Die Quarantäne-Pläne der DFL sind unzureichend

Niemand kann der DFL vorwerfen, sie hätte sich keine Gedanken gemacht. Ein 41 Seiten langes Hygienekonzept, dazu ein Begleitschreiben mit der Länge von neun Seiten: Die „Task Force Sportmedizin / Sonderspielbetrieb im Profifußball“ liefert Ideen, wie bei einer Wiederaufnahme des Bundesliga-Spielbetriebs die Ansteckungsgefahr durch das Coronavirus verringert werden könnte. 31 Unterpunkte formulieren die Autoren allein für den Trainingsbetrieb. Immerhin noch 18 Anforderungen stellt das Dokument an die Hotels, in denen die Spieler bei Auswärtsfahrten untergebracht würden. Sogar für Pressevertreter vor Ort hat sie genau ausgearbeitet, wie diese möglichst sicher ihrer Arbeit nachkommen können.

Die Task Force gibt offen zu, dass selbst die zahlreichen Maßnahmen keinen hundertprozentigen Schutz darstellen. Es bestünde immer das Risiko, dass Spieler sich gegenseitig anstecken.

Das Bild stammt von Ctruongngoc, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Das Problem: Auch die DFL hat keine Antwort auf die Fragen, die daraus folgen. Am deutlichsten wird dies bei den Überlegungen zur Quarantäne. Wie lässt sich verhindern, dass eine gesamte Mannschaft in Quarantäne muss, sobald ein Spieler positiv getestet wurde? Solch eine Gruppenquarantäne ist eine große Gefahr für die Fortführung des Spielbetriebs. Ein positiver Test – und schon wäre eine Mannschaft zwei Wochen draußen. Mindestens, schließlich kann sie nach zwei Wochen ohne Mannschaftstraining nicht einfach in der dritten Woche wieder ein Punktspiel absolvieren. Keine gute Aussicht, gerade wenn die Saison – wie die DFL hofft – bis Ende Juni beenden sein soll.

Die DFL behauptet nun in ihrem Papier, die formulierten Hygienemaßnahmen genügen, um eine Gruppenquarantäne zu verhindern. Sprich: weniger Kontakt in den Kabinen, keine Berührungen, Abstandhalten bei Teamsitzungen. Diese rechtfertigen „nach Auffassung der Task Force eine Einstufung der potenziellen Kontaktpersonen von Infizierten aus dem Kreis der Spieler und Betreuer in die Kategorie II des RKI (geringeres Infektionsrisiko) und damit den Verzicht auf eine Gruppenquarantäne.“

Das dürfte mindestens eine Streckung, wenn nicht gar eine Aushebelung der Richtlinien des Robert-Koch-Instituts sein. Diese sehen eine Quarantäne nicht nur vor bei „Personen mit kumulativ mindestens 15-minütigem Gesichts- („face-to-face“) Kontakt“. Sondern eben auch bei „Personen mit direktem Kontakt zu Sekreten oder Körperflüssigkeiten“ oder bei „Personen, die aerosolbildenden Maßnahmen ausgesetzt“ waren.

Fußball ist ein Vollkontaktsport. Die Spieler rempeln, schubsen, sprinten Schulter an Schulter, ballen sich bei Eckbällen im Strafraum. Selten tun sie das mit geschlossenem Mund und ruhigem Atem. „Die Spieler führen mehrere Zweikämpfe über anderthalb Stunden. Das ist ganz klar Risikokontakt“, meint Virologe Professor Dr. Schmidt-Chanasit vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin. Diese Situationen entstehen nicht nur Samstagnachmittag im Punktspiel. Nein, sie werden die gesamte Woche simuliert: Im Training, wenn die Spieler das Ballerobern, das Dribbling, die Deckung üben. Daran ändert sich auch nichts, wenn die Spieler bei Teambesprechungen Abstand halten und ihre Wäsche zu Hause waschen.

Schmidt-Chanasit meint, die Quarantäne einer ganzen Mannschaft ließe sich abwenden, indem man täglich testet, sobald ein positiver Fall auftritt: „Wir haben das Konzept in Krankenhäuser für Menschen, die auf kritischen Stationen arbeiten. Da können wir nicht alle Intensivschwestern in Quarantäne schicken. Wenn da jemand arbeitet, gibt es eine tägliche Testung und die arbeiten eben normal weiter, weil es gar nicht anders geht, sonst bricht das Krankenhaus zusammen. Also das heißt: Sobald ein Spieler positiv ist, muss man alle Kontakte jeden Tag 14 Tage lang testen.“ Damit würde man die Zahl der benötigten Tests noch weiter steigern. Schon jetzt fänden es laut einer repräsentativen Umfrage der Sportschau 61% der Befragten „ungerechtfertigt“, wenn Fußballspieler zweimal die Woche getestet würden. Tägliche Tests dürften noch negativer aufgenommen werden. Das aktuelle Konzept sieht tägliche Tests ausdrücklich nicht vor.

Nur wenige Tage vor der Verabschiedung des Hygienekonzepts hat die DFL erklärt, sie wolle „Selbstkritik üben mit Blick auf Fehlentwicklungen in den vergangenen Jahren. Es steht außer Frage, dass künftig Nachhaltigkeit, Stabilität und Bodenständigkeit zu den entscheidenden Werten gehören müssen.“ Vielleicht sollte sie jetzt damit anfangen, indem sie ganz klar sagt: Ja, die Bundesliga-Saison muss aus wirtschaftlichen Gründen mit Geisterspielen beendet werden. Aber wir werden uns an die gültigen Bestimmungen halten, auch wenn das bedeutet, im Falle eines positiven Tests eine ganze Mannschaft in Quarantäne schicken zu müssen – und damit die Saison zu unterbrechen. Der Fußball lebt eben nicht in einer Blase – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Das DFL-Konzept sieht eine Einkasernierung der Spieler ausdrücklich nicht vor. Sie könnten das Virus in ihre Familien tragen, über Supermärkte verbreiten, Physiotherapeuten oder gar Ärzte anstecken. Diese Überlegung sollte über allen wirtschaftlichen Problemen stehen.

Übrigens: Laut der Sportschau-Umfrage finden 90% der Befragten, eine gesamte Fußball-Mannschaft sollte in Quarantäne gehen, sollte ein positiver Fall auftreten.

Das Titelbild, das Maximilian Mittelstädt und Timo Werner im Zweikampf zeigt, stammt von Steffen Prößdorf, Lizenz: CC BY-SA 4.0

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