EM-Tagebuch, Tag 13: Langweiliger wird’s nicht

Die Österreicher jubeln, die Niederländer verzagen, die Engländer schütteln mit dem Kopf: Der 12. Tag der Europameisterschaft bot Spiel, Spaß, Spannung – und Langeweile. Ich stürze mich in meinem Tagebuch heute auf die zwei vielleicht langweiligsten Teams dieser EM, gemessen an dem Spielerpotenzial, über das sie verfügen: die Niederlande und England.

Niederlande: Weder Fisch noch Fleisch

Grundsätzlich gibt es für Nationaltrainer zwei Wege, ihr Team aufzustellen. Der Coach kann versuchen, sein System an die Spieler anzupassen. In diesem Fall geht es darum, möglichst viele Spieler in ihren besten Positionen einzusetzen. Diese Rollen kennen sie aus ihren Vereinen. Im Zweifelsfall opfert der Trainer lieber taktische Kohärenz, damit sich die einzelnen Spieler auf dem Feld möglichst wohlfühlen. Julian Nagelsmanns Team bei der Europameisterschaft ist ein Paradebeispiel, aber auch Didier Deschamps ist bekannt dafür, seine Aufstellung um die Spielertypen herum zu denken.

Der alternative Weg wäre, eine möglichst kohärente Mannschaft zu basteln, unabhängig von der Frage, welcher Spieler nun der beste Akteur für welche Position darstellt. Die Spielidee steht hier vor den Spielern. Ralf Rangnick macht dies mit der österreichischen Mannschaft vor. Er scheut nicht davor zurück, auf Leistungsträger wie Kevin Stöger zu verzichten oder Stars in anderen Rollen aufzustellen als im Verein. Entscheidend ist, dass am Ende eine kohärent zusammengestellte Mannschaft die Spielidee des Trainers umsetzt. Auch Joachim Löw war bekannt dafür, Leistungen im Klub wenig Achtung zu schenken. Entscheidend war für ihn die Frage, ob ein Spieler in sein System passt, nicht ob das System zu den Spielern passt.

Nicht jeder Trainer ist der Aufgabe gewachsen, aus Spielern aus unterschiedlichen Vereinen ein kohärentes Team zu formen. Gareth Southgate etwa tut sich schwer damit, seine risikofreie Spielidee und seine eher offensiv denkenden Spieler zusammenzuführen. Teils dürfen Spieler in ihren optimalen Rollen auflaufen, teils müssen sie positionsfremd agieren. Bei all der Langeweile, die uns die englische Mannschaft beschert hat, muss man Southgate zugutehalten, dass er eine klare Idee verfolgt – nämlich möglichst kein Gegentor zu kassieren. (Mehr dazu unten.)

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Ich würde daher einem anderen Trainer den Titel der wirrsten Taktik zusprechen: Ronald Koeman. Anders als seine Vorgänger hat Koeman das große Glück, auf einen äußerst talentierten Kader zurückgreifen zu können. Eine Innenverteidigung aus Virgil van Dijk und Nathan Aké wäre bei sämtlichen Teilnehmern gesetzt. Mit Xavi Simons, Jeremie Frimpong und Ryan Gravenberch verfügen die Niederländer zudem über jede Menge junger wie schneller Talente. Auch das Mittelfeld kann sich eigentlich sehen lassen.

Koeman müsste sich nur entscheiden. Möchte er eine klare Spielidee vorgeben und sich im Anschluss die passenden Spieler suchen? Dann müsste er gewillt sein, eine feste Elf zu basteln und im Zweifel Spieler ausschließen, die nicht zu seiner Idee passen. Oder möchte er seine zahlreichen Talente auf ihren möglichst besten Positionen einsetzen?

Koeman schafft das Kunststück, keinen der beiden Wege zu wählen. Die Niederländer wechseln von Spiel zu Spiel Formation wie Herangehensweise. Gegen Polen pressten sie offensiv, gegen Frankreich zogen sie sich zurück, gegen Österreich machten sie mal dies, mal das. Sie haben mit Dreierkette aufgebaut und mit Viererkette aufgebaut, 4-3-3 und 4-2-3-1 ausprobiert.

Interessant ist dabei, dass die Spieler trotz der vielen Experimente eigentlich nie in ihren liebsten Positionen spielen dürfen. Xaxi Simons lief als Achter, Zehner und Außenstürmer auf, nie aber in seinem geliebten Halbraum.

Extrem deutlich zu erkennen ist diese fehlende Anpassungsfähigkeit von Koeman bei Frimpong. Unter Xabi Alonso funktioniert Frimpong deshalb so gut, weil er einen offensiven Wing-Back im 3-4-3 geben darf. Er ist weder ein klassischer Außenstürmer noch Außenverteidiger. Dennoch muss er diese Rollen unter Koeman spielen. Es wäre ein Leichtes für die Niederlande, ein 3-4-3 der Marke Leverkusen zu spielen. Es würde nicht nur Frimpong helfen, es würde auch viele andere Spieler in passende Rollen bringen.

So könnte eine niederländische Mannschaft spielen, wenn man möglichst viele Spieler in passende Rollen zwängen möchte.

Und natürlich muss Koeman nicht sein System an Frimpong anpassen, auch nicht an Xavi Simons. Man könnte jetzt jedoch die gesamte Startelf der Niederländer durchgehen, von Joey Veerman über Cody Gakpo bis hin zu Stürmer Memphis Depay. Keiner von ihnen darf in einer Rolle auflaufen, die zu 100% zu ihm passt. Gleichzeitig kann Koeman diese suboptimalen Rollen nicht durch ein klares System auffangen. Wenig bei den Niederländern wirkt einstudiert, vieles bleibt Stückwerk.

Und so passiert es, dass die Niederländer gegen Österreich die meiste Zeit tief verteidigen und nach vorne wenig zustande bekommen. Denn im Gegensatz zu den Niederlanden wissen die Österreicher genau, wann sie den Gegner pressen, wann angreifen und wann sie sich zurückziehen sollen. Das spricht nicht gerade für eine lange Reise der Niederländer in diesem Turnier. Zumal ihr Gegner im Achtelfinale entweder der Sieger der Gruppe E wird – oder aber England.

England: Die gefährliche Langeweile

Ein Turnier schlaucht nicht nur die Spieler, sondern auch die Reporter. Nach zwei anstrengenden Wochen machte es mir das Spiel England gegen Slowenien nicht leicht, wachzubleiben. Es ist keine rhetorische Übertreibung, wenn ich schreibe: Mir fiel es am gestrigen Abend schwer, die Augen aufzubehalten.

Man kann jetzt leicht schimpfen über die völlige offensive Harmlosigkeit der Engländer, über die vollkommen fehlende Breite auf links, über die zahlreichen Spieler, die im England-Dress nicht ihre Form finden. In der vielleicht leichtesten Gruppe dieser Vorrunde hat sich England in drei Spielen 2,2 Expected Goals erspielt. 2,2! Kylian Mbappé allein hat einen höheren Wert erzielt.

Und dennoch möchte ich die Aufmerksamkeit auf eine andere Zahl lenken: 1,1. So wenig Expected Goals hat England in drei Spielen zugelassen. Damit ist bereits jetzt klar, dass sie diese Statistik nach der Gruppenphase anführen werden. Alle Teams der Gruppen E und F haben bereits nach zwei Spieltagen mehr Expected Goals kassiert.

Ich will Englands Leistung damit nicht schönreden. Der Vergleich zwischen den Gruppen ist nicht ohne Weiteres möglich; Spiele gegen Italien, Spanien und Kroatien sind ungleich schwerer als gegen Dänemark, Serbien und Slowenien.

Dennoch: Unterschätzt mir die Engländer nicht! Man darf die Ergebnisse der Gruppenphase nicht zu hoch hängen. Wir haben 36 Vorrunden-Spiele verfolgt, nur um am Ende acht Nationen zu verabschieden, von denen kaum ein Abgang eine Überraschung darstellt. Ab Samstag beginnen die Spiele, die zählen. Und in diesen K.O.-Spielen schadet eine starke Defensive nicht. Schließlich hat Portugal 2016 bewiesen, dass man auch ohne Siege Europameister werden kann.

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Kurze Beobachtungen

  • Die Österreicher haben alle überrascht. Sie gehen als Gruppensieger aus der „Todesgruppe“ D hervor. Gegen die Niederlande hat Ralf Rangnick seine Startelf zwar auf vier Positionen verändert. Der Stil der Österreicher bleibt derselbe: Sie pressen früh, gehen drauf, wollen vertikal spielen. Gegen die Niederlande gab es meinem Empfinden nach noch mehr Angriffe über die Flügel. Ansonsten kann ich nur auf das verweisen, was ich nach dem Polen-Spiel geschrieben habe. Ich bin vor allem gespannt, ob die Österreicher den intensiven Spielstil bis zum Ende des Turniers durchhalten können.
  • Frankreich läuft bei mir leider etwas unter dem Radar. Das Spiel gegen Österreich habe ich nur halb verfolgen können, das Spiel gegen Polen habe ich gänzlich verpasst. Deshalb tue ich mich schwer mit der Frage, wie der französische Auftritt bei dieser EM zu bewerten ist. Springt der französische Wallach mal wieder nur so hoch, wie er muss? Vor allem eins sticht ins Auge: Die Franzosen gehen verschwenderischer mit ihren Chancen um als in der Vergangenheit. Nach Expected Goals hätten sie alle Gruppenspiele klar gewinnen können. Diesen Chancenwucher müssen sie in der K.O.-Phase abstellen, zumal sie dank des Unentschiedens gegen Polen in einem Bracket mit Deutschland, Spanien und Portugal gelandet sind.
  • Im Anschluss an den Tagebuch-Eintrag werde ich mir das Spiel Dänemark gegen Serbien zu Gemüte führen. Viel Vorfreude verspüre ich nicht. Würden die Engländer nicht sämtliche negative Presse der Gruppe C aufsaugen, wären die Dänen ein heißer Kandidat für die größte Enttäuschung des Turniers. Zwei Unentschieden gegen Serbien und Slowenien sind wahrlich nicht die Ergebnisse, die man von einem Halbfinalisten der vergangenen Europameisterschaft erwartet. Vor allem spielen die Dänen ähnlich mutlos und zaghaft wie die Engländer. Das dürfte eine gute Nachricht für das deutsche Team sein: Ein derart furioses Pressing wie von den Schweizern ist nicht zu erwarten.
  • Wer sich im Tagebuch Analysen der TV-Berichterstattung erhofft hat, wird von mir enttäuscht. Die Spiele schalte ich pünktlich zu den Nationalhymnen ein und direkt nach Abpfiff wieder aus. Das liegt zu großen Teilen an meiner persönlichen Lebenssituation; ich nutze meine wenige Freizeit lieber, um Arbeit zu erledigen oder mit meinem Sohn zu spielen, als mir die Analysen von Christoph Kramer und Per Mertesacker anzuhören. Ich merke aber, dass auch ich nicht gefeit bin vor einem veränderten Medienkonsum. Meine EM-Berichterstattung finde ich eher auf Social Media als in den klassischen Medien, sowohl was Analysen als auch amüsante Inhalte angeht. Man könnte jetzt ein ganzes Tagebuch füllen, was diese veränderte Mediennutzung für den gesamten Journalismus bedeutet. Aber wie gesagt: Ich muss jetzt Dänemark gegen Serbien schauen. Seufz.

Das Titelbild zeigt den niederländischen Trainer Ronald Koeman und stammt von Ronnie Macdonald. Lizenz: CC BY 2.0.

9 thoughts on “EM-Tagebuch, Tag 13: Langweiliger wird’s nicht

  1. >“Das dürfte eine gute Nachricht für das deutsche Team sein: Ein derart furioses Pressing wie von den Schweizern ist nicht zu erwarten.“<

    ist das so? Ich fand die Dänen haben das gegen England streckenweise extrem gut gemacht. Ich erinnere mich an einige Szenen sehr spät im Spiel, wo die Dänen die Engländer im eigenen 16er pressen und zu Ballverlusten zwingen. Angesichts der Tatsache, wie viel Aufwand die Dänen bereits über das Spiel betrieben haben fand ich das sehr beeindruckend. Vielleicht habe ich das Spiel zu emotional betrachtet, aber meiner Meinung nach war schon so furios wie auch die Schweiz gegen Deutschland. Mit dem Unterschied, dass es deutlich schwieriger ist, den englischen Abwehrriegel zu knacken, als die deutsche Abwehr.

    Vielleicht ist Dänemark ein Team, das gegen stärkere Mannschaften mit aggresivem Pressing glänzen kann, aber mit eigenem Ballbesitz nicht viel anfangen kann.
    Wenn Sie im Achtelfinale auftreten wie gegen England, sehe ich jedenfalls ein unangehmes Spiel für Deutschland, das sich mit so einer Art Gegner schwertut. Wenn sie wie gegen Serbien und die Slowenen auftreten, dann wird es natürlich einfacher für Deutschland – aber nach den letzten Eindrücken wüsste ich nicht, warum Kasper Hjulmand nicht "all in" gehen sollte und hoch verteidigt. Zu verlieren hat er sowieso nichts als Underdog gegen den Gastgeber

  2. Heute exklusiv für Newsletter Abonnenten? 😀
    Wenn ich laptoptrainer.de normal ansurfe sehe ich den heutigen Eintrag nicht, hab den Link nur dank der Mail.

  3. „Ich bin vor allem gespannt, ob die Österreicher den intensiven Spielstil bis zum Ende des Turniers durchhalten können.“

    Den Gruppensieg hat man sich gestern praktisch mit eine B-Elf geholt, von den Feldspielern haben nur Posch, Sabitzer und Seiwald alle drei Spiele durchgespielt. Man hat jetzt eine ganze Woche Zeit zur Vorbereitung. Also das Achtel- und ein eventuelles Viertelfinale sollten kräftemäßig kein Problem darstellen.
    Mehr Sorgen bereiten mir die vielen gelben Karten. Wimmer ist für das Achtelfinale gesperrt, weitere acht Spieler müssen bei der zweiten Karte im Viertelfinale aussetzen.

  4. Erstmal ein dickes Danke für die Texte, die eine unregelmäßige, aber willkommene Wohltat sind! Hoffe stets auf zeitnahe Fortsetzung 🙂
    Mit der TV-Drumrumberichterstattung halte ich es fast genauso, es sei denn, ich warte noch auf eine Spielzusammenfassung (gerade bei den Parallelansatzungen am dritten Spieltag). Dabei merke ich, dass die Hofberichterstattung rund um die deutsche Mannschaft bisweilen bis zur Fremdscham unterirdisch ist.
    Eine Frage bleibt mir auch nach oberflächlichem googlen: Wo bekommt man eigentlich die aktuellen xG-Werte her? Werden die unter der Ladentheke verkauft?

      1. Vielen Dank! fbref werde ich jetzt sicher öfter konsultieren. Was ich noch nicht verstanden habe, ist, wer den Wert auf Basis welcher Daten ermittelt, bevor er dann auf Twitter oder bei fbref veröffentlicht wird. Es will aber nicht nerven, es ist nicht deine Aufgabe, mir das zu erklären 🙂
        Ich schaue einstweilen mal in die Masterarbeit (!) aus der Eindhofener TU von 2016, innerhalb derer der Wert offenbar erfunden oder zumindest zuerst dokumentiert wurde.

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