Super League: Wenn du dich mit dem Teufel einlässt, verändert sich nicht der Teufel

Die am gestrigen Sonntag mit viel Bombast angekündigte Super League hat eine längere Tradition als Champions League und Premier League zusammen. Das mag auf den ersten Blick absurd klingen. Wie soll eine Liga, die gestern Abend erst ausgerufen wurde, die eine Bedrohung darstellt für die Uefa und die nationalen Ligen, die sogar die gesamte Fußballwelt, wie wir sie kennen, zerstören würde – wie soll diese Liga Tradition besitzen?

Seit mehr als dreißig Jahren geistert die Drohkulisse Super League durch die Welt. Diese Drohkulisse hat maßgeblich geprägt, warum der europäische Fußball so funktioniert, wie er es heute tut: mit einer aufgeblähten Champions League, Dauermeistern in den nationalen Ligen und einem Investoren-geführten Geldadel, den niemand bezwingen kann. Dass die großen Klubs ausgerechnet im Jahr 2021 ernst machen mit ihrer Super League, hat nicht nur mit den sich verschiebenden Machtverhältnissen im europäischen Fußball zu tun. Die Corona-Pandemie treibt die großen Klubs zur Flucht nach vorne. Zugleich stellt die Formation einer Super League die ultimative Quittung dar für die Politik der Uefa in den vergangenen zwanzig Jahren. Um ihr Machtmonopol zu halten und zugleich ihre eigenen Umsätze zu maximieren, haben sich die Verbände Geister ins Haus geholt, die sie nun nicht mehr loswerden.

Die (lange) Geschichte der Super League

Der europäische Fußball in seiner jetzigen Form ist maßgeblich von der Drohung einiger Großklubs geprägt, sich von der Uefa und den nationalen Ligen abzuspalten. Schon die Gründung der Champions League rührte daher, dass die großen Vereine des Weltfußballs Planungssicherheit wünschten. Diese boten der Landesmeister-Pokal und der angestaubte Uefa-Cup nicht. Einer der Rädelsführer jener Zeit war Silvio Berlusconi. Der damalige Mäzen des AC Milan dachte nicht nur im Sinne seines Vereins. Als Medienunternehmer wollte er lukrative Wettbewerbe schaffen, die er mit seinen TV-Sendern anschließend gewinnbringend vermarkten konnte. Berlusconis Drohszenario Super League trieb die Uefa zur Gründung der Champions League.

„Trieb“ trifft es indes nicht ganz. Es ist keineswegs so, dass die Uefa das Opfer in dieser Geschichte ist. Mit der Champions League schuf sie eine Vermarktungsmaschinerie, die einen einfachen Fußballverband in ein Milliarden-Euro-Unternehmen verwandelte. In der ersten Champions-League-Saison schüttete die Uefa Prämien in Höhe von knapp 35 Millionen Euro an die teilnehmenden Klubs aus. In der Saison 2018/2019 waren es rund zwei Milliarden Euro. Berlusconi, Murdoch und Konsorten bekamen ein Produkt, das sie perfekt vermarkten konnten. Die Klubs erhielten viel Geld. Die Uefa durfte einen Teil der Einnahmen behalten. Alle gewannen.

Die Idee einer Super League war damit indes nicht tot. Alle paar Jahre gruben die großen Klubs das Drohszenario aus, um Veränderungen an der Champions League zu erwirken. So kam es Ende der Neunziger, dass nicht nur Meister für den Wettbewerb zugelassen wurden. In den 2000ern und 2010ern wurden die Pläne ebenfalls aus den Schubladen geholt, um mehr Geld für die großen Ligen (und damit die großen Klubs) durchzusetzen. Die Uefa fügte sich. Sie blähte die europäischen Wettbewerbe auf, um mehr und mehr Geld zu generieren. Mittlerweile ist es für die großen Klubs praktisch unmöglich, sich nicht für einen europäischen Wettbewerb zu qualifizieren.

Von Machtmonopolen und Deregulierung

Damals wie heute beschäftigte sich die Uefa mit der Drohung einer Super League nicht aus romantischen Gründen. Die Uefa mag betonen, es gehe ihr um die Integrität des Sports und um den Wettbewerb. In erster Linie bedroht eine Super League aber ihr Geschäftsmodell: Sie selbst vermarktet ihre Champions League, sie selbst hält das Monopol über den europäischen Fußball, sie selbst kassiert ein Stück vom Kuchen. An diese Monopolstellung der Fußballverbände haben wir uns Fans aus Tradition gewöhnt. Ein Blick in die freie Wirtschaft zeigt, dass diese Monopolstellung keineswegs selbstverständlich ist.

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Zumal die Uefa und vor allem die Ligen einen wesentlichen Teil dazu beigetragen haben, dass der Fußball heute noch stärker nach wirtschaftlichen Regeln funktioniert als noch vor dreißig Jahren. Die großen europäischen Ligen haben sich in ihrer Struktur längst von den Nationalverbänden getrennt, um die Kontrolle über die Medienvermarktung zu erlangen. Immer mehr Ligen öffneten sich derweil für Investoren. Auch hier spielte der Druck der großen Klubs ebenso eine Rolle wie die Hoffnung, sich neue Geldquellen erschließen zu können. Berlusconi war nur der Anfang.

Der italienische Medienmogul mag zumindest teilweise regionale wie nationale wirtschaftliche Interessen verfolgt haben. Die Investorenklasse des Jahres 2021 tut das nicht mehr. Vier der zwölf Gründungsklubs der 2021er-Super-League gehören amerikanischen Eigentümern (Milan, United, Arsenal, Liverpool). Drei weitere haben Investoren aus Russland (Chelsea), China (Inter) und den Vereinigten Arabischen Emiraten (City). An zwei weiteren Klubs halten europäische Investmentfonds die Mehrheitsanteile (Juventus & Tottenham). All diese Übernahmen sind direkte Folgen der Deruglierung des Fußballmarkts; angestrebt von den Vereinen, gebilligt von den Verbänden. Die Champions-League-Einnahmen und die Gelder von Investoren haben dafür gesorgt, dass sich die Top-Klubs der großen Ligen finanziell noch weiter vom Rest der Liga entfernt haben. Projekte wie das Financial-Fairplay waren nur der halbgare Versuch, Pandoras Box wieder zu schließen.

Corona als Brandbeschleuniger

Die Uefa hoffte, dass die neuen Stakeholder des Fußball-Business‘ weiter das alte Spiel spielen. Auch vor der aktuellen Champions-League-Reform drohten die großen Klubs mit der Super League, auch diesmal kam die Uefa ihnen entgegen. Eine Aufstockung auf 36 Teilnehmer sollte mehr Spiele und damit mehr Geld generieren. Zugleich sollten erstmals auch zwei Klubs teilnehmen dürfen, die sich sportlich nicht für die Champions League qualifiziert haben.

Es kam aber anders. Die zwölf Klubs holten die Waffe Super League aus dem Mantel und halten sie nun direkt an den Kopf der Uefa. Das dürfte mehrere Gründe haben. Einer liegt in der erwähnten Globalisierung der Investoren: Die Besitzer von United, Liverpool & Co. scheren sich nur bedingt um nationale wie europäische Fußballtradition. Sie wollen ihr Investment wachsen sehen. Welche bessere Möglichkeit gäbe es, als die Vermarktung der Spiele gegen die größten Konkurrenten selbst in die Hand zu nehmen? Gerade die US-amerikanischen Sponsoren wirken entschlossen, eine geschlossene Liga nach dem Vorbild der NFL zu basteln. Wer braucht schon lästige Duelle um Champions-League-Qualifikation oder Abstieg, wenn er ein garantiertes Einkommen für jede Saison erhält?

Der zweite Grund dürfte ein viel drängenderer sein: die Corona-Pandemie und ihre wirtschaftlichen Folgen. Bislang haben sämtliche Drohgebärden zwischen Uefa und Großklubs unter den Rahmenbedingungen des fußballwirtschaftlichen Aufschwungs stattgefunden. Es ging stets darum, wie der Umsatz vermehrt werden und wie der vermehrte Umsatz verteilt werden sollte. Gerade die spanischen und italienischen Klubs brauchen aber nicht im Rahmen einer Champions-League-Reform 2024 mehr Geld. Sondern sofort. Fußballfinanz-Blogger Swiss Ramble rechnete es auf Twitter vor: 2019/20 schrieben die Super-League-Klubs Verluste von 1,4 Milliarden Euro (ohne Spielerverkäufe und ohne Liverpools Finanzdaten). Auf 8,5 Milliarden beziffert er die Schulden der zwölf Klubs. Kein Wunder, dass gerade der hochverschuldete Klub Real Madrid vorangeht.

Ein kleiner Exkurs: Eine Super League würde aus meiner Sicht höchstwahrscheinlich eine Netflixisierung des Fußballs bedeuten. Viele Klubs treibt eine Sorge um: dass sie die junge Zuschauerschaft verlieren. Viele Jugendliche haben in der Pandemie nicht nur dem aktiven, sondern auch dem passiven Fußball den Rücken gekehrt.

Der traditionelle Weg, Fußball-Fan zu werden, ist der Stadionbesuch mit den eigenen Eltern; eine Generation steckt die andere an. Nicht erst seit der Pandemie taugt dieses Modell für die Großklubs kaum mehr. Ihre exorbitanten Umsätze lassen sich nur halten, wenn sie Fans auf der ganzen Welt ansprechen. Camp Nou, Santiago Bernabéu und Old Trafford sind längst keine lokalen Tempel mehr, sondern Touristenstätten. Globalisierung ist das Schlagwort dieser Klubs. Passend dazu berichtet BBC-Journalist Dan Roan, dass bei einem Super-League-Klub traditionelle Fans als „Legacy-Fans“ gelten. Die Super League soll den Fokus auf eine neue, jüngere Anhängerschaft legen.

Gerade das Modell „Drive to Survive“ spricht Fußball-Funktionäre an: Die Doku auf Netflix hat der Formel-Eins-Zuschauerschaft einen massiven Zuwachs in der Altersklasse 16 bis 35 beschert. Eine Super League würde sicherlich ähnliche Wege gehen: digital, weltweit zugänglich, auf Massenpublikum und Spektakel ausgerichtet. Sollte es tatsächlich eine Super League geben, rechne ich mit einer digitalen Vermarktung inklusive Begleitung in Form einer Doku ala „All or Nothing“.

Die Zerreißprobe

Für die Uefa droht nun eine Zerreißprobe. Viele Fans in den Sozialen Medien und manche Kommentatoren fordern, die Uefa müsse eine harte Antwort zeigen: Ausschluss der Klubs aus den Ligen und Europapokal, Transferverbot, WM- und EM-Sperre für die betreffenden Spieler. Ganz abgesehen davon, dass dies rechtliche Streitereien zur Folge haben wird, weiß die Uefa auch: Sie braucht die großen Klubs mit ihren großen Namen und großen Spielern. Die Super League vereint sieben der neun Champions-League-Sieger dieses Jahrtausends. Einzig Bayern München und der FC Porto fehlen. Ohne all diese Klubs bricht die Vermarktungsstrategie der Uefa auseinander – und auch jene der nationalen Ligen. Kaum denkbar, dass die Medienkonzerne Rekordsummen zahlen für eine Champions League ohne Messi und Ronaldo oder eine Europameisterschaft ohne Griezmann und Kroos. Das ist die Krux der Uefa: Um ihr Machtmonopol bis ans bittere Ende durchzusetzen, müsste sie auf verdammt viel Geld verzichten. Geld, das auch sie in der Coronakrise dringend braucht. Von den übrigen Verbänden und Klubs ganz zu schweigen.

Viel wird in den kommenden Tagen und Wochen davon abhängen, wie konkret die Pläne der Super League sind. Meinen es die Klubs ernst, und falls ja, nehmen sie einen Ausschluss aus den nationalen Ligen in Kauf? Wäre dieser überhaupt rechtens? Gibt es tatsächlich bereits eine konkrete Vermarktungsstrategie, oder möchte man die Uefa nur vor sich hertreiben? Wie verhalten sich andere europäische Großklubs, sobald es ernst wird? Schlagen die geäußerten Unmutsbekundungen von Fans tatsächlich in echte Boykottbewegungen um, die finanziell schmerzhaft enden für die Großklubs?

Eins ist schon klar: Die Jahrzehnte währende Appeasement-Strategie der Verbände ist gescheitert. Die Uefa und die nationalen Verbände haben mit ihrer Deregulierung und ihrer Fixierung auf Umsatzsteigerung den Fußball an diesen Punkt gebracht. Wenn man sich mit dem Teufel einlässt, verändert sich nicht der Teufel.

Das Titelbild, ein Foto geschossen vor dem Champions-League-Finale 2017, stammt von Markos90, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Das zweite Bild mit der Kamera stammt von Ctruongngoc, Lizenz: CC BY-SA 3.0

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