10 Gedanken zu „WM-Tagebuch, Tag 18: Flop Schwiiz!

  1. Wie immer, wenn große Mannschaften mit einer gewissen Spielart ausscheiden, kommt die Frage, ob sich Vorgehensweise XY überholt hat. Mit Spanien und Deutschland hat es die 2 großen Ballbesitzfanatiker erwischt, die zudem auch beide weitgehend auf Mittelstürmer in ihren Formationen verzichten. Hat sich das überholt?

    Generell scheint auf jeden Fall der Frankreich-Trend weiter auszubreiten, bei dem man vor allem auf eine klassische starke Defensive setzt und nach vorne hinnimmt, dass da numerisch Personal dann fehlt.

    Um mal für Ronaldo noch eine Mini-Lanze zu brechen: Ich denke, es ist wertvoll, ihn im Kader zu haben. Schon bei Portugals EM-Sieg, wo er dann verletzt ausfiel, brachte er seinen Ehrgeiz trotzdem noch fürs Team mit ein. So arrogant-egoistisch er auch rüberkommt, er scheint im Zweifel auch fürs Team zu sterben, wenn es sein muss. Ein Stück weit würde ich Portugal und ihm die WM gönnen. Ronaldo ist definitiv ein Spieler, den man als Vorbild sich nehmen darf, wenn man ihn komplett betrachtet: Hochgradig talentiert, aber trotzdem ein Trainingsmonster wie nur wenige andere. Und das machte ihn – vollkommen korrekt – zum Stürmer (so far) dieses Jahrtausends.

  2. Ich freue mich darüber, dass wenigstens 1 Team aus Afrika unter den letzten 8 ist, man war häufiger nah dran an solchen Überraschungen, umso schöner dass es jetzt mal geklappt hat. Das letzte Mal im AF war Marokko übrigens 1986, gegen DEU, als man durch ein Tor von Matthäus kurz vor Schluss 0-1 verloren hat. Was Spanien betrifft zeigt sich auch wieder, es bringt nichts in der Gruppenphase auf „platzierung“ zu spielen (auch wenn sich das erst durch den Spielverlauf ergeben hat).
    Zu Ronaldo – die Nibelungentreue durch Fernando Santos war am Ende ausgereizt, hatte es ihm aber nicht zugetraut den Wechsel durchzuziehen. Aber alles richtig gemacht. Hoffentlich bleibt er auch dabei. Das war doch ein ganz anderer Auftritt als in den vorherigen Spielen.

  3. Finde es immer wieder erstaunlich, wie sehr Portugal in der deutschen Betrachtung vernachlässigt wird. Einziger Fokus war und ist Ronaldo. Die Abneigung, die ihm insbesondere hierzulande zuteil wird (zugegebenermaßen nicht nur zu unrecht), hat aus meiner Sicht seit Jahren dazu geführt, dass das portugiesische Spiel selbst keinerlei Aufmerksamkeit erhält. Auch Tobis Betrachtungen bestätigen diesen Eindruck wieder, schon wieder ist die Schweiz hier im Fokus, trotz des tollen Spiels Portugals. Ich bin sehr gespannt, ob sich das ändern wird, wenn Ronaldos Ära endgültig vorbei ist.

    1. Zu meiner Ehrenrettung möchte ich sagen, dass ich während der vergangenen EM recht viel zu Portugal geschrieben habe. Daher hatte ich diesmal nicht das Bedürfnis verspürt, sie erneut in den Fokus meiner Texte zu legen. Das ändert sich in den kommenden Tagen aber sicherlich, vor allem, wenn sie in das Halbfinale einziehen.

  4. Hallo lieber Tobias
    Ich lese so gerne dein WM-Tagebuch! Mir reicht es, deine Einträge jeden Tag zu lesen anstatt die WM zu schauen. Ohne diese wäre es deutlich schwieriger. Umso fantastischer, dass du diese völlig unentgeltlich schreibst, ich würde auch für jeden Beitrag einen kleinen Betrag zahlen.
    Auch bei Bohndesliga freue ich mich jede Woche fast mehr auf die Folge als auf die Bundesliga selbst.
    Da ich jedoch kein großes Interesse habe dein Buch zu kaufen, gibt es eine weitere Möglichkeit dich und deine direkt Arbeit zu unterstützen?

    Liebe Grüße

  5. Zu den Franzosen: die pressen den Gegner nicht so hoch wie andere Teams, außerdem habe ich das Gefühl dass denen ein Stückweit die Leidenschaft fehlt. Wirkt alles sehr pragmatisch und nüchtern. Ob das mit dem Pressing am Spielermaterial oder der taktischen Ausrichtung liegt schwer zu beurteilen aber es funktioniert.

    1. Frankreich ist so etwas wie das Real Madrid der Nationalmannschaften.

      Ich denke, der Fokus im Trainerteam liegt da auf dem Man Management. Wenn dann elf der Klassespieler miteinander können und wollen, dann trägt das schon sehr weit.

      1. Schöner Vergleich. Ich denke, bei Frankreich funktioniert das, was sich die N11 und so mancher Bundesligist wünscht: Die Spieler sind einerseits alle top für ihre Position ausgebildet und „funktionieren“ deswegen grundsätzlich sehr stabil. Da weiß jeder, wie man standardmässig verschiebt, dass man einen Gegner auch mal nur wohin leitet usw. Bei der N11 (und noch mehr dem BVB) wirkt das an einigen „ungeliebten“ Positionen (alles mit Abwehr) so, als ob man das genauso erwartet, aber natürlich nicht bekommt.

  6. Hinterher ist man immer schlauer. Man stelle sich vor Ronaldo hätte einen günstigen Zeitpunkt gefunden und wäre als Legende in die USA gegangen oder hätte aufgehört. Was für ein Wahnsinn es gewesen wäre! Statt eines großen Knalls verglüht der Stern. Man stelle sich vor Portugal wird Weltmeister und Ronaldo hat keine Minute mehr seit dem Viertelfinale gespielt. Im Finale träfe man auf Argentinien und das Duell der Giganten findet nicht statt, weil CR7 auf der Bank sitzt.
    Ich bin gespannt, ob nach diesem Spiel noch Platz für ihn in der Mannschaft ist. Vielleicht schenkt man ihm noch Minuten gegen Marokko, wenn das Spiel entschieden ist, aber gegen Frankreich? Schwer vorzustellen.
    In ein paar Jahren wird man auf dieses Turnier zurückblicken und irgendeine mittelmäßige Sportbiographie-Doku wird sagen, dass es „das Ende einer Ära ist“.

  7. Das war wirklich ein monumentaler Fehlgriff von Murat Yakin. Man gibt sich einigermassen bedeckt, aber zwischen den Zeilen scheint herauszulesen zu sein, dass die Systemumstellung erst am Vormittag des Spieltags entschieden und den Spielern mitgeteilt wurde. Ohne das zuvor eingeübt zu haben, bzw. hauptsächlich als Folge der Absenz von Widmer, der das Abschlusstraining noch mitgemacht hatte. Ich weiss nicht, was schlimmer wäre – so spontan und trotz Widmers Ausfall unnötigerweise umzustellen oder grundsätzlich das Gefühl haben, so gegen Portugal bestehen zu können.

    Was Yakin aus taktischen Gründen (sonst noch) dazu bewogen hat, bleibt nach seinen unpräzisen Ausführungen auch einigermassen unklar. Er sprach einerseits davon, das Zentrum und die Schnittstellen zu haben zu wollen, dazu vor allem auf den Seiten nicht so entblösst sein zu wollen, wie das gegen Serbien teilweise der Fall gewesen sein soll(?) Anderseits sprach er von mehr Mut und dem Willen, mit hohen Aussenläufern Druck auf Portugal zu machen.
    Irgendwas mit hoch pressen, Druck über die Seiten machen und trotzdem Leute hinten haben, dürfte die Idee gewesen sein. Viel weiter gedacht wurde anscheinend nicht.

    Yakin mag Mannorientierungen und stellt im Mittelfeldzentrum fast immer Mann gegen Mann. Letztlich hat er mit dieser Systemwahl auf dem ganzen Feld Mann gegen Mann spielen lassen wollen – ohne aber je Zugriff zu bekommen.
    Shaqiri als Pressingstürmer; wing backs, die weit vorne die gegnerischen Aussenverteidiger pressen sollen; im Zentrum sowie hinten je 3 gegen 3. Selbst gegen mittelmässig talentierte Teams kann das ins Auge gehen.

    Gegen Portugal mit weiträumigen Bewegungen der Zentrumsspieler, spielstarkem Aussenverteidiger, so viel Talent am Ball und im 1 gegen 1 kann das unmöglich funktionieren. Man ist dauernd zu spät, in Unterzahl und macht das Spielfeld lang, was der grössten Stärke Portugals, ihrem Umschaltspiel, entgegen kommt.

    Bin sehr gespannt aufs Viertelfinale. Marokko wird natürlich ganz anders auftreten, sehr raumorientiert und kompakt verteidigen. Das wird für Portugal eine gänzlich andere und viel schwierigere Aufgabe. Allerdings haben die Energiereserven auch ihren Teil zum Erfolg gegen die Schweiz beigetragen und da dürfte man erneut klar im Vorteil sein. Was ja die Entscheidung von Yakin, so hoch und quasi 1 gegen 1 pressen zu wollen, nochmals unverständlicher macht.

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