Hoffnung ist das Lebenselixier des Fußball-Fans. Egal, wie miserabel das eigene Lieblingsteam in der vergangenen Spielzeit performt hat: In der Sommerpause geben sich fast alle Fans der Illusion hin, dass in der neuen Spielzeit alles besser wird.
Viele Fans holen sich ihre nötige Dosis Hoffnung auf dem Transfermarkt. Jeder vermeintlich neue Spieler regt die Fantasie an. Er könnte das Puzzleteil sein, das dem Verein bisher zum Erfolg gefehlt hat! Das Pendel kann jedoch schnell umschlagen: Wenn ein Manager nicht die gewünschten Neuverpflichtungen präsentiert, fällt er bei den Fans in Ungnade. Mittlerweile geht es darum, „das Transferfenster zu gewinnen“, als gäbe es eine eigene Trophäe dafür, Spieler möglichst teuer zu verkaufen und möglichst günstig zu kaufen.
Doch wie heißt es so schön: Die Hoffnung ist ein langes Seil, an dem sich viele zu Tode ziehen. So mag es auf den ersten Blick logisch klingen, dass teure Transfers einen Verein stärken. Allerdings wird der Einfluss von Transferausgaben auf den Erfolg eines Vereins mitunter überschätzt. Für Klubs, die sich nicht regelmäßig für den Europapokal qualifizieren, ist es kaum möglich, allein über den Transfermarkt in die Phalanx der Großen vorzustoßen. Vielleicht ergibt es für sie sogar mehr Sinn, nicht mehr, sondern weniger Geld in neue Spieler zu investieren.
Korrelieren Transferausgaben und Erfolg?
Simon Kuper und Stefan Szymanski haben bereits 2009 in ihrem Buch „Soccernomics“ dargelegt, dass Transferausgaben kein besonders guter Indikator sind für den Erfolg eines Vereins. Nur 16% der Varianz in der Liga-Position eines englischen Erstliga-Klubs lässt sich anhand seiner Transferausgaben erklären. 90% der Varianz ergibt sich hingegen aus der Höhe der Gehälter. Allerdings beziehen sich ihre Daten auf die Zeit zwischen 1978 und 1997. In der Pre-Bosman-Ära wurden Transfers anders abgewickelt als heute.
Das Fußballportal The Athletic hat mit der Unterstützung der Datenfirma Twenty First Group aktuellere Daten ausgewertet. Sie haben sich angeschaut, wie stark die Transferausgaben der Teams der Top-5-Ligen mit der Punkteausbeute korreliert. Je höher der Korrelationswert ist, umso stärker hängen zwei Variablen zusammen, wobei der höchstmögliche Wert 1 beträgt.
So liegt der Korrelationswert zwischen Transferausgaben und Punkten bei der spanischen La Liga bei 0,71, bei der Premier League hingegen nur bei 0,46. Interessant ist die Tatsache, dass der Korrelationswert steigt, wenn man die vergangenen Transferperioden miteinbezieht. Addiert man bei der Premier League die Transferausgaben der vergangenen fünf Jahre, erhöht sich der Korrelationswert zur Punkteausbeute auf 0,68. Das erscheint logisch: Teuer verpflichtete Spieler verbessern eine Mannschaft nicht zwangsläufig sofort. Manchmal braucht es einige Zeit, ehe sich die neuen Spieler an Mitspieler und Liga gewöhnt haben.
Ich habe Daten von Transfermarkt.de gesammelt, um weiterführende Berechnungen anzustellen. Meine Ergebnisse weichen kaum von den Daten von The Athletic ab. Für die Bundesliga ergibt sich eine Korrelation von 0,58 zwischen den Punkten und den Transferausgaben der aktuellen Saison. Wenn man das aktuelle und das vergangene Transferjahr mit einbezieht, steigt der Korrelationswert auf 0,65. Sobald man den Zeitraum auf fünf Jahre erweitert, erhöht er sich auf 0,68. Es ist also ein leichter Zusammenhang zwischen Transferausgaben und Punkten gegeben.
Die Sache hat zwei Haken. Der erste: Kuper und Szymanski haben mit ihrer Aussage recht, dass die Gehälter den besseren Indikator für die Punkteausbeute darstellen. Seit der Saison 2017/18 publiziert die Bundesliga die Finanzkennzahlen ihrer Vereine. Darunter finden sich auch die Ausgaben für Personalkosten. Der Korrelationswert zwischen Personalkosten und erzielten Punkten liegt bei 0,74, ist also merklich höher als der Korrelationswert zwischen Transferausgaben und Punkten (0,58).
Der zweite Haken: Die Korrelation zwischen Transferausgaben und Punkten sinkt massiv, sobald man die finanzstärksten Klubs der Bundesliga herausnimmt. Ich habe in meiner Analyse die Spielzeiten zwischen 2016/17 und 2025/26 betrachtet. Bayern München, Borussia Dortmund, Bayer Leverkusen und RB Leipzig vereinen in diesem Zeitraum knapp 50% aller Transferausgaben auf sich. Streicht man sie aus der Rechnung, liegt der Korrelationswert zwischen Transferausgaben und Punkten bei 0,23. Selbst wenn man einen fünfjährigen Zyklus betrachtet, steigt er nur auf 0,27. Auch in der Zweiten Bundesliga ist der Zusammenhang zwischen Transferausgaben und Punkten nur schwach ausgeprägt.
In anderen Worten: Wer 100 statt 20 Millionen Euro in Transfers investiert, hat einen Vorteil gegenüber der Konkurrenz, der sich wahrscheinlich in Punkten ausdrücken wird. Wer 20 Millionen Euro statt 10 Millionen Euro ausgibt, verfügt kaum mehr über einen Vorteil – zumindest keinen, der sich aus statistischer Sicht allzu stark auswirkt.
Die Spitzenklubs haben mehr Auswahl
Die Statistik ist nur eine Seite der Argumentation. Es lassen sich in den vergangenen Jahren zahllose anekdotische Beispiele für Teams finden, die sich mit ihrer Transferstrategie verhoben haben. So haben Hertha BSC oder der VfL Wolfsburg trotz fehlender europäischer Qualifikation in zwei aufeinanderfolgenden Transferfenstern fast 150 Millionen Euro ausgegeben. Der Ausgang ist bekannt: Beide Klubs stiegen wenig später ab.
Woran liegt das? Viele Fans haben eine falsche Vorstellung vom Transfermarkt. Er funktioniert nicht wie beim Football Manager, wo man einfach ein Angebot abgeben und dann verhandeln kann. Transfersummen sind keine fixen Preise, sondern ergeben sich nach der alten Regel: „Ein Spieler ist jenen Preis wert, den der Käufer zu zahlen bereit ist.“
So haben Wissenschaftler zwar nachgewiesen, dass der Transfermarkt in weiten Teilen effizient arbeitet. So sind die wichtigsten Variablen, um den Wert eines Spielers zu bestimmen, dessen Leistungen, sein Alter sowie die Länge seines Vertrags. Allerdings hat auch eine andere Variable einen wesentlichen Einfluss auf die Ablösesumme: die Finanzstärke des aufnehmenden Klubs. Wenn Bayern oder Manchester City anrufen, verlangen die meisten Vereine mehr Geld als bei einem Durchschnittsklub. So zahlen Klubs der Premier League höhere Ablösen als Vereine aus kleineren Ligen.
Dieses Phänomen lässt sich in der Praxis häufig beobachten. Nichts schwächt die Verhandlungsposition eines Klubs stärker, als wenn er zuvor Spieler für teures Geld verkauft hat. Möchte der Verein nun einen Ersatzmann verpflichten, weiß der Verhandlungspartner: Die haben Geld. Er wird versucht sein, den Preis bis zum Schluss hochzutreiben. Dieses Phänomen erlebt Eintracht Frankfurt dieser Tage: Seit der Klub in den vergangenen Jahren zunehmend erfolgreicher wurde, haben sich die Preise für neue Spieler vervielfacht.
Es ist fast schon ironisch: Je erfolgreicher ein Klub Spieler handelt, umso schwerer wird es für ihn, diese Strategie fortzuführen. Irgendwann verkaufen die kleineren Klubs keine Spieler mehr zu Schnäppchenpreisen, weil sie um die Finanzstärke des aufnehmenden Vereins wissen. Die Strategie, allein über den Transfermarkt Überschüsse zu erzielen, stößt nach einiger Zeit an eine Decke.
Die besten Spieler wollen zu den großen Klubs
Dann folgt das nächste Problem: Transferausgaben ergeben nicht gleich Transfermacht. Die Schere zwischen großen und mittelgroßen Klubs ist größer denn je. Die Top-Drei der Liga, Bayern München, Borussia Dortmund und RB Leipzig, haben in den vergangenen zehn Jahren jeweils rund eine Milliarde Euro für Transfersummen gezahlt. Damit haben sie doppelt so viel berappt wie Eintracht Frankfurt, die ligaweit auf Rang sechs liegen, und fünfmal so viel wie Freiburg, Augsburg oder Mainz. Diese Lücke lässt sich selbst über Transfers nicht schließen.
Die Dominanz dieser Spitzenklubs fußt aber nicht auf den Transferausgaben. Bayern München gewann 13 der vergangenen 14 Bundesliga-Titel. Jedoch haben sie in den vergangenen zehn Jahren nur unmerklich mehr Geld für Spielertransfers ausgegeben als Borussia Dortmund und RB Leipzig. Der Unterschied zwischen den Mannschaften ist ein anderer: Die Bayern haben deutlich weniger Einnahmen verbucht. Sie konnten 400 Millionen Euro Transferdefizit auflaufen lassen, während Leipzig nur ein leichtes Minus und Dortmund sogar ein Plus gemacht hat. Der Vorteil der Megaklubs liegt nicht darin, dass sie mehr Geld für neue Spieler ausgeben. Vielmehr müssen sie ihre besten Spieler nicht abgeben – schon gar nicht an einen Ligakonkurrenten.
Das dürfte vor allem an den höheren Gehältern liegen, die Bayern zahlen kann. Wer Spieler auf dem höchsten Niveau verpflichten will, muss nicht nur eine hohe Einmalzahlung als Transfersumme tätigen. Der Verein muss zudem ein Handgeld zahlen, das bei den Daten von Transfermarkt.de nicht enthalten ist. Und er muss über drei bis fünf Jahre das Gehalt berappen – je nachdem, wie lange der Vertrag läuft. So sind Spieler mit hohen Gehaltsforderungen für finanzschwächere Klubs nicht verfügbar. Das erschwert ihre Arbeit auf dem Transfermarkt zusätzlich: Sie müssen Spieler identifizieren, die auch für wenig Geld zu ihnen kommen.
Diese beiden Phänomene erklären zusammen betrachtet, warum Fußballvereine über Transfers kaum kurzfristige Sprünge machen können: Wenn ein Verein viel Geld für Spieler ausgibt, bedeutet das zunächst einmal nur, dass er gerade über viel Geld verfügt. Das macht ihn aber nicht unbedingt attraktiver für die besten Spieler der Welt. Diese wollen neben einem hohen Gehalt die Möglichkeit erhalten, um die großen Titel mitzuspielen. Selbst wenn der Hamburger SV plötzlich einem Spieler das exakt gleiche Gehalt bieten könnte wie Bayern München: Der Spieler würde mit hoher Wahrscheinlichkeit nach München wechseln, weil er dort in der Bundesliga und der Champions League Titel gewinnen kann. In Hamburg nicht.
Nicht jeder Cent muss in neue Spieler investiert werden
Für viele Klubs ergibt sich dadurch ein Problem: Wenn ein Klub seine besten Spieler für viel Geld verkauft, kann er dafür in der Regel keinen gleichwertigen Ersatz holen. Das ist logisch: Die Spieler gehen, um bei einem besseren Klub mehr Geld zu verdienen. Ein gleichstarker Spieler wird denselben Plan verfolgen. Man kann also das Geld höchstens auf mehrere Spieler verteilen – verbunden mit der Hoffnung, dass ihr Marktwert steigt. Mit jedem Transfer besteht jedoch das Risiko, dass ebenjenes Szenario nicht eintritt. Ian Graham, einst für den FC Liverpool als Chef-Datenanalyst tätig, rechnete einst vor: Selbst bei einem gut vorbereiteten Transfer besteht eine 52%ige Wahrscheinlichkeit, dass der Spieler in der neuen Mannschaft nicht funktioniert.

So ist es keine Überraschung, dass Transferausgaben und Punkteausbeute ab Rang fünf kaum mehr korrelieren. Der SC Freiburg, Mainz 05 und zuletzt auch Union Berlin taten sich nicht mit millionenschweren Transfers hervor. Eine Mischung aus guter Jugendarbeit, cleveren Schnäppchenkäufen und ablösefreien Verpflichtungen spülte sie auf die oberen Ränge der Tabelle. Sie optimierten die Suche nach Spielern ihrer Kragenweite, anstatt Spieler teuer zu verkaufen und ebenso teuer einzukaufen. So hat der SC Freiburg zwischen der Saison 2020/2021 und 2025/26 nur 100 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben. Dennoch haben die Breisgauer in der Bundesliga in diesem Zeitraum mehr Punkte geholt als Eintracht Frankfurt, die dreimal so viel Geld investiert haben. Sie sind mit ihrer Strategie deutlich besser gefahren.
Vielleicht ergibt es gar nicht für jeden Klub Sinn, Ressourcen in die Spielersuche zu stecken. In den vergangenen Jahren haben immer mehr Bundesliga-Klubs ihre Scouting-Abteilungen erweitert, um potenzielle Neuzugänge intensiv zu verfolgen. Sie haben Talente bereits nach ein oder zwei starken Saisons für viel Geld verkauft, um die Ablösesumme im Anschluss in neue Spieler zu investieren. Doch schon vor Jahren sagte mir Ben Manga, als Scout bei Eintracht Frankfurt und später als Kaderplaner auf Schalke aktiv: Bei jedem Spiel in der argentinischen Pampa sitzen 100 Scouts auf der Tribüne. Es lassen sich keine Rohdiamanten mehr finden, die nicht zig andere Schatzsucher bereits auf dem Radar haben.
Werder Bremen sollte für viele Bundesligisten ein abschreckendes Beispiel darstellen. Im Sommer 2025 hat der Verein für zehn Millionen Euro Samuel Mbangula verpflichtet. Der klamme Klub hat dafür auf Gelder zurückgegriffen, die er Monate zuvor durch einen Anteilsverkauf erzielt hat. Mbangula konnte seinen Wert bisher nicht steigern. Im Gegenteil: Ihm fällt es weiterhin schwer, sich einen Platz in der Stammelf zu verdienen. Die zehn Millionen Euro hätte der Verein womöglich anders besser investiert.
Bei so manch einem Fan hat sich die Hoffnung eingeschlichen, dass sich über den Transfermarkt eine Abkürzung nehmen lässt zum Erfolg. Allerdings sind die Sprünge, die eine Mannschaft machen kann, beschränkt: Der Markt ist hart umkämpft, ein wirtschaftlich sinnvoller Transfer ist nicht immer sportlich sinnvoll, und am Ende haben sowieso nur wenige Klubs Zugriff auf jene Spitzenspieler, die Spiele allein entscheiden können. Für manche Klubs macht es vielleicht eher Sinn, ihre wenigen Millionen in andere Bereiche zu stecken: moderne Geräte im Fitnessbereich oder eine bessere medizinische Versorgung. Die Sprünge, die sich hier machen lassen, sind deutlich planbarer als die Idee, einen Überschuss über Transfers zu erzeugen. Auch wenn solche Investitionen bei Fans weniger Hoffnungen schüren als die Verpflichtung eines vermeintlichen Wunderkinds.