Coronavirus: Der Fußball kommt zuletzt

Es war die Sensation des Champions-League-Achtelfinals: Atalanta Bergamo, erstmalig qualifiziert für die Königsklasse, zog am 10.3. ins Viertelfinale ein. Dank spektakulären Offensivfußballs bezwangen sie den FC Valencia mit 4:1 und 4:3. Normalerweise wäre dies ein Grund zum Feiern. Es wäre ein Grund, freudig das Champions-League-Viertelfinale zu erwarten.

Es sind aber keine normalen Zeiten. Die Lombardei, jene Region, in der Bergamo liegt, hat mittlerweile über 3000 Tote durch das Coronavirus zu beklagen. Die Krankenhäuser sind überfüllt. Vergangene Woche gab der FC Valencia bekannt, dass sich 35 Prozent seiner Angestellten mit dem Coronavirus angesteckt haben. Zwischen den Champions-League-Spielen gegen Atalanta hat Valencia im baskischen Alavés gespielt. Also gegen ein weiteres Team, das aus einer Region stammt, in der zahlreiche Coronavirus-Fälle aufgetreten sind. Die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass italienische Virologen davon ausgehen, das Champions-League-Hinspiel zwischen Atalanta und Valencia habe wesentlich zur Verbreitung des Virus beigetragen. (Update vom 24. März: Die Sportschau hat eine differentierte Übersicht erstellt, in welcher Form das Hinspiel das Virus verbreitet hat.)

Dieses Beispiel zeigt, welche Ansteckungsgefahr durch den Profifußball besteht. Und es belegt zugleich, wie unrealistisch die Strategie der Fußballverbände ist, die Saison beenden zu wollen – komme, was wolle.

Fußball nicht möglich

Eine Kontaktsperre für zwei Wochen: So lautet die neueste Maßnahme der deutschen Bundes- und Länderregierungen im Kampf gegen das Coronavirus. Sie gilt bis zum 6. April – mindestens, wie Angela Merkel in ihrer Rede am Abend betonte.

Damit ist nun auch offiziell beschlossen, was sich jeder Fußball-Fan bereits ausmalen konnte: Die Bundesliga kann ihren Spielbetrieb am 3. April nicht fortsetzen. Noch immer ist dies der offizielle Termin, an dem die Bundesliga weiterlaufen soll. Es ist nicht das erste Mal, dass die Politik den Fußballverbänden die Entscheidung abnimmt – und es wird wohl nicht das letzte Mal sein.

Noch vergangene Woche betonte der Geschäftsführer der DFL, Christian Seifert, wie entscheidend es für die Bundesliga sei, dass die Saison zu Ende gespielt wird. Bei einem Abbruch der Saison gingen laut Medienberichten 750 Millionen Euro verloren. Viele Vereine stünden ohne diese Einnahmen vor dem wirtschaftlichen Ruin.

Da an Spiele mit Zuschauern in diesen Tagen nicht zu denken ist, müssten die restlichen neun Spieltage ohne Publikum stattfinden. Nicht ganz ohne Pathos meinte Seifert am vergangenen Montag: „Wenn jemand sagt, Geisterspiele kommen nicht in Frage, der muss sich keine Gedanken mehr machen, ob wir mit 18 oder 20 Profiklubs spielen, denn dann wird es keine 20 Profiklubs mehr geben.“

Anfang Mai lautet der Termin, der in Gesprächen mit Entscheidern der Bundesliga unter der Hand immer wieder genannt wird. Ab dann müsse zweimal die Woche gespielt werden, um bis zum 30. Juni Meister, Europapokal-Kandidaten sowie Auf- und Absteiger zu küren. Das ist der Stichtag, an dem die Saison beendet sein sollte; an diesem Datum laufen zahlreiche Verträge mit Spielern, Sponsoren sowie TV-Anstalten aus.

Die DFL ist nicht der einzige Verband, der die Saison unbedingt zu Ende spielen will. Nach Informationen der Bild am Sonntag legte die Uefa den Vereinsvertretern sieben mögliche Pläne vor, wie die Champions League sowie Europa League noch vor dem 30. Juni beendet werden könnten. Auch hier geht es um viel Geld durch TV- sowie Sponsoring-Einnahmen. Die günstigste Variante sieht eine Wiederaufnahme der Europapokal-Wettbewerbe ab Mitte April vor. Spätere Alternativtermine beinhalten einen Final-Four-Wettbewerb, bei dem Halbfinale und Endspiel binnen weniger Tage in Istanbul ausgespielt werden. Wie sich die Terminpläne von Uefa-Klubwettbewerben und nationalen Ligen verbinden lassen? Schwer auszumalen. Die Vereine wissen dieser Tage nur, dass es weitergehen muss.

Virologe sieht Geisterspiele kritisch

Einen Strich durch die Rechnung machen dürfte ihnen die politische Realität. Gleich mehrere Wissenschaftler wandten sich gegen die Pläne der Ligen, den Spielbetrieb wieder aufzunehmen. So sagte Virologe Christian Drosten, Professor an der Berliner Charité und dieser Tage so etwas wie der Coronavirus-Erklärer der Nation, gegenüber dem Stern: „Ich glaube überhaupt nicht daran, dass wir in irgendeiner absehbaren Zeit wieder Fußballstadien voll machen. Das ist überflüssig. Das wird es bis nächstes Jahr um diese Zeit nicht geben.“ (Drosten selbst bemängelte auf Twitter, der Stern habe seine Aussagen zugespitzt. Meine Anfrage per E-Mail dazu blieb bislang unbeantwortet – er hat dieser Tage sicher Wichtigeres zu erledigen. Update vom 24. März: Drosten hat im NDR-Podcast “Coronavirus-Update Stellung genommen. Dort betont er, sich differenzierter geäußert und das Thema Geisterspiele ausgeklammert zu haben.)

Sein Kollege Professor Jonas Schmidt-Chanasit ging sogar noch einen Schritt weiter. „Wir sprechen hier nicht über die nächsten Wochen, sondern über die nächsten Monate“, sagte der Virologe vom Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg dem NDR. „Ich gehe fest davon aus, dass [die Bundesliga] erst nächstes Jahr weitergeht.“

Auf meine Nachfrage am Sonntagnachmittag schließt Schmidt-Chanasit Geisterspiele in diese Rechnung eindeutig ein. Er weist darauf hin, selbst bei Geisterspielen bestünde die Gefahr, dass Anhänger sich im privaten Rahmen träfen; privates Public Viewing, sozusagen. „Wir können Infektionsketten nachstellen. Hier sind 50 Leute zusammengekommen und dort ist einer gestorben. Da kann sich der Fußball schwer herauswinden.“ Und: „Macht der Fußball sich nicht total angreifbar, wenn aufgrund von Spielen Menschen sterben?“

Nicht nur für die Fans bestehe Ansteckungsgefahr, sondern auch für die Spieler. Die WHO betonte zuletzt, dass das Coronavirus auch bei jüngeren, gesunden Menschen einen lebensbedrohlichen Krankheitsverlauf hervorrufen kann. Es ist zudem völlig unklar, welche Spätfolgen eine Infektion haben kann. „Man setzt die Spieler einem Risiko aus, wenn 22 Menschen zusammenkommen“, so Schmidt-Chanasit mir gegenüber.

Der Virologe trifft damit einen wunden Punkt: So groß der finanzielle Verlust durch den Ausfall der Saison wäre – wie groß wäre erst der Imageverlust, sollten sich Spieler oder Offizielle im Rahmen eines Geisterspiels anstecken? Kann der Fußball, der ohnehin den Ruf genießt, Wirtschaftsinteressen über den Sport zu stellen, dieses Risiko eingehen?

Fußball muss warten

Im Falle einer baldigen Wiederaufnahme des Wettbewerbs stellen sich zahlreiche Anschlussfragen. Wenn die Klubs der ersten und zweiten Liga Geisterspiele austragen dürfen, warum dann nicht auch die Vereine der Regional- oder Kreisliga? Was wird aus den zig anderen Sportarten wie Eishockey, die ihre Saison bereits abgebrochen haben? Und wie will der Fußball begründen, dass ausgerechnet Fußballspiele weitergehen sollen? Restaurants, Einkaufsläden, Kinos, Theater, Reiseunternehmen: Sie alle stehen vor gewaltigen wirtschaftlichen Herausforderungen. Sie alle werden die Frage stellen, wieso der Fußball eine Ausnahmegenehmigung erhält. Die DFL verweist in diesem Zusammenhang gerne auf die knapp 60.000 Arbeitsplätze, die an ihm hängen. Was ist aber mit Industrien wie der Autobranche, die Millionen Arbeitsplätze in Deutschland schafft? Muss die Reihenfolge nicht lauten: Erst Leben retten, dann die Wirtschaft wieder hochfahren – und ganz zum Schluss kommt der Fußball?

Virologen betonen in Interviews wieder und wieder, dass sie keine Hellseher seien und dass sie keine politischen Entscheidungen träfen. Ihr Appell ist aber deutlich: Veranstaltungen wie der Fußball sollten erst wieder stattfinden, wenn systemrelevante Bereiche der Gesellschaft wieder hochgefahren sind; Schulen, Kinderbetreuung, Arbeitsbetriebe. “Wenn ich jetzt Berater des Fußballs wäre, dann würde ich sagen, im September irgendwann könnte es sich bessern, aber vorher höchstwahrscheinlich nicht”, sagte der Virologe Alexander Kekulé gegenüber der Sportschau.

In diesen Krisenzeiten ist morgen schon überholt, was heute beschlossen wurde. Wie es mit dem Fußball weitergeht, lässt sich nicht seriös voraussagen. Gut möglich, dass die Profivereine einfach nur auf Zeit spielen. Die Maßnahmen der Regierungen laufen offiziell in den kommenden Wochen aus. Verlängern die zuständigen Instanzen – im deutschen Fall die Landesregierungen bzw. die Gesundheitsämter – diese Maßnahmen, könnten die Vereine diese Instanzen haftbar machen; sie haben letztlich die Fußballspiele abgesagt. Ob ein Haftungsfall vorliegt, wie diese Haftung aussehen würde, was für einen Imageschaden es wiederum anrichten würde, Millionärsgehälter von Profis indirekt über eine staatliche Haftung zu finanzieren, ob die Vereine diesen Weg überhaupt gehen wollen – es ist reine Spekulation.

Dass aber Atalanta Bergamo in absehbarer Zeit ein Champions-League-Viertelfinale bestreitet, erscheint dieser Tage absolut weltfremd. Eine Beendigung der Saison vor dem 30. Juni erscheint mit jedem Tag unrealistischer. Die Fußballverbände sollten anfangen, für den Fall zu planen, dass der Ball erst im Spätsommer wieder rollt. Frühestens.

Das Titelbild stammt von Ctruongngoc, Lizenz: CC BY-SA 3.0

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