EM-Tagebuch, Tag 8: Englische Nationalelf oder Amateur-Team?

Tag acht der Europameisterschaft. Meine Kraftreserven gehen langsam zuneige, aber ich kämpfe mich weiter durch das Turnier. Vielleicht sollte ich es wie die Engländer machen und einfach auf Sparflamme kochen. Zum Weiterkommen ins Achtelfinale reicht die englische Leistung. Aber auch zu mehr? Außerdem gibt es Beobachtungen zu den Dänen und Spaniern.

England: Keine Struktur ist auch eine Struktur

Wir starten in das Tagebuch mit einem kleinen Quiz. Ich präsentiere euch gleich zwei Grafiken. Die eine zeigt eine englische Spielaufbau-Szene aus dem gestrigen Spiel gegen Dänemark. Die andere Grafik zeigt ein Amateur-Team, das bei der Aufnahme dieser Szene gegen den Abstieg gekämpft hat.

Szene 1: Der rechte Sechser ist am Ball, findet aber keine Anspielstation. Nach vorne kann er den Ball auch nicht schlagen, da dort schlicht niemand steht. Nur der Rechtsaußen steht in der letzten Linie. Am Ende geht der Ball zum Rechtsverteidiger.
Szene 2: Hier hat der rechte Innenverteidiger den Ball. Alle Mittelfeldspieler sind in seiner Nähe, niemand steht vorne. Am Ende landet der Ball beim Torhüter, der Gegner rückt heraus und übt Druck aus.

Auffällig ist in beiden Grafiken, dass praktisch keine Spieler vor dem Ball stehen. Nicht nur die gesamte Viererkette, auch die Sechser gehen Richtung Ball. Schlimmer noch: Selbst die Spieler in Ballnähe postieren sich derart schlecht, dass sie praktisch nicht anspielbar sind.

Also: Was glaubt ihr? Wer sind die Amateure, wer die Profis?

Tut mir Leid. Es war ein Trick. Beide Bilder zeigen Szenen aus dem Spiel England gegen Dänemark.

Über die englische Mannschaft wird dieser Tage viel geschimpft – und das auch völlig zurecht. Auf den uninspirierten Auftritt gegen Serbien folgte ein fast schon schamhaft schlechtes Spiel gegen Dänemark. Eine Truppe, die einige der besten Fußballer des Planeten vereint, bleibt so weit unter ihren Möglichkeiten, dass man jede Sekunde darauf wartet, dass sich ein Abgrund auf dem Feld auftut.

Die beiden Screenshots oben zeigen exemplarisch die Probleme der englischen Mannschaft. Sie lässt jeglichen Mut vermissen. Bei Ballbesitz gehen praktisch sämtliche Spieler auf dem Feld den Ball entgegen. Phil Foden verlässt seinen linken Flügel, Jude Bellingham fordert sowieso jeden Ball, und sogar Stürmer Harry Kane lässt sich permanent fallen. Welcher Gegner lässt sich von einem englischen Team beeindrucken, dass derart wenig Tiefe erzeugt?

Gegen Dänemark hatten die Engländer sogar noch Glück. Die Dänen hatten so viel Respekt vor Englands großen Namen, dass sie überhaupt keine Notiz genommen haben von der englischen Spielstruktur. Nur so lässt sich erklären, warum der Außenseiter mit einer Fünferkette gegen einen(!) englischen Angreifer verteidigt hat. Auch das lässt sich in den obigen Grafiken bestaunen.

Englands Problem findet sich nicht nur in der strategischen Herangehensweise. Mittlerweile ist kaum mehr zu verkennen, dass diese englische Elf schlicht überhaupt nicht harmoniert. Trent Alexander-Arnold und Bellingham kommen praktisch immer entgegen, sie bieten sich nie für den anderen an. Kieran Trippier und Foden bewegen sich ständig nach innen, sodass der linke Flügel komplett verwaist. Kane lässt sich ebenfalls fallen, was im Gesamtsetup des englischen Teams nullkommanull Sinn ergibt. Wen will er aus der Tiefe bedienen? Saka, der auf Rechtsaußen allein auf weiter Flur agiert? Sonst ist ja schlicht niemand da in der vordersten Linie.

Hinzu kommen Defizite, die weder durch Southgates Taktik noch durch die Profile der Spieler zu erklären sind. Symptomatisch dafür war eine Szene aus dem Spiel gegen Dänemark, ihr könnt sie ab Spielminute 40:05 bestaunen. Phil Foden setzt zu einem Dribbling an und vernascht zwei Dänen. Weder Bellingham noch Trippier oder Saka machen Anstalten, Fodens Tempo aufzunehmen und für Tiefe zu sorgen. Besonders Bellinghams Verhalten in dieser Szene finde ich nahezu schockierend. Er applaudiert seinem Mitspieler – und bleibt einfach stehen. Dabei ist er zu Beginn der Szene noch vor Foden, er könnte die gesamte Abwehr der Dänen mit einem Lauf sprengen. Zum Vergleich: Florian Wirtz und Jamal Musiala machen diese Läufe ständig, sobald ihr Konterpart einen Gegenspieler ausdribbelt.

Lust auf mehr Tagebuch-Einträge?

Verpasse keinen Tagebuch-Eintrag und trage dich in den Newsletter ein!

Consent *

Wir senden keinen Spam! Erfahre mehr in unserer Datenschutzerklärung.

Nun ist man spätestens nach diesem Spiel geneigt, England den Favoritenstatus abzuerkennen. Es erscheint angesichts der Leistungen unausweichlich. England geht schließlich nicht nur im Ballbesitz kein Risiko. Auch im 4-4-2 verschanzen sie sich ausschließlich am eigenen Strafraum – und das machen sie nicht einmal gut. Wie soll ein Team mit einer solchen Spielweise Spanien oder Deutschland bezwingen?

Ganz einfach: Indem sie irgendwann nicht mehr so spielen. England hat genügend Optionen auf der Bank, um im nächsten Spiel eine komplett andere Ballbesitz-Struktur zu kreieren. Viele der Superstars könnten auch im Laufe des Turniers ihr Ego zurückschrauben und mannschaftsdienlicher spielen – ich schaue dich an, Jude Bellingham!

Ich verstehe angesichts der Leistungen die Untergangsstimmung rund um die englische Mannschaft. Twitter-Nutzer @TalkCPFC hat aber ebenfalls Recht, wenn er schreibt: „TAA [Trent Alexander-Arnold] als Sechser und Foden als Linksaußen aufzustellen, war ein Experiment, das einen Versuch wert war. Es hat uns nicht den Gruppensieg gekostet… Jeder (inklusive Southgate) konnte erkennen, dass es nicht funktioniert. Entscheidend ist nun, wie er reagiert.“

Mein neues Buch „Die Weltmeister von Bern“

Kurze Beobachtungen

  • Einmal kurz zurück zu Dänemark. Würden nicht alle über die miserable englische Leistung sprechen, wäre Dänemarks Auftritt ein viel größeres Gesprächsthema. England hat den Dänen viel angeboten, sowohl was ihr schlechtes Ballbesitzspiel als auch das fehlende Pressing angeht. Die Dänen spielten aber nicht minder risikobefreit – siehe die Grafiken oben. Ihre Ballbesitzstruktur war ebenfalls nicht optimal. Jonas Wind war im rechten Halbraum verloren, Christian Eriksen verließ seinen nominellen linken Halbraum ständig. Die Außenverteidiger Joakim Maehle und Victor Kristiansen traten offensiv viel zu selten in Erscheinung. Hinzu kam Kristiansens katastrophaler Fehler vor dem Gegentor. Ich halte ein Aus der Dänen gegen Serbien für nicht ausgeschlossen.
  • Fünf Eigentore haben wir im Verlauf dieser Europameisterschaft bereits bestaunen dürfen. Schlummert da ein neuer Trend? Nein! Schon bei der letzten Europameisterschaft hieß der inoffizielle Torschütenkönig „Yves Eigentor“. Neun Eigentore gab es beim paneuropäischen Turnier. Ich habe in meinem EM-Tagebuch damals analysiert, nach welchen zwei Mustern die Eigentore der EM 2021 fielen. Erstens: Eigentore durch Torhüter. Die gibt es diesmal nicht. Das zweite Muster lässt sich hingegen auch 2024 beobachten: Flache Hereingaben, insbesondere nach Verlagerungen, verwirren die Abwehrspieler. Vier der fünf Eigentore bei dieser EM fielen nach flachen Flanken in den Strafraum. Einzig Deutschland sticht hier mit einem Eigentor nach Freistoß-Flanke heraus.
  • Oh, wie gerne würde ich die Spanier ausführlich loben! Keine Mannschaft macht bisher bei diesem Turnier mehr Spaß. Sie pressen, sie spielen Fußball, sie wagen sich in Eins-gegen-Eins-Duelle. Der Sieg gegen Italien war eine spanische Machtdemonstration, das Spiel hätte statt 1:0 auch 3:0 ausgehen können. Leider fehlt mir heute die Zeit für einen zweiten ausführlichen Text. Aber ich werde mich in den kommenden Tagen ausführlicher den Spaniern widmen. Spätestens in Richtung Viertelfinale. Denn sollte alles so kommen, wie es derzeit den Anschein macht, hieße der deutsche Viertelfinal-Gegner Spanien.
  • Zum Schluss ein Tipp von Fans für Fans: Die Uefa schaltet in ihrem Ticketportal jeden Morgen recht kurzfristig Karten für EM-Spiele frei. Ich habe ein Kategorie-Zwei-Ticket für das Spiel Georgien gegen Tschechien in meiner Heimatstadt Hamburg geschossen. Zwischendurch waren jedoch auch Tickets für die Partie England gegen Slowenien oder Polen gegen Österreich zu haben. Es lohnt sich, immer mal wieder einen Blick in das Portal zu werfen.

Das Titelbild zeigt den englischen Nationaltrainer Gareth Southgate und stammt von Kiril Venediktov, Lizenz: CC BY-SA 3.0.

7 thoughts on “EM-Tagebuch, Tag 8: Englische Nationalelf oder Amateur-Team?

  1. Die Engländer standen hinten erstaunlich wackelig für eine defensiv aufgestellte Mannschaft,
    Der einzige Grund, warum die Dänen nicht gewonnen haben, ist, dass die anscheinend zu viel angst davor hatten, in den Strafraum zu spielen und es lieber immer aus der zweiten oder dritten Reihe versuchten. Klar, der Gegentreffer fiel so, aber dafür haben sie auch viele Chancen zu besseren Abschlüssen kommen zu können, ungenutzt gelassen.

    Danke für die Texte! (Und den Tippfehler in der Überschrift hast du vermutlich schon gefunden)

  2. Wäre es nicht so, dass England diese Abläufe erstmal im Training üben sollte? ich denke die Spanier (oder auch die Deutschen) tun seit Wochen nichts anderes als genau das. Im Turnier selber damit anzufangen, bringt IMO nicht wirklich was.

  3. Hier ebenso Dank.
    In diesem Fall insbesondere bzgl. England. Und man höre und staune: Ich habs meinen Leuten vorgelesen was da steht, und die Stammtischstimmung war kurz weg. Juhu.

    Ich hab dann noch ein paar Binsenweisheiten und Beispiele aus der alten SV-Lektüre zitiert und plötzlich sah das, was da im TV passiert ist, alles ganz anders aus. Ich weiß nicht wie es anderen nicht-Profi-Lesern damit geht – ein bisschen aus den Büchern und Blogs verstanden zu haben, wie Fussball funktioniert, hat mich dem normalen Fussballgucken mit anderen ziemlich entfremdet. Man kann nicht mehr zurücktreten hinter das, was man schon verstanden hat. Und um den anderen die Laune nicht zu verderben, verzichtet man lieber aufs public viewing.
    Statt dessen Spiel runterladen, Analyse lesen, angucken.

    1. Hab deinen Kommentar gelesen und kann die Beobachtung der Entfremdung komplett nachvollziehen. Seit ich damals vor über 10 Jahren anfing, SV-Analysen und Bücher von Tobi Escher und Martin Rafelt gelesen habe, schaue ich Spiele anders und kann mit den gängigen „Stammtischanalysen“ nichts mehr anfangen, es tut fast weh, diese zu hören und es juckt einen schon, dagegen anzureden, aber es ist mühsam.
      Danke auf jedenfall an Tobi Escher für dieses Tagebuch und den ganzen anderen Content, es ist immer eine Bereicherung.

    2. Gut geschrieben, mir geht’s genauso. Seit ich damals anfing SV-Analysen und später auch Bücher von SV-Autoren, v.a. Tobi Escher, zu lesen, schaue ich Spiele anders und dahinter zurück geht es nicht mehr. Dennoch schaue ich mit anderen, und versuche dann meine meist etwas abweichenden Beobachtungen anzubringen, mal mit mehr, mal mit weniger Erfolg.
      Danke an Tobi Escher für den ganzen Content, hier und an anderer Stelle!

      1. okay, wollte den Kommentar nicht zweimal schreiben, aber der gestrige wurde mir gar nicht mehr angezeigt, daher hab ich einen neuen verfasst, jetzt ist der gestrige wieder da…merkwürdig

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Enter Captcha Here : *

Reload Image