EM-Tagebuch, Tag 6: Von der Tugend, nicht den Ball zu wollen

Am sechsten Tag dieser Europameisterschaft steht das zweite deutsche Gruppenspiel an. Kann die deutsche Mannschaft mit einem Sieg über Ungarn die Euphorie weiter befeuern? Entscheidend dafür dürfte eine starke Leistung des Mittelfelds sein. Dieser Mannschaftsteil war beim portugiesischen Spiel gegen Tschechien überrepräsentiert.

Portugal: Zu viele Kellner, zu wenige Köche

Die Auslosung hat es gut gemeint mit Portugal. Tschechien, die Türkei, Georgien: Das sind drei Gegner, gegen die ein Mitfavorit um den Titel gewinnen sollte. Doch schon im ersten Spiel gegen Tschechien stotterte die portugiesische Passmaschine. Die Iberer mussten bis kurz vor Schluss zittern, ehe der eingewechselte Francisco Conceição den umjubelten Siegtreffer erzielte. Mit Ruhm haben sich die Portugiesen wahrlich nicht bekleckert.

Dabei liest sich ihre Aufstellung wie ein „Who is who?“ der europäischen Kreativspieler: Bruno Fernandes, Bernardo Silva, Joao Cancelo und Vitinha standen allesamt auf dem Rasen. Joao Felix kam nicht einmal zum Einsatz, so groß ist das Luxusproblem der Portugiesen im Mittelfeld.

Portugals Aufstellung gegen Tschechien. Gerade im Mittelfeld gab es viel Bewegung. Diese führte jedoch ins Leere, da vorne niemand Tiefe ins Spiel brachte.

Gegen Tschechien setzten die Portugiesen auf eine fluide Offensive, die Spieler tauschten immer wieder die Positionen. Cancelo rückte als Linksverteidiger ins Zentrum, Fernandes wich ständig auf die Flügel aus, Silva wechselte von der rechten Seite auf die linke. So hatten die Portugiesen zwar auf halblinks ständig eine Überzahl – allerdings auch keine Idee, wie sie diese Überzahl ausspielen möchten. Am Ende schlugen sie mehr Flanken als jedes andere Team am ersten Spieltag dieser EM.

Die Krux: Die Portugiesen haben viele Kellner, aber keinen Koch. Jeder der genannten Spieler kann für seine Kollegen geniale Momente kreieren. Nur: Welcher Spieler soll diese genialen Momente in Tore ummünzen?

Die logische Antwort wäre Cristiano Ronaldo. Der 39 Jahre alte Superstar läuft im Sturmzentrum auf. Er fungiert jedoch qua seines Status nicht als klassischer Stürmer. Zwar lauert er oft an der Grenze zum Abseits auf den letzten Pass oder sucht im Strafraum das Kopfballduell. Doch er lässt sich auch zurückfallen, sucht das Zusammenspiel, fordert Bälle. Auch ohne Ronaldo hat die Mannschaft bereits fünf bis sechs Spieler, die den Ball in den Fuß bekommen wollen. Da hilft es nicht, dass Ronaldo sich als weiterer Spieler einreiht.

Das portugiesische Spiel war daher weitgehend zur Wirkungslosigkeit verdammt. Fernandes‘ ständige Versuche, den genialen Pass hinter die Abwehrkette zu spielen, scheiterten daran, dass niemand diesen genialen Pass hätte verwerten können. Es würde den Portugiesen helfen, ein oder zwei Angreifer auf dem Feld zu haben, die auch mal eine Viertelstunde ohne Ballkontakt leben können. Manchmal hilft ein Stürmer seinem Team, wenn er die gegnerischen Verteidiger beschäftigt – und nicht etwa das Zusammenspiel mit seinen Kollegen sucht. Die Portugiesen werden mehr Tiefe in ihrem Spiel benötigen, wenn sie ein Kandidat auf den Titel sein wollen.

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Deutschland: Hält die Euphorie?

Und damit zu den Deutschen. Der große Unterschied zwischen dem überzeugenden 5:1 gegen Schottland und den mäßigen Tests gegen Griechenland und Ukraine: Die deutsche Mannschaft fand Mittel und Wege, aus den eigenen Kombinationen in die Tiefe zu spielen. Das geschah vor allem über Verlagerungen zu Joshua Kimmich, aber auch über Kombinationen durch das Zentrum.

Die unterschätzte Stärke der deutschen Mannschaft liegt darin, dass die Angreifer eben nicht immer nur den Ball in den Fuß gespielt bekommen wollen. Man würde dies anhand der Spielerprofile vermuten: Wer Kai Havertz, Florian Wirtz, Jamal Musiala und Ilkay Gündogan gemeinsam aufstellt, kann schnell in dieselbe Falle tappen wie die Portugiesen. Schließlich sind sie alle großartige Passspieler, wohl aber kaum klassische Stürmer.

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Die deutsche Offensivreihe hat jedoch verstanden, dass es nicht immer Sinn ergibt, dem Ball entgegenzukommen. Zumindest hatte ich dieses Gefühl im Spiel gegen Schottland. Es ist auch das, was man aus dem Lager der DFB-Elf vernimmt. Ein Mitglied des Trainerteams sagte mir vor der EM, ihn beeindrucke an Wirtz nicht nur dessen Spielintelligenz. Der Leverkusener laufe sich die Seele aus dem Leib. Wirtz selbst sagte in einem Interview mit dem Spiegel, er habe von Alonso gelernt, häufiger den Laufweg in die Tiefe anzubieten. Ähnliches fordert Bundestrainer Julian Nagelsmann von Jamal Musiala.

Gegen Ungarn wartet die zweite Probe für die deutsche Elf. Der zweite deutsche Gruppengegner hat mich gegen die Schweiz enttäuscht. Von ihren Überladungen der Flügel war wenig zu sehen, dafür traten ihre Defensivprobleme umso stärker zum Vorschein. Tritt die DFB-Elf so dominant auf wie gegen Schottland, dürfte sie auch diese Hürde überspringen.

Kurze Beobachtungen

  • Die ungarischen Überladungen dürften indes auch im Spiel gegen Deutschland ein Thema werden. Die deutsche Mannschaft verteidigt zwar nominell im raumorientierten 4-2-3-1. Sie nehmen im Pressing jedoch schnell Mannorientierungen auf. Ob es den Ungarn gelingt, die mannorientierte Defensive durch Überladungen der Flügel zu sprengen? Sie setzen bekanntermaßen darauf, auf einer Seite eine große Überzahl herzustellen. Für die deutsche Verteidigung wird das Spiel definitiv ein härterer Test als der Auftakt gegen Schottland.
  • Richtig was los war gestern in Dortmund. Vor der Partie Türkei gegen Georgien drohte angesichts des peitschenden Regens eine Spielabsage. Gut, dass das Spiel stattfinden konnte, denn es folgte die wohl spektakulärste Partie dieser Europameisterschaft. Keines der beiden Teams konnte die Partie durchgehend kontrollieren, sodass Chancen auf beiden Seiten hagelte. Den türkischen 3:1-Sieg feierten die Fans mit Autokorsos in allen großen deutschen Städten. Dennoch muss ich als seelenloser Roboter etwas mäkeln: Die türkische Leistung hat mich nicht beeindruckt. Gerade auf den Flügeln standen sie enorm offen, auch weil die drei Sechser hier nicht konsequent unterstützten. Nach Verlagerungen hatten die Georgier ein leichtes Spiel, vor das Tor zu gelangen. Gegen stärkere Gegner wird die Türkei besser verteidigen müssen.
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Das Titelbild stammt von Raimond Spekking zeigt Fans der portugiesischen Mannschaft während der WM 2006, Lizenz: CC BY-SA 4.0.

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