6 Gedanken zu „WM-Tagebuch, Tag 16: Der Segen des mitspielenden Stürmers

  1. Um den letzten Absatz aufzugreifen: Vermutlich nicht nur ein deutsches Problem oder Eigenheit ist es, unglaublich viel Kaffeesatzleserei in Sachen Fußball zu betreiben. Das fängt ja schon beim abergläubigen Fan an, der sein Trikot nach einem Sieg nicht wäscht oder andere Rituale. Und das geht natürlich ziemlich weit hoch. Fußball als Ersatzreligion. Was dann auch für ziemlich viele Probleme sorgt, wenn man das eben mehr religiös als faktenbasiert betrachtet. In Deutschland ist IMO deswegen auch die allgemeine Fußballbildung und -betrachtung deswegen problematisch, wo man in anderen Ländern es schon sehr viel mehr als Leistungssport und Geschäft begreift.

    Danke fürs Aufgreifen der „Körperlichkeit“. Ich finde es wirklich durchaus auffällig, dass das weniger relevant ist. Sicherlich und gerade auch durch verbesserte taktische Schulung der einzelnen Spieler, was ja per se dazu führt, dass individuelle Schwächen weniger relevant sind (Stichwort: Rangnicks „10 Athleten als Bundesligaklub“), aber vermutlich auch ein wenig durch Leistungszentren/Akademien – und schlussendlich mehr Geld in der Sportart, wodurch auch körperlich stärkere Spieler jetzt diesen Karriereweg gehen. Ich kann mir vorstellen, dass das Fußballweltbild in 10 Jahren noch mehr anders ausschaut, wenn sich nicht grundsätzlich etwas ändert.

    Zu Polen/Frankreich: Kann es sein, dass es auch teil der Taktik von Frankreich war, durchaus so spielverweigernd aufzutreten (und die eigene defensive Stärke auszuspielen), damit man Polen mal aus ihrem Igeldasein herauslockt? Ich habe das Spiel nicht gesehen, deswegen die Frage. Es gehören ja immer 2 dazu, und ich frage mich, ob Frankreich durchaus bewusst den Ball sehr viel aufgegeben hat, um die Polen zum Offensivspiel zu verführen – und damit eine Unabgestimmtheit herbeizuführen.

    Und noch ein Punkt in Sachen „Ich sehe viel Bundesliga in Japan“: Ich musste kurz lachen, weil ich da spontan zuerst an die Bayern und den BVB denken musste, die doch sehr konträr zu den Japanern agieren und beide IMO große Schwachpunkte im guten Defensivspiel haben (vor allem der BVB). Aber dann bemerkte ich, dass du eben jene Klubs meinst, wo diese Japaner auch agieren: Eben Freiburg, Frankfurt, Bochum. Vor allem erstere beiden Mannschaften agieren defensiv sehr diszipliniert und „schwimmen“ vergleichsweise selten. Ich wiederhole mich, aber: Es wäre für die N11 gut, wenn man mal wieder „traditionell“ gute deutsche Defensive auch bimsen würde, und nicht nur Offensive-Total ala Flick.

  2. Noch etwas zu Kane: Ich finde es gut, dass du das auch erwähnst. Vielleicht führt die WM (und auch die bisherige Bayernsaison) auch hier zu einem Aufwachen und Trendumkehr, so dass wir wieder „gelernte“ Mittelstürmer sehen. Der Einfluss eines solchen, auch wenn es vielleicht kein Weltklassemann wie Kane ist, sondern nur „gehobenes Niveau“ wie Choupo-Moting, sollte durchaus klar geworden sein.

    Man konnte gerade bei der N11 gut sehen, dass da vorne zwar hochtalentierte Spieler sind, die sich aber oft gegenseitig im Weg standen. Speziell bei Musialas Dribblings fiel das auf, weil diese oft darin endeten, dass er nächste „Gegenspieler“ ein weißes Trikot hatte. Da kann man einerseits Musiala kritisieren, dass er nicht früher abspielt, aber auch andere Spieler, dass die sich nicht besser bewegen und bspw. sich für Abpraller positionieren.

    Stichwort Abpraller: Havertz ist zweifelsohne mit allem gesegnet, was für einen Mittelstürmer an Fähigkeiten gebraucht wird. Aber sein Spielverhalten ist weitgehend immer noch das eines Halbstürmers/10ers. Viel zu oft will er direkt an einer Szene dabei sein und nimmt dadurch den anderen Halbstürmern/10ern die Räume. Ein Mittelstürmer bewegt sich u.U. oft auch etwas antizyklisch (aber antizipierend) in Räume, die nicht direkt mit der Angriffssituation zu tun haben. Auf den „anderen Pfosten“ oder in den Rückraum gehen, um dort den Abpraller einzufangen und zu verwerten – wodurch man ersten seinen Kollegen direkt Raum gibt, weil man aus selbigem geht und zum anderen vielleicht 1-2 Verteidiger mitnimmt.

    Diese Vorgehensweisen sieht man viel zu selten. Speziell die ganzen deutschen Offensivspieler suchen viel zu oft den direkten Weg Richtung Tor, sowohl im Paßspiel, Torschuss als auch Positionsspiel, wodurch der Strafraum dann einfach gerammelt voll wird.

  3. Die Analyse zu Kane finde ich auch sehr interessant. Und wenn man den Vergleich zu DEU zieht: wichtig ist eben auch inwieweit solche Spielertypen in das gesamte Muster/Konzept integriert werden und da scheinen die Engländerm trotz aller Kritik die immer wieder an Southgate (in England) geübt wird, ein deutliches Stück weiter zu sein als unsere N11. Kernthema einer jeden taktischen Ausrichtung muss sein wie das eigene Team Tore erzielen will.

  4. re: Welche Bedeutung für die Entw. der japan. N11 spielte Trainer Zico? Ich glaube mich zu erinnern, dass ich unter seiner Leitung das erste Mal auf Japan wirklich positiv aufmerksam wurde; sie sogar unglücklich „zu früh“ ausschieden? Immerhin war er ein paar Jahre dort. Oder wäre diese Entw. mit den meisten anderen Trainern ähnlich verlaufen?

    * * *

    (etwas polit. Theorie, sry:
    re: One Love Binde – (ein Glück dass das nicht bei der Frauen-WM Thema ist. Es würde unter Garantie der neue Kalauer hinter der Hand werden) – und Kaffeesatz – das ist Bestandteil der substanzlosen Boulevardisierung von eigentlich wissenschaftlichen, d.h. exakt aufzubereitenden Themen wie Fussballtaktik; also „Behauptung“ und „anekdotisches Argumentieren“ ersetzen sachorientiere, nicht-emotionale geführte strukturelle Analyse. Mentalität ist z.B. ein Begriff mit dem jeder ohne jede Qualifikation etwas anfangen kann. Dazu kann leicht Meinung generiert werden und entsprechende Rezeptionsvolumen. Der ökonom. Druck durch die für das digitale Zeitalter spezifischen Umstellungen des Medienwesens begünstigt diese Unsachlichkeit. Das geht auch zurück auf die zunehmende Personalisierung in der Politik, beginnend z.B. siehe BT-Wahlkampf Gerhard Schröder ´98, Stichwort „MEdiendemokratie“. Oder wie Thatcher sagte: Es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur Individuen. Gesellschaft/Gemeinschaft-orientiertes Denken macht Analysen komplex. Individuen-orientiertes Denken kann viel stärker auf Polarisierung, Simplifizierung und Emotionalisierung zurückgreifen. / einerseits: Für den Fussball war das natürlich wahrscheinlich immer schon gültig. Andererseits hat die Arbeit an „Fussballtheorie“ z.B. auch durch die Spielverlagerung und Co. die Qualität des öffentlich. Diskurses erheblich verbessert. Das sieht man schon an so banalen Beispielen wie kicker-Berichten. Wo von taktischen Feinheiten gesprochen wird, die man vor 10 Jahren eher mit der Lupe hätte suchen müssen. Natürlich ist da noch ein weiter Weg zu gehen. Und Binde-Diskurse gestatten Leuten eben mitzureden, die eigentlich von Fussball keinen blassen Schimmer haben.)

    1. Es gibt ja viele Namen, die im Verlaufe ihrer späten Spieler-/Trainerkarriere nach Japan gegangen sind: Guido Buchwald gehört da genauso dazu wie Dettmar Cramer oder Zico. Tatsächlich ist der Name, den man am häufigsten in Verbindung mit der japanischen Nachwuchsarbeit hört, ein in Europa gänzlich unbekannter: Tom Byer. Der frühere US-Profi hat schon Ende der Achtziger die ersten Fußballschulen dort eröffnet. Er hatte später eine sehr einflussreiche Rubrik in einer Fernsehsendung, die Kindern das Fußballspielen nähergebracht hat. Ich weiß von Shinji Kagawa, dass er diese Fernsehsendung als großen Einfluss bezeichnet hat. Byer hat auch mitgeholfen, die in Japan bis heute gängigen Strukturen aufzubauen und Ausbildungsinhalte konzipiert. Heute arbeitet er für den chinesischen Verband – wobei ich mir da gar nicht mehr sicher bin, ob das noch aktuell ist.

      1. cool.

        da stellt sich die Frage nach der kommenden Entw. des Fussball in China.
        Selbst in den USA hat sich offensichtlich im gewaltigen Schatten von B-B-F auch etwas Ansehnliches gebildet.
        Und in Frankreich war die Popularität des Rugby ja auch kein Hindernis.

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