Eschers EM-Tagebuch, Tag 13: Die Deutschen vertrauen sich nicht

Am Tag nach dem 2:2 zwischen Deutschland und Ungarn macht sich Ernüchterung breit. Das EM-Tagebuch steht heute ganz im Zeichen dieser Partie. Wieso haben die Deutschen eine derart schwache Leistung gezeigt? Über Real Madrid’sche Arroganz, fehlendes Vertrauen in das eigene Spielsystem und Roland Sallai als aufopferungsvoll kämpfenden Stürmer.

Die deutsche Mannschaft vertraut sich selbst nicht

2018 traf Bayern München im Champions-League-Halbfinale auf Real Madrid. Nachdem die Bayern das Hinspiel 1:2 verloren hatten, verlief das Rückspiel nur in eine Richtung: auf das Tor von Real. 22:9 stand es am Ende nach Torschüssen, 2:2 nach Toren. Die Bayern waren das bessere Team – und doch schieden sie aus.

Es verblüffte, dass Reals Toni Kroos nach dem Spiel erklärte, er habe nie einen Zweifel am Weiterkommen seiner Mannschaft gehabt. Klar, sie hätten nicht gut verteidigt. Aber das habe ja schließlich für beide Teams gegolten, und da die Bayern nicht davonzogen, hatte Real ja immer die Chance zum Kontern. Kroos fasste unbewusst das Mantra dieser großen Real-Madrid-Mannschaft zusammen: Egal, wie scheiße wir spielen, egal, wie gut der Gegner ist: Am Ende gewinnen wir eh, einfach weil wir Real Madrid sind und der Gegner nicht.

Kroos hat nach dem Spiel gegen Ungarn nichts dergleichen gesagt. Hätte er es versucht, hätte ihm niemand geglaubt. Diese deutsche Mannschaft hatte Zweifel. Diese Zweifel spürte jeder Außenstehende.

Das soll an dieser Stelle nicht in eine Ferndiagnose ausarten, wie es um die Mentalität der Spieler bestellt ist. Diese wage ich nicht zu beurteilen. Meine These lautet vielmehr: Die Mannschaft™ ist in ihrem aktuellen Zustand nicht mehr als die Summe ihrer Teile. Das Fehlen eines übergeordneten Systems sorgt dafür, dass sie beim kleinsten Widerstand in ihre Einzelteile zerfällt.

Ein Spielsystem hat in der Regel die Funktion, aus elf Individuen ein harmonisches Ganzes zu formen. Es gilt, die Stärken der Individuen miteinander zu vernetzen. Nicht immer bedeutet es, dass Spieler ihre beste Rolle oder ihre liebste Position bekleiden. Die einzelnen Rollen der Spieler sollten so gut zusammenpassen, dass das System zur eigenen Spielidee und im Idealfall zum Gegner passt. Denn selbst das beste Spielsystem scheitert, wenn der Gegner die passende Antwort findet. Im Idealfall ergibt sich nachher ein Team, das mehr ist als nur die Summe seiner Teile, wie es so schön heißt.

Ganz abgesehen davon, dass Fußball immer auch ein taktischer Kampf zwischen zwei Mannschaften ist: Ein gutes Spielsystem erfüllt noch eine andere Funktion. Es erhöht das Vertrauen der einzelnen Spieler ineinander und auch in sich selbst. Reals Spieler etwa vertrauten der individuellen Klasse der eigenen Mitspieler, weil sie wussten, dass diese irgendwann zum Zuge kommt. Ganz ohne Spielsystem hätte das nicht funktioniert.

Noch krasser sieht man dieses Vertrauen in das eigene Spiel bei Mannschaften, die einen Lauf haben. Die ihrem Trainer und damit auch ihrem Spielsystem blind folgen. Jürgen Klopp springt einem hier sofort in den Sinn. Die Spieler glauben an Klopp, den Trainer, und damit auch an das System, das er ausgerufen hat. Der FC Liverpool gewann in der Meistersaison 2019/20 sechs von zehn Partien, in denen sie in Rückstand geraten waren.

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Deutschland hat gegen Ungarn vieles getan – dem eigenen System vertraut haben sie nicht. 45 Minuten haben sie gegen Ungarn so versucht zu spielen, wie sie auch gegen Portugal gespielt haben. Als es dann nach der Halbzeitpause um die Wurst ging, war ein übergeordnetes System kaum mehr zu erkennen. Zahlreiche Akteure verfielen in Spielweisen, die sie bei ihren Klubs verfolgen – die im Nationalmannschaftskontext aber wenig Sinn ergeben:

  • Toni Kroos fühlt sich auf der halblinken Seite wohl. Das ergibt bei Real Madrid Sinn: Hier besetzt er den linken Halbraum und Luka Modric den rechten, während der Sechser und die Außenverteidiger situativ vorrücken. Bei der deutschen Nationalmannschaft blockiert er hier eher Passwege, als dass er sie öffnet. Seine beste Aktion war passenderweise jene, als er in der Schlussphase einen schnellen Sprint in den gegnerischen Strafraum anzog.
  • Joshua Kimmich hatte bis zur Halbzeit-Pause als Rechtsverteidiger nur die sechstmeisten Ballkontakte. Nach der Pause wechselte er auf die Sechs und hatte nun die drittmeisten Ballkontakte. Seine Präsenz half dem deutschen Spiel aber gar nicht unbedingt weiter; mit Mats Hummels und Toni Kroos waren hier bereits die beiden Spieler mit den meisten Ballkontakten massiv ins Aufbauspiel involviert.
  • Mats Hummels kam als zentraler Verteidiger häufig an den Ball. Die meiste Zeit verlagerte er das Spiel ruhig von einer Seite zur anderen (manchmal zu ruhig). Manchmal versuchte er jedoch, den Pass hinter die letzte Linie zu erzwingen. Es war ein gut gemeinter Versuch, mit seinen Stärken als Passgeber Tiefe zu erzwingen. Allerdings waren diese langen Bälle selten gut vorbereitet und führten praktisch nie zu einer Torchance. Gerade in der zweiten Halbzeit hätte Deutschland mehr Ruhe am Ball gutgetan.
  • Timo Werner ist es als Stürmer gewohnt, häufig auf die linke Seite auszuweichen. In Leipzig und London kam er gar manchmal als Linksaußen zum Einsatz. Auch gegen Ungarn tauchte er plötzlich auf links auf – und verlor bei einem Dribblingsversuch sofort den Ball.

Für sich genommen sind das alles kleinere Details. Sie summierten sich aber in einem Spiel, in dem Deutschland von 90 Minuten 71 in Rückstand lag. Als Zuschauer wurde man das Gefühl nicht los, die Spieler wollten im Alleingang das Spiel drehen.

Nun ist es mit pseudo-psychologischen Analysen wie dieser wie mit einem Soufflé: Sehen schick aus, sind aber meist mehr Effekthascherei als gehaltvolle Speise und am Ende fallen sie bei näherer Betrachtung in sich zusammen. Als Außenstehender wissen wir nicht, ob sich die deutsche Mannschaft selbst misstraut. Wir wissen nicht, wieso sie gegen Ungarn so strukturlos auftrat. Vielleicht mangelt es an systematischen Vorgaben und damit am Input des Trainers. Vielleicht ängstigte das deutsche Team, erneut eine historische Niederlage zu erleiden wie gegen Südkorea 2018. Sieben Spieler, die gegen Ungarn aufgestellt oder eingewechselt worden, standen auch schon bei der größten Schmach der deutschen Fußballgeschichte auf dem Rasen. Vielleicht hat sie einfach nur der sinnflutartige Regen daran gehindert, ihren Matchplan umzusetzen. Wir wissen es nicht, wir können nur schlau klingende Mutmaßungen anstellen.

Insofern möchte ich das Spiel gegen England nicht abschreiben. Dass die deutsche Mannschaft mehr kann, hat sie schließlich gegen Portugal bewiesen. Löws Team reist als Wundertüte nach London. Raphael Honigstein nannte das deutsche Team im Athletic „ein vollkommen unberechenbares Ensemble talentierter Spieler“, für die „schiere Willenskraft“ wichtiger sei als ein konkretes Spielsystem. Das ist leider wahr. Es ist jetzt aber nicht so, dass solche Teams noch nie große Turniere gewonnen haben.

Rolland Sallai, die Gegenthese zum deutschen Spiel

Das größte Versäumnis von Joachim Löw ist es aus meiner Sicht, dass er seit längerer Zeit nicht mehr schafft, aus seinem Team mehr zu machen als die Summe seiner Teile. Man vergleiche nur das italienische Team mit dem Deutschen: Im deutschen Team machen zu viele Spieler, was sie am Besten können. Im italienischen Team macht jeder Spieler, was das Beste für das Team ist.

Ein Paradebeispiel, wieso es manchmal gut sein kann, einen Spieler in einer eigentlich suboptimalen Rolle einzubinden, war Ungarns Roland Sallai. In Freiburg kommt er nicht selten auf dem Flügel zum Einsatz. Hinter den Spitzen überzeugt er nicht nur mit Einsatz im Pressing, sondern auch mit kurzen Dribblings und starken Pässen ins letzte Drittel.

Diese Pässe werden im Konter-lastigen System der Ungarn aber nicht benötigt. Die Ungarn stehen noch viel defensiver als die Freiburger. Während diese häufig ein hohes Pressing wagen, ziehen sich die Ungarn weit zurück. Selbst die Stürmer müssen in der eigenen Hälfte aushelfen. Eine Aufgabe, für die sich ein Spieler von Christian Streich natürlich nicht zu schade ist: Sallai übernahm als zweiter Stürmer im 5-3-2-System viele Defensivaufgaben.

Der Kicker veröffentlichte angesichts von Sallais unterschiedlicher Rollen in Klub und Verband eine Analyse, in der steht, Sallai werde „im Ungarn-Trikot seiner Stärken beraubt“. Das ist faktisch nicht falsch: Er kann tatsächlich viel von dem nicht zeigen, was ihn in Freiburg so stark macht. Statt sich kombinativ am Spiel zu beteiligen, muss er lange Bälle festmachen. (Das verleitete mich auf Twitter zu dem Scherz: „Sallai hat [gegen Deutschland] mehr Bälle festgemacht als in der gesamten Bundesliga-Saison.“ Kein Wunder, muss er in der Bundesliga ja auch nie.)

Dennoch stimme ich dem kicker-Tenor nicht zu, Sallais Stärken würden verschenkt. Manche seiner Stärken werden im Kontext des Spielsystems einfach nicht gebraucht. Ein Team, das tief am eigenen Strafraum lauert und so gut wie keinen geordneten Spielaufbau betreibt, benötigt keinen technisch starken, einrückenden Außenspieler. Sie brauchen jemanden, der bei Kontern Bälle ablegt und danach sofort durchstartet.

Und das hat Sallai getan. Er mag nicht so viele Ballkontakte gehabt haben und nicht so viele progressive Pässe gespielt haben wie in Freiburg. Im Kontext des Spielsystems der Mannschaft war er bei den Ungarn genauso wichtig, wenn nicht sogar wichtiger als beim SC Freiburg. Er beweist, dass es sich lohnen kann, einen Spieler in ungewohnter Rolle einzusetzen. Das System steht in diesem Fall über dem Spieler – und das 5-3-2-System der Ungarn hat in allen Spielen gut funktioniert.

Am morgigen Freitag pausiert die EM, und auch mein Tagebuch gönnt sich dann einen Tag Pause. Weiter geht es am Samstag mit einer Vorschau auf die ersten Achtelfinal-Partien.

Kurze Beobachtungen

  • Trotz der schwachen Leistung hätte Deutschland die Partie gegen Ungarn gewinnen können. Leroy Sane hätte den Ball kurz vor Schluss nur querschieben müssen. Stattdessen flankte er ihn so hoch, als stünde an der linken Eckfahne ein zweiter Strafraum. Rechenkünstler beschäftigt nun die Frage, ob Sanés schlecht getimte Flanke nicht ein Segen für das deutsche Team gewesen sei. Als Gruppenzweiter trifft man zwar im Achtelfinale auf England. Dafür befinden sich mit Frankreich, Italien, Belgien und Spanien die Schwergewichte des europäischen Fußballs auf der anderen Seite des Turnierbaums. Tatsächlich scheint es so zu sein wie schon 2018: Die beiden Seiten des Turnierbaums sind noch ungleicher besetzt als die deutschen Flügel im Spiel gegen Ungarn. Gäbe es einen Karl-Heinz Rummenigge des Verbandsfußballs, er würde an dieser Stelle eine Setzliste fordern.
  • Wer noch etwas Futter zur Ablehnung des 24er-Formats braucht: Wir haben nun 36 EM-Spiele hinter uns gebracht, um acht Teams zu verabschieden. Ausgeschieden sind alle vier Länder, die sich über die Nations League qualifiziert haben. Hinzu verlieren wir mit Russland, der Türkei und Finnland drei Zweitplatzierte der Qualifikationsphase, die sich für eine 16er-EM höchstwahrscheinlich nicht qualifiziert hätten. Einzige Überraschung stellt das Ausscheiden Polens dar. Als klarer Sieger ihrer Qualifikationsgruppe wären sie auch bei einer 16er-EM dabei gewesen. Ansonsten hätte man aber sämtliche ausgeschiedenen Teams bereits in der Qualifikation aussieben können. Das steigert den Wert der Gruppenphase nicht unbedingt.

Leseempfehlungen

The Athletic: This lucky Germany team have no plan. They’re just a lost bunch of individuals.

Tagesspiegel: Deutschlands Achtelfinal-Gegner England: Mit Minimalismus auf dem Weg zur Turniermannschaft.

Die Zeit: Deutschland gegen Ungarn: Das Trauma von Bern.

Das Titelbild “Fußball mit einem deutschen Fußball Fan Schal stammt von Marco Verch, Lizenz: CC-BY 2.0.

13 thoughts on “Eschers EM-Tagebuch, Tag 13: Die Deutschen vertrauen sich nicht

  1. Guter Punkt zum 24er-Format!
    Ich möchte anmerken, dass das hier die EM-“Endrunde” ist. Die gesamte Europameisterschaft umfasst ja auch die Qualifikationsspiele. Jeder nimmt teil; nur die Besten qualifizieren sich für die Endrunde. Und da wären 16 völlig ausreichend.

    1. Ich habe auch meine Bauchschmerzen mit dem 24er Format. Habe mir auch viele Gedanken gemacht, ob bei 24 Mannschaften acht 3er Gruppen oder vier 6er Gruppen sinnvoller sind… Aber keines dieser Formate halte ich sinnvoll für so ein Turnier.

      Die FIFA hat bei der WM82 in der Vorrunde ebenfalls die 6×4 (6 Gruppen á 4 Mannschaften) Variante probiert, dabei kommen nur die ersten Zwei der Gruppen weiter. In der zweiten Phase werden die 12 verbliebenen Mannschaften in vier 3er Gruppen aufgeteilt. Dann hast du das Problem, dass in jeder Gruppe eine Mannschaft am letzten Spieltag spielfrei hat, und die anderen zwei können im letzten Spiel machen, wie es ihnen am besten passt. Also war das auch keine optimale Lösung.

      Bei der WM86, WM90 und WM94 hat man auch die aktuelle EM Format angewendet. Ich kann mich erinnern, dass es damals weniger Aufschrei gegeben hat wegen der Gruppendritten. Nicht destotrotz war es auch damals schon verwirrend. Wie dem auch sei…

      Das ursprüngliche Problem ist eigentlich eine mathematische: die optimale Anzahl der Teams bei einem Turnier, das am Ende mit einer einfachen K.O.-Phase entschieden wird, ist immer die Zweierpotenzen, also 4, 8, 16, 32… Das Problem artet sich dann in ein sportpolitisches oder sportfinanzielles aus, wenn die Interessen aller Verbände (klein oder groß) berrücksichtigt werden müssen. Ein Turnier mit 16 Teams war eigentlich schon optimal für eine Kontinentalmeisterschaft. Aber man hat es wohl erweitert, weil einige Verbände darin nie eine Chance sehen, sich für die Endrunde zu qualifieren. Und eine Erweiterung von 16 auf 32 ist schon ein enormer Sprung. Die Anzahl der Spiele steigt von 31 auf 63 (es gibt kein Spiel um Platz 3). Und das können eben nicht viele europäische Länder nun mal stemmen.

      Also bleibt das 24er Format als Kompromisslösung übrig…

  2. Wieder ein schöner Artikel. Insbesondere der Part, dass man manche Spieler u.U. so einsetzen sollte, dass sie vielleicht nicht so glänzen können, wie sie es sonst tun, aber dadurch eine mannschaftstaktische Rolle erfüllen, die die ganze Mannschaft stärkt.

    Im ersten Spiel gegen Frankreich fand ich das teils noch ganz ordentlich. Kroos bemühte sich, einen zentralen tiefen 6er zu geben. Vor allem defensiv, was man selten sieht. Und machte das nicht schlecht. Natürlich sah man oft, dass es nicht sein Ding ist und seine sonstige spielmachende Art (tief fallen lassen oder links fallen lassen) war auch ineffektiv bei der Taktik. Aber trotzdem: Kroos war auch mitverantwortlich, dass Frankreich wenig echte Torchancen hatte.

    Und ich kann immer wieder zustimmen, dass Löw es nicht machen kann oder will, seinen Spielern ein Profil zu geben. Er wirft “die Besten” aufs Feld in einer Formation, die alle halbwegs einbringt und bekannte Schwächen etwas kontert (Kimmich als RV). Aber das wars.

    Das man auf der Papierform schlechtere Spieler in den Kader bringt, weil diese mit ihrem Profil allen anderen Sicherheit und Stärke, scheint undenkbar. Kein gelernter 6er, weil es da nur “zweitklassige” wie Demme gibt. Kein 9er, auch weil dort nur der “zweitklassige” Volland herumturnt. Dafür einen Madrid oder City-Start draussen lassen? Rechnet sich für Löw nicht, der gefühlt nach GoalImpact oder EA-FIFA-Spielerwerten aufstellt anstatt nach Aufgaben und Jobs.

  3. „ Im italienischen Team macht jeder Spieler, was das Beste für das Team ist.“

    Das ist so nicht ganz korrekt, viel mehr hat Mancini sein System mehr oder weniger an seine Spieler angepasst. Fast alle Spieler spielen quasi die identische Position wie im Verein, dadurch ergibt sich die mehr oder weniger automatische Harmonie im Spiel welche in den letzten 2 Jahren perfektioniert wurde.

  4. Wurde mein Kommentar von Heute hier tatsächlich gelöscht?
    Haltung zur falschen Thematik? Plötzlich doch wieder nur Fußball und keine gesallschaftspolitische Diskussion hier?
    Hätte die UEFA vielleicht auch machen sollen. Einfach alles löschen.
    Peinlich Escher! Peinlich!

    1. Du wählst eine sehr seltsame Platform für deinen Kreuzzug. Und wenn mich jemand “verfluchen” würde und nicht viel mehr als andere Verwünschungen zum Thema beitragen will, würde ich das auch löschen.

    2. Ich moderiere recht großzügig, daher habe ich Ihren Beitrag zu Tag 12 nicht gelöscht. Sie betreiben zwar Whataboutism in seiner extremsten Form, aber zumindest rudimentär war ein Bezug zu meinem Tagebucheintrag vorhanden. Das war heute aber nicht mehr der Fall, sodass ich Ihren Beitrag nicht freischalten werde. Das gilt auch für alle zukünftigen Beiträge, die Sie zu Ihrer Thematik absondern werden.

  5. Hi Tobi, vielen Dank fürs Tagebuch und deine Beiträge zur EM andernorts!

    Echt nicht einfach, das Potenzial, die Strategie und die Leistung dieser Mannschaft zu bewerten. Man kann sicher unterschiedliche Ansätze finden bei der Suche nach der übergeordneten Thematik, die das Wesen dieser Mannschaft erklärt bzw. anhand derer die Entwicklung nachvollzogen werden kann. Ich sehe es aber anders als Raphael Honigstein. Das übergeordnete Spielsystem, die übergeordnete Strategie scheinen mir klar erkennbar.

    Seit Beginn der unmittelbaren Vorbereitung scheint klar, dass Müller und Hummels wieder Schlüsselspieler sind und eher Elemente von Chelsea als von Bayern als Vorbild dienen sollen (Konterabsicherung, Dreierkette/wing backs, nur 3 echte Offensivspieler, Fokus auf Zirkulation/Räume). Das passt gut zusammen und wurde mit entsprechenden Folgen (Kimmich rechts, etc.) wochenlang konsequent so gedacht und eingespielt. Ich glaube auch, dass das Vertrauen sehr wohl da ist. Anders geht es nicht, nach dem Frankreich-Spiel mit wirklich unfassbar hoher Konsequenz und Präzision genau diesen Plan ins Portugal-Spiel mitzunehmen und trotz 0:1 nahezu perfekt auszuführen.

    Natürlich gibts Ansatzpunkte für Kritik. Erstens ist das nicht von langer Hand geplant. Die letzten Jahre ging die Entwicklung in eine andere oder keine sehr konkrete Richtung. Das ist natürlich nicht so geil, aber Trends/Bausteine aus Klubs zu übernehmen, war ja häufig ein Erfolgsfaktor für das Team von Löw. Für Deutschland mit den verschiedenen Einflüssen in Klubs bzw. der Liga und Spielern im Ausland ist das denke ich auch der richtige Ansatz. Diese kurzfristige (Neu-)ausrichtung der Mannschaft ist eine Stärke von Löw bzw. dem Staff. Dass das recht konsequent versucht wurde, muss man ihm zugestehen bzw. war wohl kurzfristig gesehen auch die einzige Chance auf eine gute EM.
    Zweitens ist das womöglich doch nicht der richtige Plan, um Europameister zu werden. Denn natürlich bringt er Probleme mit sich (fehlende Tiefe oder Strafraumpräsenz, «schwaches» Zentrum bzw. problematische Einbindung von Kroos, evtl. zu wenig Eingespieltheit). Ist halt aber auch Nationalmannschafts-Fussball und da muss man Kompromisse eingehen.
    Drittens, glaub deine Hauptkritik, wurde gestern doch davon abgewichen und war die zweite Halbzeit tatsächlich recht planlos. Fand ich auch wenig überzeugend, aber genau deshalb gilt eben für Deutschland nicht das, was Honigstein schreibt. Die Stärke dieses Teams ist immer noch der klare Plan. Dass Kroos ständig abkippt oder Dinge laufen wie Werner dribbelt von links an, soll ja klar nicht der Plan sein. Das war auch in fünf von sechs Halbzeiten nicht zu sehen. Das war halt panic mode bei widrigen Bedingungen in ungemütlicher Lage. Was zu kritisieren ist, aber welches Nationalteam händelt so was schon souverän?

    Ich finde dieses Team ist bereits mehr als nur die Summe seiner Teile bzw. besitzt die übergeordnete Strategie, um dies wirklich auch in jedem Spiel zu sein, wenn denn die individuellen Leistungen am Tag X bzw. der Matchplan auch passen. Dort lagen vielmehr die Probleme bisher, finde ich. Allgemein fehlt in der Defensivreihe ein wenig Abstimmung oder schlicht individuelle Qualität, um aus der grundsätzlich guten Konterabsicherung dem Gegner auch keine Torchancen zu lassen. Gegen Frankreich war Gosens spielaufbauende Rolle ein Problem und fehlte etwas Tiefe nach vorne, wobei mit etwas besseren individuellen Leistungen (Passqualität) durchaus ein paar sehr gefährliche Situationen in der Tiefe entstanden wären. Gegen Ungarn waren wieder die wing backs nicht ideal postiert bzw. allgemein etwas zu viel Portugal-Matchplan-Kopie, zumal ohne Müller.

    Mir fehlt auch einiges, aber ich glaub wirklich der übergeordnete Plan für diese EM und auch das Vertrauen ist da. Die Spielintelligenz ist so hoch und die Lerneffekte sind riesig, wie schon zu sehen war. Wenn’s am Ende bzw. gegen England nicht reicht, wird’s eher an mikrotaktischen Dingen oder individueller Qualität scheitern.

  6. So, jetzt hast du es mit deinem schönen Artikel zum Chaos und fehlendem Vertrauen in der Mannschaft geschafft, dass ich auch meinen Senf dazugeben will.
    Es gibt einige platte Klischees, die immer wieder um die deutsche Mannschaft herum beschworen werden. Etwa, dass sie gut spielt wenn der Bundestrainer auf Blöcke von Clubspielern setzt.
    Klischees nerven durch ihr ständiges Wiederholen haben aber oft einen wahren Kern. Natürlich profitiert eine Nationalmannschaft davon wenn sich ihre Spieler aus den Clubs kennen und eingespielt sind. Viel Vorbereitungszeit hat man ja nicht, besonders in diesem Sommer. Und gerade nach dem Experimentieren in den Jahren nach 2018 wäre ein eingespielter Club-Block Goldwert.
    Schon vor einem Jahr hatte ich deshalb gedacht, die Mannschaft stellt sich für die Euro von selbst auf: Einfach so viele Bayern-Spieler wie möglich in die Startformation einbauen und deren System kopieren, zumindest in den Grundzügen.
    Mit Neuer, Boateng, Süle, Kimmich, Goretzka, Müller, Gnabri, Sané ständen 8 Spieler für die erste Elf bereit, und Musiala als erster Einwechselspieler. Dazu vielleicht Gosens anstelle von Davies, Ginter für Pavart und Havertz für Lewandowski. (Selbst ohne die FCB-Innenverteidiger, steht ein eingespielter Block auf dem Rasen.)
    Klar, ein paar andere Spieler erfordern Anpassungen ans System. Aber es sind eben Anpassungen anstatt ein völlig eigenes System aus dem Boden zu stampfen. Zumal viele der eingesetzten Spieler in diesem nicht heimisch sind.
    Ich glaube gerade in diesem Punkt stimmt Löws Aussage, Formationen werden überschätzt, nicht. Jede Position kommt gewöhnlich mit einer bestimmten Aufgabe. Selbst wenn die gleichen Spieler auf dem Platz stehen aber mit (leicht) anderen Positionierungen und Aufgaben, fehlen die Abstimmungen.
    Diese sind noch kein Problem wenn Löws Matchplan wie im Spiel gegen Portugal aufgeht, die Mannschaft spielt einfach wie vorgegeben und in den letzten Tagen eintrainiert.
    Aber geht der Plan nicht auf, was dann? Niemand weiß wie sich seine direkten Mitspieler verhalten. Der Spieler am Ball muss erstmal gucken. Wo stehen die anderen? Haben sie eine Idee? Nein? Ich auch nicht.
    Mögliche Lücken in der gegnerischen Abwehr werden aus gleich drei Gründen nicht ausgenutzt. Spieler laufen nicht hinein obwohl sie es könnten, oder die Lücke wird geschlossen während sich der Spieler mit Ball orientiert, oder die Verunsicherung ist bereits so groß, dass der Ball verstolpert wird, noch bevor sich orientiert wird. Ich meine alle Punkte zigfach im Spiel gegen Ungarn gesehen zu haben.
    Ein weiteres Klischee ist, dass eine Mannschaft eine starke Achse benötigt. Versagen Matchplan oder Spielsystem, benötigt es Schlüsselspieler, die das Spiel der eigenen Mannschaft an sich reißen und dem Rest Orientierung geben können. Das geht eben am besten in der Mitte des Spielfeldes, entlang der Achse.
    Besonders im Zentrum des Spiels auf der 6, 8, 10 benötigt man entsprechende Spielertypen. Müller war gestern zunächst nicht auf dem Platz. Ansonsten spielten dort Kroos und Gündogan. Besonders Kroos empfinde ich als absolute Fehlbesetzung in diesem Team. Er ist ohne Frage einer der begnadetsten Fußballer die wir je hatten. Aber für mich ist Ballverteiler Kroos eher ein Katalysator des eigenen Spiels als einer der es antreibt. Funktioniert das System, kann er es mit seinen präzisen Pässen zu neuen höhen führen. Aber funktioniert es nicht, was macht er dann? Nach links ausscheren, querspielen oder den Aufbau von Hummels behindern?!
    Löw hätte das Turnier mit einem System und einer Mannschaft fahren können, die sich bewährt hat, die sich, vor allem entlang der Achse fast blind versteht. Und deren Spieler auf 6, 8, und 10 einen wunderbaren Willen zum Gewinnen mitgebracht hätten-> Kimmich, Goretzka, Müller.
    Klar, Müller war gestern verletzt, Goretzka die Wochen davor, Kimmich wird „scho au“ hinten rechts benötigt. Aber konnte man nicht anfangs Goretzka durch Gündogan ersetzen? Wieder nicht der gleiche Spielertyp aber nur eine kleinere Anpassung.
    Und klar, die Bayern haben im letzten Jahr viele Tore gefangen, aber sie können ihr System auch mit weniger Harakiri spielen (2. Spiel gegen Paris?)
    Stattdessen spielt man ein System mit drei Innenverteidigern. Ich verstehen warum das in der Theorie Sinn macht. Aber augenscheinlich sind fast alle Spieler im Defensivverhalten überfordert. Und geht der Matchplan nicht auf reißt keiner das Spiel an sich, weil auf den wichtigen Positionen die falschen Spielertypen eingesetzt werden. Alles steht, die Verunsicherung kommt, nach vorne geht nichts, nach hinten ist alles möglich.

    Ich freue mich über Korrekturen meiner Laien-Ansichten 🙂

    1. Paar gute Punkte, gut argumentiert, aber wenn ich meine Meinung abgeben darf, ist das insgesamt nicht die bessere Lösung als was jetzt gespielt wird.

      Wie geil war denn Bayern überhaupt zuletzt? Vor einem Jahr haben sie alles kaputt gepresst, aber Pressingfokus kann an einer Endrunde für Deutschland keine Lösung sein. Ansonsten wars kein schlechtes Ballbesitzspiel, aber geprägt von individueller Klasse (Müller, Lewandowski, Kimmich, etc.) und nicht wirklich stabil. Ohne Stabilitätsfokus an die Endrunde geht auch nicht. Und weiss nicht, was die Eingespieltheit darüber hinaus bei Bayern selbst wirklich beiträgt bzw. was es Deutschland dann bringen würde bei Bayern weniger prägende Spieler (Sane, Boateng, Süle) individuell stärkeren Spielern (Rüdiger, Hummels, Kroos, Gündogan) vorzuziehen. Individuell und mannschaftstaktisch überzeugt mich die Bayern-Lösung nicht.

      Wie im obigen Post angetönt, finde ich die Entwicklung seit Beginn der Vorbereitung logisch. Chelsea ist das Team der Stunde, spielt einen Endrunde-tauglichen Fussball, ist deutsch geprägt und diese Spielweise lässt sich gut mit anderen Fixpunkten des deutschen Teams verbinden. Dreierkette ist beispielsweise ohnehin die richtige Wahl, um Hummels und Gosens gut einbinden zu können. Rüdiger kennts von Chelsea und musste nach dieser Rückrunde einfach gesetzt sein, Havertz vorne genauso.
      Klar ist Kimmich im Zentrum geil und Goretzka mit seinen Läufen auch, aber Hummels hinten zentral, starke Aussenspieler, Havertz/Müller in den Halbpositionen und allgemein eine sehr hohe Qualität und Stabilität im Ballbesitz ist auch sehr, sehr geil. Ich glaub es hat das deutlich höhere Potenzial als der Bayern-Block oder eine Mischung mit Kimmich zentral. Klar gibt’s auch Schwachpunkte, aber einige davon, wie zum Beispiel die Rollen von Gosens (gegen Frankreich) und Ginter (gegen Ungarn) im Aufbau oder die Abstimmung in der letzten Reihe, wären nicht gelöst, wenn Kimmich/Goretzka im Zentrum spielen würden.

      Problemlose Strategien gibt’s kaum für eine Mannschaft an einer Endrunde. Vielleicht geht’s schief gegen England, weil England zu stabil sein wird oder Deutschland Plan B oder die Ruhe fehlen wird, aber generell finde ich kann man das Team durchaus feiern für das hohe Potenzial und Löw für die mutige Entwicklung. Das ist viel geiler als alles was Frankreich und Portugal seit Jahren anbieten. Ich glaub es ist jetzt schon besser als z.B. Belgiens wackeliges Positionsspiel, nicht weniger komplett als Spaniens Ballbesitzfokus und hoffentlich auch erfolgreicher als der Stabilitätsfokus von England.

      1. Nur eine kurze Antwort, denn soo weit bin ich von deiner Position nicht entfernt.
        Wir haben ohne Frage einen richtig guten Kader beisammen (mit leichten Schwachstellen im Sturm und bei Außenverteidigern.) Gerade deshalb sind Spiele wie gestern so frustrierend anzuschauen.
        Ich sehe wie beschrieben selbst die Schwächen der Bayern-Strategie (Wobei die von Nationalmannschaften wohl weniger ausgenutzt werden können als von eingespielten Clubmannschaften.)
        Und ich finde Löws Ansatz an und für sich logisch und verstehe ihn.
        Mein Problem ist nur, dass Nationalmannschaften nicht so durchgeplant werden können wie Clubteams. Und es ist normal, dass ein Plan mit dem man ins Spiel geht eher nicht aufgeht. Weil der Gegner gut darauf eingestellt ist, oder die eigene Mannschaft Probleme bei der Umsetzung hat. Was dann? Es kommt auf die Spieler an und wie sie mit der Situation umgehen.
        Löw hat sich gegen eine Strategie mit eingespieltes Clubsystem entschieden. OK, aber dann muss man verstärkt mit obigen Problemen rechnen und sollte Spieler in zentralen Positionen haben, die bereit sind Verantwortung zu übernehmen, andere zu führen, versuchen die Statik des Spiels zu verändern. Und das war über weite Strecken nicht der Fall. (Dabei hat das Team sich trotzdem nie unterkriegen lassen. Viele waren verunsichert aber keiner ließ die Köpfe hängen. Stark)
        Und ja gegen England kann es ganz anders aussehen. Zwar können sie unsere Schwächen bespielen, aber ansonsten dürften wir die eine oder andere Waffe gegen ihr System haben.

  7. Hallo Tobi,
    für viele ist die Ideenlosigkeit und das Fehlen eines erkennbaren Systems erschreckend.
    Dabei ist die Suche nach Ideen und einem System, welches zu den Spielern passt schon seit der WM2018 zu beobachten.
    Nach dem Aus in der Gruppenphase wurde ein Umbruch eingeleitet, der mit Erfolglosigkeit in der Nations-League, zähen Quali-Spielen und letztlich der Rückholaktion von Müller und Hummels als gescheitert angesehen werden kann.
    Zudem erwähnst du oft (z.B. vor dem Frankreich-Spiel), dass du Löw nicht zutraust die Mannschaft taktisch gut auf das Spiel einzustellen.
    Doch liegt dieser lang andauernde qualitative Abstieg tatsächlich an Löw?
    Nach der EM2016 (hier beginnt meiner Meinung nach die Vorbereitung auf die WM2018) gab Joachim Löw bekannt, dass Markus Sorg fest in seinem Trainer-Team ist.
    Während man Hansi Flick, vor allem seit seiner Bayern-Zeit, große Anteile am WM-Erfolg 2014 zuschreibt, wird bei aktueller Ideenenlosigkeit, Systemfragen oder Standdartschwäche etc. nur sehr selten auf Löw´s Trainer-Team verwiesen.
    Schon bei der WM war das Offensiv-Verhalten der Nationalmannschaft enttäuschend. Zumal man über Spieler verfügt hat, die in den Vereinen zum Großteil überzeugten!
    Freilich ist der Chef-Trainer, wie der Name schon sagt, der verantwortliche Mann für die Leistung einer Mannschaft. Trotzdem wird häufig wird beschrieben, dass die Co-Trainer die eigentlichen “taktikfüchse” sind, während der Trainer in erster Linie für die Vermittlung dieser verantwortlich ist.
    Als Freiburg-Fan bin ich vermutlich etwas voreingenommen, was die Co-Trainer Position der Nationalmannschaft angeht. Dennoch ist Sorg bis heute der einzige Trainer der Freiburger Bundesliga-Geschichte, der entlassen wurde – nach nur 6 Monaten, mit 13 Punkten aus 17 Spielen, während man die Vorsaison mit ähnlichem Kader Platz 9 erreichte.
    Gerne würde ich mehr über Sorgs Trainerstationen schreiben. Leider war er ansonsten nur bei diversen Amateur-, Junioren- und Reserve Teams unterwegs.
    Wie schätzt du seine Arbeit bei der Nationalmannschaft ein? Oder ist bei deiner Kritik an Löw´s Arbeit Sorg mit gemeint? Ich finde gerade bei den desaströsen Standards (offensiv und defensiv) sollte Sorgs Verantwortung öfter in den Fokus rücken. Oder ist die Arbeitsaufteilung von Löw und seinem Team zu undurchschaubar, als dass man sie von außen bewerten könnte?
    Viele Grüße

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