31 Gedanken zu „WM-Tagebuch, Tag 13: Hinter Tor 3 wartet der Zonk

  1. re: Belgien – könnte es sein, dass Martinez schon früher hätte ersetzt werden müssen? (Ich weiß, Struktur, nicht Personen) aber diese belgische Generation ist unter ihren Möglichkeiten geblieben. Auch der Weg zum 3. Platz 2018 ist mir nicht als Offenbarung in Erinnerung geblieben. Vielleicht trügt das Gedächtnis. Es gab damals Anerkennung bei der Spielverlagerung für die Kompaktheit. Aber befriedigt hat mich das Spiel seinerzeit nicht so recht. (Aktuell leider nichts gesehen).

    1. State of the Art scheint es für die Topteams zu sein, vor allem defensiv richtig gut zu stehen – vorne trifft man schon irgendwie. Frankreich hat das vorgemacht, andere machen das nach. Argentinien, Brasilien, England, Spanien und viele andere spielen vor allem erst mal darauf, kein Tor zu bekommen.

      Das dürfte auch irgendwo der Plan von Deutschland gewesen sein, aber im Gegensatz zu den anderen Teams hat man defensiv nie irgendeine Sicherheit ausgestrahlt. Die Ursachen dafür sind recht sicher zahlreich, aber IMO fehlt da einfach die taktische defensive Ausbildung im ganzen Team. Man kennt Pressing, Gegenpressing, Paßspiel. Aber taktische Fouls? Einen Gegner ablaufen, zustellen, Deckungsschatten? Speziell im Mittelfeld lässt man die Angriffe fast immer laufen und erwartet dann von den IVs, dass die das regeln. Das hat schon 2018 mit einer Weltklasse-IV mit Hummels und Boateng nicht funktioniert, aus den gleichen Gründen. Das Problem ist seitdem nicht besser geworden und liegt nicht an den Innenverteidigern.

      1. Danke sehr Koom für die Ausführungen. (obwohl diese eine wohl nicht als Antwort auf meinen post gedacht war, der ja Belgien betrifft)

        – Tobias schreibt ja auch von nur 1 Woche Vorbereitung, ein Zeitmangel, der eine Beschränkung auf die Arbeit am Defensivverhalten (wow Doppel-„v“) uU begünstigt.

        Nicht zuletzt auch, wenn die durchschnittlichen Spielerfähigkeiten internat. zunehmen.

        Ich könnte mir vorstellen, dass so Produkte wie die diversen FIFA Soccer Games (ich kenn mich da nicht aus) die Kinder auf der ganzen Welt extrem animieren und antreiben, in einer Weise wie das im prä-Medienzeitalter nicht denkbar gewesen wäre.
        Man könnt auch von „Gehirnwäsche“ sprechen…

        Ich weiß jedenfalls noch was der Nike-Spot mit Edgar Davids (´98?) für Auswirkungen hatte auf Fussballtricks im Milieu von Freizeitkickern.

        1. Doch, Belgien war dabei schon gemeint. Auch die wollten vornehmlich das ganze über Zu-Null regeln, was aber nur mässig klappte. Diesen Ansatz haben sie auch schon länger.

  2. Es bleibt aus sportlicher Sicht eine große Ratlosigkeit zurück, wieso es nicht gelingt, aus doch hochveranlagten Spielern ein Team zu formen und mit diesem eine Spielidee zu entwickeln.
    Es hat zuweilen wehgetan, zu sehen, wie sehr sie sich gegenseitig auf den Füßen standen und orientierungslos umherirrten, manchmal gar gegeneinander zu spielen schienen. Das „geklaute Tor“ von Füllkrug steht hier stellvertretend für die Zufälligkeit des deutschen Spiels.

    Letztendlich ist Flick an der Kaderzusammenstellung gescheitert, mit der er sich teaminterne Konflikte eingehandelt hat, die er dann durch Aufstellungen und Wechsel versucht hat zu befrieden.
    Nimm zwei halbe Mannschaften mit und du bekommst kein Ganzes.
    Dieser Konflikt besteht seit dem Confed-Titel 2017 und wird nun seit 3 Turnieren ausgefochten, zum Schaden aller.
    Vor 12 Jahren war es ein Foul von Prince Boateng an Michael Ballack und der Ehrgeiz von Philip Lahm, der den entscheiden Umbruch eingeleitet hat, nicht der Mut und die Weitsicht des Trainerteams.
    Man erkennt sich wiederholender Muster der Konfliktscheu beim DFB. Das war schon bei Löw so im persönlichen Umgang mit Spielern, aber auch mit sportlichen Entscheidungen, und Flick setzt dieses fort.
    Aber auch der sportpolitische Eiertanz zeugt davon.
    Man wollte sich nicht der politischen Vereinnahmung entziehen, aus Angst vor Shitstorms des Mainstream daheim, um dann vor der FIFA ebenso folgerichtig einzubrechen. Lose-Lose statt Win-Win. Gefälligkeitssucht und Opportunismus. Ist das nicht das Diplom von Bierhoff?

    Nun wäre es an der Zeit für etwas Neues und die naheliegende Lösung kann in dem Fall nur Thomas Tuchel heißen. Nur da der in Deutschland ähnlich geachtet ist wie Alice Weidel, wird es leider nicht dazu kommen. Und so werden sie weitermachen, werden ihre funkelnde Academy preisen, in 2 Jahren wird sie der Heimvorteil bis ins Halbfinale spülen und das nächste böse Erwachen erfolgt dann in New Jersey oder Guadalajara.

    1. > Nimm zwei halbe Mannschaften mit und du bekommst kein Ganzes.

      Welche Spieler hat er denn de facto wirklich „vergessen“? Das er nicht plötzlich anfangen wird, „echte“ Sechser, die individuell nicht so glamourös sind (wie Kohr, Andrich) einzuladen, nur weil die eine Rolle erfüllen, die zwingend gebraucht wird, war klar. Selbst bei den Bayern hat er immer mehr auf echte Defensivspieler verzichtet. Wenn man den generellen Status Quo der deutschen Fußballer betrachtet, könnte man fast meinen, dass das von ihm generell so gewollt ist.

      Persönlich würde ich auch gerne Tuchel zumindest als Trainer einer der drei Teams N11, Bayern oder Dortmund sehen, weil seine pragmatische Herangehensweise, die auch und vor allem die Defensive betrifft, eine kleine Wohltat wäre. Flicks Einfluss erscheint mir zwar interessant, aber unterm Strich zu riskant, wenn man vor allem keinen Mega-Goalgetter hat.

      1. Aus der Ferne betrachtet sind die Weltmeister von 2014 und das Confed-Team von 2017 zwei verschiedene Teams und der Versuch, beide zusammen zu führen ist schon 2018 und jetzt wieder gescheitert.

        Die Frage ist erstmal nicht, wen Flick anderes hätte mitnehmen sollen, sondern wen er nicht hätte mitnehmen sollen und da kommen mir die Namen Müller und Gündogan zuerst in den Sinn.

        Aber das ist tatsächlich mehr ein Gefühl, dass die Jungen anders ticken als die alten und der Führungsanspruch der Alten Unfrieden stiftet.

        Man hätte diese WM halt ähnlich wie 2010 als Aufschlag einer neuen Generation nehmen können, aber wie in meinem Post schon gesagt, war es damals nicht das Trainerteam, sondern der Zufall, der die Wende eingeleitet hatte.

        1. 2014 kam allerdings auch der einmalige Moment zusammen, dass die Bundesliga die Trainer Klopp, Tuchel und Guardiola hatte und damit auf einem taktischen Höhepunkt war. Und das ganze gepaart mit einer goldenen Generation, die schon vorher eine taktische Reise mitgemacht hat auf den neuralgischen Position. Mit Schweinsteiger, Lahm, Klose, Khedira, Boateng und Hummels verfügte man über mehrere Weltklassespieler und auch der sonstige Kader bot Spieler auf einem Höhepunkt. Und die meisten davon waren taktisch exzellent ausgebildet auf einem ganzheitlichen Niveau.

          Die Bundesliga seitdem scheint sehr von Flicks Triple geprägt worden zu sein, das allerdings unter besonderen Corona-Umständen zusammen kam und wo er mit einer ausgeruhten, fitten Toptruppe dann alles in Grund und Boden rennen konnte. Aber Flicks Ideal scheint immer diese Totale Offensive zu sein, das kein vernünftiges Defensivspiel beinhaltet. Und das schon bei den Bayern dann sehr anfällig wurde.

  3. Ist es wirklich so blöd Musiala und Gnabry in Abschlusspositionen zu bringen? Gerade Musiala hat bei Bayern geradezu Messi-esque-gute Entscheidungen bei der Platzierung des Abschlusses getroffen. Schön wäre es gewesen, ihn von Anfang an auf der 10 zu haben, womöglich wäre bei ihm dann auch schon früher der Bann gebrochen. Grundsätzlich ist es aber natürlich schwierig, das Wohl der deutschen Nationalmannschaft komplett auf den Schultern eines 19-Jährigen zu laden. Da zeigt sogar Musiala irdische Züge.

    1. „Blöd“ ist es nicht, die in Abschlussposition zu bringen. Das machen sie ja auch selbst ganz gut. Aber deren Abschlüsse sind dann doch was anderes. Gnabry kommt noch in relativ typische Abschlusspositionen, aber Musiala…

      So cool die Dribblings sind, aber speziell bei der WM hat man gesehen, dass er zu sehr alleine das machen wollte. Keines der Dribblings endete mit einem Paß, sondern er ging immer selbst aufs Tor. Es ist saustark, dass er an 3-4 Spielern vorbeikommt und sogar eine Schusschance bekommt – aber die ist dann so zugestellt, dass es für einen Keeper recht leicht ist, die abzublocken. Wenn Musiala lernt, dass man auch mal 2 Spieler ausdribbeln und DANN einfach einen simplen Paß zu einem anderen spielen kann, der dann den Raum ausnutzt und die ganze Fläche hat, dann wird er Weltklasse. Das in Katar nun war letztlich spektakuläre, aber brotlose Kunst. Und damit auch irgendwie Teil des Problems.

      Aber das ist ok: Musiala ist jung. Und diese Qualität wird (hoffentlich) noch kommen.

      1. Deswegen war Füllkrugs Tor gegen Spanien so bezeichnend. Musiala hatte doch eigentlich vor, den Abschluss selbst zu setzen und sich im ersten Moment sichtbar geärgert über die diebische Elster, die seinen feinen Ball mit Wucht veredelt hat.
        Auch Sane ist gestern in seine alten Egoismen zurück gefallen, ist Robbenmäßig nach innen gezogen und hat den Abschluss vor der Box gesucht, dabei ist gerade seine brutale Stärke der Schnittstellenpass und das Doppelpassspiel.

        Ich hätte gerne mal Musiala und Moukoko über eine längere Strecke gesehen, inwiefern Kombinationsstärke und Torschusswucht der beiden harmonisieren. Aber ja, Musiala muss abspielen lernen.

        Doch kommt mir nicht mit dem Alter, der dicke Ronaldo wurde mit 19 zum ersten Mal Weltfußballer.

        1. Alter schützt vor Leistung nicht. 😉 In dem Fall kann man sowas durchgehen lassen, denn fehlende Spielübersicht bzw. etwas zu viel Egoismus ist durchaus mal ne Alterssache. Und evtl. war das auch der Situation geschuldet, wo du das Gefühl vielleicht hast, es allein regeln zu müssen, weil der Rest es nicht kann/will.

  4. Tobi, gehe niemals Versprechen ein die man nicht halten kann 🙂

    Ich denke die Diskussion um den xG wert wird weiter zunehmen. Bei einem Turnier eher nicht so aussagekräftig wie über eine ganze Saison. Dennoch mMn noch immer der beste Wert um Chancen und mögliche Spielanteile von Mannschaften zu berücksichtigen.

    Was jetzt noch fehlt zur gesamten statistischen Lage ist, wenn ein eigener xG für den jeweiligen Spieler in der jeweiligen Abschlussposition kommt (also Gegenüber den anderen Spielen des Spielers und nicht der Durchschnitt über alle Spieler). So könnte man noch eher sehen ob es Unvermögen oder Glück ist und das Ganze besser einordnen.

    1. Der xG-Wert ist im Grunde ok. Er ist sowas wie die Schlag/Trefferzahl beim Boxen. Aber er bemisst am Ende des Tages etwas zu wenig, ob der Schlag tatsächlich Knockout-Qualität hatte (Wucht, Position, Momentum). Er berücksichtigt sehr viel, aber aus meiner Sicht ist eine 20%-Chance für einen Lewandowski eine andere 20%-Chance als für einen Gnabry. Aber das ist ok, denn solche Dinge zu bemessen wird dann immer schwieriger. Und man kann mit einer Statistik nicht alles abbilden, dafür ist der Fußball auch zu komplex. Viel zu viele Variablen spielen da eine Rolle. Also keine Kritik am xG von mir, aber man sollte immer bedenken, dass er auch nur „eine“ Wahrheit ist und einen generellen Eindruck vermitteln kann, der aber trügerisch sein kann.

    2. xG wird gefühlt unter- und überschätzt zugleich. Vor allem aber werden mir die Werte zu oft ohne Kontext präsentiert und interpretiert. Der Game State ist aus meiner Sicht ein sehr wesentlicher Faktor bei der Interpretation. Es ist ja sehr oft zu beobachten, dass Mannschaften in Rückstand weit mehr xG sammeln als Mannschaften in Führung. Ist es daher so bemerkenswert, dass Deutschland einen so hohen Wert in der Gruppe akkumulieren konnte, wenn man quasi fünf Halbzeiten lang Tore schießen „musste“?

      Es gibt übrigens schon xG für einzelnen Spieler. Siehe https://theanalyst.com/eu/2022/02/expected-goals-is-your-strikers-scoring-streak-legit/

  5. Du verzichtest zwar (nachvollziehbarerweise) auf eine genauere Analyse gegen Costa Rica, aber im Grunde hat dieses Spiel auch eigentlich alles aufgezeigt, was so das Problem ist mit der Mannschaft.

    Die ersten 15 Minuten waren sehr gut. Man riskierte vorne etwas für den Abschluss, war variabel, beweglich, willig aufs Tor zu gehen. Ballverluste wurden mit großem Elan wieder eingesammelt. Und dann fiel das 1:0.

    Ab dann geschah das gleiche wie gegen Japan. Man wog sich in Sicherheit, fuhr Intensität, Tempo und Risiko runter und verwaltete das Spiel. Sehr oft sah man speziell Rüdiger in der Quarterback-Position, stehend mit Ball am Fuß, schauend, wo selbiger jetzt hin sollte. Der ging dann mal nach links, mal nach rechts. Und kam bald wieder aus der selben Ecke zurück. Davor wurde die Bewegung konstant eingestellt – ausser der Ball kam zu Sane oder Musiala, die dann diese sekündlich rostende Maschine wieder in Schwung bringen wollten mit ihren Aktionen. Wo Sane zumeist den (gut gedachten) Risikopaß suchte, machte Musiala das Risikodribbling. Aber der Rest war nicht mehr geistig dabei.

    Und dann kam plötzlich die Chance für den Gegner. Ab hier wurde es dann ganz grauselig, weil man immer weniger riskieren wollte, weil man hinten ja bei jedem Angriff keine Souveränität und Sicherheit ausstrahlt. Ergo geschah vorne noch weniger außer eben durch Sane und Musiala, wodurch aber immer mehr Konter gefährlich aufs Tor rollte. Nach dem 1:2 dann war die Mannschaft wieder wacher und alle mehr in Bewegung, aber selbst da konnte man oft beobachten, wie wieder Rüdiger oft dastand und man sich den Ball im bedeutungslosen Raum hin und herschob.

    Ich will damit übrigens nicht Rüdiger angreifen. Sondern die ganze Mannschaft. Die sich weniger bewegte, weniger anbot, keine Überzeugung in ihren Aktionen hat, kein Vertrauen.

    Und was man spätestens seit Flicks Wirken in der Bundesliga (!) eindrucksvoll sieht: Defensivspiel gibt es bei den Topteams Dortmund und Bayern kaum noch. Und damit auch der N11 nicht. Allen 3 Teams ist es gemein, dass sie keine Zu-Null-Defensive ausstrahlen. Kommt der Gegner mit einem Angriff, dann brennt es auch direkt. Und das trotz individuell teils herausragender Spieler. Aber systematisch und vor allem taktisch fehlen jegliche Mittel, einen Angriff zu „töten“. Kein taktisches Foul, kein gutes Abdrängen – Nichts. Es ist ein reiner Mann-gegen-Mann-Sport defensiv bei allen 3 Teams, kein Mannschaftsspiel, kein „ich opfere mich für die anderen“ (und nehme die gelbe Karte).

    1. Stimme großteils zu. Auch der in einem anderen Beitrag geäußerten Wertschätzung gegenüber Lahm, der definitiv zu den ganz Großen seiner Zunft zählt.

      Diese sichtbare Unsicherheit, gepaart mit schlechter Chancenverwertung, ist für mich das größte Problem, das leider schon seit Langem sichtbar ist. Auch in der Nations League, selbst bei Führungen hatte man nie ein Gefühl von Souveränität oder ausreichender Abstimmung, vor allem, wenn der Gegner wider Erwarten doch nochmal nachsetzte. Letztendlich auch ein bisschen fahrlässig, angenommen oder gehofft zu haben, das würde sich mit gesteigerter Motivation durch die WM von alleine erledigen.

    2. Im späteren Verlauf der Hinrunde nach der kleinen Mini-Ergebniskrise hat Bayern unter Nagelsmann sehr wohl gezeigt, dass sie auch defensiv sicher stehen können. Spiele verwalten und kontrollieren ist kein großes Problem mehr, das braucht es in einer langen Saison um Kräfte zu sparen. Selbstverständlich sind die französischen Verteidiger + De Ligt auch etwas besser als die deutsche Konkurrenz. Bayern hat schon vor Jahren erkannt, dass der deutsche Nachwuchs überschaubar ist. Es ist kein Zufall, dass sie fast eine komplette französische Defensive aufbieten können neben de Ligt, der auch eine super Saison spielt. Upamecano spielt krank gute progressiv Pässe, vermutlich Top 5 CB in der Welt in dieser Metrik, vergleichbar mit Peak Boateng.

      Spätestens wenn Gnabry, Sane, Kimmich und Goretzka die besten Jahre hinter sich haben, werden die Probleme der Nationalmannschaft auch bei den Bayern ankommen. Außer Wirtz, Musiala und Moukoko gibt es niemanden der wirklich Extraklasse ausstrahlt. Bayern betrifft die Krise in der Nationalmannschaft bisher relativ wenig sportlich, dementsprechend ist es dem größten Club des Landes auch (noch) relativ egal. Wenn die Kacke am Dampfen ist, wie es auch bei den Bayern in den frühen 2000er war, wird es anders sein. Nur der BVB reicht nicht als Einfluss auf die Nationalmannschaft, um wirklich nachhaltig was zu verändern. Die NLZ werden keine Sakas, Foden und Musialas sofort produzieren, dass braucht viel Zeit, Glück und Offenheit gegenüber neuen Ideen. Insbesondere der letzte Punkt dürfte beim eingerostetem und nahezu unverändertem DFB seit 2006 schwierig werden. Frankreich hat 20+ bessere CB als Deutschland, wir haben nur Rüdiger und selbst der war nur durchschnittlich. England hat im Gegenzug unendlich viele Granaten als RV, während Deutschland ein Toptalent wie Paul Wanner im schlimmsten Fall zu den Ösis ziehen lässt.

      Ich würde mich btw mal gerne über Artikel freuen, warum der Nachwuchs in UK und Frankreich soviel besser ist btw. Nur Paris/London Bonus, Multikultimetropolen mit Menschen aus allen Ländern der Welt, die dann „nur“ noch sehr gut ausgebildet werden müssen? Das sollte in Berlin, Köln oder Frankfurt auch möglich sein. Glaube kaum, dass es am fehlenden Spielermaterial bzw Qualität liegt, sondern eher in der Ausbildung. Talente gibt es in Deutschland genug, der Großteil der U21 oder U19 sind aber international vermutlich eher guter Durchschnitt, selbst wenn sie sich gut entwickeln.

      Flicks Spielstil ist für die Nationalmannschaft nicht gemacht, erst recht in einem nur 3 Spiele langen Mini Turnier. Volle Attacke heißt wenig Kontrolle und Chaos. 2.5 vs 1.5 xG ist viel schlechter als 1.5 vs 0.5 da die Varianz viel größer ist. Musiala ist kein schlechter Abschlussspieler, er ist bei Bayern exzellent darin und überperformt seine 6 xG mit 9 Treffern in der Liga sogar deutlich. Bei einer WM möchte ich Varianz vermeiden, so wie es Frankreich und Brasilien tun. Die deutsche „voll auf Angriff“ Strategie ist umso unverständlicher, wenn du keinen Plan hast welche Viererkette du aufstellen wirst und qualitativ eher suboptimal besetzt bist in der Defensive. Alba spielt bei Spanien immer LV, egal ob er bei Barca C spielt oder nur dritte Wahl in der ersten Mannschaft ist. Rodri spielt unter Enrique auch schon eine halbe Ewigkeit IV. Flick hatte keinen Plan.

      Müller Rücktritt kommt zum richtigen Zeitpunkt ist mittlerweile auch überfällig, da es in der Nationalmannschaft viel schwieriger ist als bei den Bayern seine Raumdeuter-Fähigkeiten sinnvoll einzubringen. Bei der NT wirkt er eher verloren. Ein anderes Thema was der DFB im Auge behalten sollte, ist die Torhüterposition. Neuer wirkte in jedem Spiel unsouverän, hatte kleinere bis größere (1-2 vs Japan) Fehler bei mehreren Gegentoren und seine Qualitäten lassen auch im Spielaufbau mittlerweile deutlich nach. Ich möchte noch nicht den großen Abgesang einleiten, aber es wäre mehr als fair vor allem Ter Stegen zur EM 2024 einen offenen Konkurrenzkampf anzubieten, anstatt sich DFB like im Frühjahr 2023 auf Neuer als Torwart bei der EM festzulegen. The trend is not his friend. Fällt bei den Bayern weniger auf, aber auch da gibt es kleinere Fehler die zunehmen. Neuer hatte immer eigene Techniken und Verhaltensmuster. Früher haben sie ihn nichts gekostet, mittlerweile tun sie dies, da seine Geschwindigkeit und/oder Processing nachgelassen haben. Ein guter Torwarttrainer weiß das sicherlich auch alles, aber ich glaube es dürfte schwer sein Neuer von seinen Verhaltensmustern mit 37 nach 2 Jahrzehnten loszueisen und sein Spiel etwas anzupassen, bspw. holt er sehr gerne Schwung bevor er Bälle pariert.

  6. Vielen Dank für diesen Eintrag und auch das gesamte Tagebuch. Es ist immer wieder ein Genuss, so kompakt und kompetent eine Einschätzung zu den verschiedenen Themen zu bekommen.

    Dein Buch ist bestellt, das wird sich mit Sicherheit auch lohnen.

    Bei der Gelegenheit mal der Hinweis von mir, dass ich sehr gerne bereit wäre, für dieses Tagebuch oder ähnliche Veröffentlichungen von dir zu bezahlen (übrigens auch laufend, z.B. zu Bundesliga und Champions League, o.ä.). Sofern dies in deinen Überlegungen noch eine Rolle spielt, hattest du ja bereits im letzten Jahr mal laut drüber nachgedacht.

    Und der letzte Satz heute hat mich richtig zum Lachen gebracht, hab ich nicht kommen sehen. In diesem Sinne: Danke Tobi!

    1. (Sorry für meinen Kommentar-Spam) Eine Frage zu den Büchern: Bringt es dir mehr, das Buch via Amazon zu bestellen oder via regulären Buchhandel?

  7. aus meiner Sicht als Tatik Laie liegt das Problem tiefer
    in der Rudi – Klinsi – Jogi – Hansi Ära hat die Vermarktung der Mannschaft immer mehr zugenommen und diese erforderte attraktive Offensive, torreiche Spiele, Defensive war nicht so gefragt, möglichst alles aufregend
    dazu kommt, dass für viele Spieler und deren Berater die Nationalelf vor allemdazu benutzt wird, die Wertigkeit von sich ausserhalb der Nationalelf zu steigern
    möglichst selbst gut aussehen, keine Ausraster oder rote Karten, PR optimierte Statements
    deshalb brauchen wir einen neuen Trainer,ausserhalb einer Nivea Vermarktbarkeit, dem es nur um Fussball, besonders ergebnisorientierten geht, gerne Ausländer

  8. Es vollkommen richtig und dringend nötig nach diesem erneut frühen Turnier-Ausscheiden vor allem die Frage der personellen Zukunft des DFB aufzuwerfen. Gerade weil Bierhoff und Co die Erfolgsstory von 2014 mitgeschrieben haben, gehören sie genau wegen dieser Tatsache zu den Behinderern einer sportlich erfolgreichen Ausrichtung. Es ist auffällig, dass Bierhoff und Co immer wieder das vermeintliche „Erfolgsmuster von 2014“ suchen bzw. in die Tat umsetzen wollen und denken sie müssten nur wieder die immergleichen Puzzlestücke zusammensetzen. Da ist dann das Mannschaftshotel in Katar das „neue Campo Bahia“ und es wird die vermeintliche gleiche Teamdynamik wie in 2014 versucht zu entfachen. Das wird so niemals klappen. Kein bedeutendes Abenteuer wird deshalb erfolgreich, weil es sich genauso entfaltet wie das damals im Jahr XY. Jede erfolgreiche Unternehmung miss aus sich heraus originell und eigen sein ohne im ständigen Vergleich zu verharren. In der Philosophie und in der Psychologie sind diese Gefahren bekannt und beschrieben, es nennt sich „Fixierung“ (Psychologie) oder auch „stereotype Fixierung“ und „Ticketdenken“ (Adorno). Genau aus diesem Grund braucht es beim DFB nach Jahren der Stagnation einen großen personellen Umbruch. Die Selbsttäuschung den goldenen Schlüssel zum Glück gefunden zu haben, muss ersetzt werden mit neuen Leuten, die dem Erfolg wieder als etwas nachjagen was im Unbekannten liegt, dort wo Geschichte immer geschrieben wird.

  9. Personelle Konsequenzen müssen gezogen werden, keine Frage, nur: in welchem Ausmaß. Wenn Verantwortliche seit bis zu 18 Jahren dabei sind, frage ich mich ob die notwendigen Veränderungen gegenüber aufgeschlossen sind und entsprechende Impulse setzen können. Den Blick aufs Ausland muss man wagen und natürlich nicht alles nachmachen, aber die richtigen Schlüsse bezogen auf den eigenen Verband und damit einhergehende Möglichkeiten ziehen und Maßnahmen umsetzen. Zum Trainer-/Betreuerstab: Flick hat enttäuscht, hat während des Japan-Spiels nicht die erforderlichen Umstellungen vorgenommen, für mich war taktisch auch keine echte Idee erkennbar. Das Festhalten an bewährten Stammkräften, das hat in der Vergangenheit schon nicht funktioniert aber da ist DEU ja nun nicht alleine (siehe Belgien).

  10. Ist halt die Frage, ob es wirklich können bzw. Mangelndes Können ist, wenn man nur 6 Tore bei einem xpec Wert von 10 schießt oder doch nur Statistik 😉
    Finde deinen Ansatz mit den Abschlussspielern nicht schlecht, aber es kann eben auch einfach eine Normalverteilung sein…

    Flick: würde mit Wünschen, dass er die EM noch machen darf. Finde seinen Stil durchaus gut und ich glaube, dass er mit einer längeren Vorbereitung nochmal gewinnt.

    Auffällig:
    Kein einziges Team hat in der Vorrunde 9 Punkte geholt!

    Danke dir Toby, bin froh das wenigstens irgendwer was sinnvolles zur WM schreibt.

    P.S.: ich weiß, es ist nicht dein Sport, aber schau dir mal den blog sidelinereporter.WordPress an…

  11. Interessanter Artikel. Danke dafür.

    Schaut man sich die ersten 45min der Deutschen gegen Spanien an, dann wird deutlich warum Hansi Flick gehen muss. Entweder die Jungs wollen seine Anweisungen nicht umsetzen oder er gibt ihnen keine. Beides Gründe zu gehen.

    Hier unerklärliche Beispiele:
    -keine Idee gegen Pressing… warum?
    -lange Bälle auf Müller… warum?
    -eigenes Pressing ist unterirdisch… warum?
    -kein defensivverhalten der 3 Offensiven.. warum?
    -keine Intention hinten raus zu spielen… warum?
    -enge Räume wieder bespielen… warum?
    -jedes Mal Raum unter Druck anspielen… warum?
    – 3 Leute greifen an und 7 schauen zu… warum?

    Das sind Dinge, die ich in der 2. kreisklasse anspreche als Trainer.

    Alles wunderbar in den ersten 45min gegen Spanien zu sehen. Und nein Spanien spielt es nicht besonders hervorragend.

    Und über fehlende Jugend usw. müssen wir aktuell nicht reden. Dieser Kader ist auf dem Top Niveau. Wir sind von der Qualität der Vereinsspieler unter den Top 5. Alleine 5-7 Bayern in der Startelf sollte zeigen wie viel Qualität da ist. Und auch die Defensive spielt bei CL Clubs.

  12. Danke für den Artikel und das Tagebuch insgesamt.
    Dein Buch steht auf dem Wunschzettel für den Weihnachtsmann.
    Kompliment auch an die Kommentatoren hier, ich bekomme hier sehr viel Input und lerne ständig dazu.
    Als taktischer Laie stellt sich mir doch eine Frage bezüglich der mich eure Meinungen sehr interessieren würden.
    In Anbetracht der nicht vorhandenen Vorbereitung, wäre der Versuch eine Kopie der zuletzt so erfolgreichen Bayern Mannschaft aufzustellen eine absurde Vorstellung?
    Mir ist klar dass bei einer WM klassischerweise eine stabile und eingespielte Defensive am erfolgversprechendsten ist. Eine solche war für mich aber nicht annähernd in Sicht. Ich hatte auf eine Flucht nach vorne gehofft.
    Vielleicht hätte man mit einem Mittelfeld aus Goretzka und Kimmich, mit Musiala auf der 10 davor und einem Füllkrug als Ersatz für Choupo-Moting auf der 9 eine ähnlich erfolgreiche Offensive erhalten. In meinen Augen hat Flick diese Option für einen Gündogan und einen formschwachen Müller geopfert.
    Oder ist dieser Gedanke nonsens, weil eine Übertragung auf die WM unmöglich ist, oder die vorhandenen Spieler in der Abwehr, oder die Umstellung der Abwehrspieler auf die Bayerntaktik, oder andere Gründe dies unmöglich machen?

  13. Finde die schwache Defensivarbeit, insbesondere das schlechte Game Management gegen Japan, muss bei der Analyse im Zentrum stehen. Die Chancenverwertung mag (auch) fürs Ausscheiden verantwortlich gewesen sein, aber die ist nun mal stark von Glück/Pech bzw. Varianz geprägt und deshalb nur bedingt beeinflussbar. An der Spielidee bzw. an der strategischen Ausrichtung des Teams sowie an taktischen Details kann man viel einfacher Einfluss nehmen. Und nochmals, genau diese Dinge waren es auch, die Deutschland das Turnier gekostet haben.

    Der Auftritt gegen Japan in der zweiten Halbzeit war einfach brutal schlecht. Es wurde ausgewechselt, wie man sich das im Vorfeld wohl zurecht gelegt hatte anstatt auf die veränderte Situation im Spiel zu reagieren. Japans Umstellungen und neu eingebrachte Stärken, z.B. den Speed von Asano, wurde zu wenig Rechnung getragen. Man hatte nicht die Ruhe, das Spiel kontrollierter zu führen und notfalls einen Punkt mitzunehmen. Schliesslich konnte man sich nicht auf die Eingespieltheit in der Defensive oder einen pragmatischen Plan B abstützen.

    All diese Dinge brauchts für erfolgreichen Turnierfussball unbedingt. Man kann meinetwegen primär offensiv eingestellt sein, muss zumindest als Plan B aber defensiv orientierten Fussball spielen können und diesen im Vorfeld auch eingespielt haben. Und man muss Spiele richtig lesen und reagieren können.

    Angesichts dessen brauchts Wechsel beim DFB, gerade auch auf der Trainerposition. Einen bestimmten Stil spielen zu lassen, zumal einen eher risikobehafteten, und in taktischen Details nachlässig zu sein, reicht nicht.

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