EM-Tagebuch, Tag 9: RB-Fußball im Original

Griaß eich oalle miteinoand zu einem weiteren Tagebuch-Eintrag! Heute schaue ich mir das österreichische Spiel gegen Polen etwas genauer an. Wie Ralf Rangnicks Fußball funktioniert und warum er auf Klubebene nur noch so selten zu sehen ist. Außerdem bespreche ich die weiteren Partien des gestrigen Freitags.

Österreich: Der gute, alte RB-Fußball

Ralf Rangnick eine österreichische Nationalmannschaft trainieren zu lassen, ist fast schon eine besondere Art der Schummelei. Mehrere Jahre leitete er die Fußballabteilung des Brausekonzerns Red Bull. Als Chefstratege und -ideologe durfte er die Leitplanken des Fußballs bestimmen, welche den Spielern in den RB-Akademien eingeimpft wurde. Da bei Red Bull das Geld locker sitzt, hat praktisch jeder talentierte österreichische Kicker im Laufe seiner Karriere mindestens ein Jahr für einen RB-Klub gespielt. Insofern kannten sämtliche ÖFB-Spieler den Stil ihres Trainers bereits, bevor dieser als Nationaltrainer eine einzige Trainingseinheit absolviert hatte.

Gegen Polen spielten die Österreicher Fußball, wie man ihn von einer Ralf-Rangnick-Mannschaft erwartet. In den ersten zwanzig Minuten überrollten sie den Gegner mit einem Wechselspiel aus aggressivem Pressing und schnellem Vertikalspiel in die Tiefe. Es folgte eine etwas ruhigere Phase, ehe die Österreicher in der zweiten Halbzeit erneut aufdrehten und die Partie entschieden.

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Österreichs Pressing richtet sich nach den klassischen Red-Bull-Prinzipien. Aus einem raumorientierten 4-2-3-1/4-4-1-1 rückt die Mannschaft konsequent auf den Gegner, sobald dieser eine bestimmte Aktion ausführt. Dieser Pressingtrigger kann ein lascher Querpass zwischen den Innenverteidigern sein oder auch ein Pass an die Seitenauslinie zum Außenverteidiger. Gerade letztere Pässe wollen die Österreicher zunächst provozieren und dann konsequent pressen. Sobald Polens Außenverteidiger den Ball erhielten, wussten sie: Gleich stürzt sich der gegnerische Außenverteidiger auf mich.

Hier lässt sich das Pressing der Österreicher gut erkennen: Sie locken die Polen auf deren linke Seite. Nach dem vertikalen Pass auf den Linksverteidiger schießt Posch aus der Abwehr und übt Druck aus. Das ist riskant, weil hinten nun nur noch drei Spieler absichern. Es führt in dieser Situation jedoch zu einem Ballgewinn und einem schnellen Konter.

Darin steckt auch schon das kalkulierte Risiko des Rangnick-Pressings: Die Spieler sollen allesamt im Pressing-Moment nach vorne verteidigen. Bei Österreichs Pressing rücken die ballnahen Akteure aus der Formation, sobald ein Gegenspieler vor ihnen den Ball erhält. So kommt der verteidigende Spieler bereits mit einer gewissen Dynamik in den Zweikampf.

So kommt es bei den Österreichern ständig vor, dass einzelne Spieler im Pressing eine Linie „nach vorne springen“. Die Außenstürmer sprinten auf die gegnerischen Verteidiger zu, die Sechser rücken in den Zehnerraum, die Außenverteidiger ins Mittelfeld. Das kann riskant werden, wenn der Gegner dieses Herausrücken konsequent bespielt. Das ist auf internationaler Ebene aber kein so himmelsschreiendes Problem, schließlich fehlt den meisten Teams die Eingespieltheit, die Lücken zu erkennen und direkt anzusteuern. (Auf Klubebene sieht man dieses klassische Rangnick-Pressing selbst bei RB-Teams praktisch gar nicht mehr. Es ist schlicht zu riskant.)

Die problematischen Phasen für die Österreicher entstehen aus meiner Sicht eher dann, wenn sie tiefer verteidigen. Diese Phasen müssen sie einstreuen, um ihr physisch anspruchsvolles Spiel durchziehen zu können. Diese Ruhephasen starten praktisch immer nach zwanzig Minuten; man kann fast schon die Uhr danach stellen.

Allerdings praktizieren die österreichischen Spieler das Linien-Überspringen auch im tiefen Defensivverbund. Den Polen gelang es, diese Art der Verteidigung zwei-, dreimal zu sprengen:

Polen verlagerte das Spiel zuvor von der linken Seite in den halbrechten Halbraum. Österreich bekommt keinen Druck auf den ballführenden Polen. Lienhart rückt heraus, um einen gegnerischen Stürmer zu verfolgen. Slisz besetzt sofort den Raum hinter Lienhart.

Das zweite Problem der österreichischen Ordnung findet sich nach Flanken. Der ballnahe Außenverteidiger schiebt sehr weit heraus, die restlichen Akteure der Viererkette müssen den Strafraum verteidigen. Am zweiten Pfosten steht praktisch immer der gegnerische Außenverteidiger frei, wenn der Gegner diesen Laufweg wählt. Das war schon gegen Frankreich ein kleines Problem, gegen Polen ein größeres.

An und für sich stimmt die Strafraumbesetzung der Österreicher, sie stehen in einem guten 4+2 und haben alle Gegner im Strafraum in Manndeckung. Einzig der Gegenspieler am zweiten Pfosten steht vollständig frei. Natürlich kommt der polnische Ball dorthin, es entsteht eine große Chance.

Das sind letztlich kleinere Makel eines ansonsten guten Spiels. Dass sich die Österreicher ruhige Phasen vor der Pause gönnen, hat ohnehin einen positiven Nebeneffekt: So können sie in der zweiten Halbzeit die Intensität noch einmal erhöhen. Genau dies schafften sie gegen Polen.

Zur österreichischen Leistungssteigerung trug auch Rangnick mit seinen Wechseln bei. Florian Grillitsch hatte vor der Pause seine liebe Mühe, dynamisch nach vorne zu verteidigen. Die Umstellung auf eine Doppelsechs aus Konrad Laimer und Nicolas Seiwald hat mir in diesem Punkt besser gefallen. Auch war das österreichische Spiel nach der Pause weniger linkslastig als noch in der ersten Halbzeit.

Ich bin sehr gespannt, wie gut das österreichische Pressing gegen die Niederlande funktioniert. Die Niederländer verfügen auf dem Papier über genug spielerische Klasse, um sich spielerisch zu befreien. Gezeigt haben sie davon bei dieser EM bisher wenig. Auch wenn der Rangnick’sche RB-Fußball auf Klubebene nur noch selten anzutreffen ist: Bei einem Länderturnier könnte er die Österreicher weit führen.

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Kurze Beobachtungen

  • Damit wären wir angelangt beim ersten torlosen Remis dieser EM. Ausgerechnet das Spitzenspiel zwischen Frankreich und den Niederlanden endete 0:0. Beide Teams gingen nicht mehr Risiko als unbedingt notwendig. Aufgrund der Ausgangslage in der Gruppe konnte man es ihnen nicht verdenken. Dennoch haben mich gerade die fehlenden offensiven Akzente der Niederländer enttäuscht. Ich hoffe nicht, dass diese Partie eine Vorschau auf die K.O.-Phase war, wenn häufiger Nationen dieses Kalibers aufeinandertreffen. Denn so viel Spaß die Vorrunde bislang bereitet: Niemand erinnert sich in zwanzig Jahren an ein unbedeutendes Gruppenspiel.
  • Nicht unbedeutend war der ukrainische 2:1-Erfolg gegen die Slowakei. Die Ukrainer kämpften sich ins Spiel zurück und halten damit die Hoffnungen auf einen Achtelfinaleinzug am Leben. Aus taktischer Sicht fand ich gelungen, wie die Ukrainer nach der Halbzeitpause ihre Achter nach vorne schoben und somit das slowakische Mittelfeld nach hinten drückten. Aus emotionaler Sicht blieben die Bilder nach dem Spiel hängen. Den ukrainischen Spielern war deutlich anzumerken, unter welcher Last sie bei dieser EM antreten. Insofern hat mich ihr Erfolg persönlich gefreut.
  • Die Leseempfehlungen habe ich bei dieser EM gestrichen. Ich hatte bei der WM die Erfahrung gemacht, dass kaum jemand die Links klickt, auch weil immer mehr Artikel hinter einer Paywall verschwinden. Ich möchte euch daher heute außer der Reihe einen Artikel empfehlen: Christoph Becker von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat mit Coşkun Taş gesprochen. Er hat 1954 mit der Türkei gegen Deutschland gespielt und ist Jahre später zum 1. FC Köln gewechselt. Seine bewegende Geschichte wird auch in meinem Buch „Die Weltmeister von Bern“ gestreift, wird hier aber noch einmal im Detail erzählt. Ich konnte den Artikel trotz Paywall abrufen; es kann aber leider sein, dass er mittlerweile wieder hinter einer Bezahlschranke verschwunden ist.

Das Titelbild zeigt Ralf Rangnick und stammt von Steffen Prößdorf, Lizenz: CC BY-SA 4.0.

4 thoughts on “EM-Tagebuch, Tag 9: RB-Fußball im Original

  1. Danke für diesen Eintrag!

    Zum ersten Problem: das ist zum Teil sicher auch der mangelnden Eingespieltheit geschuldet. So klar Rangnick das System dem A Team auch vermittelt hat, aber Lienhart ist nach Wöber und Trauner schon der dritte LIV bei der EM, ohnehin sollte dort Alaba die Fäden ziehen. Aber ich frage mich auch, ob sich das innerhalb des Systems überhaupt sauber lösen lässt, ohne insgesamt sehr fehleranfällig zu werden. Oder konkret gesagt: lassen sich die Prinzipien unterm Spiel an die Verteidigungshöhe anpassen, ohne dadurch die Ordnung zu verlieren?

    Zum zweiten Problem: die offenen Flügelzonen waren mir schon in den Testspielen ein Dorn im Auge. Es ist gegen den Ball halt doch meist ein 4-2-3-1 und kein 4-4-1-1, wodurch sich seitlich der Sechser Lücken auftun bzw. die Wege der offensiven Außenspieler gegen den Ball sehr weit werden. Wie würdest du das lösen? Könnte, wenn sich der Ball im eigenen Drittel am Flügel befindet, ein Sechser zentral auffüllen, damit der ballferne AV breiter bleiben kann? Das stört zu einem gewissen Grad das Kettenspiel, aber irgendwoher muss der fünfte Mann in der letzten Linie ja kommen. Für die offensiven Außenspieler halte ich diese Wege für zu fordern, außerdem ist die Staffelung im Umschalten dann ungünstig.

    Gehst du davon aus, dass wir heute zum dritten Mal denselben Matchplan sehen?
    Also überfallsartiger Beginn, dann Kräfte schonen für die zweite Halbzeit. Dazu Grillitsch für die Spielkontrolle im „zweiten Viertel“ und danach offensivere Wechsel. Auch wenn ich es noch immer und jeden Tag feiere, dass Rangnick bei uns die Fäden zieht, aber insgeheim habe ich mir doch mehr Anpassungen an die Gegner bzw. Kunstgriffe erwartet. Die Wechsel interpretiere ich doch eher als Belastungssteuerung.

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