Eschers EM-Tagebuch, Tag 25: Vorschau Spanien gegen Italien

Heute kennt das EM-Tagebuch nur ein Thema: das kommende Halbfinale zwischen Spanien und Italien. Warum die beiden Nationen eine gelebte Rivalität verbindet, wieso ich an ein hochklassiges Spiel glaube und weshalb es dennoch in ein Kartenfestival abdriften könnte? Meine Vorschau beantwortet diese Fragen.

Eine alte Rivalität, die lebt: Spanien gegen Italien

Im Fußball ist Rivalität nicht gleich Rivalität. Auf der einen Seite gibt es historische Rivalitäten: Feindschaften, die so alt sind, dass kaum noch jemand weiß, wie sie eigentlich begannen. Häufig bedeuten sie den Anhängern mehr als den Spielern. Derbys etwa mögen für Fans der wichtigste Termin der Saison sein. Für Profis, die von Verein zu Verein tingeln, sind sie oftmals nur ein weiterer Termin im überfüllten Kalender.

Auf der anderen Seite gibt es gelebte Rivalitäten. Jede Fußball-Mannschaft, sei es auf Profi- oder Amateur-Ebene, hat diesen einen Gegner, gegen den sie unbedingt gewinnen will. Sei es, weil man die vergangenen Spiele immer verloren hat, weil das letzte Duell fast in einer Schlägerei ausartete oder weil die Spieler der anderen Mannschaft schlicht Arschlöcher sind.

Das Duell Spanien gegen Italien vereint beide Arten der Rivalität in sich. Zum Einen ist die Rivalität der beiden Nationen historisch belegt. Keine Paarung hat es in der Geschichte der EM häufiger gegeben als die Partie Italien gegen Spanien. Ihren Höhepunkt erreichte die Rivalität nicht bei einer Europa-, sondern bei einer Weltmeisterschaft. 1994 setzte sich Italien im Viertelfinale mit 2:1 durch – auch deshalb, weil der Schiedsrichter einen offensichtlichen Elfmeter für Spanien übersah. Der Ellbogen eines italienischen Verteidigers hatte das Nasenbein eines spanischen Stürmers zertrümmert. Der Name des Stürmers? Luis Enrique.

Nicht nur wegen der brisanten Vorgeschichte des spanischen Trainers wirkt diese historische Rivalität auch im Jahr 2021 aktuell. Bereits zum vierten Mal in Folge treffen Spanien und Italien in der K.O.-Runde der Europameisterschaft aufeinander. 2008 gewann Spanien das Viertelfinale im Elfmeterschießen. 2012 demütigten die Spanier auf der Höhe ihres Schaffens Italien im EM-Finale mit einem 4:0-Sieg. 2016 gelang Italien mit einem 2:0-Erfolg im Achtelfinale die Revanche.

Es gibt durchaus Spieler auf dem Rasen, die auf Rache sinnen. Fünf Spieler, die im Halbfinale am heutigen Dienstag auf dem Platz stehen werden, waren schon 2016 dabei: Morata, Busquets und Alba auf der spanischen, Bonucci und Chiellini auf der italienischen Seite. Busquets, Alba und Bonucci waren bereits beim spanischen Triumph 2012 dabei. Chiellini hat sogar die Niederlage 2008 live miterlebt. Das Spiel dürfte also nicht nur den Fans, sondern auch den Aktiven auf dem Platz etwas bedeuten. Es dürfte eine hitzige Nacht werden in London.

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Zugleich beweisen die Aufstellungen, wie sehr sich beide Nationalmannschaften in den vergangenen fünf Jahren verändert haben. Siebzehn neue Spieler werden auf beiden Seiten in der Startformation stehen. Beide Nationen haben einen Erneuerungsprozess erlebt – angetrieben von ihren Trainern, die sich nicht scheuten, mit Traditionen zu brechen.

Auch die Ausgangslage hat sich gedreht: 2016 trat Italien als klarer Außenseiter an gegen eine spanische Mannschaft, die zwar an Glanz verloren hatte, doch als zweifacher Titelträger immer noch als großer Favorit galt. Mit großem Kampf und defensiver Klasse trotzten die Italiener den technisch überlegenen Spaniern den Sieg ab.

Dieses Jahr sind die Rollen nicht so klar verteilt. Tiki taka gegen catenaccio: Das war einmal. Die Italiener brillierten bei dieser EM mit offensivem, risikoreichem Fußball. Ihre große Stärke ist ihr hoher Grad an Organisation im Ballbesitzspiel. Die Spieler folgen festen Laufwegen, die Raumaufteilung ist klar geregelt und passt zu den individuellen Stärken der Spieler. So kann Italien nach Ballverlust hohen Druck erzeugen. Auch bei gegnerischem Ballbesitz agieren die Italiener keineswegs abwartend, sondern stören den Gegner früh. Sie wollen das Geschehen kontrollieren.

Diese Philosophie passt eigentlich eher zu den Spaniern. Wenig überraschend sind sie auch bei diesem Turnier wieder die Mannschaft mit dem höchsten Ballbesitz. Fast 70% sammelten sie durchschnittlich in ihren Spielen, das sind noch einmal 10% mehr als die Italiener. Enriques Versuch, etwas mehr Vertikalität in das eigene Spiel zu bringen, scheiterte. Das war nicht zuletzt die Schuld der Gegner, die sich gegen Spanien weit zurückzogen.

Im Halbfinale treffen nun also zwei Mannschaften aufeinander, die den Ball haben wollen. Kein Abwarten, kein weites Zurückziehen, kein Versuch, den Ball möglichst schnell vertikal zu spielen. Beide Teams wollen Kontrolle, wollen lange Ballbesitzphasen, wollen ihren Offensivplan durchziehen. Es dürfte ein Duell um die Frage sein, wer seine eigene Spielidee durchdrücken kann.

Die große Frage lautet: Wem wird das gelingen? Die Italiener gehen mit einem mittelgroßen Handicap ins Spiel: Linksverteidiger Leonardo Spinazzola, einer der besten Akteure dieses Turniers, fehlt verletzt. Das italienische System war um ihn herum gebaut: Er sollte auf der linken Seite ständig nach vorne stoßen, während sich Giovanni di Lorenzo auf der rechten Seite zurückhält. Wird sein Ersatzmann Emerson diese Rolle genauso ausführen? Oder wird Roberto Mancini sein Spielsystem umbauen?

Letzteres erscheint unwahrscheinlich, allein schon wegen der Besetzung des Mittelfelds. Marco Verratti ist der Schlüsselspieler im Spielaufbau. Er lässt sich auf die halblinke Seite fallen und kurbelt hier das Spiel an. Er wird das auch gegen Spanien versuchen. Wobei versuchen es treffen dürfte: Er trifft auf Spaniens Kettenhund Koke. Der wird sich freuen, endlich seine Stärken im direkten Zweikampf einbringen zu dürfen.

Sollten sich Koke und Verratti neutralisieren, fällt das Scheinwerferlicht auf die gegenüberliegende Seite. Auf halbrechts treffen mit Nicolo Barella und Pedri die zwei agilsten Mittelfeldspieler dieser EM aufeinander. Sie werden versuchen, den Raum hinter dem jeweils anderen zu besetzen, sobald dieser vorrückt.

Manch ein Faktor lässt sich im Vorausblick noch nicht vorhersagen. Wie gut verteidigen die Abwehrreihen beider Teams? Die Italiener offenbarten gegen Belgien Schwächen im Mittelfeld, sobald die Belgier Tempo aufnahmen. Chiellini und Torhüter Donnarumma mussten diese Schwächen ausbügeln. Bei Spanien bereitet wiederum die Abwehrreihe Sorgen. Wie reagiert die Viererkette, wenn der Gegner sie im Vollsprint presst? Bleiben sie cool unter Druck, wenn Insigne mit Tempo auf sie zudribbelt?

Der größte X-Faktor ist jedoch die Rivalität beider Teams. Das erwartete Offensivfest zweier offensiv aufspielender Teams könnte im Verlaufe der Partie in ein Kartenfestival ausarten. Sollten die Italiener auf Zeit spielen, werden die Spanier keineswegs so regungslos reagieren wie die Belgier. Die Italiener werden wiederum den Zugriff suchen, sollten die Spanier den Ball eine gefühlte Ewigkeit in den eigenen Reihen laufen lassen – notfalls mit einem Foul.

Hoffen wir, dass sich die offensive Spielidee beider Trainer durchsetzt. So viele Spiele gab es bei dieser EM noch nicht, in denen beide Teams gleichermaßen den Ball haben wollten. Und ein kleiner Schuss Rivalität kann am Ende auch nicht schaden, damit aus dieser Halbfinal-Paarung ein großer Fußballabend entsteht.

Kurze Beobachtungen

  • Wie schon viele Populisten vor ihm versucht auch Boris Johnson sich über den Sport zu profilieren. 60.000 Zuschauer sind bei den Halbfinals im Wembley Stadium erlaubt. Zur neuen Premier-League-Saison dürfen die Stadien sogar voll besetzt sein. Großbritannien dient derzeit als Feldexperiment, was die Dreiecksbeziehung zwischen Lockerungen, Impfungen und Deltavariante betrifft. So argwöhnisch ich den Beschluss sehe, muss man auch festhalten: Die absoluten Corona-Zahlen steigen in England zwar schneller als in der zweiten Welle, wie man beim Guardian verfolgen kann, die Zahl der Krankenhauseinweisungen liegt aber deutlich unter jenen Horrorwerten aus dem Winter. Doch auch diese Zahl steigt. Johnson will jedoch um jeden Preis Öffnungen. Dazu braucht er prestigeträchtige Bilder – und bekanntermaßen liefert niemand so schöne Bilder wie der Sport.  

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Das Titelbild zeigt die spanische Treppe in Rom (clever, nicht wahr?). Das Bild stammt von ptra auf Pixabay

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