EM-Tagebuch, Tag 12: Unentschieden in jeder Hinsicht

Das Tagebuch kehrt zurück. Noch immer beschäftigt mich die Partie zwischen Deutschland und der Schweiz. Aber es geht auch um Italiens Last-Minute-Tor gegen Kroatien. War dies das Ende einer großartigen kroatischen Generation?

Kroatien – Italien: Das späte Ende einer Generation

Nur noch wenige Sekunden waren zu spielen zwischen Kroatien und Italien. Die Italiener brauchten unbedingt ein Tor, um den zweiten Platz in der Gruppe zu erreichen, als plötzlich der Kaiser aus dem Himmel hinabfuhr. Der Geist von Franz Beckenbauer stieg in den Körper von Riccardo Calafiori. Der Verteidiger mit dem sehr italienischen Haarband fasste sich ein Herz, marschierte durchs Mittelfeld, spielte einen Doppelpass und legte seinem Kollegen Mattia Zaccagni den Ausgleichstreffer auf. In buchstäblich letzter Sekunde zogen die Italiener ihren Hals aus der Schlinge. Fußball kann so schön sein.

Im selben Moment sank am Spielfeldrand Luca Modric nieder. Der 38 Jahre alte Haudegen bestreitet seine fünfte Europameisterschaft, es wird aller Voraussicht nach seine letzte sein. In der 55. Minute verschoss Modric einen Elfmeter, nur um in einer irren Wendung des Schicksals 31 Sekunden später doch noch das Tor zu treffen. Sein einsamer Treffer hätte für Kroatien das Achtelfinale bedeutet. Durch den italienischen Ausgleich sinken die Chancen, dass Modric noch ein weiteres Spiel bei dieser Europameisterschaft bestreiten darf. Zwei Punkte dürften zu wenig sein, um sich als einer der vier besten Gruppendritten für das Achtelfinale zu qualifizieren. Fußball kann so grausam sein.

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Wechselt man von der romantischen Betrachtung auf die analytische Ebene, haben weder Kroatien noch Italien im Verlauf des Spiels Bäume ausgerissen. Der italienische Trainer Luciano Spalletti versprach vor dem Spiel, seine Mannschaft werde nicht in italienischer Catenaccio-Manier nur das eigene Tor verteidigen. Seine Mannschaften würden immer offensiv spielen. Er wisse gar nicht, wie man seine Mannschaft defensiv spielen lasse, beteuerte Napolis Meistercoach.

Spallettis Aussagen waren entweder ein ausgeklügelter Bluff oder aber er unterschätzte die italienische Sozialisation seiner Spieler. Bis zum 0:1 verschanzte sich die Squadra Azzurra im 5-3-2 in der eigenen Hälfte, ihr Ballbesitz lag bei 40%. Das sah schon sehr nach klassischem Catenaccio aus.

Die Kroaten wiederum taten das, was eine Mannschaft mit Modric, Marcelo Brozovic und Mateo Kovacic nun einmal so tut. Die drei Mittelfeldstrategen ließen sich fallen, passten sich den Ball zu, ließen sich von nichts aus der Ruhe bringen. Seit mehreren Turnieren kann man mittlerweile beobachten, wie Kroatiens Mittelfeldachse altert; wie die Dynamik nachlässt, wie sie sich immer weiter fallenlassen, wie das Spiel der Kroaten zahnloser wird.

Entsprechend wenig hatten die Kroaten entgegenzusetzen, als die Italiener sich nach dem 1:0 auf die offensiven Werte ihres Trainers besannen. Gerade das Mittelfeldzentrum öffnete sich immer wieder, was auf den ersten Blick seltsam erscheint. Wenn die Kroaten eins in der Vergangenheit konnten, dann das Zentrum dominieren. Doch Brozovic ist der Akteur bei dieser Europameisterschaft, dem man am Deutlichsten anmerkt, dass er ein Jahr lang in der Wüste gegen zweitklassige Gegner gespielt hat. Brozovic und seine Kollegen bekamen das Zentrum nicht geschlossen.

Als dann Calafiori in der Nachspielzeit nach vorne stürmte, hatten die Kroaten seiner Urgewalt nichts entgegenzusetzen. Es dürfte das Aus gewesen sein für ein Team, das uns viele tolle Momente beschert hat, das aber unübersehbar den Gipfel bereits weit hinter sich gelassen hat. Es tut mir fast Leid für Joskvo Gvardiol, dass er auf die Linksverteidiger-Position abgeschoben wird, nur damit die Altstars im Zentrum noch ein paar Pässe mehr spielen dürfen. Die Kroaten benötigen einen Neuanfang.

Deutschland – Schweiz: Unentschieden in allen Belangen

Auch zwei Nächte nach dem Abpfiff der Partie Deutschland gegen Schweiz bin ich unschlüssig, wie ich die deutsche Leistung bewerten soll. Diese Zerrissenheit habe ich nicht exklusiv gepachtet. Sie findet sich im ganzen Land, wenn man sich die Reaktionen auf das 1:1 anschaut. Der Bundestrainer lobte seine Mannschaft, auch mein alter Spielverlagerung-Genosse Martin Rafelt tat dies im Rasenfunk. Manche Gazetten bemühten den unvermeidlichen Polen-Vergleich. In anderen Analysen schlugen die kritischen Töne deutlicher durch, so etwa in Max Bergmanns Taktikbesprechung bei Watson.

Wie bereits gesagt: Ich bin unschlüssig, in welches Lager ich mich einordnen soll. Ich teile die Einschätzung, dass die Partie maximal unglücklich verlief. Erst gab der Schiedsrichter ein deutsches Tor nicht, dann traf die Schweiz mit der ersten Chance. Später wurde noch ein klarer Elfmeter gegen Maximilian Beier nicht gepfiffen. Derart viel Pech hat eine Mannschaft nicht alle Tage.

Die deutsche Mannschaft hat das Spiel durchaus dominiert. Alle Statistiken sprechen für sie, vom Ballbesitz über die Torschüsse bis hin zu den Expected Goals. Und selbst das Ergebnis fiel am Ende versöhnlich aus. Alles gut also?

Für mich tun sich viele Fragezeichen auf. Dass die deutsche Elf mit hohem Druck und Mann-gegen-Mann-Pressing nicht umzugehen weiß, wurde bereits vor dem Turnier deutlich. Dass die Verteidigung nicht ihre allergrößte Stärke ist – auch das geschenkt. Es gab insofern keinerlei neue Erkenntnisse aus der Partie gegen die Schweiz.

Es ist eher das Gesamtkonstrukt, das mich leicht stört. Nehmen wir Robert Andrichs Rolle als Aushilfsinnenverteidiger: Auf dem Papier ist dies eine clevere Variante, um die Breite besser abzudecken. Julian Nagelsmann weiß, dass seine Elf Probleme hat, die Räume hinter den Außenverteidigern zu decken. Durch das hohe Pressing und das weite Herausrücken einzelner Akteure entstehen auf den Flügeln häufig Lücken. In der Defensivphase die Innenverteidigung aufzustocken und damit breiter zu verteidigen, ist ein cleverer Weg, diese Schwäche zu adressieren – gerade wenn der Gegner wie die Schweiz äußerst breit agiert im letzten Drittel.

Gleichzeitig schafft dies wieder neue Probleme. Im 5-3-2 lässt sich schwer hoch pressen, sodass Ballgewinne seltener werden. Nach Eroberungen muss Deutschland wiederum viel rangieren und rotieren, um in die gewünschte 3-1-Aufbaustruktur zurückkehren zu können. Andrich muss vorrücken, Kroos nach links ausweichen etc. Je weiter die Ballbesitz- von der Defensivstruktur entfernt ist, umso größer ist der Dynamikverlust im Umschaltmoment.

Vielleicht lebe ich zu sehr in meiner Taktiktheorie-Welt, aber wenn die Lösung deiner Außenverteidiger-Problematik wieder neue Probleme verursacht, ist sie vielleicht keine Top-Lösung. Allerdings würden alle anderen Lösungsansätze mehr Vorlaufzeit brauchen. Eine raumorientiertere Spielweise, Doppeln auf den Außen, besseres Leiten im Pressing, Isolieren der gegnerischen Außen – alles Dinge, die die spanische und die österreichische Nationalelf beherrschen – kann die deutsche Elf nicht aus dem Ärmel schütteln.

Insofern erinnert die Arbeit von Nagelsmann ein wenig an die eines Innenausstatters. Er muss die Möbel so anordnen, dass man das schlecht verlegte Parkett möglichst wenig sieht. Er macht dabei einen sehr guten Job. Optimal wäre es jedoch, wenn das Parkett richtig verlegt worden wäre.

Ich merke: Ich reihe mich mit diesen Worten eher auf die kritische Seite ein. Daher möchte ich es relativieren: Ich konzentriere mich stark auf die Schwächen der deutschen Elf. Jede Mannschaft hat Schwächen. Man könnte genauso gut einen Text mit der guten Reaktion auf den Rückstand und Nagelsmanns passenden Wechseln füllen. Das würde Hoffnung machen für die K.O.-Runde. Wie gesagt: Ich bin unentschieden wie das Ergebnis gegen die Schweiz.


Kurze Beobachtungen

  • Die Regelung, dass auch die vier besten Gruppendritten weiterkommen, kritisiere ich bekanntermaßen seit Tag eins. Sie führt auch bei dieser Europameisterschaft wieder zu einigen Verrenkungen. Österreich etwa weiß vor dem Anpfiff gegen die Niederlande, dass sie auch bei einer Niederlage weiter wären, solange sie mit weniger als fünf Toren Unterschied verlieren. Nun ist das sportlich gesehen herzlich egal; kein Team möchte hoch verlieren, egal was die Tabelle sagt. Kniffliger wird es schon in Gruppe C. Dänemark und Slowenien wissen, dass sie bei einem Unentschieden auf jeden Fall weiterkommen. Für sie lohnt es kaum, auf Sieg zu spielen. Sie haben den Vorteil, das vor dem Spiel zu wissen – anders als die Teilnehmer von Gruppe A und B. Noch bizarrer wird es, wenn man die Ausgangslage in Gruppe E betrachtet: Dort haben alle Teams nach dem ersten Spieltag drei Punkte. Es ist also gut möglich, dass ein Gruppendritter mit zwei Punkten weiterkommt – der Gruppenvierte aus Gruppe E hingegen mit drei oder sogar vier Punkten ausscheidet. Turniere im 24er-Format nerven mich.
  • Es tut mir Leid, dass ich während dieser Europameisterschaft nicht jeden Tag ein Tagebuch schreiben kann. Gerade um die Deutschland-Spiele herum ist bei mir zu viel los. Ich werde mir aber Mühe geben, die K.O.-Phase auch auf dieser Seite ausgiebig zu begleiten!

Das Titelbild zeigt den italienischen Nationaltrainer Luciano Spalletti und stammt von Valerie Dudusch, Lizenz: CC BY-SA 3.0.

6 thoughts on “EM-Tagebuch, Tag 12: Unentschieden in jeder Hinsicht

  1. Erstmal danke für die Artikel. Ich bin immer sehr dankbar für solche knackigen Analysen, die die Plattitüden fern halten und mehr fachlich/faktisch bleibt. 🙂

    Zum Schweiz-Spiel: Ich sehe es so, dass die N11 momentan eine Kompromisslösung ist. Nach wie vor hat man keinen Sechser, keinen Mittelstürmer. Das schafft strukturell immer große Probleme, die sind gegen die Schweiz jetzt mal sehr groß zu tage getreten.

    Dadurch, dass sowohl Kroos als auch Andrich im Aufbau nicht im Sechserraum sind, sondern quasi als IV spielen, klafft ein altbekanntes Loch genau dort. Vorne gibt es die Offensive, hinten die Kette. Dazwischen Ödland, das mit Feinden übersäht ist.

    Die Krux ist, dass sich Kroos IMO besonders viel hat zurückfallen lassen, anstatt in der 6er-Zone anspielbar zu bleiben. Ja, ist viel unlustiger dort, weil man von 1-2 Leuten gepresst wird, aber man braucht da einen Spieler, der damit umgehen kann. Stattdessen schob man die AV superhoch und ballte alles weit vorne. Da fehlte irgendwie dann gesamtmannschaftliche Spielintelligenz. Oder Pavlovic, der genau dies sehr gut kann, nämlich im Sechserraum anspielbar zu sein und dort humorlos und gut die Bälle weiterleiten. Sollte Kroos auch können.

    Aber: Was imponiert ist der Willen der Mannschaft, sich mit den Problemen abzufinden. Man macht, versucht, gibt sich nicht geschlagen. Sowohl in den Testspielen, als auch jetzt im „bedeutungslosen“ Spiel gegen die Schweiz. Das macht Hoffnung.

    1. Würden Kroos und Andrich den 6er Raum füllen oder sich gar noch mehr in die Offensive aktiv einbringen, müssten die AV klar defensiver agieren, damit die defensiven Flügel nicht komplett leer wären.
      (ich erinnere hierbei an das WM Spiel gegen Japan, als vor allem Schlotterbeck allein gegen 2 Gegner agieren musste, da LAV (Raum) und ab DM (Kimmich/Gündogan) alle nur mehr offensiv dachten)

      Daher finde ich es sehr sinnig, wenn sich einer der beiden 6er in die IV fallen lässt. Entweder Andrich, der zentral den Libero gibt oder Kroos, der auf die linke IV Seite abkippt. Somit werden die beiden IVs unterstützt und man kann leichter die aufgerückten AV absichern.

      Vor allem Mittelstädt ist relativ schnell wieder in der Defensive, womit sich Kroos dann wieder Richtung LIV->DM orientieren kann, während unser RV sich in der Rückwärtsbewegung eher Richtung Zentrum (RDM) orientiert, womit Andrich mehr gezwungen wird zentral defensiv agieren zu müssen und Rüdiger den RIV/RV geben muss.

      Diese asymmetrische Rückwärtsbewegung könnte uns noch vor Probleme stellen – sehr große Probleme sogar,…..
      ….führt aber auch dazu, dass wir unsere Wege relativ kurz gehalten werden.
      – Kimmich ist kein schneller Läufer, daher der kürzere Weg in den RDM Raum, Andrich ist bereits im DM/ZIV Raum. Kurze Wege = passt.
      – Mittelstädt auf der Gegenseite sieht wann er nach vorne und wann er vor allem hinten sein muss. – Seine Wege bei Ballverlust sind somit generell kürzer als bei Kimmich, der offensiv sehr oft auf der RM/RA Position klebt und bei Ballbesitz selten in die Defensive geht…. – , weshalb Kroos dann schnell wieder von LIV->LDM schieben kann.

      P.S.: Ich finde Pavlovic auch sehr spannend für die Zukunft, allerdings würde er derzeit keinen Weg an der Kombi Kroos/Andrich vorbei finden.

  2. Mach dir mal keinen Stress mit dem Tagebuch, 9 Einträge bei 12 Tagen ist doch super.
    Und der Content ist wie immer super und auf den Punkt.
    Vielen Dank!

  3. Allem Anschein nach hat sich Österreich nicht auf Rechenspiele eingelassen – ganz im Gegensatz zu so manch anderer Nation. Für Tipper ist das grauenhaft. 😀 Anhand der Startaufstellungen hätte man auch anderes vermuten können. Immerhin hat Rangnick auf zumindest vier Stammkräfte in der Startformation verzichtet.

    Ich bin im Übrigen der Meinung, dass dein Tagebuch vielleicht gerade deswegen so lesenswert ist, weil du eben nicht jeden Tag einfach nur deine Pflicht erfüllst. So können Gedanken und Beobachtungen abseits der reflexartig auftretenden Narrative entstehen und reifen.

  4. „Nach Eroberungen muss Deutschland wiederum viel rangieren und rotieren, um in die gewünschte 3-1-Aufbaustruktur zurückkehren zu können. Andrich muss vorrücken, Kroos nach links ausweichen etc. Je weiter die Ballbesitz- von der Defensivstruktur entfernt ist, umso größer ist der Dynamikverlust im Umschaltmoment.“
    Wäre es dann nicht besser, wenn in der Defensivphase das Dreieck Andrich, Kroos, Tha um 90 Grad gegen den Uhrzeigersinn gedreht wird, also Andrich auf der 6 bleibt, Tha im Zentrum und Kroos sich auf die linke IV- Seite fallen lässt? Dann wäre er bei Ballgewinn schon auf der Position von der aus er häufig den Spielaufbau einleitet.

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