Mögliche Formation der Niederlande bei der WM 2026
Joachim Klement ist dieser Tage ein gefragter Mann. Der deutsche Anlageberater wollte eigentlich nur beweisen, dass statistische Vorhersagen selten richtigliegen. So hat er vor der WM 2014 ein Modell entwickelt, das den Turniersieger vorhersagen sollte. Zu seiner eigenen Verblüffung gewann sein Topfavorit Deutschland tatsächlich das Turnier. Klement nutzte sein Modell auch 2018 und 2022 – und wieder sagte es den späteren Gewinner korrekt voraus. Für die WM 2026 tippt Klement einen überraschenden Sieger: die Niederlande. Diese Aussicht verzückt eine Fußballnation, die bisher ein Leben als ewiger Zweiter geführt hat. Mehrere niederländische Zeitungen interviewten den deutschen Zahlenjongleur.
Bereits vor Klements Analyse waren die heimischen Erwartungen an die niederländische Nationalmannschaft hoch. Nach den schweren 2010er-Jahren haben sich die Niederländer längst wieder in der Weltspitze etabliert. 2022 scheiterten sie erst im Elfmeterschießen am späteren Weltmeister Argentinien. Bei der EM 2024 stießen sie bis ins Halbfinale vor. In der Nations League holten sie gegen Europameister Spanien zwei spektakuläre Unentschieden (2:2 und 3:3) und flogen erst im Elfmeterschießen raus. Entsprechend selbstbewusst treten die Niederländer vor der WM 2026 auf: Der Verband hat das Halbfinale als Minimalziel ausgegeben. Trainer Ronald Koeman redet sogar öffentlich vom Titel.
Der hohen Erwartungshaltung steht eine komplexe Vorbereitung gegenüber. Koeman hat es zwar geschafft, die Mannschaft taktisch weiterzuentwickeln. Die Niederländer kombinieren ein defensives Ballbesitzspiel mit einer kompakten 4-4-2-Ordnung. Allerdings sind die personellen Fragezeichen vor dem Turnier groß. Funktioniert das niederländische Spielsystem auch, wenn nicht alle Stammspieler hundert Prozent Leistungsfähigkeit abrufen können?
Koeman befindet sich bereits in seiner zweiten Amtszeit als Bondscoach. Mit Rückholaktionen hat der niederländische Verband gute Erfahrungen gemacht: Koemans Vorgänger Louis van Gaal war bereits dreimal als niederländischer Cheftrainer angestellt. Koeman brach jedoch mit dem Erbe seines Vorgängers. Während van Gaal auf eine Fünferkette und Umschaltfußball setzte, kehrte Koeman zu den niederländischen Wurzeln zurück. Der Schüler von Johan Cruyff hat das klassisch-niederländische 4-3-3 reaktiviert und setzt auf ein klares Positionsspiel im Ballbesitz.
In der Praxis setzen die Niederländer auf ein 4-2-3-1. (Man muss dazu wissen: In den Niederlanden wird 4-1-2-3 und 4-2-3-1 synonym als 4-3-3 bezeichnet.) Das Positionsspiel lebt von einem asymmetrischen Aufrücken der Außenverteidiger. Rechtsverteidiger Denzel Dumfries rückt vor, während sich der Linksverteidiger zurückhält. Hier kam mit Mickie van de Ven zuletzt ein gelernter Innenverteidiger zum Einsatz. So entsteht im Aufbau ein 3-2-1-4.

Die Niederländer nutzen diese Aufbauvariante, um eine ruhige Kugel zu schieben. Die Innenverteidiger lassen mit Sechser Frenkie de Jong den Ball zirkulieren. De Jong zeigt sich gewohnt umtriebig und lauffreudig. Aus der ersten Linie wird der Ball häufig in die Breite gespielt: Die Außenspieler bieten sich an der Seitenlinie an. Auf links soll Außenstürmer Cody Gakpo in Eins-gegen-Eins-Situationen gelangen. Auf rechts wechseln sich Außenverteidiger Dumfries und der jeweilige Rechtsaußen in der Breite ab. Der andere Akteur rückt in den Halbraum ein.
In guten Phasen gelingt es den Niederländern, von der Breite aus regelmäßig in den Strafraum zu gelangen. Dafür gibt es zwei Wege: Entweder rücken die Mittelfeldspieler weit raus, um Überzahlen zu bilden. Die Niederländer kombinieren sich dann kleinteilig durch den Halbraum in den Strafraum. Alternativ setzt das Team auf Flanken. Zwar ist Mittelstürmer Memphis Depay kein klassischer Strafraumstürmer. Dafür stehen auf links Gakpo und auf rechts Dumfries bereit – zwei echte Kopfballexperten. Entsprechend häufig segeln die Flanken hoch an den zweiten Pfosten.
In schlechten Phasen verkommt das niederländische Ballbesitzspiel zum Selbstzweck. Die Spieler fixieren sich stark auf die Breite. Selbst die Mittelfeldspieler rücken häufig weit heraus. Die Niederländer bauen dann das „U des Todes“ auf: Sie spielen den Ball außen an der gegnerischen Formation vorbei, stechen aber nicht hinein. Daher spreche ich bei den Niederländern von defensivem Ballbesitzfußball: In vielen Partien hat ihre hohe Ballbesitzquote den Zweck, den Gegner laufen zu lassen.

Das „U des Todes“ hat einen Nachteil: Wenn die Niederländer doch einmal den Ball verlieren, sind die Abstände zwischen den Spielern groß. Vor allem das Zentrum ist im Umschaltmoment unterbesetzt. Diese Momente kommen selten vor – kaum ein Gegner wagt es, allzu intensiv die tiefen Außen der Niederländer zu pressen. Doch Polen machte in der Qualifikation vor, wie man die Niederlande mit Konterfußball ärgern kann. Hin- und Rückspiel endeten jeweils 1:1.
Gegen den Ball setzen die Niederländer auf ein kompaktes 4-4-2. Nur ab und an wagen sie sich in einem 4-3-3 ins Angriffspressing. Hierzu rückt Linksaußen Gakpo in die vorderste Linie. In der Regel setzen die Niederlande jedoch auf ein klassisches Mittelfeldpressing. Sie stehen äußerst kompakt und bieten dem Gegner den Pass auf die Flügel an. Anschließend rücken sie konsequent nach außen und stellen den Gegner. In tiefen Phasen lässt sich der Zehner in die Mittelfeldreihe fallen. So entsteht ein 4-5-1 und manches Mal sogar ein 5-4-1, wenn sich der Rechtsaußen auf Höhe der Viererkette fallenlässt. Damit mag Koeman keine Preise für defensivtaktische Innovation gewinnen; solide genug für ein großes Turnier ist die Verteidigung allemal.
Die stabile Defensive und das Ballbesitzsystem sind ein gutes Fundament für ein starkes Turnier. Zudem überzeugen die Niederländer bei Standards und verfügen mit Bart Verbruggen über ein großes Talent im Tor. Hinzu kommt ein individueller Faktor: Zahllose Niederländer blühen auf, sobald sie das Oranje-Trikot überstreifen. Gakpo, Memphis oder auch Wout Weghorst haben ihre besten Spiele für die Nationalmannschaft bestritten. Da erscheint es eher zweitrangig, dass etwa die Liverpooler Gakpo, Virgil van Dijk und Ryan Gravenberch aus einer schwierigen Saison kommen.

Viel problematischer sind die Verletzungssorgen, die das Team plagen. Koeman hatte eigentlich angekündigt, nur vollkommen fitte Spieler mitzunehmen. Dieses Versprechen musste er angesichts zahlreicher kleinerer und größerer Blessuren brechen. De Jong hat seit Februar kein Spiel über neunzig Minuten absolviert. Depay kommt aus einer Verletzung, genauso wie Jurriën Timber, der normalerweise den Posten des rechten Innenverteidigers übernimmt. Zehner Xavi Simons verpasst das Turnier ganz. Das bedeutet einen herben Schlag: Der ehemalige Leipziger war für die Kreativität im letzten Drittel zuständig. Simons-Ersatz Tijjani Reijnders hat bei City kaum Spiele bestritten, Ersatz-Ersatzmann Justin Kluivert hat sich gerade erst von einer Knie-OP erholt.
Würden die Niederlande in Bestbesetzung und -form nach Nordamerika reisen, hätte ich sie im erweiterten Favoritenkreis angesiedelt. In der aktuellen Verfassung schrumpfen sie zu einem Außenseiter im Kampf um den WM-Pokal. Zumal sie wenig Zeit haben, sich zu akklimatisieren: Der Auftakt gegen Japan hat es in sich. Geht dieser schief, stünde man gegen konterstarke Schweden bereits unter Druck. Ein Super-GAU inklusive Vorrunden-Aus erscheint dann plötzlich möglich. Aber das ist nur die Einschätzung eines individuellen Analysten. Klements Daten sprechen eine andere Sprache. Bleibt nur die Frage, ob sein Modell das vierte Mal in Folge Recht behält – oder ob sein eigentliches Ziel wahr wird: den Beweis anzutreten, dass statistische Prognosen wenig taugen.
Stabile Verteidigung, defensiver Ballbesitz, Standards: Die Niederlande vereint viele Eigenschaften einer guten Turniermannschaft. Individuelle Formschwächen und Verletzungen lassen sie zu einem Außenseiter schrumpfen.
GESAMTFAZIT
Danke für die Vorschau! Bei mir fehlt hier die Kaderübersicht, ist die auf dem Weg irgendwo mal verloren gegangen?
PS: Mein Tipp 2:1 für Japan heute Abend.
Gut, dass du mich drauf hinweist! Bei 48 Artikeln kann da schon einmal etwas verlorengehen. Die Kaderliste findet sich jetzt im Artikel.