EM-Tagebuch, Tag 15: Warum so viele Eigentore?

Willkommen zurück zu meinem EM-Tagebuch! Nach einem Tag Pause geht es weiter mit einer Analyse der Eigentore dieser Europameisterschaft. Ganze acht Stück fielen bei dieser EM. Zufall? Keineswegs! Es lassen sich klare Muster hinter den Eigentoren erkennen. Außerdem: eine kleine Vorschau auf das Achtelfinale zwischen Italien und Österreich und ein noch kürzerer Blick auf Dänemark gegen Wales.

Warum fallen so viele Eigentore?

Tritt ein Ereignis während eines Fußball-Turniers statistisch häufiger auf als erwartet, gerät das Thema schnell in das Blickfeld der Öffentlichkeit. Während der WM 2018 gab es deutlich mehr Elfmeter als bei den vergangenen Turnieren, sodass überall Artikel erschienen mit der Frage: Warum gibt es mehr Elfmeter als früher?

Was 2018 Elfmeter waren, sind bei der Europameisterschaft 2021 Eigentore. Acht Stück gab es in der Gruppenphase zu bestaunen, während 2016 im gesamten Turnierverlauf drei Eigentore erzielt wurden. 2012 fiel während der Europameisterschaft gar nur ein Eigentor.

Sind die Verteidiger also schlechter geworden? Haben sie verlernt, das eigene Tor vom gegnerischen zu unterscheiden? Sicher nicht. Die absoluten Zahlen sind so gering, dass man nicht überreagieren sollte. Schwankungen kommen bei solchen Turnieren durchaus vor, zumal die Datendichte relativ gering ist im Vergleich zu einer Ligen-Saison.

Es folgt ein großes Aber: Es ist nicht so, als wären die Eigentore in diesem Turnier allesamt einzigartige Produkte des Zufalls. Sieben der acht Eigentore lassen sich klar in zwei analytische Cluster einordnen. Einzig das Eigentor des Slowaken Juraj Kuckas gegen Spanien fällt in keine dieser beiden Kategorien.

Die erste Kategorie sind Torwartfehler. Drei der acht Eigentore dieser EM wurden von Torhütern erzielt, und bei allen drei Treffern sahen die Torhüter nicht gut aus. Zweimal prallte ein Ball vom Pfosten über den Torhüter ins Tor, einmal faustete der slowakische Keeper Martin Dúbravka den Ball in sein eigenes Netz. Das passt zum allgemeinen Trend, dass Torhüter bei dieser EM durchaus zu Patzern neigen.

Die zweite Kategorie an Eigentoren fällt in den taktisch-analytischen Bereich, also in meinen Fachbereich. Ganze vier Eigentore sind nach Spielzügen gefallen, die einem ganz bestimmten Muster folgten. Die angreifende Mannschaft spielte dabei stets eine Spielverlagerung auf den ballfernen Flügel. Der Spieler, der dort den Ball erhielt, flankte ihn direkt oder relativ schnell halbhoch in den Strafraum. Hier bugsierte ein Verteidiger den Ball in das eigene Tor. Spielverlagerung, scharfe Flanke, Eigentor: Das scheint eine Erfolgsformel dieser EM zu sein.

Mein Spielverlagerung-Kollege Martin Rafelt hat für den Spiegel beschrieben, dass diese Spielverlagerungen ein wesentlicher Taktiktrend dieser EM sind. Wir erleben viele Spiele, in denen eine Mannschaft viel Ballbesitz sammelt, während der Gegner tief verteidigt. Breite und schnelle Spielverlagerungen sind essenziell, um diese tiefstehenden Gegner zu knacken. Immer mehr Ballbesitz-Teams setzen auf diese Spielverlagerungen.

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Vor allem aber ein Team setzt auf dieses taktische Mittel: Deutschland. Nicht zufällig fielen drei der vier Tore dieser Art mit deutscher Beteiligung. Offensiv schlägt die deutsche Mannschaft häufig Verlagerungen von einem Außenverteidiger (Joshua Kimmich) auf den anderen (Robin Gosens). Funktioniert dieses Mittel, wie gegen Portugal, ist es höchst effektiv: Die gegnerischen Verteidiger sind im Strafraum desorientiert, weil sie ihre Körperposition um 180° drehen müssen. Sie stehen nicht ideal zum Ball und schlagen diesen dann versehentlich ins eigene Tor.

Doch auch die deutsche Mannschaft selbst hat ein Gegentor auf diese Art kassiert, als Mats Hummels gegen Frankreich Manuel Neuer überwand. Während die Deutschen im Angriff das Spiel möglichst breit machen, verschieben sie bei gegnerischem Ballbesitz extrem auf die Ballseite. So extrem, dass direkte Verlagerungen ein gutes Stilmittel gegen sie sind. Insofern ist die Zunahme der Eigentore nicht wirklich ein internationaler Trend, sondern ein eher deutscher.

Das zeigt auch ein Blick auf die Eigentor-Anteile in den internationalen Ligen. Ich habe mir die Frage gestellt: Steigt der Anteil an Eigentoren nur bei diesem großen Turnier? Oder lässt sich der Trend auch in den Ligen verfolgen? Die Antwort lautet: Ja und nein. Tatsächlich war der Anteil an Eigentoren in vielen Ligen in der vergangenen Saison leicht gestiegen. Er liegt im Zehn-Jahres-Vergleich aber im Durchschnitt, teils sogar unter dem Durchschnitt.

Auf das große Ganze bezogen muss man aber sagen: Die EM 2021 scheint eher ein Ausreißer zu sein. Es ist in naher Zukunft keine Eigentor-Flut im europäischen Spitzenfußball zu erwarten. Der Verbandsfußball funktioniert nach etwas anderen Regeln als der Vereinsfußball.

Taktiknerd-Hoffnung Österreich

Das Achtelfinale Italien gegen Österreich (heute, 21 Uhr) wirft auf den ersten Blick nur eine Frage auf: Wie hoch fällt die Niederlage der Österreicher aus? Mit ihren offensiv wie defensiv makellosen Leistungen haben sich die Italiener zum Turnierfavoriten gemausert. Dagegen wirkt die Elf von David Alaba wie der winzig kleine Außenseiter.

Aus einem Grund habe ich die Österreicher nicht ganz abgeschrieben. Während die meisten Nationen bei dieser EM auf ein festes System setzen, passten sich die Österreicher in jeder Partie stark an den Gegner an. Das Trainerteam rund um Franco Foda scheint sich auf jeden Gegner intensiv vorzubereiten. Sie scheuen keine personellen Wechsel und tauschen sogar die Formation.  Diese Anpassungen haben gegen Nordmazedonien und die Niederlande mäßig funktioniert. Gegen die Ukraine war die veränderte Variante mit Viererkette und David Alaba als Linksverteidiger hingegen ein gewichtiger Grund für den 1:0-Sieg.

Die spannende Frage lautet nicht, wie die Italiener spielen werden. Die Grundpfeiler ihres Systems sind klar gesetzt. Im Spielaufbau rückt der linke Außenverteidiger ihres 4-3-3 weit vor, was zahlreiche Umformungen im Ballbesitz nach sich zieht. Linksaußen Lorenzo Insigne kann etwas in die Mitte ziehen, der linke Achter aus der Tiefe das Spiel gestalten und der rechte Achter an die letzte Linie rücken. Die entstehende Formation besetzt nicht nur mustergültig alle Räume auf dem Feld, sie passt auch ziemlich gut zu den individuellen Stärken der italienischen Einzelkönner. Kein Gruppengegner fand ein Mittel gegen die italienische Dominanz im Ballbesitz und gegen ihre zahllosen Verlagerungen von links nach rechts.

Italiens Umformungen im Ballbesitz

Finden die Österreicher ein Mittel? Problematisch ist die Tatsache, dass Österreichs rechte Defensivseite eher schwach besetzt ist. Irgendwie müssen sie einen Weg finden, dass die Italiener nicht zu viel Kontrolle über den linken Halbraum erhalten. Pressingmonster Konrad Laimer dürfte hier aushelfen, hinter ihm dürfte eine eher defensiv aufgestellte Fünferkette spielen.

Spannend wird vor allem die Frage sein, wo David Alaba spielt. Vor ein paar Tagen vertrat ich die Meinung, dass Foda eine essentielle Stärke Alabas versteht: nämlich dass er der beste österreichische Defensivspieler ist. Die Frage wäre, ob Alaba in dieser Funktion nicht im Zentrum einer Dreierkette verschenkt wäre. Klar, Ciro Immobile muss gestoppt werden. Aber wäre es nicht zu schade, dafür Alaba zu opfern?

Könnte Alaba den Österreichern nicht vielleicht sogar als halbrechter Teil einer Doppelsechs aushelfen? Das wäre in der Tat eine recht offensive Option. Somit könnte Alaba aber vorrücken, um Italiens halblinken Achter zu stoppen. Dieser dürfte Marco Verratti heißen – und der ist keineswegs leicht zu stoppen, wie er bei seinem Comeback gegen Wales bewies. Andererseits verlöre man damit Alabas Stärken auf der (halb-)linken Seite.

Einen Vorteil sehe ich bei den Österreichern im Vergleich zu der Türkei, der Schweiz und Wales. Eine der größten Stärken der Italiener ist das Gegenpressing. Dank ihres klarem Ballbesitz-Systems gelangen sie nach einem Ballverlust sofort in den Zweikampf. Kaum ein Gegner fand dagegen Lösungen. Die Österreicher sind jedoch enorm pressingresistent im Mittelfeld. Der erste Pass dürfte zu Alaba oder Marcel Sabitzer gehen, die wiederum mit kleinen Dribblings Italien ins Leere laufen lassen können. Das passt ganz gut zu den italienischen Schwächen: Auf deren halbrechter Seite klafft nämlich manches Mal eine Lücke; ein Raum, in den sich sowohl Sabitzer als auch Alaba wohlfühlen.

Man sieht: Es gibt durchaus taktische Überlegungen, die für die Österreicher sprechen. Aber grau ist alle Theorie. Wahrscheinlich tritt Martin Hinteregger in der 12. Minute über den Ball und alle Gedankenspiele haben sich erledigt. Zumindest aber haben es die Österreicher geschafft, dass ich gespannt bin. Es passiert bei dieser EM eher selten, dass ich vor dem Spiel nicht einschätzen kann, wie ein Trainer seine Mannschaft ein- und aufstellt.

Kurze Beobachtungen

  • Während ich beim zweiten Spiel am heutigen Tage auf ein taktisch wie fußballerisch großartiges Spiel hoffe, stapele ich meine Erwartungen für das erste Spiel tief. Dänemark trifft hier auf Wales. Die Dänen haben in der Tat spektakulären Fußball gezeigt gegen Russland, ich sortiere sie mit ihrer 5-2-3-Variante allerdings unter den strategisch defensiveren Teams ein. Wales legt den Fokus ebenfalls auf eine sattelfeste Defensive. Meine Prognose: Fünfzehn Minuten Vollgas-Pressing, gefolgt von 105 Minuten Stellungskrieg und einem dänischen Sieg nach Elfmeterschießen. Allen, denen das zu langweilig klingt: Seid frohen Mutes, meine Prognosen treffen nie ein. Weshalb ich sie am liebsten dann poste, wenn ich nicht will, dass sie eintreten. Auch ich vertraue auf die Macht des Escherjinx!
  • Die Finger in die Ohren stecken und laut „Lalala“ rufen: So lässt ich die Strategie der Uefa bezüglich Corona zusammenfassen. Ein gesamteuropäisches Turnier im Zuge einer Pandemie auszutragen, war von Anfang an eine maximal semi-gute Idee. So langsam rücken die Einschläge näher. Die Schlagzeilen der vergangenen Stunden: Finnische Fans haben sich in St. Petersburg mit Corona infiziert. In Dänemark wurde bei EM-Zuschauern die Delta-Variante nachgewiesen. Und in Schottland steigen die Fallzahlen bei Männern deutlich schneller als bei Frauen, just nachdem die schottische Nationalmannschaft erstmals seit 23 Jahren wieder bei einem großen Turnier spielt. Ich sehe noch nicht, dass wir Halbfinale und Finale im (fast) vollen Wembley-Stadium erleben.

Leseempfehlungen

The Athletic: Italy’s secret weapon: Gianni Vio, the banker turned set-piece specialist with 4,830 routines

Der Spiegel: Dieser Taktiktrend dominiert bei der EM – und erklärt auch viele Eigentore.

DFB-Akademie: Trends und Daten zur Vorrunde der EM.

Das Titelbild „Uefa-Trophy 2021“ stammt von Marco Verch, Lizenz: CC-BY 2.0.

One thought on “EM-Tagebuch, Tag 15: Warum so viele Eigentore?

  1. Ich würde gerne das Italien-System bei den Deutschen sehen. Ginter, Hummels, Rüdiger, Gosens – Goretzka, Kimmich, Kroos – Gnabry, Havertz, Müller. Würde doch genau passen. Kroos baut von links auf und sichert hinter Gosens ab, Kimmich auf der Sechs, Goretzka stößt nach vorne, Gosens ist offensiv während Ginter einrückt, Müller rückt in den 10er-Raum und Gnabry beackert den rechten Flügel.

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