9 Gedanken zu „WM-Tagebuch, Tag 22: Titel, Tränen, Sensationen

  1. So sehr ich dich schätze und man auch unterschiedlicher Meinung sein kann, aber findest du es nicht einen sehr hotten Take, dem aktiven Fußballprofi Kramer „Sofa-Expertentum“ vorzuwerfen? Ein Vorwurf, der letztlich impliziert, die Person hätte keine Ahnung vom aktiven, echten Fußball?

    1. Ich hatte extra nicht einen bestimmten Experten wie Kramer angesprochen, da ich finde, dass die Experten durch die Bank weg herausragende Arbeit leisten bei dieser WM und da ich diese These tatsächlich auch auf Magenta gehört habe. Aber ja, Kramer hat die These vertreten, dass England zu defensiv auftrat, und ich halte diese These (nur diese These! Nicht seine gesamte Arbeit!) für Besserwisserei, die man sich nur vom Sofa aus erlauben kann, da bin ich ganz ehrlich. Da ist es dann auch hinfällig, ob jemand auf höchstem Niveau spielt oder nicht, da es sich hier ja um eine taktische Frage handelt, für die es Argumente in die eine oder die andere Richtung gibt.

      Erstens hat England ja in der Tat den Raum hinter Mbappe genutzt, nur eben über Henderson und nicht über Walker. Zweitens ist das eine Art Argumentation, wie ich sie früher gerne gebracht habe, die mir aber durch meine Gespräche mit Trainern und Ex-Spielern abgewöhnt habe. Nur weil etwas taktisch Sinn ergibt, muss nicht automatisch die Taktik Sinn ergeben. Fußball ist eben kein Schach, bei dem man auf den offenen Raum zeigen und sagen kann: Springer besetzt jetzt rechten Flügel. Walker spielt gegen Mbappé, muss mit dem in Laufduelle gehen, ihn in Schach halten. Lass Mbappé einmal im Konter weglaufen, dann ist dessen Selbstbewusstsein durch die Decke und das von Walker am Boden. Dann geht Walker nur noch halbherzig nach vorne, weil er Angst hat, dass Mbappé erneut im Konter den Ball erhält. Spätestens dann ist die Taktik dahin. Gibt es Argumente dafür, Walker trotzdem nach vorne zu schicken? Ja, weil es offensiv funktionieren könnte. Muss man deshalb England vorwerfen, hier einen Fehler zu begehen? Ich finde nicht, da auch das englische Vorgehen einen klaren Zweck verfolgt und in seiner Gesamtheit aufgeht. England mag nicht den gewünschten Vorwärtsdrang über rechts gezeigt haben – Frankreich hat über Mbappé aber ebenfalls nichts auf die Kette bekommen. Man kann das Eine nicht ohne das Andere diskutieren.

      Und ja, ich vermisse bei dem Take auch etwas Empathie. Das ist das Viertelfinale einer Weltmeisterschaft, da geht es um so viel für Spieler, Trainer, Fans. Ich bin der Letzte, der gegen offensiven Fußball plädiert. Aber es gibt einen Zeit und einen Ort für offensiven Fußball, und das ist sicher nicht das WM-Viertelfinale gegen den amtierenden Weltmeister. Und garantiert nicht von einer Fußballnation, die seit 1966 nicht mehr gegen große Nationen gewinnen konnte bei WMs. Ich bin mir auch relativ sicher, dass Kramer sich gegen solch einen Take von einem Ex-Profi wehren würde, wenn der sagen würde: „Aber ihr Gladbacher hättet gegen Bayern offensiver spielen müssen! Da waren doch Räume!“ That’s not how it works, würde der Engländer sagen.

      Ich will das Thema aber gar nicht größer aufblähen, als es ist. Wie gesagt: Sämtliche Experten bei der WM leisten großartige Arbeit, besser als ich es je könnte. Aber in diesem einen Take widerspreche ich Kramer (und auch den anderen Experten) deutlich.

      1. Argumentation qua Autorität sollte man grundsätzlich nicht ernst nehmen. 😉
        (Ex-)Profis können sehr gut ihren Blick wiedergeben und bieten einen tiefen Einblick in die Denke des Profifußballs (-Sports). Wenn die Analytics Bewegung eins gezeigt hat, dann aber doch, dass Experten nicht unbedingt gut darin sind den objektiv besten Weg zu kennen.
        Zumal bei Fernsehexperten auch noch veranschlagt werden kann, dass sie einen hohen Anreiz haben, einfach bekannte Floskeln und erklärmuster zu übernehmen.

        1. vielleicht täusche ich mich, aber das Interview im FREITAG mit Ivan Ergic, zählt vielleicht in diese Kategorie?

          vorerst hinter der paywall:
          https://www.freitag.de/autoren/michael-angele/serbiens-ex-nationaspieler-ivan-ergic-fussballer-sind-die-arbeiteraristokratie

          p.s. da ich hier wiederholt über Niederlande schwadronierte; für das F-GB Spiel war ich in holländ. Haushalt eingeladen. Dort erfuhr ich was offenbar schon alle längst wissen, dass nämlich Koeman von Anfang an als Nachfolger von LvG geplant war.

  2. Ich als bankwärmender Kreisliga Torhüter (falsch ich eine fachlich falsche Anmerkung habe lässt es sich hiermit relativieren) habe irgendwie Probleme mit dem Satz „Er machte einen Schritt zu viel“ zu Pickfords Aktion beim 1:0 für Frankreich.
    Im ersten Moment hab ich sofort gesagt „Por, ein Neuer hätte diesen Schuß sicherlich gehalten“. In der Zeitlupe sieht man aber, dass Pickford torwarttechnisch eigentlich alles Richtig macht. Springt er sofort muss er in eine maximale Streckung der Arme gehen um überhaupt an den Ball zu kommen. Dann fehlt im Kontrolle in den Händen um den Ball wirklich abzuwehren zu können. Der Schritt ist meines Erachtens also vollkommen richtig und zeugt von guter Technik. Fakt ist aber auch, dass er einfach nicht weit genug in die Ecke kommt.

    Somit stellt sich mir inzwischen die Frage:“ Ist diese Sprung-Technik (kleiner Sitestep vor der Sprungbewegung) auf diesem Niveau veraltet oder bekommt Pickford schlicht zu wenig Kraft in den Sprung?“ Unhaltbar war das Ding meiner Meinung nach (auf diesem Niveau) nicht.

    1. Man höre dazu die aktuelle Folge Keeperanalyse: https://cavanisfriseur.de/keeperanalyse-folge-43/
      Ab 43:45 wird dort das 1:0 besprochen.

      Jordan Pickford hat mit seinen 1,85 Metern Körpergröße schon von Natur aus nicht die größte Reichweite. Der Sidestep war wohl taktisch richtig, aber er macht einen Auftaktsprung, der ihm am Ende die entscheidenden Sekundenbruchteile kostet, um sauber in den Abdruck zu kommen.

  3. Das Tagebuch finde ich super und auch die Entwicklung, dass du angesichts immer wenigerer Spiele mehr ins Detail gehst!

    Die Auffassung zur Rechtsverteidiger-Sache teile ich vollkommen, gerade, wenn man die Implikationen weiterdenkt. Du sprichst die psychischen an, auch die Folgen für die Zuordnungen sollte man bedenken: Man will logischerweise den beweglichen und schnellen Walker gegen Mbappé spielen sehen. Kramers Vorschläge, Stones und/oder Rice sollten sich bei einem Walker-Aufrücken um Mbappé kümmern, würden krassere Missmatches produzieren. Seine alternative Idee, dann eben Walker als Innenverteidiger aufzubieten, um einen offensiv mandatierten RV zu bringen, halte ich ebenfalls für Quatsch, denn Walker kann man sich aus englischer Sicht kaum in Luftduelle mit Giroud wünschen. Hat mich sehr erstaunt bei Kramer, der sonst (anders als bspw. Mertesacker) immer wieder Interessantes und Lehrreiches zu sagen hat.

    Gar nicht deiner Meinung bin ich bei deiner Bewertung des 2:1:
    „Für das 1:2 wiederum sorgte eine Schläfrigkeit der Abwehrkette. Oliver Giroud durfte völlig frei einköpfen.“
    Kannst du das erläutern?
    Ich habe keine Ahnung, wie man das Tor noch verhindern könnte, nachdem die Flanke Griezmanns Fuß verlässt. Da läuft Giroud in die kleine Lücke zwischen Stones und Maguire. Als hinterer der beiden reagiert dieser sofort, also sehr aufmerksam und alles andere als schläfrig, trotz Girouds Bewegungsvorteil holt Maguire ihn fast ein, ist ganz eng dran, stellt Körperkontakt her (Arm auf die Schulter). Giroud ist nur eine halbe Kopflänge vorher am Ball und gerade weil er eben nicht „völlig frei“ ist, fälscht Maguire den Ball noch ins eigene Tor ab. Für mich steht hier: Stark verteidigt gegen den Bewegungsvorteil des Angreifers, wegen dessen Klasse und eigenem Pech das Tor nicht mehr vereitelbar.

  4. Die Defensivteams dominieren diese WM unterm Strich sehr. Mit Kroaten und Marokka stehen 2 ausserordentlich dezidierte reine „Spielzerstörer“ in den Halbfinals und treten mit Frankreich und Argentinien gegen 2 Teams an, die am ehesten noch Rehagels einstige „kontrollierte Offensive“ vertreten, ihren Fokus aber auch eher darauf haben, hinten die 0 zu halten.

    Was kann man davon mitnehmen? Das Defensive wichtig ist, ist nichts Neues. Aber eventuell kommt durch die Natur des direkten KO-Spiels (nicht Hin- und Rückspiel wie bei CL) die Defensive – und dadurch das Nichtverlieren – noch mal etwas mehr Gewicht. Unterm Strich könnte man sagen, dass der Turnierbetrieb eine andere Herangehensweise erfordert wie der „Liga-Betrieb“. Keine neue Weisheit.

    Zur Niederlande: Irgendwie eindrucksvoll diese letzten 10 Minuten regulärer Spielzeit. Diese Wucht war durchaus beeindruckend und auch interessant, wie schwer sich Argentinien damit tat, damit zurechtzukommen. Da wäre ein Ballbesitzansatz vermutlich eine gute Wahl gewesen, der Niederlande die Luft zu nehmen, aber die Herangehensweise krass zu ändern klappt selten gut.

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