WM-Tagebuch, Tag acht: Für Deutschland beginnt die K.O.-Runde

Am gestrigen Samstag blitzte erstmals bei mir ein bisschen WM-Stimmung auf. Das Spiel zwischen Polen und Saudi-Arabien hielt in der 82. Minute einen besonderen Moment bereit. Der saudische Verteidiger Al Malki schenkte Weltfußballer Robert Lewandowski den Ball und damit auch ein Tor. Es war Lewandowskis erster Treffer bei einer Weltmeisterschaft, und wer Zweifel hatte über die Bedeutung eines Weltmeisterschaft-Tors, wurde spätestens beim Jubel bekehrt. Die gesamte Mannschaft stürzte sich auf Lewandowski, als hätte er in der Verlängerung eines Champions-League-Finals getroffen. Lewandowski selbst konnte die Tränen nur mühevoll zurückhalten. Es ist eben doch etwas Besonderes, so eine Weltmeisterschaft.

Das spürte man auch beim Spiel zwischen Argentinien gegen Mexiko. Allen Parametern zufolge war es ein Grottenkick. In der ersten Halbzeit gab es viermal so viele Fouls (16) zu bestaunen wie Torschüsse (4). Dass Lionel Messis Treffer aus dem Nichts fiel, beschreibt Argentiniens Leistung eigentlich nicht angemessen. Es fiel aus einem riesigen Schwarzen Loch an Nichts. Argentinien enttäuschte auf ganzer Linie. Hätte dieses Spiel in der Bundesliga stattgefunden, ich würde mich an dieser Stelle fürchterlich aufregen. Gestern saß ich dennoch gespannt vor dem Fernseher. Weil es eben eine Weltmeisterschaft ist, und hier wurde mehr verhandelt als nur ein Länderspiel zwischen Argentinien und Mexiko. Es ging um ein frühzeitiges Aus für Argentinien, um eine Schmach für eine große Fußballnation. Man könnte sogar behaupten, in diesem Spiel wurde das Erbe von Messi verhandelt, dem größten Fußballer, den ich zu meinen Lebzeiten verfolgen durfte. Eine Weltmeisterschaft ist eben kein normaler Bundesliga-Kick.

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Das – und das muss man immer wieder betonen – ändert nichts an den Verwürfnissen, die Gastgeber Katar und die Fifa sich haben zu schulden kommen lassen. Die bittere Wahrheit lautet aber: Für die Verwürfnisse ist das Geschehen des Turniers egal – und für das Geschehen des Turniers sind die Verwürfnisse egal. Es bleibt eine Weltmeisterschaft, in der sich die Besten der Besten des Fußballs messen. Auch wenn dabei bisher nicht der beste Fußball herauskommt, gibt es doch immer wieder spannende Partien und emotionale Momente.

Eigentlich spricht wenig für Deutschland. Eigentlich.

Spannend und emotional dürfte es auch am heutigen Abend zugehen. Spanien gegen Deutschland war schon vor Turnierbeginn die wohl schillerndste Begegnung der Gruppenauslosung. Durch die deutsche Niederlage gegen Japan steht am zweiten Gruppenspieltag ein echtes K.O.-Spiel an. Deutschland benötigt einen Sieg oder zumindest ein Unentschieden. Sonst scheidet der Weltmeister von 2014 aus.

Deutschlands Auftritt gegen Japan wird mir mittlerweile zu schlecht geredet. Mit einer besseren Chancenverwertung und klügeren Wechseln hätte Deutschland diese Partie gewonnen. Dann würden wir von einer der stärkeren Leistungen in einem fußballerisch unterdurchschnittlichem Turnier sprechen. Hansi Flicks Elf hat aber verloren, und daher stecken sie nun in einem echten Schlamassel. Würde Deutschland heute gegen einen x-beliebigen anderen WM-Teilnehmer antreten, würde ich Deutschlands Chancen ziemlich hoch gewichten. Das Problem: Deutschland tritt gegen einen der wenigen Turnier-Teilnehmer an, der in der Vorbereitung und im ersten Gruppenspiel deutlich besser war als die deutsche Nationalmannschaft.

Die spanische Nationalmannschaft lebt das „tiki taka“-Klischee. „The Athletic“ schreibt, die Elf hatte seit 2020 in exakt einem Spiel weniger als sechzig Prozent Ballbesitz: Im September 2020 sammelte Spanien im ersten Spiel nach Luiz Enriques Rückkehr 59% Ballbesitz (beim 1:1 gegen Deutschland, damals noch von Joachim Löw trainiert). Die Spanier kommen regelmäßig auf Ballbesitzwerte jenseits der 70%. Gegen Costa Rica stellten sie mit 82% sogar einen neuen WM-Rekord auf. Wer auch immer gegen Spanien spielt, muss leiden – sofern man das Spiel gegen den Ball als Leiden bezeichnen möchte.

Kern der spanischen Mannschaft ist die Achse im Zentrum. Die beiden Innenverteidiger gestalten zusammen mit Sergio Busquets das Spiel. Passmaschine Busquets ist auch mit 34 Jahren noch ein Meister des kurzen, knackigen Passes. Er beruhigt das Spiel, beschleunigt es aber auch immer mal wieder, wenn er den Ball auf die Achter Pedri und Gavi weiterspielt. Die beiden Jungstars wandeln auf den Spuren von Andrés Iniesta, sind in ihrem Spiel aber durchaus unterschiedlich, wie „The Athletic“-Autor John Muller herausgearbeitet hat. Kurz zusammengefasst: Pedri kommt eher über seine Pässe und Technik ins Spiel, agiert auf der halblinken Seite daher tiefer. Gavi attackiert häufiger freie Räume und ist in seinem Spiel stärker vorwärtsgerichtet, weshalb er auf halbrechts wesentlich höher agiert. Das spanische System kalkuliert die unterschiedlichen Rollen der Achter ein. So hält sich Azpilicueta als Rechtsverteidiger etwas stärker zurück als Linksverteidiger Jordi Alba. Gegen Costa Rica gab Ferran Torres auf rechts Breite, während Linksaußen Dani Olmo Richtung Tor sprintete.

Thema Dani Olmo. Jeder, der mit mir in den vergangenen Jahren über Olmo gesprochen hat, musste meinen Unmut zur Kenntnis nehmen. Nicht weil ich Olmo geringschätze – im Gegenteil. Ich liebe ihn. Es gibt kaum einen Spieler auf der Welt, der Passtechnik und Vororientierung in Richtung Tor so sehr vereinigt wie Olmo. Was mich frustiert: Leipzig nutzt Olmos Fähigkeiten in und vor dem Strafraum viel zu selten. Dabei war es in den vergangenen Jahren egal, ob der Trainer Jesse Marsh, Domenico Tedesco oder Marco Rose hieß. Sie sahen einen spanischen Kicker, der herausragende Pässe spielt, und dachten sich: Der kann doch im Mittelfeld spielen! Nein! Oder besser gesagt: Ja, er kann das schon! Aber er kann auch sich zwischen den Linien anbieten, Bälle dort verarbeiten, sofort zum Tor aufdrehen. Vor allem kann er im perfekten Timing in den Strafraum sprinten, Gegnern entwischen, Präsenz an der letzten Linie erzeugen. Eigentlich müsste Olmo pro Saison 15 oder mehr Tore schießen bei seinem Skillset im gegnerischen Strafraum.

Enrique versteht das besser als Olmos Trainer in Leipzig. Im EM-Halbfinale gegen Italien setzte er Olmo als zentralen Stürmer ein, und hätte Donnarumma damals nicht so stark gehalten, wäre er der gefeierte Held des Spiels gewesen. Gegen Costa Rica bekleidete Olmo die Rolle eines tororientierten Linksaußen, und auch diese Rolle wirkt wie maßgeschneidert für seine Läufe in den Strafraum. Olmo bringt die Tiefe und Tororientiertheit in das spanische Spiel, die Spanien in der Vergangenheit so häufig fehlte.

Bei der DFB-Elf sollten an dieser Stelle alle Alarmglocken läuten. Ein gegnerischer Außenstürmer, der die Schnittstelle zwischen deutschem Rechts- und Innenverteidiger angreift? Himmelherrgott! Die bekam die Mannschaft doch schon gegen Japan nicht geschlossen. Aus diesem Grund wird Hansi Flick wahrscheinlich umbauen. Ob die Abwehr mit Thilo Kehrer als Rechtsverteidiger besser funktioniert, wage ich nicht zu beurteilen. Klar scheint, dass die deutsche Mannschaft defensiv wesentlich besser auftreten muss. Eine Aufstellung mit vier gelernten Innenverteidigern hinten und Ilkay Gündogan als Zehner halte ich für wahrscheinlicher als ein Abkommandieren von Joshua Kimmich auf die Rechtsverteidiger-Position.

Es gibt einen winzigen Faktor, der für die deutsche Mannschaft spricht. Spaniens hohe Ballbesitzwerte resultieren nicht nur aus ihren langen Passstaffetten. Die Spanier pressen permanent hoch, sodass es für den Gegner eigentlich nur zwei Optionen gibt: Entweder er verliert sofort wieder den Ball – oder er umspielt das Pressing und kann einen direkten Angriff auf das Tor starten. Deutschland ist besser ausgerüstet als nahezu jede andere Nation bei diesem Turnier, um das spanische Pressing zu umspielen. Mit Kimmich und Gündogan hat Deutschland gleich zwei Optionen, um sich im Mittelfeld im Eins-gegen-Eins durchzusetzen. Hier sehe ich tatsächlich den einzigen individuellen Vorteil der Deutschen: Pedri und Gavi könnten mit dem spielstarken deutschen Duo überfordert sein. Auf rechts könnte Serge Gnabry wiederum Jordi Alba entwischen, wodurch ein logischer Endpunkt für schnelle Direktangriffe entsteht. Er muss nur besser abschließen als gegen Japan.

Dennoch blicke ich nicht gänzlich optimistisch auf das Spiel. Müsste ich all das soeben Geschriebene zusammenfassen, würde ich sagen: Deutschland hat eine gute Nationalmannschaft, Spanien hingegen eine sehr gute. In der Regel gewinnt das bessere Team. Dass dem nicht immer so ist, haben die Deutschen am ersten Spieltag gegen Japan zu spüren bekommen. Nun müssen sie die Gleichung umdrehen.

Kurze Beobachtungen

  • So emotional Lewandowskis Tor auch war: Polens Leistung gegen Saudi-Arabien war eine Frechheit. Meine Erwartungen an Polen waren vor dem Turnier bereits gering. Dass sie aber auch gegen den 51. der Weltrangliste die meiste Zeit in einem 6-3-1 am eigenen Strafraum verbringen würden – das hätte ich nicht gedacht. Piotr Zielinski hatte mehr Ballkontakte im eigenen als im gegnerischen Strafraum. Saudi-Arabien hätte die Partie durchaus gewinnen können. Sie kamen auf einen höheren Exptected-Goals-Wert (1,7:1,6), wobei sich ihre Chancen auf das ganze Spiel verteilten, während die Polen nur zwischen 65. und 85. Minute überhaupt angriffen. Aber Saudi-Arabien hat das eigene Expected-Goals-Glück bereits gegen Argentinien aufgebraucht.
  • Eine Weltmeisterschaft ist auch immer geprägt von nationalen Rivalitäten. Die Gruppe F wirkte in dieser Hinsicht als die langweiligste aller Gruppen: Belgien, Marokko, Kanada und Kroatien verbindet wenig. Kroatien zum Beispiel hat überhaupt noch nie gegen Kanada gespielt. Trotzdem hat bisher keine Partie im Vorfeld mehr Trashtalk produziert. Kanadas Trainer John Herman rutschte nach dem unglücklichen 0:1 gegen Belgien ein „Fuck Croatia!“ heraus. Die kroatische Zeitung „24 Sata“ druckte daraufhin einen nackten Herman auf ihre Titelseite. „Du hast das Mundwerk, aber hast du auch die Eier?“ Die „Toronto Sun“ antwortet: „Unsere Eier sind größer!“ Oliver Kahn gefällt das. Und was wäre eine WM ohne ein bisschen Trashtalk?
  • In den Leseempfehlungen finden sich heute zwei Beiträge mit leicht unterschiedlichen Stoßrichtungen: Dietrich Schulze-Marmeling fasst im Werkstatt-Blog noch einmal zusammen, warum die Kritik an der WM in Katar eben nicht eurozentrisch ist. Er weist auf die universellen Werte hin, welche die Boykott-Bewegung vertritt. Die Deutsche Welle wiederum befasst sich mit der Frage, inwieweit die Kritik an Katar rassistisch ist oder Züge des Orientialismus aufweist. Hier werden die kritischen Punkte, die Schulze-Marmeling anspricht, durchaus bejaht, zugleich aber darauf verwiesen, dass manche Argumente gegenüber Katar ins Feld geführt werden, die bei Sportveranstaltungen in China oder Russland kaum Anklang fanden. Ich persönlich glaube tatsächlich, dass manche Kritikpunkte gegenüber Katar zu weit gehen, Stichwort: Alkoholkonsum oder Winter-WM. Schulze-Marmeling hat aber wiederum Recht, dass die Katar-Kritiker keine Besserstellung des europäischen Fußballs fordern, sondern schlicht eine WM ohne Korruption und ohne Menschenrechtsverstöße. Es stimmt: Viele dieser Menschenrechtsverstöße sowie ein hohes Maß an Korruption legten bereits einen Schatten auf die Weltmeisterschaft in Russland. Vielleicht lautet die Antwort: Nicht die Kritik an der Austragung in Katar geht zu weit – sondern die Kritik an der WM 2018 zu Russland kam viel zu kurz. Was sich wiederum – da sollte man ehrlich sein – durch eine recht prorussische Haltung in Teilen der deutschen Bevölkerung sowie einer anti-islamischen Grundeinstellung mancher Menschen hierzulande erklären lässt.

Leseempfehlungen

The Athletic: Pedri, Gavi and a very Spanish obsession with space

Werkstatt Blog: Danke, Dänemark! Von hier aus nun weiter

Deutsche Welle: Ist die Kritik an der Fußball-WM in Katar rassistisch?

Sportschau: Kanadas Coach Herdman – aus der Sozialwohnung zur WM


Das Titelbild von Dani Olmo im Dress von RB Leipzig stammt von Steffen Prößdorf, Lizenz: CC BY-SA 4.0.

2 thoughts on “WM-Tagebuch, Tag acht: Für Deutschland beginnt die K.O.-Runde

  1. Zu den Rivaliäten der Gruppe F: Nirgendwo anders als in Belgien leben soviele Marokkaner (Zuwanderung durch franz. Kolonialisierung, die sich dann nach Wallonien erstreckt hat) und die kroatische Diaspora in Kanada ist auch nicht ohne (ex-Jugoslawen die es nach Übersee gezogen hat haben sich vor allem in Australien und eben Kanada niedergelassen).

  2. Tobi, vielen Dank für die Beiträge hier und generell die kritische, gelungene Auseinandersetzung mit dem Turnier.

    Was emotionale Momente oder die besondere Bedeutung von Fussballspielen angeht, hätte diese WM unglaublich viel zu bieten. Messi und Ronaldo sind wahrscheinlich zum jeweils letzten Mal dabei und extrem heiss drauf. Neymar braucht den Titel für seine Stellung in der Geschichte noch mehr als die anderen beiden. Mbappé ist in vielen Teilen der Welt schon sehr beliebt, hat auch schon ganz gut abgeliefert und könnte als weitaus jüngster der vier schon zum zweiten Mal den Titel holen… Van Gaal würde sich gerne verewigen und Stars der letzten Weltmeisterschaften, die mit ihren Nationen (Belgien, Kroatien, Uruguay) schon Geschichte geschrieben haben, probieren auch nochmals alles. Vermutlich alle erfolglos und vielleicht irgendwie traurig sie im Vergleich zu früher als schwächere Versionen, aber trotzdem emotional. Die schwächsten Teams haben nochmals aufgeholt, dazu gibt’s mit den USA, Kanada und Ecuador ein paar junge Teams, die sehr viel Energie in die Spiele bringen. Für viele Teams aus dem arabischen Raum ist es eine Art Heim-WM und viele davon haben auch schon kleinere oder grössere Erfolge feiern können. Die Storylines sind krass.

    Kann mir gut vorstellen, dass Deutschlands Pressing funktionieren könnte heute. Sollte ja auch die grösste Stärke dieses Teams sein und ich habe Spanien teils gestresst gesehen in der Nations League gegen die Schweiz und Portugal. Im Aufbau aus der eigenen Abwehr war das gar nicht immer soo geil – wenn Busquets zugestellt war. Kann mir, auch wegen Spaniens Gegenpressing, ein weitaus hektischeres Spiel vorstellen, als man sich das vielleicht von diesen beiden Teams gewohnt ist. Das müsste ja eher Deutschland in die Karten spielen. Weiter vorne allerdings sehe ich Spanien klar im Vorteil. Pedri und Gavi bewegen sich ziemlich weiträumig. Weiss nicht, ob Deutschland da die Kompaktheit halten kann. Sechser, die mal die Viererkette auffüllen, wären auch sehr nützlich, aber wer soll das machen? Generell wäre die umgekehrte Asymmetrie vielleicht passender? Also mit Hofmann rechts und Kehrer links. Dazu Müller für Goretzka.

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