7 Gedanken zu „Datenanalyse ist im Fußball vollends angekommen. Nur weiß die Öffentlichkeit davon nichts.

  1. Schöner Artikel. Ja, die Dinge verstehen würde gut tun. Fußball ist da nur ein simples Abbild der Gesellschaft, man kann an ihm weite Teile der Welt und ihrer Struktur erklären. Und was daran alles so kaputt ist. Aber ich will da auch nicht abschweifen.

    Ich hab dank Klopp und Tuchel früh erlernt, mal nicht nur auf das Ergebnis zu achten. Auch nicht nur auf Fehlpässe, sondern auch die Spielzüge und Stellungen, die zu der Situation führen. Das es sehr selten darum geht, dass „die Spieler keinen Bock hatten“, sondern meistens eher darum, dass sie einen falschen Plan für das Spiel hatten.

    Ich bin heute noch überrascht, wie sehr so typische Alleinspieler wie Bellingham verehrt werden und Spieler, die im Grunde auch sehr gut sind, aber anhand ihrer Skills auf Strukturen und Mitarbeit angewissen sind, gehasst werden.

  2. Wir im Westen sind stolz auf unsere analytischen Fähigkeiten. Im einer stabilen Welt – wie der Physik – hat das zu ernormen Fortschritt und Wohlstand geführt. Fußball ist aber nicht wie Physik (relativ stabile Gesetze über die Zeit), sondern ein lebendiges (dynamisches) System. Wenn etwas Teams erfolgreich macht, werden andere darauf reagieren und sich anpassen. Das Erfolgsrezept ist dann höchstwahrscheinlich bald keines mehr.

    Wir wissen inzwischen auch, dass in einem dynamischen System die Suche nach dem „marginal gain“ und immer komplexere Modelle nicht zwingend besser sind, als einfache Heuristiken mit wenigen Faktoren (vgl. u. a. N. Wiener, von Foerster, Gerd Gigerenzer und Nassim N. Taleb). In der Wissenschaft kann man zw. Analyse und Synthese unterscheiden. Vielleicht ist ein Grund warum Carlo so erfolgreich ist, dass er die Synthese besonders gut beherscht, da er eine gute Intuition (wesentlich für Heuristiken) hat.

    Analyse ist damit natürlich nicht obsolet, aber ich würde mich auf Kern-Faktoren konzentrieren und anhand dieser regelmäßig meine Intution überprüfen. Dass Hersteller von Analyse-Tools und Chefs von Analyse-Abteilungen andere Interessen haben, ist klar und nicht verwerflich.

    Die Probe der Erkenntnis ist allerdings nicht der Zuschauer. Können die Erkenntnisse den Profi-Spielern vermittelt werden? Welche Beispiele gibt es dafür? Die Distanzsschüsse wurden genannt, aber dafür brauche ich keine xG-Statistiken. Mein Jugendtrainer in den 90ern hat schon gesagt, dass wir nicht so häufig Draufbolzen sollen. Da wäre meine Anforderung an die Berichterstatter, mir überzeugendere Beispiele zu nennen inkl. Test der Zeit (statistische Relevanz).

    1. Lieber PeterVincent,
      fantastischer Beitrag! Ich habe in letzter Zeit ebenfalls über die Verbindung zwischen Fußball und der Kybernetik nachgedacht. Was kann ich von einem komplexen dynamischen System lernen? Wie kann ich es beeinflussen? Gibt es Ultrastabilität/Antifragilität im Fußball? Ich würde mich gerne mit Ihnen austauschen. Wenn Sie Interesse haben, melden Sie sich doch bitte bei Tobias Escher. Er kann einen Kontakt herstellen.

  3. Ich freue mich sehr, dass es hier mal wieder etwas Frisches zu Lesen gibt! 🙂 Toller Artikel, vielen Dank dafür!
    Da bald eine WM startet, frage ich hier mal nach: Wird es hier ein WM-Tagebuch geben? Natürlich gerne mit irgendeinem Bezahl-Modell, wie in den Kommentaren am Ende der EM 2021 schon mal angesprochen wurde? Oder anders formuliert: Hat das vor einem Jahr genannte „herumdenken, wie ich Spaß und Geldverdienen verbinden kann“ zu einem Ergebnis geführt?

    1. Hallo Andre, vielen Dank für die Nachricht und das Lob! Zu deiner Frage: Ja, ich plane ein WM-Tagebuch. Ich werde die WM nicht in Gänze boykottieren (werde mich dazu aber zu gegebener Zeit auch noch einmal äußern). Ein Bezahl-Modell plane ich für die WM aber nicht, da gibt es das Tagebuch frei verfügbar. Ich würde das Tagebuch aber gerne nach der WM weiterführen und Artikel wie den oben stehenden regelmäßig herausbringen. Dann wird es eine Bezahl-Variante geben. Grüße!

  4. Ein Stück weit tut sich hier auch die Frage nach dem Huhn und dem Ei auf. Berichten die meisten Sportmedien nur oberflächlich über die Feinheiten des Spiels und eher auf emotionaler Ebene, weil die Lesenden eben nur das wollen? Oder sind Fußballfans einfach oft überfordert wenn es um Taktik und Datenanalyse geht, weil der Sportjournalismus (hierzulande) zu wenig darüber berichtet?

    Vielleicht würden mehr Fans sich für diese Dinge interessierten, wenn in verständlicher Weise darüber berichtet wird, anstatt die Dinge unter den Tisch fallen zu lassen? Schaut man,sich Pressekonferenzen im Fußball und die Fragen, die die Medienvertreter*innen stellen an, fragt man sich, ob heutzutage nicht jeder Bezirksliga-Trainer das Spiel besser verstanden hat, als viele, die mit Sportjournalismus ihr Geld verdienen. Vielleicht braucht es mehr Taktiknerds wie Tobias Esfher und weniger Phrasendrescher wie Mario Basler in den Fußball-Talkshows?

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