Eschers EM-Tagebuch, Tag 23: Das U des Überlebens

Herzlich Willkommen zu meinem EM-Tagebuch! England und Dänemark komplettieren das EM-Halbfinale. Die Engländer überzeugen mit ihrer stabilitsorientierten Spielweise, während die Dänen vor dem Halbfinale einen echten Nachteil haben. Außerdem geht es heute um die Macht der weißen Trikots.

Das U des Überlebens

Passmaps sind eine herrliche Erfindung. Analysten kombinieren in dieser Grafik die durchschnittliche Grundposition der Spieler mit den häufigsten Passwegen einer Mannschaft. Je mehr Pässe zwei Spieler zueinander gespielt haben, umso dicker wird der Pfeil zwischen ihnen. Am Ende entsteht ein grafisches Bild, mit dessen Hilfe sich gut nachverfolgen lässt, wie eine Mannschaft das Spiel aufbaut.

In diesen Passmaps findet sich auch das Phänomen des „U des Todes“. Wenn eine Mannschaft den Ball hauptsächlich zwischen den Innenverteidigern und den Außenspielern passt, entsteht auf dieser Passmap ein Gebilde, das aussieht wie ein „U“, mit dicken Pfeilen zwischen den Innenverteidigern und den Außenspielern.

In den allermeisten Fällen ist dieses „U“ ein Zeichen dafür, dass das Offensivspiel der Mannschaft schlecht funktioniert. Sie passt zwar wieder und wieder den Ball, überwindet dabei aber keine gegnerischen Verteidiger. Das Team spielt um die gegnerische Formation herum, nicht aber hinein. Die Spieler im Zentrum, die zwischen den gegnerischen Defensivreihen stehen, erhalten kaum Bälle. In den allermeisten Fällen ist das nicht gewollt, sondern ein Produkt einer starken Abwehr- oder einer schwachen Angriffsleistung.

Ausnahmen bestätigen die Regel. Betrachten wir die englische Passmap aus dem Spiel gegen die Ukraine, lässt sich das „U des Todes“ schnell ausmachen. Die allerdicksten Pfeile verlaufen innerhalb der englischen Viererkette, sie haben zahlreiche Pässe untereinander gespielt. Recht dicke Pfeile gibt es auch zu den Außenstürmern Jadon Sancho und Raheem Sterling. Sie bekamen einige Zuspiele an der Grundlinie. Die Pfeile zu den Spielern im Zentrum sind hingegen kaum auszumachen. Harry Kane, Mason Mount und Kalvin Phillips hingen in der Luft. Es ist die Passmap einer unkreativen Mannschaft, die „relativ viel uninteressanten Ballbesitz“ hatte, wie es Christoph Kramer formulieren würde.

Der Haken ist: Es schien von den Engländern genauso gewollt gewesen zu sein. Gegen die Ukraine waren sie bereits nach vier Minuten in Führung gegangen, einem Geniestreich von Sterling und Harry Kane sei Dank. Danach haben sie die Führung verwaltet, im klassischsten aller klassischen Sinne: Sie haben den Ball um die gegnerische Formation gepasst, ohne Gefahr zu laufen, ihn zu verlieren.

Das ist die defensive Stärke dieser Spielidee: Wenn der Gegner nicht hoch presst, kann man den Ball sehr lange sehr ungefährdet in den eigenen Reihen laufen lassen. Die Innenverteidiger schieben eine ruhige Kugel. Und wenn der Ball erst einmal auf dem Flügel ist, tut ein Ballverlust kaum weh: Der Gegner ist so weit vom eigenen Tor weg, wie er nur sein kann. Die Engländer waren sowieso immer gut vorbereitet auf ukrainische Gegenstöße. Es ist kein „U des Todes“, sondern ein „U des Überlebens“.

Die Ukrainer taten ihr Übriges, dass die stabilitätsorientierte Strategie der Engländer aufging.  Ihr 5-3-2 ließ Englands „U“ wachsen und gedeihen. Im 5-3-2 mögen sie das Zentrum kontrolliert haben. Ein hohes Pressing war angesichts einer Zwei-gegen-Drei-Unterzahl gegen Englands Spielaufbau kaum möglich. Auf dem Flügel wiederum erhielten die Ukrainer aufgrund des engen Dreier-Mittelfelds keinen Zugriff. England durfte passen. Erst als die Ukraine kurz vor der Pause auf ein 4-3-3 umstellte, taute die Mannschaft etwas auf.

Nach der Pause sah man das Paradoxe an Englands Spielweise: Sie legen ihren Fokus komplett auf Stabilität, sind aber auch sofort da, wenn der Gegner das nicht tut. Nach der Pause drehten sie kurz auf und bestraften das ukrainische Aufrücken konsequent. Alle drei Treffer in der zweiten Halbzeit erzielten sie per Kopf, zwei davon nach Standards. Auch in dieser Disziplin sind sie spitze.

Während des Spiels jaulten manche Beobachter auf Twitter, das englische Spiel sei öde. Das ist es. Der enorme Fokus auf Stabilität rückt die mannschaftliche Geschlossenheit in den Vordergrund, nicht die individuelle Klasse ihrer Einzelkönner. Diese sollen zwar magische Momente zaubern, wie dies Sterling in diesem Turnier regelmäßig schafft. Das darf aber nie auf Kosten der Stabilität gehen.

Die Engländer leben eben nicht von ihren Einzelleistungen, sondern lösen fast alle Aufgaben im Kollektiv. Ich würde sie daher nicht mit Frankreich 2018 oder Portugal 2016 vergleichen. Diese bezogen ihre Grundstabilität, die eh nur phasenweise vorhanden war, nicht aus dem Spielsystem, sondern aus der individuellen Klasse der Spieler.

Die Engländer erinnern mich eher an eine weniger Ballbesitz-orientierte Variante der spanischen Weltmeister-Mannschaft von 2010. Der (auch bei den Engländern in langen Zirkulationsphasen ausgespielte) Ballbesitz diente denen damals eher als defensives, nicht als offensives Element. Weltmeister wurden sie, weil sie in der K.O.-Phase kein Gegentor kassierten.

Die Engländer haben es bisher sogar geschafft, im gesamten Turnierverlauf kein einziges Gegentor zu fangen. Southgate stellt die vielleicht seriöseste Mannschaft im Halbfinale. Die Briten haben dafür den schönen Begriff „No bullshit team“. Bullenscheiße macht in diesem Team wahrlich niemand. In sämtlichen Spielphasen ordnen sich die Spieler dem Stabilitätsmantra unter, egal ob sie als Stammspieler gesetzt sind oder ob sie eine undankbare Reservistenrolle fristen.

Das bringt ihnen nicht die bedingungslose Liebe eines Fußball-Hipsters wie mir ein. Ich habe aber außerordentlichen Respekt vor dem, was Southgate geschaffen hat.

Der Preis des paneuropäischen Turniers

Dass ich Tschechiens extrem mannorientierte Spielweise auffällig finde, habe ich bereits vor einiger Zeit beschrieben. Gegen Dänemark fand ich ihre Offensivtaktik als mindestens ebenso unorthodox. So richtig wollte sich mit nicht erschließen, wie ihr offensives Positionsspiel aussah. Immer wieder schwirrte das Mittelfeld umher, stetig schufen sie Überzahlen auf dem einen oder anderen Flügel, plötzlich waren fünf Spieler im Strafraum. Ein Muster erkannte ich nicht, dafür aber die unheimliche Beweglichkeit und das ständige Nachrücken des Mittelfelds. Tatsächlich kamen die Tschechen immer wieder in die Nähe des dänischen Strafraums, ohne dass ich im Nachhinein genau hätte sagen können, wie sie nun eigentlich dahingekommen waren. Das spricht für die Unausrechenbarkeit und die offensive Wucht der Tschechen.

So richtig überraschend kam das nicht. Die Tschechen und die Dänen mussten über sieben Stunden zum Spielort Baku fliegen. Sie hatten dabei schon vier Spiele in den Knochen. Als die Partie angepfiffen wurde, war es 21 Uhr abends in Baku – und dennoch zeigte das Thermometer fast 30 Grad Celsius. Es war, schlicht gesagt, eine Tortur für die Spieler.

Mindestens ebenso auffällig fand ich, dass diese ganzen Rochaden und Überladungen und chaotischen Schnellangriffe nach der Halbzeit-Pause nicht mehr zu erkennen war. Man kann es darauf schieben, dass die Balance ihres Spiels kippte, als mit Michael Krmencik ein zweiter Stürmer ins Spiel kam. Aber diese Umstellung auf ein 4-4-2 wurde ja eigentlich aufgefangen vom ebenfalls eingewechselten Jakub Jankto und vom ständigen Ausweichen eines Patrik Schicks.

.

Mir dünkt, es gab einen anderen, schlichteren Grund, warum die Tschechen nach dem Treffer zum 1:2 nie den erwünschten Druck entwickelten: Sie waren schlicht platt. Kein Wunder: Kein anderes Team hatte zuvor mehr Kilometer zurückgelegt (rechnet man die Verlängerungen der Spanier raus). Ihre enorm mannorientierte und chaotische Spielweise benötigt einen hohen Laufwand. Die letzte halbe Stunde des Spiels in Baku hingegen hatte mehr Pausen als effektive Spielzeit. Auch die Dänen konnten am Ende nicht mehr.

Das rückt die Turnierplanung in den Fokus. Dass der Kontinentalverband Uefa ein paneuropäisches Turnier für alle Mitgliedsverbände öffnet, ergibt aus seiner Sicht sicherlich Sinn. Verbandspolitische wie wirtschaftliche Faktoren sorgten dafür, dass nicht sämtliche Spiele in Zentraleuropa stattfanden. Da lässt sich die Uefa auch nicht von autoritären Regimen und Menschenrechtsverletzungen abschrecken. Die Regenbogen-Fahne ist nur so lange wichtig, wie sie keinen wirtschaftlichen und politischen Interessen des Verbandes im Weg steht.

Am morgigen Montag pausiert die EM, und auch mein Tagebuch gönnt sich dann einen Tag Pause. Weiter geht es am Dienstag mit einer Vorschau auf die Halbfinals.

Und doch bleibt wieder jemand auf der Strecke: die Spieler. Warum musste ein Viertelfinale ausgerechnet im am weitesten entfernten Stadion ausgetragen werden? Die Stimmung vor Ort dürfte dafür kein Grund gewesen sein. Nirgendwo war das Publikum so leise und so zurückhaltend wie in Baku. Die Dänen müssen nun einen ganzen Tag dafür aufbringen, von Baku nach London zu reisen. Die Engländer dürfen hingegen nach ihrem eineinhalb Stunden Flug aus Rom den Rest des Tages entspannen. Eine faire Ausgangslage für das Halbfinale sieht anders aus – ein Tag mehr Pause vor dem Viertelfinale für Dänemark hin oder her.

Kurze Beobachtungen

  • Aus dem Bereich „kuriose Statistiken“ stammt dieser Fakt: In allen vier Viertelfinals hat sich jene Mannschaft durchgesetzt, die weiße Trikots trug. Ist weiß also nun die neue Glücksfarbe im Fußball? Es gab vor fünfzehn Jahren eine Studie, nach der eigentlich rote Trikots mehr Erfolg versprechen sollten. Jürgen Klinsmann nahm diese vermeintlichen Erkenntnisse sogar zum Anlass, der deutschen Mannschaft rote Trikots zu spendieren. Der Gegner sollte mit den knallroten Farben eingeschüchtert werden. Weiß hingegen gilt in der Farbenlehre als passiv und dürfte der Theorie zufolge keinen Gegner einschüchtern. Vielleicht haben die Gegner aber auch weniger stark gepresst, weil die weißen Trikots sie eingelullt haben. Oder aber es haben sich schlicht die vier favorisierten Teams im Viertelfinale durchgesetzt, die zufälligerweise allesamt weiße Trikots trugen.
  • Gestern habe ich an dieser Stelle eine Studie zu Elfmeterschießen vorgestellt. Leider habe ich eine falsche Studie verlinkt, nämlich eine, die besagt, dass die zuerst schießende Mannschaft 60% aller Elfmeterschießen gewinnt. Die Geschichte mit dem „Wer zuerst schießt, gewinnt eher“ gilt allerdings mittlerweile als überholt. Tatsächlich ist die historische Siegverteilung zwischen erster und zweiter Mannschaft nahezu identisch. In Wahrheit wollte ich diese Studie verlinken, nach der jene Mannschaft 60% aller Elfmeterschießen gewinnt, die den Münzwurf gewinnt und die Reihenfolge festlegen darf. Lieben Dank an den Forscher der Studie, der mich auf den falschen Link hingewiesen hat.
  • Etwas Werbung in eigener Sache: Ich habe den Rasenfunk-Kurzpass zum zweiten Viertelfinal-Tag moderieren dürfen. Jolle Lahr-Eigen begleitete mich als Gast. Wer unsere Einschätzungen zum englischen Sieg und zum dänischen Halbfinal-Einzig hören möchte: Hier entlang.

Leseempfehlungen

Games and Economic Behaviour: Psychological pressure and the right to determine the moves in dynamic tournaments – evidence from a natural field experiment

11Freunde. Andriy Shev­chenko. Der Rückkehrer.

The Athletic: Denmark are powered by ability – not emotion.

Das Titelbild, das Gareth Southgate und Harry Kane zeigt, stammt von Кирилл Венедиктов, Lizenz: CC BY-SA 3.0.

One thought on “Eschers EM-Tagebuch, Tag 23: Das U des Überlebens

  1. Zur Trikotfarbe möchte ich hinzufügen: Habe bei WM auch schon festgetsellt, dass alle bisherige Weltmeister außer Spanien blaue/weiße/gelbe Heimtrikots tragen. England war bisher die einzige Mannschaft, die in einem WM-Finale rot trug und gewann (Dabei ist das Heimtrikot von England noch nicht mal rot, sondern weiß). Spanien hat rotes Heimtrikot, trug aber dunkelblau im Finale von 2010.

    Bei der EM gibt es solche Tendenzen nicht. Da ist etwas gemischter.

    Ist mehr Fun Fact als ein ernst gemeinter Beitrag 😉

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Enter Captcha Here : *

Reload Image