15 Gedanken zu „Eschers EM-Tagebuch, Tag 19: Kein Risiko ist das größte Risiko

  1. moin tobi,

    stimme deiner analyse weitesgehend zu. möchte hier aber noch einen punkt hinzufügen:

    der mentale auftritt der manschaft!

    und die fand ich richtig schlecht. ich habe nach dem 0:1 kein `jetzt erst recht` gesehen… keiner auf dem platz der voran geht. hier stand doch kein team auf dem platz!

    das löw es seit jahren nicht schafft das potential der jungs aufen platz zu kriegen muss man ihm ankreiden… und das interview dann war inhaltlich einfach mehr als peinlich!

    insofern danke an löw für die schönen jahre am anfang, aber die letzten 5 waren verschenkt!

    lg

    1. Wenn Löw die Mannschaft so angesprochen hat wie er heute in der Abschluss-PK aufgetreten ist, dann wundert es nicht, dass hier kein Feuer und kein Aufbäumen zu sehen waren.

  2. Wie immer wunderbarer Lesestoff. Differenziert, Kritik, Lob – wunderbar.

    Und ich bestätige: Die Berichterstattung drumherum war teils fürchterlich. So viele Allgemeinplätze überall, es hätten auch Berichte von 2000 sein können. „Wollten es mehr“ usw. Es fehlte nur noch, dass jemand einen Leitwolf forderte…

  3. Interessante Analyse. Ohne dass mein fußballerisches Verständnis sich auf dem Niveau bewegen würde, bin ich d’accord. Letztlich war von 4 Spielen nur eines überzeugend. Das ist deutlich zu wenig und die Kritik muss sich Löw auch gefallen lassen. Abgesehen davon, dass die weitgehend irrelevanten Qualifikation/Länderspiele/Nations League seit langem keinen guten Trend erkennen lässt. Zumal das Spielermaterial deutlich mehr PS zugelassen hätte.

    Dass Hummels und Müller ausgebootet waren und jetzt unangefochtene Stammspieler, spricht auch nicht für die erste Entscheidung. Es ist müßig, aber warum es die 3er/5er-Kette sein muss, die quasi nie funktioniert hat und an die die meisten Spieler nicht gewöhnt sind, verstehe, wer wolle.

  4. Ich habe es schon an der ein oder anderen Stelle gelesen und jetzt auch hier. Mit dem Fokus auf wenige Chancen ist man ein größeres Risiko eingegangen. Ein offensiveres Spiel wäre besser, weil man damit mehr Tore schießen (aber auch bekommen) kann. Dabei möchte ich aber einwerfen, dass es auch sehr auf den Spielmodus ankommt. In der Liga sind die Ansätze von City, Bayern Barcelona und co. sicher erfolgversprechender. Durch den Spielmodus kann man eine Niederlage leichter ausgleichen und auf lange Sicht profitiert man von dem Mehr an Chancen.
    Aber wir sind hier in der KO Runde eines Turniers. Jeder Fehler kann zum Aus führen. Die EXPG waren ausgeglichen gestern. Die Chancen standen also 50/50 um es plakativ zu sagen. Ist eine solche Herangehensweise nicht erfolgversprechender als eine wilde Partie mit vielen Chancen. Deutschland ist nicht mehr die Spitze des Weltfußballs. Und unsere Abwehr alles andere als Sattelfest. Deshalb behaupte ich die defensive Spielweise von gestern war der Situation durchaus angemessen.

    Was ich Löw vorwerfen würde ist, dass er das zu spät erkannt hat und dann die nötigen Tugenden für ein solches Spiel vernachlässigt hat. Insbesondere die deutschen Standards waren über das gesamte Turnier einfach harmlos. Wenn man ein Spiel mit wenigen Chancen will, dann braucht man bei dort besondere Qualitäten um diese zu nutzen. Und natürlich waren die Engländer auf genau diese Art von Spiel deutlich besser vorbereitet.

    1. Mein Punkt lautet: Wann hat Deutschland zuletzt ein 50:50-Spiel gewonnen? Dass die deutsche Mannschaft viele Chancen für ein Tor braucht, ist jedem Beobachter bekannt. Dann darauf zu setzen, dass man die Chancen in einem 50:50-Spiel verwandelt, ist äußerst riskant.

  5. Sehr gute Punkte zum Deutschlandspiel. Vor alle die Dimension „Chaos vs Ordnung“ finde ich einen interessanten Punkt und auch die Annahme, dass in diesem Turnier England besser mit Ordnung klar kommt als Deutschland ist ne gute These zum geschehen. Das mit den Dribblings ist sehr schwach, denkt ihr, dass das eine konkrete Ansage des Trainerteams ist nicht in Dribblings zu gehen, oder dass das aus der Sicherheitsstrategie folgt?

    Als Abschluss Interview wäre Niko Backspin schicken sollen, würde mich interessieren ob Löw denkt, dass der Mannschaft Realness fehlt oder welcher Spieler heut zu tage noch Versace trägt.

    Macht statt EM Studio bitte heute einfach eine Copa America Sonderausgabe, die Zuschauer wollen die Peru-Paraguay Taktik Vorschau!

  6. Du ziehst den Vergleich zu Herberger und Schön und merkst an, dass dessen Nachruhm durch deren letzten Turniere nicht spürbar beeinträchtigt sei. Das stimmt sicherlich. Es gibt allerdings auch einen klaren Unterschied der beiden zu Löw:

    Sowohl Herberger als auch Schön sind nach ihrem jeweils erstem Turnier, die als Enttäuschung und sportlicher Misserfolg empfunden wurden, zurückgetreten.

    Joachim Löw hingegen hat diesen Schritt nach der WM 2018 verweigert. Er war sicherlich viele Jahre lang ein gut geeigneter Bundestrainer. Nach der WM 2018 wurde Löw aber eben auch zu dem Mann, der trotz offenkundig besser geeigneter Kandidaten aufgrund der persönlichen Loyalität von Entscheidungsträgern wie Oliver Bierhoff und der DFB-Spitze und der eigenen Sturheit im Amt geblieben ist. Damit hat er letztlich nicht mehr der Sache und dem Deutschen Fußball gedient, sondern am ehesten noch sich selbst.

    Das trübt seine Reputation im Nachhinein doch gewaltig, ebenso im übrigen die Bierhoffs.

    1. Auch wenn ich deinem grundsätzlichen Punkt zustimme, dass Löw eigentlich schon 2018 hätte zurücktreten sollen, muss ich doch ein wenig Klugscheißen. Die Fälle Schön und Herberger sind nämlich nicht so einfach, wie du sie darstellst. Schön gab 1978 bereits vor dem Turnier seinen Rücktritt bekannt, war also in derselben Situation wie Löw 2021. Das Turnier wurde – gerade aufgrund der Schmach von Cordoba – als Desaster gewertet. Heute überwiegt im Gedenken an die Person Schön der 1974er-Titel. Herberger wiederum wollte nach dem Viertelfinal-Aus bei der WM 1962 partout nicht zurücktreten, trotz großer Kritik aus Fußballdeutschland. Erst 1963 trat er zurück, und das auch eher aus Sturheit denn aus der Einsicht, dass seine Zeit vorbei war. Gerade diese Rücktrittsposse haben viele Zeitgenossen Herberger übel genommen; der Ruhm von Bern hatte damals schon zu blättern begonnen. Sechzig Jahre später kann sich kaum mehr jemand an diese Episode erinnern. So mag es vielleicht auch bei Löw kommen.

    2. Man muss vielleicht auch mal auf die Situation beim DFB gucken. Seit 5-6 Jahren knarscht und knackt es da gewaltig. Ein verschobenes Sommermärchen hier, ein Steuerskandal dort und die verkorkste Reform der Regionalligen. Man ist sehr mit sich selbst beschäftigt. Bei der DFB Spitze war man wahrscheinlich froh nicht noch eine neue Baustelle aufmachen zu müssen. Deshalb hat man so lange an Löw festgehalten.

      Und eine wirklich gute Alternative gab es ja auch nicht. Am Stammtisch kommen dann immer Namen wie Klopp oder Tuchel. Keine Ahnung wie man glauben kann, dass die aus ihren guten Verträgen bei Liverpool und PSG weg wollten um Löws Erbe anzutreten. Erst jetzt mit Flick hatte man eine naheliegende Lösung.

  7. Jeden Tag eine Freude das Tagebuch! Danke für die ausgewogene Analyse.

    Stimme grob überein mit den Vorwürfen betreffend Matchplan. Man hat England gegeben, was es haben wollte bzw. hat nicht genügend getan, um das Spiel von den Mannorientierungen zu befreien. Das war schlecht. Ich weiss aber nicht, ob man das als total risikoavers einstufen muss oder gar als Spielweise entgegen dem (offensiven) Naturell, wie z.B. im Spox-Kommentar steht.
    Ich kann mir gut vorstellen, dass man sich auch mit dieser Herangehensweise ein etwas offeneres Spiel und v.a. mehr Dominanz erwartet hatte. Vermutlich glaubte man, auch so öfter in die entscheidenden Räume vor und hinter der englischen Abwehr zu kommen. Vielleicht war eine nicht ganz so strikte Manndeckung erwartet worden bzw. war man zuversichtlich mit Havertz (und Müller) die Räume auch so zu öffnen.

    Höchstens kontrolliertes Risiko finde ich aber schon eine angemessene Strategie für dieses Team. Kann mir wirklich nicht vorstellen, wie Hauruck-Fussball hätte zum Erfolg führen sollen. Tut es im Gegensatz zu ballbesitzorientierter Spielkontrolle und sehr guter Restverteidigung eh selten an Turnieren. Und hätte nicht gepasst zu diesem Team mit seiner zuletzt eben sehr schlechten Restverteidigung, dafür sehr guten Zirkulation und Raumbesetzung.

    Man hätte Dinge strategisch oder v.a. taktisch sicher besser machen können, aber ich weiss nicht, wie viele Prozente da noch drin gelegen wären. Ich bin dagegen überrascht, wie häufig das spielerische/offensive Potenzial dieses Teams erwähnt bzw. wie selten die individuelle Qualität in Frage gestellt wird. Deutschland hat doch im Vergleich mit England (und anderen Teams) nicht den besseren Kader. Kane, Sterling, Grealish oder Sancho sind sicher krassere Unterschiedsspieler als die deutschen Offensivleute. Aussenläufer haben sie auch bessere und viel mehr Auswahl verschiedener Spielertypen, die selbst noch viel variabler einsetzbar sind. Etwa im Vergleich mit Shaw wirkt Gosens doch recht eindimensional.
    Finde da gerade die fehlenden Dribblings sehr symptomatisch. Das kommt nicht von ungefähr bzw. hat kaum mit der Strategie zu tun. Sané und Musiala sind sicher sehr gute Dribbler, aber die waren (wohl zurecht) nicht auf dem Platz. Ansonsten ist das halt eine echt stark unterdurchschnittliche Qualität im deutschen Fussball. Wüsste nicht, welche Deutsche in der ohnehin dribblingarmen (reine Vermutung) Bundesliga die Rolle des Dribblers innehaben.

    1. Zufällig PL Fan oder wie kommt man zu dem Schluss das England mehr Offensiv-Qualität hätte?!wenn in der Deutschen Startelf allein 8 CL Sieger der letzten 2 Jahre stehen und bei England ganze ööhm 0! wie im Artikel ja auch angerissen.
      Wir sehen doch dass der FCBayern wie auch im Artikel angerissen unglaublichen Offensiv Fussball spielt, davon 5 von 6 Offensivspielern Deutsche. Das ganze Bayern Mittelfeld welches mit überragendem Fussball die vorletzte CL geholt hat, hat also nicht genug Qualität?
      Kane ist die einzige Offensivposition auf der England wirklich einen Vorteil hat.
      Shaw nennst du ernsthaft als Beispiel ggüber Gosens? Wenn dann sehe ich da bei Gosens noch Potential nach oben. Shaw ist ein international brauchbarer Spieler, nicht mehr, nicht weniger. Eigentlich hätte da Chilwell spielen müssen.
      Sterling hat weniger Tore als Gündogan gemacht letzte Saison. Grealish hat international sich noch gar nicht beweisen dürfen.
      Wie kommt man da dazu mehr Qualität zu sehen als bei einem Team das quasi nur aus CL Siegern bestand.
      Das heisst nicht das England nicht ein ziemlich spannendes Team mit wahnsinnigen Potential ist.
      Aber international nachgewiesen Topqualität stand da in grossen Teil mehr bei Deutschland auf dem Platz.

      1. Joa, etwa gleich viel Premier-League-Fussball gesehen wie Bundesliga im letzten Jahr, mehr Einzelspiele der PL, viele von Aston Villa.

        Grealish hat dem Spiel fast immer seinen Stempel aufgedrückt, wobei Aston Villa auch total auf seine Stärken ausgerichtet war. Ich sage nicht, dass er der beste, kompletteste Spieler ist, aber ein viel krasserer Unterschiedsspieler als die deutschen Offensiven. Ein Individualist, wie ich ihn in der Bundesliga noch nie gesehen hätte. Dort würde er vielleicht auch nicht so gut funktionieren, weil er gegen den Ball mittelmässig ist bzw. sich nicht in alle Systeme gut einbinden lässt. Entsprechend tut sich auch Southgate eher schwer. Aber wenn ich in der 65. Minute dem Spiel eine etwas andere Dynamik verleihen möchte und zwischen Gnabry und Grealish aussuchen kann, ist für mich die Wahl klar. Oft bei Endrunden, vielleicht noch mehr dieses Jahr wegen Müdigkeit, macht 1-gegen-1 bzw. Stars in der Offensive auch wirklich den Unterschied. England hat noch mehrere davon. Kane hat so viele Spiele entschieden diese Saison, Saka war oft bester Mann auf dem Platz bei Arsenal, Foden, Mount, etc. Sterling hatte keine gute Saison, aber scheint jetzt Topform zu haben. Man kann auch in die Bundesliga schauen. Wer sind die Unterschiedsspieler bei Dortmund, Leipzig, Frankfurt, Wolfsburg, etc.?

        In der CL wird völlig anderer Fussball gespielt. Viel mehr Pressing, viel höheres Tempo, weniger Zeit am Ball. Entsprechend wertvoller sind andere Qualitäten (Ballsicherheit, Pressing, etc.), die viele Deutsche eher mitbringen als Engländer. Lässt sich aber nicht so leicht übertragen an eine Endrunde. Der Bayern-Fussball von vor einem Jahr schon gar nicht.

        Bayern war definitiv geil unter Flick, wobei ihnen die Terminierung des CL-Endrundenturniers auch perfekt in ihr Timing gepasst hat. Waren ausgeruht und auf dem Peak. Erstens aber eben anderer Fussball und zweitens muss man mal sehen, wer dort wo auf dem Platz war. Kimmich z.B. hinten rechts (!), Thiago war überragend – ohne ihn war Bayern nie mehr gleich geil. Lewandowski ist eh klar, einer von Coman und Perisic war auch oft entscheidend (Sané noch gar nicht im Kader). Davies war krass, Alaba der wichtigste Mann in der Restverteidigung. Gnabry, Müller, Goretzka und Kimmich waren auch mega, aber erstens nur zu viert und zweitens eben eher als funktionale Verbindungsspieler statt Unterschiedsspieler. Wie bitte soll Löw diesen Fussball erfolgreich in die Nationalelf übertragen?

        Deutschland hat die viel besseren Zentrumsspieler, mehr Qualität im ruhigen Ballbesitzspiel und Löw deshalb meiner Meinung nach grob auf die richtige Strategie gesetzt. Es war nicht planlos oder nur Prinzip Hoffnung. Vieles hat schon Sinn gemacht und war nicht schlecht, wenn auch nicht mega gut. Ich finde Löw wird aber unter falschen Erwartungen bewertet, eben falsche Einschätzung des Potenzials bzw. falschem Verständnis von Endrundenfussball. Letztlich hat er eine 50/50-Partie auswärts im Wembley gegen das am krassesten vorbereitete und individuell am besten besetzte Team ermöglicht. Man muss das nicht feiern, aber ich sehe immer noch die Alternative, wie man mit diesem Team gegen diesen Gegner wahnsinnig viel mehr hätte herausholen können.

  8. Hallo Tobias, wie immer Topanalysen, lese ich sehr gerne!
    Ich hatte über weite Strecken des Turniers den Eindruck, dass das deutsche Aufbauspiel aussah, wie eine nicht geplante Situation. Kroos‘ instinktiv abgespultes Abkippmuster in die Dreierkette fand ich da exemplarisch. Kein Ball ins verwaiste Zentrum mehr möglich, ab und an höchstens ungelenk aufgelockert durch Ginters Rausschieben (und seine unzähligen Flanken) oder Kimmichs Einrücken. Das wirkte auf mich, als hätte Löw gar nicht damit gerechnet, dass es Ballbesitzphasen gegen tief stehende Gegner geben könnte. Was ich erschreckend naiv fände.

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