Der japanische Fußball hat im vergangenen Jahr viele erste Male erlebt. Im Oktober 2025 besiegte Japan zum allerersten Mal den fünffachen Weltmeister Brasilien. Beim 3:2-Erfolg in Tokio holten die Japaner einen 0:2-Rückstand auf. Noch höhere Wellen schlug der 1:0-Sieg gegen England im März dieses Jahres. Japan ist damit die allererste asiatische Nation, die ein Spiel gegen das Mutterland des Fußballs gewann – und das im sagenumwobenen Wembley Stadium.
Im Sommer soll die nächste Premiere folgen. Die Japaner möchten erstmals in ihrer Geschichte ein K.O.-Spiel bei einer Weltmeisterschaft gewinnen. Bislang sind sie stets in der ersten K.O.-Runde gescheitert, selbst vor vier Jahren, als sie in der Gruppenphase Deutschland und Spanien bezwangen. Im Achtelfinale verloren sie im Elfmeterschießen gegen Kroatien. Trainer Hajime Moriyasu legt die Messlatte noch höher. „Wir haben das Potenzial, die WM zu gewinnen.“

In der Tat: Noch nie konnten die Japaner eine derart talentierte Mannschaft zu einer Weltmeisterschaft schicken. Der Kader ist bestückt mit Akteuren, die in den großen europäischen Ligen und in der Champions League Erfahrung gesammelt haben. Das Talent der Spieler fügt sich zusammen zu einer technisch wie taktisch eindrucksvollen Mannschaft. In ihren Pressingabläufen und in der Pressingresistenz müssen sich die Japaner höchstens hinter Spanien einreihen. Allenfalls Abzüge in der B-Note verwehren Japan den Status als Geheimfavoriten.
Die Japaner verfügen über das vielleicht komplexeste Defensivsystem, das bei dieser WM zum Einsatz kommt. Ausgangspunkt ist ein 3-4-3. Die drei Stürmer laufen in vorderster Linie nicht sofort an, sondern decken zunächst die Zuspielwege ab. Häufig lässt sich der zentrale Stürmer dazu leicht fallen, sodass ein 3-4-1-2 entsteht. Dadurch, dass sich die Außenstürmer relativ zentral befinden, deckt dieses System besonders das Zentrum stark ab.

Spannend wird es, sobald der Gegner das Spiel eröffnet. Japan reagiert geschickt auf die Pässe des Gegners. Besonders freuen sie sich, wenn der Gegner einen Sechser anspielt. Japans Doppelsechs springt sofort nach vorne. Sie pressen nicht den ersten Ball, sondern den Rückpass. Spielt der Gegner hingegen auf die Flügel, schlägt die Stunde der Außenverteidiger: Sie rücken weit vor, sodass der Gegner gar nicht erst den Flügel entlangspielen kann.
Alle japanischen Spieler bestechen durch ihr hervorragendes Timing. Die Japaner müssen selten in direkte Zweikämpfe gehen, sondern fangen durch ihre Positionierung Pässe ab. Immer wieder stellen sie Pressingfallen, in welche unvorsichtige Gegner hineinspielen. Dann schießt plötzlich ein Sechser oder ein Innenverteidiger aus der Formation und – zack! – ist der gegnerische Pass abgefangen.
Dabei bleibt die Formation der Japaner stets kompakt. Die Abwehr rückt konsequent nach. Wenn der Gegner doch einmal die erste Pressinglinie überspielt, kehrt die gesamte Mannschaft schnell hinter den Ball zurück. So haben die Japaner auch kein Problem damit, in einem tieferen 5-2-3-Mittelfeldpressing oder einem ganz tiefen 5-4-1-Block zu verteidigen. In den vier Testspielen im November und März blieben sie gänzlich ohne Gegentor.
Eine wichtige Eigenheit des japanischen Spielsystems ist die Besetzung der Außenverteidiger-Positionen. Auf links kommt entweder Kapitän Daizin Maeda oder Keito Nakamura zum Einsatz. Beide spielen im Verein als linke Angreifer. Auf rechts läuft Ritsu Doan auf. Auch er ist aus der Bundesliga eher als Außenstürmer denn als -verteidiger bekannt. Entsprechend offensiv besetzt Japan die Flügel – sowohl im Pressing als auch im Spiel mit Ball.
Letzteres gestalten die Japaner aus einer 3-2-2-3-Formation. Sie eröffnen das Spiel praktisch immer flach. Die hohe Rolle der Außenverteidiger erlaubt es den Außenstürmern, weit ins Zentrum zu rücken. Sie besetzen die Halbräume, während sich die Doppelsechs zentral positioniert. Oberste Maxime der Japaner lautet, die Halbstürmer mit flachen Pässen zu füttern. Um dies zu bewerkstelligen, kennt das japanische Aufbauspiel mehrere Routen. Häufig binden sie die Außenverteidiger recht früh ins Spiel ein. Sie sollen den Ball auf die Sechser zurück oder per Seitlage direkt zu den einrückenden Außenstürmern spielen. Alternativ kombinieren sich die Japaner über Dreieckskombinationen durch das Zentrum.

Auch im Offensivspiel ist die herausragende japanische Eigenschaft ihre Spielintelligenz. Zwar achten die Japaner auf eine relativ klare Positionsspielstruktur. Doch sie sind innerhalb der Besetzung äußerst flexibel. Da kippt der linke Sechser schon einmal auf die rechte Seite heraus oder der Außenverteidiger geht diagonal ins Sturmzentrum.
Im letzten Drittel legt Japan den Fokus auf das Zentrum. Zwar setzen sie in seltenen Fällen auf Flanken der Außenverteidiger. Im Normalfall orientieren sich jedoch alle Spieler Richtung Zentrum. Um den Strafraum herum wird das Spiel der Japaner recht kleinteilig. Die hohe individuelle Klasse der Angreifer sorgt jedoch dafür, dass sie selbst in engen Räumen den Ball behalten. Jeder japanische Angreifer kann über Richtungswechsel und kleine Kontakte den Druck des Gegners ins Leere laufen lassen.
Den Strafraum selbst besetzen die blauen Samurai mit zahllosen Akteuren. Sowohl die Doppelsechs als auch die Außenverteidiger rücken konsequent nach. So attackieren ständig Spieler die Tiefe, wodurch Japans Flachpassspiel immer Optionen findet, den Ball hinter die Kette zu spielen. Durch diese Läufe kommt Japan immer wieder in gute Abschlusspositionen. In der Qualifikation trafen sie zwar eher auf drittklassige Nationen wie Syrien, Bahrain oder Indonesien. Dass sie einen Torschnitt von 3,38 pro Spiel erreicht haben, zeigt jedoch: Sie spielen sich auch gegen massierte Defensivreihen durchgehend Chancen heraus.
Bisher liest sich diese Analyse wie ein Loblied. Das wirft eine Frage auf: Warum gewähre ich Japan nicht das Prädikat Geheimfavorit? Das hat zwei Gründe. Der erste findet sich in der Defensive. Japan verteidigt zwar praktisch immer sauber und nach Lehrbuch. Wenn sie jedoch ins tiefe 5-4-1 gedrückt werden, offenbaren sich Probleme in der Flügelverteidigung. Hier merkt man am deutlichsten, dass die Außenverteidiger eigentlich gelernte Außenstürmer sind. Besonders auf der linken Seite tun sich Lücken auf zwischen Links- und Innenverteidiger. Brasilien hat beim 2:3 vorgeführt, wie clevere Achter in diese Lücke stoßen sollten.

Der zweite Aspekt betrifft den Kader. Japan reist nicht in Bestbesetzung nach Nordamerika. Mit Takumi Minamino fehlt ein wichtiger Offensivspieler aufgrund eines Kreuzbandrisses. Hoffenheims Koki Machida hätte einen Stammplatz in der Innenverteidigung sicher gehabt, verpasste aber die gesamte Saison (ebenfalls Kreuzbandriss). Mit Daichi Kamada, Yuito Suzuki und Takefusa Kubo kommen drei weitere potenzielle Stammspieler aus Verletzungen. Japans Kader ist nicht tief genug, um derart viele Ausfälle aufzufangen.
Das soll die Vorfreude auf Japans WM-Teilnahme nicht schmälern. Die Japaner zelebrieren technisch wie taktisch anspruchsvollen Fußball. Spätestens nach den Erfolgen gegen Brasilien und England wird niemand sie unterschätzen. Wer weiß, vielleicht gewinnen sie zum ersten Mal ein K.O.-Spiel. Wenn alles gut läuft, erreichen sie zum ersten Mal ein Viertelfinale. Und wenn Trainer Moriyasu Recht behält, bleibt es nicht bei diesen Premieren.
Wären alle Spieler topfit, wäre Japan aufgrund der Spielintelligenz ein Geheimfavorit. Aber auch so haben die „Blauen Samurai“ die Chance, so manch stärkeren Gegner zu düpieren.
GESAMTFAZIT
Japan ist echt eine der best entwickelnen Fußballnationen aktuell, aber leider ist der Turnierbaum echt ein Problem. Wahrscheinlich werden sie auf Brasilien im Sechzehntelfinale stoßen. Zudem plagen dem Kader, wie du gesagt hast, Verletzungen. Mitoma allen voran und auch ein Minamino, aber da sieht wie stark besetzt das Mittelfeld eigentlich ist. Ein Fujita, Morita, Kodai Sano, Satoshi Tanaka oder Kitano wurden gar nicht nominiert, plus noch die anderen Bundesligaspieler, die auch nicht dabei sind. Was aber diesmal echt gut ist, dass Japan endlich einen richtig guten Torwart hat, man muss keine Angst mehr haben vor Gonda und vor allem vor einen alten Eiji Kawashima. Auch gut ist, dass mit Ueda Japan einen treffsicheren Stürmer hat. Leider ist die Balance nicht ganz perfekt, ein Stürmer mit Shiogai zu viel, besser wäre ein zentraler Mittelfeldspieler wie Morita oder Kodai Sano, da auch niemand weiß wie fit Endo ist. Jemand der sich ins Rampenlicht spielen könnte ist Keito Nakamura von Reims, der nach dem Abstieg in die Ligue 2 weiterhin performt. Das sage ich nicht nur, weil der bei meinem japanischen Lieblingsklub, den Ao to Kuro, Gamba Osaka gespielt hat. Ich sehe Moriyasu echt ein wenig kritisch, da er meiner Meinung nach zu wenig aus dem Team rausholt, sie haben noch keinen Asian-Cup Titel mit ihm, obwohl sie klar die beste Mannschaft des Kontinents haben, ich hoffe nach der WM ist Schluss für ihn.
Vamos Nippon!
Denkst du nicht, dass für Japan der Gruppensieg möglich ist?
Und hältst du das Urteil wegen dem fehlenden Asian-Cup-Titel nicht für etwas zu hart? Diese starke Mannschaft hat sich ja auch nicht von selbst geformt. 2019 war er erst ein halbes Jahr im Amt und kam ins Finale, 2024 scheiterte man im Viertelfinale nach Führung. Acht Jahre Arbeit an zwei KO-Spielen festmachen?
Vielleicht ist Japan aufgrund seiner progressiven Spielidee auch nicht unbedingt für KO-Formate geeignet. Da kommt der Zynismus ja oft weiter.