22 Jahre junge Talent in der abgelaufenen Spielzeit an die Fuggerstädter ausgeliehen. Dort kam Gharbi in der gesamten Saison auf 88 Spielminuten; in der Rückrunde stand er gar nur eine einzige Minute auf dem Feld. Dennoch ist er ein potenzieller Startelf-Kandidat bei dieser Weltmeisterschaft. Dieser „Ooookay?!?“-Effekt erwischt einen bei mehreren tunesischen Spielern. Der eingangs erwähnte Ayari etwa steht zwar bei Paris Saint-Germain unter Vertrag. Er hat bisher aber nur für deren U21 gespielt. Insgesamt ist der Kader der Tunesier spätestens hinter der ersten Elf schwach besetzt.

Für Tunesiens Turnierverlauf wird entscheidend sein, ob die wenigen Spieler auf europäischem Top-Niveau ihre Form finden. Neben Zehner Hannibal und Innenverteidiger Montassar Talbi ist damit vor allem Skhiri gemeint. Er hat in Frankfurt eine schwierige Saison erlebt, in deren Verlauf er auf dem Abstellgleis gelandet ist. Ohne seine physische wie spielerische Präsenz im Mittelfeld läuft bei Tunesien wenig zusammen.
Die Tunesier gehen als große Wundertüte in die WM. Ich würde weder für meine projizierte Startelf noch für meine Beschreibung des Spielsystems die Hand ins Feuer legen. Dafür gibt es zu viele Unbekannte. Trainer Lamouchi hat sich mit seinem jungen Kader sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Doch bereits im ersten Spiel gegen Schweden muss Tunesiens Umschaltfußball greifen. Nur ein Sieg über den schwächsten Gruppengegner öffnet die Tür für Tunesiens erste Teilnahme an einer K.O.-Runde. Bislang waren sie bei sieben WM-Auftritten stets in der Gruppenphase rausgeflogen. Sollte sich die Serie fortsetzen, könnte im Winter wieder ein neuer Trainer an der Seitenlinie sitzen.
Tunesien gehört zu den WM-Teams, die ich kaum einschätzen kann. Aufgrund der Testspiele und des unerfahrenen Kaders gehen sie als Außenseiter in die schwere Gruppe F.
GESAMTFAZIT
Im Vorfeld des Testspiels Österreich-Tunesien sprach Rangnick davon, dass der Gegner als Vorbereitung für das Auftaktspiel mit Jordanien ausgewählt wurde, aber Lamouchi war der Meinung, dass seine Mannschaft eher mit Algerien vergleichbar wäre (zumindest habe ich das so aufgenschnappt).
Nach dem Lesen aller drei Vorschauen bin ich da nicht unbedingt schlauer geworden! 😀
Aber ich will in diese öffentlichen Kommentare gar nicht zu viel hineininterpretieren, zumal durch den Trainerwechsel ja gar nicht wirklich klar sein konnte, wie sie auftreten (wollen) und es auch nur bedingt möglich ist, einen kommenden Gegner (auf Nationalmannschaftsebene!) durch einen passenden Testspielgegner simulieren zu lassen.
Nichtsdestotrotz haben mir deren Ansätze gefallen, auch wenn das Nachlassen in Überzahl letztendlich enttäuschend war.
Ich muss gestehen, dass ich das Spiel gegen Tunesien nicht angeschaut habe; die meisten Analysen waren schon vor Beginn der Vorbereitung fertig geschrieben und ich habe sie vor der Veröffentlichung nur angepasst, im österreichischen Fall etwa an die Baumgartner-Verletzung. Aus meinen Eindrücken der Vorschau hätte ich aber ebenfalls gesagt, Tunesien hat mehr mit Algerien gemein als mit Jordanien, allein angesichts der Viererkette. Bei Jordanien wäre mir lustigerweise Australien als passende Simulation eingefallen. Oder Curacao.
„Sollte sich die Serie fortsetzen, könnte im Winter wieder ein neuer Trainer an der Seitenlinie sitzen.“
Das war dann offensichtlich sogar noch zu vorsichtig formuliert. Sabri Lamouchi wurde bereits gegangen.