Das Ende einer Ära

Als Jürgen Klopp nach dem Abpfiff zum Jubeln ansetzte, wehte ein Hauch 2011 durch die Allianz Arena. Es scheint eine halbe Ewigkeit her, seit Klopps junge Dortmunder Truppe die großen Bayern im eigenen Stadion düpierte. Nun, fast zehn Jahre später, gelang Klopp ein ähnliches Kunststück: Er zerstörte die Illusion, dass die Bayern zu den ganz Großen gehören.

Seine Liverpooler haben die Bayern alt aussehen lassen – im wahrsten Sinne des Wortes. Beim 1:0, als Manuel Neuer durch den Strafraum irrlichterte und sich von einer simplen Drehung Sadio Manes düpieren ließ. Beim 3:1, als sie mit Wucht einen Konter abschlossen und Bayerns Verteidiger einfach nicht hinterherkamen. Eigentlich waren sie auch die gesamte Spielzeit vor und zwischen diesen Treffern unterlegen. Aus Angst vor Liverpooler Kontern verzichteten die Bayern auf jegliches Offensivspiel, auf das Nachrücken auf den Ball, auf Läufe in die Tiefe. Liverpool musste nur warten, bis die Bayern einen Fehler begingen. So wie damals Klopps Dortmunder warteten und warteten und das Bayern-Ballbesitzspiel ins Nichts laufen ließen.

Es ist fast schon ironisch: Eine zehn Jahre währende Ära wird ausgerechnet von jenem Mann beendet, der einst maßgeblich für ihren Beginn verantwortlich war. Das Jahrzehnt, das Bayern sechs Meistertitel in Folge und einen Champions-League-Triumph bescheren sollte, begann mit Niederlagen. Mit deftigen Niederlagen. 2009: 0:4 gegen Pep Guardiolas Barcelona. 2010: 0:2 im Champions-League-Finale gegen Jose Mourinhos Inter. Und wenn 1999 die Mutter aller Niederlagen war, war das Finale Dahoam 2012 dessen Bastard-Kind. Keine dieser Niederlagen hatte jedoch eine derart kataklystische Wirkung auf die Bayern wie die Niederlagen gegen Borussia Dortmund. Zwischen 2010 und 2012 verloren die Bayern nicht nur fünf Spiele in Folge gegen Dortmund, sondern auch zwei Meister- und einen Pokaltitel. In Europa zweite Geige zu spielen waren die Bayern seit dem Champions-League-Triumph 2001 gewohnt. In der eigenen Liga aber nur die Nummer zwei zu sein – das kratzte an ihrem Ego.

Mit seiner speziellen Art des Fußballs hatte Klopp das Antidot gegen die Bayern geschaffen: aggressiv, aber nicht unfair, schnell, aber nie unsystematisch, dominant, aber nicht durch das Abspulen von Passfolgen, sondern durch eine Mischung aus cleverer Verteidigung und schnellen Kontern. Vor allem das Gegenpressing, eine ureigene Wortkreation von Klopp, gab dem BVB einen massiven Vorteil. Klopp hatte sich bei Guardiola abgeschaut, wie dessen Barcelona nach Ballverlusten vorging. Die Katalanen hatten das Verhalten nach einem Fehlpass systematisiert, sie wussten genau, wer wie zu attackieren hat. Vier Sekunden habe sein Team, so Guardiola, um den Ball zurückzuerobern. Erst dann sollten sie in die Defensivordnung zurückkehren. Klopp übernahm die Grundidee und kombinierte sie mit einem schnelleren Passspiel und dynamischen Kontern. „Gegenpressing ist der beste Spielmacher“, erklärte er auf dem Höhepunkt seines Dortmunder Schaffens.

Ein Jahr später, im Jahr 2013, klang Klopp wesentlich bitterer. Die Bayern würden seine Ideen abkupfern wie die Chinesen, so Klopp nach einer Pokal-Niederlage. Unrecht hatte er nicht. Jupp Heynckes hatte nach dem verlorenen Finale Dahoam die Zügel angezogen. Er kombinierte nun das Ballbesitzspiel holländischer Prägung, das van Gaal nach München gebracht hatte, mit einem vertikaleren und aggressiveren Ansatz. Vor allem aber impfte er seiner Mannschaft ein Gegenpressing ein, das nicht weniger aggressiv war als jenes der Dortmunder. 2013 waren die Bayern die Eier legende Wollmilchsau, die alles konnte: In der Bundesliga dominierten sie ihre Gegner mit 70% Ballbesitz. In der Champions League konterten sie Juventus und den großen FC Barcelona aus. Der zweite Champions-League-Titel war der gerechte Lohn. Sie gewannen ausgerechnet gegen jenen BVB, der sie überhaupt erst angestachelt hat, so gut zu werden.

Die Gegenpressing-Revolution machte nicht bei den Bayern Halt. Ganz Fußball-Deutschland übernahm die Methoden von Klopp und Heynckes. 2014 holte Joachim Löw den Weltmeister-Titel mit einem Team, das sich aus Münchnern und Dortmundern rekrutierte. Sein Stil war etwas weniger spektakulär als jener von Klopp, etwas mehr auf die spielerischen Stärken der Bayern-Akteure abgerichtet. Er führte zum Ziel. Auch andere Bundesliga-Trainer forderten von ihrem Team, nach Ballverlusten sofort nachzusetzen. „Jeder Trainer ist neidisch auf Klopp“, sagte mir mal einer seiner Kollegen. „Aber in Wirklichkeit wollen alle so sein wie er und so geliebt werden.“

Das Gegenpressing passte zum deutschen Fußball. Auf den ersten Blick ist es ein offensiver Spielstil, der sofortiges Nachsetzen und Druck in der gegnerischen Hälfte erfordert. In Wahrheit ist es, wie Oliver Fritsch einst so schön formulierte, schlicht die offensivste Form des Defensivfußballs. Spektakulär, doch im Kern geht es darum, das Spiel des Gegners zu zerstören mit Systematik und unbändiger Laufstärke. Die klassischen deutschen Tugenden Kampf und Einsatz leben hier weiter. Sie sind keineswegs ausgestorben. Noch heute wundere ich mich, wenn ich Trainings im Ausland beobachte, über den fehlenden Wettkampfeifer. „Wir sind hier nicht in Deutschland, mein Freund“, sagte mir neulich ein Trainer. „Die Spieler sehen nicht jeden Zweikampf als Finale.“

Der Abstieg

Helenio Herrera, in den Sechzigern Erfinder des Catenaccios (italienische Art des Defensivfußballs) bejammerte einst, seine Nachahmer hätten nur die defensiven Elemente seiner Spielphilosophie übernommen, nicht aber die offensiven. Ähnliches lässt sich auch über die Gegenpressing-Revolution sagen. Deutsche Trainer feilten daran, die Rückeroberung des Balls zu perfektionieren, ohne sich zu überlegen, was die Mannschaft mit der Kugel im Anschluss anfangen soll. Teams hetzten sich gegenseitig über den Platz, warfen sich in die Zweikämpfe – nur Fußball spielten sie nur selten. Die Passquote in der Bundesliga sank in den vergangenen Jahren kontinuierlich.

Einen ähnlichen Effekt gab es nach Guardiolas Zeit bei den Bayern zu beobachten. Er hatte die Bayern zum wohl flexibelsten Team der Welt gemacht. Jedes Spiel überraschte Guardiola Publikum und Gegner mit neuen taktischen Variationen, eine feste Stammelf gab es nicht; jeder Gegner sei schließlich eine ganz eigene Herausforderung. Die deutschen Trainer übernahmen Guardiolas Herangehensweise – in der Defensive wohlgemerkt, nicht in der Offensive. Während Guardiolas Formationswechsel stets geschahen, um Lücken in der gegnerischen Defensive aufzureißen und auszunutzen, wollen deutsche Trainer in erster Linie den Gegner ärgern. Wenn Bundesliga-Teams heute die Formation wechseln, geschieht das in vielen Fällen ausschließlich, um dem Gegner Räume zum Spielen zu nehmen. Eine besondere Abart dieser Idee ist die Rückkehr der Manndeckung, die in der vergangenen Saison beizeiten von einem Drittel der Teams gespielt wurde.

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Pep Guardiola von Tsutomu Takasu. Lizenz: CC BY 2.0

Diese Entwicklung war nicht nur in der Bundesliga zu beobachten. Sie sickerte hinunter, in den Amateur-, vor allem aber in den Jugendfußball. Mehmet Scholls Kritik, Jugendfußballer können heute fünf Systeme rückwärts furzen, nicht aber Fußball spielen, war im Stil unterirdisch, zumal er sie nicht mit Argumenten unterfüttern konnte. Betrachtet man, wie wenig Fußballtalente in den vergangenen Jahren aus den Akademien in die Bundesliga kamen, scheint etwas dran zu sein, gerade wenn man die Entwicklung mit Ländern wie Frankreich oder England vergleicht. Fußball wird in Deutschland wieder gearbeitet, nicht gespielt, schon in jungen Jahren steht Gegenpressing, nicht etwa das Lösen von Situationen auf dem Plan. Die Folge: In der Bundesliga spielen heute mehr französische Innenverteidiger-Talente als deutsche Spielmacher.

England ist längst enteilt

Insofern war die vor dem Champions-League-Achtelfinale aufgeworfene Frage, ob die deutsche noch mit der englischen Liga mithalten könne, von Anfang an ein reines Medienthema. Es entbehrt jeglicher Logik, dass die deutsche Liga so gut sein solle wie die finanzstärkste Liga der Welt, die seit Jahren die besten Spieler der Bundesligisten kauft und zudem mit Klopp und Guardiola die zwei wohl besten Trainer von hier verpflichtet hat. Aufgrund der finanziellen Kräfteverhältnisse ist die Bundesliga allenfalls Ausbildungsliga für die Premier League. Wenn die Engländer ihre Ressourcen clever nutzen – wie sie das seit geraumer Zeit tun – wird die deutsche Liga immer hinter ihr bleiben.

Ärmer war die deutsche Liga vor fünf Jahren allerdings auch schon. Allerdings war sie reicher an Ideen. Das Gegenpressing passte nicht nur zur deutschen Fußballkultur, es war in der leidenschaftlichen Ausführung auch einmalig im deutschen Fußball. Nur reicht dies im Jahr 2019 nicht mehr, wo selbst spanische Mittelklasse-Klubs es beherrschen, das Pressing eines Gegners auszuspielen. Der deutsche Fußball hat sich in den vergangenen Jahren auf seinen Erfolgen ausgeruht. Er hat sich nicht mehr weiterentwickelt.  Die logische Folge: Er ist dort angekommen, wo er international angesichts der finanziellen Kräfteverhältnisse hingehört. Hier kann man mit der europäischen Spitze einfach nicht mithalten.

Höchstens die Bayern könnten dies. Doch auch ihnen gelingt dies nicht mehr. Vielleicht haben sie zu viele falsche Entscheidungen getroffen in den vergangenen Jahren. Vielleicht hätten sie im Sommer auf dem Transfermarkt zuschlagen und die Mannschaft erneuern müssen. Vielleicht fehlt ihnen wirklich ein Konkurrent wie Klopps BVB, der sie dazu zwingt, an ihre Grenzen und darüber hinaus zu gehen. Ob sie da wieder hinkommen, bleibt fraglich.

Eins ist klar: Die große Ära des FC Bayern, rund um ihre großen Spieler wie Arjen Robben, Franck Ribery, Philipp Lahm, Thomas Müller oder Bastian Schweinsteiger: Sie ist seit der Niederlage gegen den FC Liverpool endgültig vorbei. Und das nach den Siebziger und Neunziger Jahren größte Jahrzehnt des deutschen Fußballs auch.

Das Titelbild, ein Ölgemälde von Jürgen Klopp stammt von Rajasekharan Parameswaran, Lizenz: CC BY-SA 4.0

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