8 Gedanken zu „WM-Tagebuch, Tag 10: Nicht hochklassig, aber spannend

  1. „Da kann der Fußball noch so toll sein: Er verändert meinen Blick auf Katar und die Fifa nur unwesentlich.“

    Genau das ist der Punkt! Man kann das als Zuschauer durchaus trennen.

  2. > dass diese WM in Katar stattfindet und eigentlich ein Skandal ist.
    > Weltmeisterschaften sollten ohne Korruption vergeben, Arbeiterrechte beim Bau der Infrastruktur eingehalten, Menschen vor Ort nicht diskriminiert werden.

    Da gehe ich d’accord. Aber nachdem der Protest außerhalb Deutschlands doch ausgesprochen marginal ist, habe ich mich gefragt, ob das wirklich das Problem ist. Russland 2018 war jetzt in vielen der Punkte auch nicht viel besser, zudem bereits in einer Fast-Kriegs-Situation mit der „Annektion“ der Krim. Auch bei vielen anderen Austragungsorten aller Art ist der Aufruhr ziemlich gering. Auch die WM 2006 war massiv durch Korruption begünstigt. Also warum macht man bei Katar jetzt so ein Faß auf?

    Meine Theorie: Der deutsche Fußballfan mag keine „externe Einmischung“. Sei es durch externes Geld, Politik, etc. Fragt man in Deutschland durch alle Vereine nach, erhält man meistens offenen Haß gegenüber Konzerne wie Red Bull oder Mäzene wie Hopp und Kühne. Ich denke, dass hier der Hund begraben liegt: Man will eine wie auch immer geartete Ordnung der Dinge, wo man sich finanzielle Vorteile durch (vermeintliche) sportliche Vorleistung verdienen muss. Ansonsten ist es „Betrug“. Zumindest, wenn dieser externe Einfluss unverblümt daherkommt wie. Ist es nur ein Premium Sponsor, der sein Logo auf die Werbetafel hinter Mats Hummel klebt, ist es schon relativ egal. Diese Heuchelei ist halt dann natürlich auch urdeutsch.

    Und bei Qatar kommt dann alles zusammen: Bei Russland konnte man noch durchgehen lassen, weil die eine gewisse Fußballtradition haben („die spielen in _unserer_ CL!“), aber Qatar hatte gefühlt vor nem Jahrzehnt nicht mal ne Fußballmannschaft oder gar nen Fußballplatz. Es ist also ein fußballfremder Einfluss, dazu auch noch mit einer vollkommen anderen Kultur, wodurch vermutlich auch noch ein bisserl latenter Rassismus mit reinfließt. Aber indem man die ganze Kritik praktisch einzig an Menschenrechten aufhängt, hat man ein moralisch sicheres Argument, das man dann vorzeigen kann, wo eigentlich Rassismus (sehe ich untergeordnet) und Pseudo-Fußballtraditionsschutz die eigentlichen Gründe sind.

    1. Ich denke auch, da kommt vieles zusammen. Man muss dabei immer wieder betonen, dass die Kritikpunkte an Katar und an der Fifa legitim sind. Aber es ist sicher so, dass zumindest Kritikpunkte bezüglich der Menschenrechtslage vor Ort, der Verfolgung Homosexueller und derKorruption bei der Vergabe Russland genauso betroffen haben. Dennoch haben die negativen Punkte in Katar eine andere Dimension, gerade was die Vorfälle beim Bau der WM-Stadien angeht. Auch muss man sagen, dass eine WM in Russland auf dem Papier einfach deutlich mehr Sinn ergibt. Russland ist ein riesiges Land mit über hundert Millionen Einwohner, die Spiele verteilten sich auf mehrere Millionenstädte, die Stadien werden vor Ort größtenteils weiterhin für die heimische Liga genutzt. Katar ist ein Mini-Staat, der weniger Einwohner hat als Berlin und auch gar keine Verwendung für diese Stadien. Während die Idee, in Russland eine WM stattfinden zu lassen, noch recht organisch klingt, schreit bei Katar jeder Fan „Wieso?“.

      Die übrigen Gründe hast du alle aufgezählt. Ich würde hinzufügen: Der Zeitgeist ist sensibler als vor vier Jahren, was ich gar nicht wertend meine. Auch hat sich die Stimmung gegenüber dem Fußballgeschäft hierzulande noch einmal verschlechtert. Gerade intensive Fußball-Fans wollen ein Zeichen setzen. Man sollte zudem nicht unterschätzen, dass unsere Gesellschaft eher islamophob und zugleich eher russlandfreundlich ist. Arabische Herrscher sind so ziemlich die unbeliebtesten Politiker, während sich gerade in Ostdeutschlang eine nicht zu unterschätzende Minderheit finden lässt, die Putins Krieg gegen die Ukraine verteidigt. Das ist eine sehr explosive Mischung, welche den diesmal so lauten Protest wohl erklärt. (Wobei ich da immer wieder unterstreiche, dass ich nicht bewerte, sondern nur beobachte.)

      1. Traditionell hat der Mensch immer Probleme mit allem, was fremd ist. Und die islamische Kultur ist uns eben sehr fremd. Das fängt schon bei der Optik (Hautfarbe wie Kleidung) an und geht über etliche weitere Dinge dann weiter. Deswegen sehen wir die Ukraine und Russland eben auch sehr viel näher an uns, weil da zumindest oberflächlich nur die Sprache anders ist. Bei Katar kommt tatsächlich fast alles zusammen, was zumindest dem deutschen Fußballfan an „Fremdheit“ nicht passt.

        Ich will das übrigens auch weitgehend wertfrei verstanden wissen. Es ist einerseits gut, dass wir hierzulande gegen Katar (ein wenig) protestieren, aber ich vermute sehr viel mehr, dass speziell die Menschenrechts/Ausbeutungs-Sachen nur als moralisches Schutzschild benutzt wird, in Wahrheit aber tatsächlich sehr viele andere Gründe diese Kritik befeuern – die aber teils rassistisch, teils kolonialistisch, teils krude Fußballtraditionsansicht wären. Der Großteil davon wäre als Grund schwer vermittelbar.

      2. Ich habe vor kurzem im Zuge der Diskussionen um den Niedergang von Twitter seit der Übernahme erstmals vom „Trust Thermocline“ gehört. Dieser beschreibt das Phänomen, wenn ein Unternehmen oder Produkt plötzlich viele Kunden in kurzer Zeit verliert, ohne einen sichtbar schweren Fehler begangen zu haben, der das rechtfertigt. Hier eine ausführliche Beschreibung des Begriffs: https://every.to/p/breaching-the-trust-thermocline-is-the-biggest-hidden-risk-in-business

        „Broadly, any business in which the consumer forming an emotional relationship with the product contributes to adoption is at risk of such failures. [..] At its simplest, the trust thermocline represents the point at which a consumer decides that the mental cost of staying with a product is outweighed by their desire to abandon it.“

        Jetzt kann man bei den Zuseherzahlen der Vorrunde schwerlich argumentieren, dass diese WM global gesehen massiv Marktanteilen einbüßen musste. Aber seit ich sie wahrnehme, beschädigt die FIFA das Produkt Profifußball mit jeder Entscheidung stetig und dauerhaft. Der Blick zurück auf Russland ist da auch etwas kurzsichtig, denn schon mit Südafrika und Brasilien (ich erinnere mich an rechtsfreie Räume rund um die Stadien, geräumte Armenviertel und Stadien ohne sinnvolle Nachnutzung) wurde die Toleranz der Fußballbegeisterten strapaziert. Dazu kommen die zahlreichen Berichte über unverschämte Korruption rund um die Vergaben und ganz allgemein, die auch einen Schatten auf das Sommermärchen 2006 zurückwerfen. Mittlerweile gibt es ja auch eine Netflix-Serie zur FIFA-Korruption.

        Eine Fußball-WM im arabischen Raum ist absolut nicht das Problem. Aber ungeachtet der aktuellen politischen Verhältnisse wäre aufgrund ihrer fußballerischen Tradition, Begeisterung und Qualität Marokko, der Iran oder Ägypten eine weit bessere Wahl
        Eine WM im Winter wäre an und für sich auch nicht das Problem. Der Afrika-Cup wird aus gutem Grund meist im Jänner gespielt. Aber dann muss das schon Teil des Konzepts bei der Bewerbung sein.

        Mit dem Bewerb 2026 schlägt man ins andere Extrem und spielt ein unnötig auf 48 Teilnehmer aufgeblähtes Turnier (sehr offensichtlich, um sich durch außereuropäische Stimmen die Präsidentschaft abzusichern) über einen ganzen Kontinent verteilt.

        Es macht einfach keinen Spaß mehr, wenn der Sport selbst nur mehr eine Randnotiz bleibt und ich habe schon das Gefühl, dass der Zuspruch in Europa in absehbarer Zeit kippen könnte.

        1. Man muss hier, denke ich, unterscheiden. Die Dinge, die du beschreibst, treffen sicherlich allesamt auf den Fußballkonsum in Deutschland zu. Es genügt aber, die Grenze zu überqueren, und dann hat man es mit einer gänzlich anderen Fußballkultur zu tun. Fußball hat nur in wenigen Ländern eine derartige Monopolstellung wie in Deutschland. Hinzu kommt, dass viele andere Länder unsere Bauchschmerzen mit dem Fußball weit weniger kritisch sehen. Man stelle sich vor, der saudi-arabische Staaatsfond wäre bei einem deutschen Klub eingestiegen und nicht in Newcastle. In England hat es kaum Wellen geschlagen.

          Der Zuschauerschwund ist eine große Bedrohung für die wirtschaftliche Zukunft des deutschen Fußballs, aber gerade in der englischen Premier League kann man ein solches Problem nicht erkennen. Für viele Klubs im europäischen und gerade im nichteuropäischen Ausland ist der größte Risikofaktor die nahende Rezession der Weltwirtschaft und nicht der Trust-Thermocline-Effekt. Beim deutschen Fußball ist es etwas Anderes, worüber ich eigentlich auch irgendwann noch ein paar Worte verlieren könnte auf diesem Blog…

        2. Wahrscheinlich hast du Recht und da ist mehr der Wunsch Vater des Gedanken.
          Ich bin zwar aus Österreich, die Haltung orientiert sich hier aber nicht selten an einfach an Deutschland. Und diesmal starten die Gespräche über das Turnier eben nicht mit „hast du das Spiel gestern gesehen?“ sondern mit „schaust du die WM oder lässt du sie aus?“.

          Dürfte aber wohl wirklich eher eine Minderheitsmeinung sein.

  3. Toll, wie in diesem Beitrag die verschiedenen Ebenen beleuchtet und zusammengebracht werden. Gelingt nicht vielen.

    Ich kann nur meine Begeisterung übers Sportliche zum Ausdruck bringen. Mir gefällt der Fussball sehr gut. Mal sehen, was der technische Report oder Datenanalysen zeigen werden, aber ich habe das Gefühl, das Spiel hat sich deutlich in Richtung Klubfussball in Top-Ligen entwickelt hat. Denke nicht, dass an einer Endrunde schon mal so viel Pressing (v.a. Gegenpressing) bzw. so viel hoch verteidigende Teams zu sehen waren. Auch das Offensivspiel fühlt sich moderner an, weniger stark fokussiert auf Individualisten oder Standardsituationen. Es gibt haufenweise Systemumstellungen und Ideen, um spielerisch irgendwo auf dem Feld ein Übergewicht zu bekommen oder bestimmte Schwächen der Gegner zu bespielen. Natürlich sind die Abläufe nicht so harmonisch wie beim SC Freiburg, aber das wird man auch nie erwarten dürfen. Angesichts der je nach Team und Gruppenkonstellation total nachvollziehbaren Risikodosierung wird nicht wenig Spielerisches gezeigt. Spannung und Storylines gibt’s ohnehin mehr als genug. Was für Entscheidungsspiele heute schon, morgen wieder Messi (vs. Lewandowski), dann Kroatien-Belgien, Schweiz-Serbien, Ghana-Uruguay, etc.

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